Ägyptologie-Blatt

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Rezepte für das Leben nach dem Tod - Mumien und Chemie
Richard Evershed untersucht die chemische Zusammensetzung der Balsamierungsingredienzien an ägyptischen Mumien
Von Gitta am 17.03.2002 um 15:04:11 

Richard Evershed von der Universität Bristol in England bewahrt in den Schubladen seines Labors Mumienteile, allerdings keine Schädel oder Knochen, sondern winzige Glasfläschchen mit braunem Pulver, traurige Überreste antiker Balsamierungskunst. Auf den Fläschchen befinden sich kuriose Aufkleber, etwa "Weiblich, erwachsen, ptolemäisch: harziger Klumpen an einem Faden hängend in verrutschtem rechten Winkel" oder "Horemkenesi: Bein und Fuß" bzw. "Pedeamun: Harz vom Oberkopf".

Evershed zeigt Besuchern des Bristol Museums die ausgestellten Mumiensärge gern, aber "Manche Leute verbringen Stunden damit, sie sich anzusehen. Ich interessiere mich weniger für Särge als viel mehr für Körper" sagt er.

Allerdings nicht für ganze Körper. Wurde es früher noch akzeptiert, Mumien zum Zwecke der Forschung (und nicht nur dafür) auszuwickeln, so ist dies schon lange nicht mehr möglich. Er und einer seiner Studenten, Stephen Buckley, haben winzige Teilchen von allen Mumien in den 13 britischen Museen entnommen, um sie einer chemischen Analyse zu unterziehen. Sie haben eine erste Zusammenstellung der Balsamierungsstoffe erstellt, die einige der bisherigen Annahmen kippt.

Diese stammen größtenteils aus der Zeit Herodots, der über die Balsamierungsmethoden unter Verwendung von Myrrhe, Kassia- oder Zedernöl, Palmwein und einer Art von Gummi berichtet. Aber Herodot war nie bei einer Mumifizierung anwesend. Er mußte sich auf die Erzählungen der Balsamierer verlassen und es ist anzunehmen, dass diese ihre geheimen Rezepte einem Fremden gegenüber nicht detailliert preisgaben. Mit der Zeit geriet das Wissen über die Mumifizierung mehr und mehr durcheinander. Die Kreuzritter des 12. Jahrhunderts brachten Mumienteile und -pulver als Heilmittel. Im späten 18. Jahrhundert wurden Mumien ausgewickelt, seziert, geschnupft und gekaut - alles von fragwürdigem wissenschaftlichen als eher von zerstörerischem Wert.

Eversheds und Buckleys Forschungen sind da weit weniger zerstörerisch, dafür aber ergiebiger. Sie untersuchten kleinste Teilchen von Mumienbinden aus einem Zeitraum von 1985 v.Chr. bis 395 n.Chr. mit Hilfe von Gaschromatograph und Massenspektrometer. Dabei stießen sie auf ein Gebräu von Fetten, Harzen, Parfüm und Wachsen. Und es wurde auch klar, dass die Balsamierer ihre Fähigkeiten über tausende von Jahren durch Probieren und Experimentieren verfeinerten.

Die Ägypter behandelten ihre Toten zunächst mit einem natürlichen Salz, bekannt als Natron. Das Natron trocknete das Muskelgewebe aus und entzog ihm die Feuchtigkeit. Allerdings konnte die Feuchtigkeit eines Grabes den Körper wieder aufweichen und ihn für Bakterien angreifbar machen. Diesem Prozess war vorzubeugen.

Die ersten Erkenntnisse von Evershed und Buckley waren noch simpel. Die Körper waren überdeckt mit Fett, meist in Form von Pflanzenöl, aber auch Öle von Rindern, Schafen und Ziegen wurden benutzt. Wenn das Fett getrocknet war, verbanden sich molekulare Teilchen zu einem komplizierten Geflecht, das Wasser und Bakterien absorbierte. "Wir haben eine unbandagierte Kindermumie aus Edinburgh gesehen, ausgesprochen gut erhaltenen, hell glänzend. Der Kopf sah aus als sei er mit mehreren Schichten Lack überzogen."

