Ägyptologie-Blatt

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Götter, Seher und Ärzte
Im Papyrus Ebers ist die Heilkunst der alten Ägypter beschrieben / Münchner Pathologe erforscht Mumien
Von Gitta am 26.01.2003 um 22:18:33 

Georg Ebers kann nicht schlafen. Wieder hat der Leipziger Ägyptologe den ganzen Tag in Theben am Nil verhandelt. Er hat so trickreich gefeilscht, wie er es sich nicht zugetraut hätte. Fünf volle Jahresgehälter bietet Ebers schließlich. Ziel seiner Begierde ist eine 18 Meter lange Papyrusrolle. Darauf sind rote und schwarze Tuschezeichen in hieratischer Schrift zu sehen - 3500 Jahre alt.

Ebers kann Hieratisch lesen. "Neben dem Papyros auf der Erde liegend (er musste mit großer Vorsicht aufgerollt werden) habe ich, ich kann wohl sagen, mit furchtbarer Anstrengung Seite für Seite studiert", preist er seinen Fund an. "Dieser bietet das größte Interesse, nicht nur für die Geschichte der Medizin." Im Februar 1873 hat Ebers es geschafft. Der Papyrus gehört nun ihm und wird fortan seinen Namen tragen: Es ist der umfangreichste medizinische Papyrus des alten Ägypten.

Heute, 130 Jahre später, hütet Professor Reinhold Scholl den Schatz, der in der Universitätsbibliothek Leipzig aufbewahrt wird. Allerdings ist er nicht mehr vollständig. In den Kriegswirren ging der Papyrus verloren, der größte Teil wurde erst 1951 wiedergefunden - in einer Hundehütte in der Schweiz. Noch immer hofft Scholl, dass die fehlenden Teile irgendwo auf einem Dachboden lagern und eines Tages wiedergefunden werden. Wenigstens sind die Abschriften erhalten.

Fließe aus, du Schnupfen
"Jetzt zur Erkältungszeit ist man kaum weiter als damals", sagt der Papyrologe schmunzelnd und zitiert die Beschwörungsformel: "Du mögest ausfließen, Schnupfen, Sohn des Schnupfens, der die Knochen zerbricht, der den Schädel zerstört, der im Knochenmark hackt, der veranlasst, dass die sieben Öffnungen schmerzen im Kopf." Dem Kranken wurde als Grippe-Schutzmittel die Milch einer Frau gereicht, die einen Knaben geboren hat.

Heute wissen wir, dass Muttermilch tatsächlich vor Infektionen schützt. Was aber in dem Duftgummi enthalten war, der in die Nase eingeführt wurde, ist nicht mehr festzustellen. Damit die Schnupfen-Medizin jedoch auch wirklich half, sprach der Heiler die folgende Formel noch viermal aus: "Komme heraus zu Boden: verfaule, verfaule, verfaule."

Doch auch, was modern als Anti-Aging bezeichnet wird, war vor 3500 Jahren schon in Mode. Zur Beseitigung der Falten im Gesicht empfiehlt der Papyrus Ebers: Man verreibe fein Weihrauch, Wachs, frisches Behenöl und Zyperngras, gebe die Mischung auf Pflanzenschleim und behandle damit täglich das Gesicht. "Mache es, und du wirst den Erfolg sehen."

Der Papyrus Ebers ist wahrscheinlich in der Regierungszeit Amenophis I (1525 bis 1504 v. Chr.) entstanden und in Hieratisch, der kursiv geschriebenen Form der Hieroglyphen, verfasst. "Analysen zeigen", berichtet Scholl, "dass die darin zusammengetragenen Texte teilweise sehr viel älter sein müssen." Allein 100 Rezepte beschäftigen sich mit Augenkrankheiten, insgesamt verzeichnet das antike Medizinwerk 879 Einzeltexte. "Kulturgeschichtlich originell ist es", so der Papyrologe, "dass die Menschen vor Jahrtausenden die gleichen Sorgen hatten wie heute: Falten im Gesicht, Körpergeruch, graue Haare und Haarausfall." Doch auch alles, was heute als Zivilisationskrankheiten bezeichnet werde, habe es damals schon gegeben.

