Ägyptologie-Blatt

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Etikettenschwindel und Bauernfängerei in der Cheops-Pyramide von Gisa
Dietrich Wildung in der FAZ vom 18.09.2002
Von Gitta am 17.09.2002 um 22:28:24 

Wie wir nächtliche Zeugen wurden bei der Schändung der Cheops-Pyramide
Von Dietrich Wildung

Schlafentzug erfüllt den Tatbestand der Körperverletzung und ist damit strafbar. Die Strafanzeige wäre gegen das ZDF zu erstatten, das die große Gemeinde der Archäologiefans in der Nacht von Montag auf Dienstag um 3.35 Uhr mit der Ankündigung vor den Fernseher lockte, live dabeisein zu dürfen, wenn das letzte Geheimnis der Archäologie gelöst werde. Die Ingredienzien für diesen Medienmix, dessen Originalbilder jedoch nicht live, sondern um eine Stunde versetzt gesendet wurden, waren auch vom Feinsten: die Cheops-Pyramide, der Fluch der Pharaonen, die Öffnung eines versiegelten Sarkophags, die Mumie des Königs, die Aussicht auf einen Goldschatz oder gar die Tafeln der Zehn Gebote. Der "Spiegel" legte nach und machte den Event zur "forschungspolitischen Niederlage der deutschen Ägyptologie".

Die Live-Sendung aus dem nächtlichen Pyramidenfeld von Giseh war vom National Geographic Channel perfekt vorbereitet. Während ein Kamerateam in der sogenannten Königinnenkammer der Cheops-Pyramide die adrette Laura Greene im Wüstenlook beim Small talk mit Zahi Hawass, dem Präsidenten des Supreme Council of Antiquities, beobachtete, hatte sich ein zweites Team nicht weit von der Pyramide entfernt mit Jay Schadler in das Grab des Ni-su-useret begeben, der vor 4500 Jahren beim Pyramidenbau mitgewirkt hatte.

An Superlativen wurde nicht gespart. Im Grab sollte der "älteste versiegelte Sarkophag, der jemals gefunden wurde", vor laufender Kamera geöffnet werden. Daß bereits vor fünfzig Jahren der viel ältere Sarg des König Sechemchet in Anwesenheit der Weltpresse geöffnet wurde - er war leer -, blieb ungesagt. Auch die Behauptung, es sei das erste Mal, daß ein High-Tech-Roboter eingesetzt werde, um einen Schacht in der Cheops-Pyramide zu befahren, ist falsch. Rudolf Gantenbrink hat vor knapp einem Jahrzehnt das Spektakel der Septembernacht 2002 mit seinem Roboter "Upuaut" schon einmal inszeniert und ist an seiner vorschnellen Vermarktung gescheitert.

Worum ging es? Die Legende, daß die größte der Pyramiden Ägyptens, um 2600 vor Christus in Giseh von Pharao Cheops erbaut, geheime Kammern mit unermeßlichen Schätzen berge, ist so alt wie die Berichte der griechischen Ägypten-Reisenden und so aktuell wie die "Bild"-Zeitung. Kaum eine naturwissenschaftliche Methode ist in den letzten Jahrzehnten ungenutzt geblieben, um dem Wahrheitsgehalt dieser Mutmaßungen nachzuspüren.

Am erfolgreichsten war 1993 Gantenbrink, der mit seinem Miniroboter die sogenannten Luftschächte befuhr. Diese quadratischen Röhren mit einem Querschnitt von zwanzig mal zwanzig Zentimetern führen aus den Kammern der Pyramide schräg nach oben. Während die Schächte der Königskammer bis an die Außenfläche der Pyramide reichen und vielleicht zur Belüftung dienten, endet einer der Schächte in der sogenannten Königinnenkammer etwa fünfzehn Meter vor der Außenseite an einem Steinblock, den die Kamera auf Gantenbrinks Roboter erstmals sichtbar machte.

Was mochte dahinter sein? Mit großem Aufwand hat Zahi Hawass mit der National Geographic Society das Gantenbrink-Projekt noch einmal inszeniert und durch perfektes Marketing weltweit Interesse geweckt. Der Trick mit der Live-Sendung hat, wie die Einschaltquoten schon am nächsten Morgen zeigten, geklappt.