Möglicherweise wurde billiges Pflanzenöl, angereichert mit wohlriechenden ätherischen Ölen wie z.B. von Myrrhe, auch dafür verwendet, um den zunehmend unangenehmen Geruch der kürzlich Verstorbenen zu überdecken.

Die nächsten Erkenntnisse waren, dass viele der Mumien überzogen waren mit Koniferenharz und Bienenwachs. Koniferen kommen in Ägypten nicht vor und deren Holz mußte importiert werden: Zedern aus dem Libanon, Aleppo-Pinien aus Syrien, Orient-Fichten aus der südlichen Türkei. Bienenwachs schützte ebenso wie Harz gegen Wasser und Baktieren, und ebenso wie die Harze wurde auch das Wachs im Laufe der Jahrhunderte in immer größeren Mengen verwendet. "Es sieht wie eine Evolution in der Balsamierungstechnik aus" sagt Evershed.

Allerdings kam es bei der Wahl der Mittel dann wohl doch mehr auf den Wohlstand des Verstorbenen als auf die Erfahrungen der Balsamierer an. Nehmen wir zwei Mumien aus dem Bristol Museum, beide analysiert von Evershed und Buckley. Die eine, noch bandagiert, war einst (zwischen 945 und 715 v.Chr.) eine "Dame des Hauses von Nes-Khons" gewesen. So steht es auf ihrem Sarkophag. Bei ihrem Tod war sie etwa 40 Jahre alt. Die Balsamierer unterzogen sie einer angemessenen Behandlung: Pflanzenöl, Koniferenharz, Balsam und Wachs. Ausser einem Loch im Nacken, wahrscheinlich von Dieben auf der Suche nach Juwelen hinterlassen, war sie vollkommen intakt.

Vergleichen wir diese Mumie mit der des Horemkenesi - Nekropolenvorarbeiter, verstorben etwa im Alter von 60 Jahren, 11. Jahrhundert v.Chr., dessen Leichnam 1981 seziert wurde, weil Verderbnis einsetzte, und bei dem nichts gefunden wurde ausser wiederverwendeten Binden. Sein Körper war zerfressen von 3000 Jahre alten Aaskäferlarven. Kein Wunder, als einziges Konservierungsmittel wurde Öl an ihm gefunden.

Von Herodots überliefertem Rezept fanden Evershed und Buckley nur wenige Bestandteile. Einige wie z.B. Palmwein haben sich verflüchtigt und hinterließen kaum Spuren. Aber die Abwesenheit von Bitumen ist von erheblicher Bedeutung. Lange Zeit wurde Bitumen eng mit der ägyptischen Balsamierungskunst verbunden und das Wort Mumie assoziiert mit dem arabischen Wort für Bitumen "Mumiyah". Über Jahrhunderte glaubten die meisten Leute, das schwarze Erscheinungsbild der Mumien rühre von einer dicken Schicht Bitumen, das sowohl im Toten Meer als auch in der Erde des mittleren Ostens zu finden ist. Das Team aus Bristol konnte an den von ihm untersuchten Mumien keine Spur von diesem Material finden.

Kleine Mengen von Bitumen mögen Verwendung gefunden haben, um einige Mumien aus römischer Zeit "wasserdicht" zu machen. Aber "Die Idee, dass Bitumen normal und weitverbreitet war bei der Balsamierung, ist schlicht Blödsinn" sagt Buckley. Mumien seien nicht schwarz. Sie würden erst schwarz, wenn sie ausgewickelt und der Luft ausgesetzt werden, ähnlich wie ein durchgeschnittener Apfel dann braun wird.

Vorausgesetzt dass Bienenwachs tatsächlich das Hauptmaterial für die Mumifizierung war, sagt Buckley, könnte das Wort Mumie eher aus dem Koptischen kommen, denn dort bedeutet Wachs "Mum".

Quelle (englisch)
http://www.discover.com/mar_02/featchemistry.html

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