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Tabak
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  Drogen
Der Konsum von Drogen war in der Ägyptologie, mit Ausnahme der Hinweise auf den häufigen Gebrauch von Bier und Wein, lange Zeit kein Thema. Das Lexikon der Ägyptologie (LÄ) enthält daher zu Drogen kein eigenes Stichwort, der Begriff "Droge" wird zwar durchaus verwendet, aber in der Regel im Zusammenhang mit Heilmitteln (z.B. Alaun als Bestandteil von Augensalbe, mit dem Verweis auf die Beschreibung im pEbers; LÄ I, Sp. 130).
Von den Suchtdrogen der modernen Zeit scheint Opium (Papaver somniferum = Schlafmohn) spätestens ab dem NR bekannt gewesen zu sein. Das LÄ erwähnt Opium aber ebenfalls nur im Zusammenhang mit Heilmittel, mit Länderangaben als mögliche Herkunftsquelle, etc. Die Identifikation von Opium mit den jeweiligen Befunden ist allerdings umstritten.

Schlagartig wurden Drogen auch in der Ägyptologie ein Thema, als in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zunehmend sowohl botanische Befunde als auch chemische Analysen die Existenz verschiedener Drogen ( --> Tabak, Cocain, THC) in Mumien aus dem Alten Ägypten nachwiesen.

1976 entnahmen L. Balout und C. Roubet bei der Untersuchung der Mumie von Ramses II. in Paris Proben aus der Körperhöhle und der Halsregion. Bei elektronenmikroskopischen, chromatographischen und elektrophoretischen Untersuchungen der Proben entdeckte Dr. Michèle Lescot Spuren von Tabak (Fam. Solanaceae = Nachtschattengewächse, Gattung Nicotiana) - offensichtlich allerdings ohne die Pflanzenart genauer bestimmen zu können. Eine moderne Verunreinigung schließen die franz. Forscher aus, da die Tabakreste tief im Abdomen gefunden wurden und teilweise in Harz eingeschlossen waren, in das sie nur vor oder während der Einbalsamierung gelangt sein konnten.

1992 untersuchten S. Balabanova, S. Parsche and W. Pirsig (vom Institut für Anthropologie und Humangenetik der Universität München; [1]) Proben von insgesamt 9 Mumien aus dem Münchener Museum (von je einer fast vollständig erhaltenen männliche und weiblichen Mumie, sowie von Mumienköpfen von 2 Frauen und 5 Männern). Die Mumien, darunter die altägyptische Tempeltänzerin Henut-Tauy aus der 21. Dynastie, decken einen Zeitraum von 1070 v. Chr. bis 395 n. Chr. ab. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden 1992 in einer 1-seitigen, kurzen Originalmitteilung in der Zeitschrift "Naturwissenschaften" vorgestellt.

Proben von Haaren, von Knochen und von weichem Gewebe (Haut und Muskulatur) wurden gaschromatographisch/massenspektrometrisch (GS/MS) und mit dem Radioimmunoassay untersucht - in allen 9 Proben fanden sich Spuren von Tetrahydrocannabinol (THC) und Cocain, Nicotin wurde in 8 Proben nachgewiesen (siehe folgende Tabelle).

Tabelle - Konzentration (ng/g Gewebe) in ägyptischen Mumien



Haare n min max
Cocain 4  24,0 -  200,0
THC 4 800,0 - 4100,0
Nicotin 3 300,0 -  900,0
weiches Gewebe n min max
Cocain 7  69,6 -  441,5
THC 7  59,0 - 2686,0
Nicotin 7 125,4 - 1045,0
Knochen n min max
Cocain 1  30,1  
THC 1  67,9  
Nicotin 1  45,4  

Daten aus Balabanova et al. 1992

Die Rückstände in den Haaren lagen für alle 3 Substanzen im unteren Bereich der Konzentration, die man bei modernen Drogenkonsumenten findet (Cocain = 3 -15000 ng/g, THC = 2 - 1000 ng/g, Nicotin = 3 - 20000 ng/g). Die gefundenen Konzentration würden also nicht für einen Drogenmissbrauch sprechen - vorausgesetzt, die Substanzen sind in den Gewebe ist stabil und die Konzentrationen nicht das Ergebnis eines langsamen Abbaus.