Die alten Ägypter waren der Meinung, der Mensch komme gesund zur Welt, sei aber anfällig für Krankheiten, die durch Dämonen, aber auch durch Fäulnis innerer Organe verursacht würden. Das Gefäßnetz stellte man sich wie die Bewässerungskanäle des Landes vor, die vor Verstopfungen bewahrt werden mussten. Abführmittel und Klistiere waren deshalb ein wichtiger Teil der Medizin. Zu den wichtigen Heilern gehörte deshalb Iri, der "Hirt des Afters", und wahrscheinlich Klistierexperte des Pharao.

Die Mediziner im alten Ägypten, so der britische Medizinhistoriker Roy Porter, waren hierarchisch organisiert und - zumindest in der Spitze - unter staatlicher Kontrolle. So wie die Körperteile von verschiedenen Göttern betreut wurden, so spezialisierten sich auch die Ärzte. Im 5. Jahrhundert v. Chr. beobachtete der Grieche Herodot: "Das ganze Land ist voller Ärzte, denn es gibt Ärzte für die Augen, andere für den Kopf, andere für die Zähne, andere für den Leib und wieder andere für mehr verborgene Krankheiten."
Für den Leipziger Ägyptologen Scholl ist vor allem die Verbindung von Medizin, Magie und Religion bedeutsam, die den Menschen als ganzheitliches Wesen begreift. Denn schon das Sprechen der Zauberformel beruhige den Kranken und mache ihn aufnahmefähig für die Behandlung. So soll die Formel "anch wedscha seneb - Lebe, sei heil und gesund" direkt vom Medizin-Gott Imhotep stammen.

Zu Beginn der Behandlung stand die Diagnose, die festlegte, ob der Arzt helfen konnte oder ob es eine Krankheit war, "die man nicht behandeln kann". Dies war etwa bei offenen Knochen- oder Gehirnverletzungen der Fall, bei denen nur noch die Götter angerufen werden konnten. Solche Frakturen endeten bis weit in die Neuzeit meist mit tödlichem Wundfieber. Da nur wenige Instrumente erhalten sind, war lange Zeit strittig, wie entwickelt die chirurgischen Fähigkeiten der Ägypter waren. Das Tabu der Körperöffnung - wie später im Christentum - gab es nicht. Dennoch waren die anatomischen Kenntnisse sehr begrenzt, wohl auch, weil die auf Leichenöffnungen spezialisierten Einbalsamierer einer niederen Kaste angehörten.

Kunstvolle Chirurgen
Erst seit einigen Jahren finden sich immer mehr Belege, dass die Chirurgen doch viel mehr konnten als nur Knochenbrüche zu schienen. Schätzungsweise 30 000 Mumien hatten Archäologen bis Ende der 20er Jahre untersucht, ohne eine Narbe zu finden, wie der Münchner Pathologe Professor Andreas G. Nerlich berichtet.

Doch mit Hilfe besserer Techniken sorgten Nerlich und Kollegen in den vergangenen Jahren für einige Sensationen. Sie legten Beweise für die Kunst der Chirurgen im alten Ägypten vor. Den ersten Beleg brachte der 3000 Jahre alte mumifizierte Schädel eines erwachsenen Mannes, der eine schwere Verletzung durch Schlag aufwies. Mit Hilfe der Computertomographie konnte Nerlich nachweisen, dass fachmännisch operiert worden waren: "Ein Arzt hatte die Wunde versorgt, das Gewebe vermutlich aufgeschnitten und weggeklappt, danach die sicher vorhandenen Knochensplitter entfernt."