Die Bilder dieser Nacht sind indes nicht unbekannt: Die Szene der Öffnung des Sarges lief schon im Fernsehen - aber sie war so geschickt in die Live-Sendung montiert, daß der Laie den Schwindel nicht bemerkte. Und das gilt auch für die angekündigte Sensation in der Pyramide. Der "Pyramid Rover" war schon vor Monaten im Einsatz, das Loch durch die Verschlußplatte des Schachtes, die schon Gantenbrink entdeckt hatte, war längst vor dieser Nacht gebohrt. Und es wird wohl niemand so naiv sein zu glauben, daß das Endoskop nicht schon längst vor der Live-Sendung hinter die Platte geführt wurde und einen Blick auf die Weltsensation freigab, die punktgenau für wenige Sekunden vor Schluß der Sendung um 5.25 Uhr auf den Bildschirm kam. Was war zu sehen? Ein kurzes Stück Schacht und ein nur roh bearbeiteter, von Rissen durchzogener Steinblock, der schnell zur versiegelten Tür umgedeutet wurde. Zahi Hawass stellte angesichts dieses peinlichen Flops fest, wie erstaunlich doch die alten Ägypter gewesen seien, und kündigte weitere Untersuchungen an. Das war's.

Mit den höheren Weihen des Leiters der höchsten Altertümerbehörde Ägyptens werden längst bekannte Fakten zur Weltsensation stilisiert. Archäologie verkommt zum Event, und das Vorgehen der Akteure spottet jeder Beschreibung. Zahi Hawass, verantwortlich für alle Altertümer Ägyptens, greift schließlich zur Brechstange, um den Sargdeckel zu heben: Ein Stück Sarg bricht ab, ein Skelett kommt zum Vorschein, und der Herr aller Mumien putzt kameragerecht den Schädel von Ni-su-useret. Bei der nächtlichen Pressekonferenz in einem Nobelsalon des Mena House Hotel macht sich Frustration breit. Und Zahi Hawass findet nur schwache Resonanz für seinen Versuch, das Null-Ergebnis zum welthistorischen Ereignis umzuinterpretieren: "Jeder Blick auf etwas Neues in der Pyramide des Cheops ist eine Sensation."

Ob sich das Publikum noch einmal solchen Etikettenschwindel, eine solche Bauernfängerei zumuten läßt? Und sind die Denkmäler Ägyptens gut aufgehoben bei Archäologen, für die Selbstinszenierung vor kritischer Distanz steht und deren großzügiger Umgang mit der Wahrheit bei der Vermarktung ihrer Arbeit befürchten läßt, daß sie es auch sonst mit der Wahrhaftigkeit nicht so ernst meinen? Vielleicht sollten wir die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens, auf die uns die Deutsche Forschungsgemeinschaft verpflichtet hat, nach Kairo schicken.

Der Autor ist Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2002, Nr. 217 / Seite 35

Quelle FAZ.NET (Originaltext übernommen)
Manche Links sind verderbliche Ware und funktionieren nur einen Tag. So auch dieser - ich habe ihn wieder entfernt.

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Kommentare zu diesem Artikel
Liv E-Mail18.09.2002 um 20:28:38
Ich bin enttäuscht.

Labisauger E-Mail19.09.2002 um 00:56:22
In einem Punkt muß man Dietrich Wildung  widersprechen. Gantenbrink ist nicht an einer vorschnellen Vermaktung gescheitert, sondern weil er andere Rückschlüsse bzw. Interpretationen aus seinen Forschungen gezogen hat, als die  "offizielle ägyptische Lehrmeinung." (Stichwort: Stadelmann). Was man von Hawass zu halten hat, konnte man ja vor zwei Tagen im Frnsehen verfolgen. Da erübrigt sich jeder Kommentar.

MfG
Labisauger

Peggy E-Mail19.09.2002 um 20:21:22
Ich habe mir diesen "Live-bericht"am anderen Tag auf Video angesehen und sage nur dazu,Gott sei dank bin ich dafür nicht aufgestanden.Die Berichte zuvor waren zwar interessant,aber das wußte ich alles schon.Das Loch wurde schon vorher gebohrt und bestimmt hat man da schon gewußt,was sich dahinter verbirgt.Alle erwarten nun den großen Schatz vom Pharao.

Tellus2063 E-Mail25.09.2002 um 12:26:03
Lieber Labisauger,
Nagel auf den Kopf getroffen!
MfG Tellus

Gebel Brigitte E-Mail25.09.2002 um 20:07:29
es wird der sache keinesfalls gerecht, auch wenn ich die doku nicht sehen konnte, sondern nur den artikel aus der faz, lesen konnte.... aus geht um rechte und finanzielle einnahmen und damit auch um sensationen... die erhaltung des aegyptischen erbes hingegen ist immer noch ungesichert.

123 E-Mail19.11.2005 um 11:01:05
scheiß seite
mach ma paar bilder rein
lol



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