Der Nachweis von THC (Tetrahydrocannabinol vulgo Haschisch) in Mumien war aus Sicht der Ägyptologen nicht sonderlich aufregend, da man die Verwendung einer aus Asien stammenden Pflanze im Alten Ägypten für durchaus möglich hielt, ja manche sogar glaub(t)en, ein altägyptisches Wort für Hanf (=SmSm.t) identifiziert zu haben. Darüber hinaus kommt THC in diversen Weihrauch (= Boswellia)- und Myrrhe (= Commiphora)-Arten vor, deren Harze im Alten Ägypten ausgiebig (zum Räuchern bei Kulthandlungen, in Heilmitteln, etc.) verwendet wurden.
Der Nachweis von Neue Welt-Drogen löste dagegen heftige Reaktionen aus - für die einen war es ein Beweis für Kontakte zwischen der Alten und Neuen Welt, andere erhoben heftige Einsprüche gegen die Befunde und vermuteten fehlerhafte Analysenverfahren, neuzeitliche Kontaminationen oder gar gefälschte Mumien.

Methodisch ließ sich an den Untersuchungen jedoch nichts aussetzen, seit 1990 ist das Screening auf Drogen anhand von Haaranalysen anstelle von Urin-Proben akzeptiert. Darüber hinaus konnten mit dem Radioimmunoassay auch in Haarproben von präkolumbianischen Mumien Metaboliten von Cocain nachgewiesen werden.

Die Arbeitsgruppe der LMU München um Nerlich [4, 5] konnte in den folgenden Jahren Drogenrückstände auch in verschiedenen inneren Organen an einer der Mumien aus dem Münchener Museum nachweisen (ebenfalls mittels Radioimmunoassay und GS/MS). Die Mumie eines Mannes stammt vermutlich aus der 21. Dynastie, nach der 14C-Datierung datiert die Mumie auf 950 v. Chr. Aus restauratorischen Gründen wurde die Mumie ausgewickelt, so dass die in der Leibeshöhle liegenden Päckchen mit inneren Organen zugänglich wurden. Anhand der entnommenen Proben und histomorphologischer Untersuchungen wurden Lunge, Leber, Magen, und Darm identifiziert. Zusätzlich wurden Proben aus Knochen, Haut, Muskulatur und Sehnen entnommen. Die höchsten Konzentrationen von Cocain und Nicotin wurden im Magen verzeichnet, die von THC in der Lunge. Darüber hinaus konnte der Hauptmetabolit des Nicotinstoffwechsels, das Cotinin, nachgewiesen werden, so dass man von einer intravitalen Aufnahme des Nicotins ausgehen muss. Aufgrund der unterschiedlichen Konzentration in den Geweben gehen Nerlich et al. von einer inhalativen Aufnahme von THC über die Lunge aus, während sie bei Nicotin und Cocain eine orale Aufnahme vermuten.  

Laut Rosalie David vom Museum in Manchester konnte Nicotin, aber kein Cocain in den Mumien des Manchester Museums nachgewiesen werden. Die Ergebnisse wurden aber anscheinend nie publiziert, sondern nur in einer Discovery TV-Information veröffentlicht (zitiert nach einem Artikel im Internet --> Wells - American Drugs in Egyptian Mummies - allerdings sollen die Ergebnisse von einem unabhängigen Labor bestätigt worden sein.

Fasst man die vorliegenden Ergebnisse zusammen, so kommt man zum Schluss, dass die Münchener Untersuchungen bezüglich des Nachweises von Cocain in ägyptischen Mumien isoliert dastehen, während der Nachweis von Nicotin auch an Mumien erfolgte, die nicht zur Münchener Gruppe gehören.
Der Nachweis von Nicotin hat inzwischen weniger aufregendes Potential, nachdem man ebenfalls in den letzten Jahrzehnten des 20 Jahrhunderts eine in Afrika heimische Tabakart entdeckt (siehe --> Tabak). Bis dahin war Tabak nur als in der Neuzeit aus Amerika importierte und angebaute oder verwilderte Pflanze bekannt.



Quelle:
[1] Balabanova, S., F. Parsche, and W. Pirsig, First identification of drugs in Egyptian mummies.
Naturwissenschaften 1992, 79, S. 358

[2] Cartwell, L.W., et al., Cocaine metabolites in pre-Columbian mummy hair.
Journal of the Oklahoma State Medical Association 1991, 84, S. 11-12

[3] Lexikon der Ägyptologie, Bd. I-VI. Wiesbaden 1975-86

[4] Nerlich, A.G.,Parsche, F., Wiest, I., Schramel, P., Löhrs, U.,, Extensive pulmonary haemorrhage in an Egyptian mummy.
Virchows Archiv 1995, 127, S. 423-429

[5] Parsche, F., Nerlich A.G., Presence of drugs in different tissues of an Egyptian mummy.
Fresenius' Journal of Analytical Chemistry 1995, 352, S. 380-384

Eingestellt durch: Iufaa (18.08.2007)
Bearbeitet durch: -


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