Nahezu der gesamte Vorfuß war bei einer Mumie amputiert worden, die aus einem Grab in Theben-West aus der so genannten Ramessiden-Zeit (1305 bis 1080 v. Chr.) stammt (Spektrum der Wissenschaft, 2/2002). Für den Münchner Pathologen chirurgisch absolut bemerkenswert: "Die Operation gelang, denn die Wunde verheilte. Eine völlig intakte Schicht von Haut- und Weichteilgewebe bedeckt die Schnittstelle, und selbst eine Narbe oder ein sonstiger Defekt ist heute nicht mehr zu erkennen." Nerlichs Röntgen- und CT-Untersuchungen ergaben, dass es nach der Operation weder zu Fehlbildungen noch sonstigen Verletzungsfolgen kam. Eine Wundinfektion hätte, so der Pathologe, "narbige Wulstbildungen oder knöcherne Wucherungen" hinterlassen.

Ebenso komplikationslos versorgten die altägyptischen Chirurgen den Fuß einer 50-jährigen Frau, der der große Zeh amputiert werden musste. Sie trug stattdessen eine sorgsam geschnitzte Zehenprothese. "Auf Röntgenaufnahmen ist ein wulstiger Umbau am verbliebenen Mittelfußknochen des ersten Zehenstrahls zu sehen", erläutert Nerlich. Dies und die Abnutzungsspuren an der Unterseite der Holzprothese zeigten, dass die Operation viele Jahre vor dem Tod stattgefunden hatte.

Schon früh milderten die ägyptischen Ärzte die Schmerzen ihrer Patienten durch Wirkstoffe wie Weihrauch und Haschisch, die beide große Mengen an Tetrahydrocannabinol enthalten, deren euphorisierender Effekt zudem bei der Schmerzverarbeitung hilft. Nicht belegt ist der Gebrauch von Opium. Da aber Kinder mit Mohnkapsel-Abkochungen ruhig gestellt wurden, ist er möglich. Die Hilfe der Anästhesie sei besonders beeindruckend, meint Nerlich, weil im europäischen Kulturraum bis vor rund 150 Jahren selbst schwere Operationen wie Amputationen oder das Entfernen von Blasensteinen ohne Betäubung erfolgten. Die unerträgliche Pein habe bei vielen zum Tod auf Grund der Kreislauf-Komplikationen geführt.

Evolution eines Bakteriums
Ein weiteres Mosaiksteinchen konnten Nerlich und Kollegen zur Evolution der Infektionskrankheiten beisteuern. Bislang hatten Medizinhistoriker die Meinung vertreten, viele Bakterien und Viren seien erst durch das Zusammenleben mit Tieren auf den Menschen übergesprungen. So ging man davon aus, dass die Tuberkulose ursprünglich eine Rinderkrankheit war, die durch das Trinken von nicht pasteurisierter Milch übertragen wurde. Mit einer neuen Nachweismethode, dem so genannten Spoligotyping, konnte nun Nerlichs Arbeitsgruppe an bis zu 4000 Jahre alten Mumien zeigen, dass schon damals der Mensch durch Mycobacterium tuberculosis infiziert worden ist - und nicht durch den Rindertyp M. bovis (Journal of Clinical Microbiology, Jan. 2003). "Es sieht jetzt eher so aus, als ob einst die Rinder durch den Menschen infiziert worden sind", berichtet Nerlichs Mitarbeiter Dr. Albert Zink. Das Zusammenleben in engen Gemeinschaften ist medizinisch riskant, das galt auch schon vor Jahrtausenden und führte damals zu einer ersten Blüte der Medizin.

Quelle
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/mensch_technik_umwelt/wissenschaft_und_technik/?sid=b4bd99dbd85e4b5653af0d6f250eae9c&cnt=83295


Und noch ein interessanter Fachartikel von Dr. Andreas Nerlich und Dr. Albert Zink im Bayrischen Ärzteblatt über ihre Untersuchungen an Mumien der Noblen-Nekropole Theben-West (PDF-File, ca. 3MB):

http://www.thieme.de/roefo/04_02/brenn_01.html

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Kommentare zu diesem Artikel
Boris E-Mail09.09.2009 um 16:36:15
Hallo,

gibt es zu diesem Artikel eine Quellenangabe da der Link nicht funktioniert?

Danke und Alles Gute




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