Ägyptologie-Blatt

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Als die Schrift laufen lernte
Die Alten Ägypter stehen „Am Beginn der Zeit“ – bei einer Ausstellung im Kestner-Museum Hannover
Von Gitta am 24.11.2002 um 17:51:09 

Es geht um die Zeit vor der Zeit. Und um die Epoche, als die Schrift gerade das Laufen lernte. Es geht um die Zeit zwischen 3600 und 2900 vor Christus, als verschiedene prähistorische Kulturen in Ägypten noch nebeneinander bestehen, die so genannte Reichseinigung Ägyptens sich erst noch herauskristallisiert. Und die Könige keine Namen haben.

Sie hatten natürlich Namen, sie sind von den Archäologen nur noch nicht entschlüsselt. Vielleicht werden sie auch nie entschlüsselt. Deshalb wiesen die Wissenschaftler den Herrschern Namen zu: Tiernamen, benannt nach den herausragenden Grabbeigaben. Fingerschnecke und Fisch, Elefant, Stier, Storch und Canide (das sind hundeartige Wesen) heißen die Könige der prädynastischen Zeit, Skorpion I, Falke, Löwe und Skorpion II die der protodynastischen Zeit. Mit „prä“ ist die Zeit von 3250 bis 3150 vor Christus gemeint, mit „proto“ die von 3150 bis 3000.

Zu kompliziert? Nicht für den, der sich Zeit nimmt, um im Kestner-Museum Hannover die gestern eröffnete Sonderausstellung „Am Beginn der Zeit – Ägypten im 4./3. Jahrtausend v. Chr.“ zu betrachten. Mit fast 180 Objekten aus den staatlichen Berliner und Münchener Sammlungen wird das Ägypten der Vor- und Frühzeit erschlossen. Vor zwei Jahren hat das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in München die Ausstellung samt Katalog erarbeitet. Und seither nicht mehr gezeigt. Jetzt hat Archäologie-Professorin Rosemarie Drenkhahn, Vizechefin im Kestner-Museum, die Schau nach Hannover geholt, als zweite und einzige Station nach der bayerischen Landeshauptstadt.

Am Anfang hängt die Karte mit den archäologischen Stätten dieser Negade-Zeit, so benannt nach dem wichtigsten Ausgrabungsort dreißig Kilometer nördlich von Luxor. Am Anfang dieser Zeit sind Töpfe und Gefäße noch aus dunklem Ton gebrannt und weiß bemalt. Später wird der gebrannte Ton hell und die Zeichnung dunkeltonig. Und in der dritten, der spätesten Phase sind die meisten Fundstücke aus Stein. Eines der auffälligsten Stücke ist ein 13 Zentimeter hohes Gefäß aus Ophikalzit-Breccie: Der anonyme Künstler hat das Gestein so meisterlich bearbeitet, dass es wie ein geflochtener Korb aussieht.

Am meisten aber überrascht, dass das typisch Ägyptische am Anfang der Negade-Zeit noch nicht existent ist. Bei den weiblichen Elfenbeinfiguren mit den enorm ausladenden Hüften denkt man eher an afrikanische Urgründe, bei den Männerköpfen, mit denen mehrere Elfenbein-Amulette abschließen, an den mesopotamischen Einfluss. Erst in der Frühzeit der Könige verdrängen die reliefartigen Profilansichten, die für den ägyptischen Stil charakteristisch sind, die vollplastischen Werke aus älterer Zeit.

5000 Jahre sind diese Funde aus den Gräbern alt, und manches könnte aus einer modernen Design-Werkstatt kommen. Oder auch aus dem zeitgenössischem Nippes-Reservoir: Wenn beispielsweise ein niedliches Nilpferd aus Ton sich auf dem Rücken zu einer Vase verjüngt. Das sonderbare Gefäß könnte dereinst natürlich auch mit Salbe gefüllt gewesen sein. Auf dem Rand einer Vase turnen ein Elefant und eine Giraffe herum. „Fancy Forms“ heißen solche spielerischen Entwürfe neudeutsch.

Offensichtlich ist, dass die Lebensader von Ober- und Unterägypten der Nil war: Schiffe in jeder Form sind in den gläsernen Vitrinen zu sehen. Neben naiv geformten Schiffen mit und ohne Kajüte, mal mit, mal ohne Besatzung, alle aus Ton, und neben gemalten Ruderbooten auf Gefäßen sind sogar die ältesten erhaltenen Schiffsbalken ausgestellt – prädynastische, um 3100 v. Chr. geschnittene Bretter. Sie stammen aus der Nekropole von Tarchan. Fünfzig Stück haben die Forscher dort gefunden, alle jeweils rund einen Meter lang. Allerdings bekamen die Toten die Boote nicht ins Grab gelegt. Die Akazienholz-Planken waren lediglich wieder verwendet worden: Gräber wurden mit den alten Balken abgedeckt, oder die Bretter wurden zu Särgen verzimmert. Am Beginn der Zeit hat man eben auch schon kräftig recycelt.

„Am Beginn der Zeit – Ägypten im 4./3. Jahrtausend v. Chr.“, bis 2. März im Kestner-Museum Hannover, Trammplatz 3. Dienstags und donnerstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr. Katalog 12 Euro.

Quelle
http://www.haz.de/kultur/nachrichten/146454.html

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