Ägyptologie-Blatt

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Mythos und Geschichte - der Ägyptologe Erik Hornung beging seinen 70. Geburtstag
Würdigung von Jan Assmann in der Neuen Züricher Zeitung
Von Gitta am 01.02.2003 um 08:49:19 

Schon 1955, als Student von zweiundzwanzig Jahren, hielt Erik Hornung in Göttingen zwei Vorträge, die später unter dem Titel «Geschichte als Fest» veröffentlicht wurden und einen seiner lebenslangen Forschungsschwerpunkte zum Ausdruck bringen: die Besonderheit und das Zusammenspiel ägyptischen Geschichtshandelns und Geschichtsdenkens. Aber auch ein anderes Lebensthema tritt hier bereits hervor. Als seinen Vorläufer in der Entdeckung und Darstellung dieses Geschichtsbildes beruft Hornung sich auf Thomas Mann und die Joseph-Romane. Kein anderer Ägyptologe hat die Leistung der Dichter in der Erschliessung der altägyptischen Welt so hervorgehoben wie Hornung, keiner hat es auch in eigenen Darstellungen und Übersetzungen zu einer vergleichbaren sprachlichen Meisterschaft gebracht.

Bereits in seiner Doktorarbeit über Nacht und Finsternis im Weltbild der alten Ägypter von 1956 entdeckte Hornung einen neuen Kontinent: die bis dahin von der Wissenschaft kaum beachtete und ausserhalb des Fachs vollkommen unbekannte Welt der ägyptischen Unterweltsbücher, deren systematischer Erschliessung in Editionen, Übersetzungen, Kommentaren und gemeinverständlichen Darstellungen er sein Lebenswerk widmete. Heute stehen die Unterweltsbücher im Zentrum jeder Beschäftigung mit altägyptischer Kosmologie, und «der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden». Diese Leistung ist eigentlich nur mit Gershom Scholems Erschliessung der Kabbala zu vergleichen: Was die Kabbala für die Judaistik, ist die esoterische Kosmologie der Unterweltsbücher für die Ägyptologie. Mit Scholem verbindet Hornung auch die enge Beziehung zum Eranos-Kreis in Ascona, dem er seit 1977 angehört. Seine in diesem Rahmen gehaltenen Vorträge gehören zum Eindringlichsten, was über die geistige Welt des alten Ägypten geschrieben wurde.

Hornungs Bücher kreisen um die grossen Fragen: Raum und Zeit, Gott und Geist, Mythos und Geschichte, Herrschaft und Gerechtigkeit, Tod und Jenseits. Sie haben die altägyptische Welt einem grösseren Publikum nahegebracht und sind doch zugleich unerlässliche Werkzeuge der Ägyptologie, die in jedem Handapparat stehen. Ihre Besonderheit ist, dass sie auf neuen, in unermüdlicher Feldarbeit erschlossenen Quellen beruhen und doch, dank der Kraft ihrer sprachlichen Darstellung, in weiteste Kreise wirken. Berühmt wurde Hornung durch seine 1971 unter dem Titel «Der Eine und die Vielen» erschienene und in viele Sprachen übersetzte Darstellung der ägyptischen Religion. Dieses Buch räumt mit den unbedachten Rückprojektionen monotheistischer Religions- und Gottesbegriffe auf und versucht die ägyptische Götterwelt in ihrer unhintergehbaren Vielheit, Differenziertheit und Eigenbegrifflichkeit zu erfassen. Das Kapitel «Die logische Frage» postuliert für das Alte Ägypten eine mehrwertige oder Komplementaritäts-Logik, in der die Prinzipien der Identität und des ausgeschlossenen Dritten nicht gelten: So weit hat sich die Ägyptologie weder vorher noch nachher in das Neuland einer Geschichte des Denkens vorgewagt. - Erik Hornung, der in Riga zur Welt gekommen ist und von 1967 bis 1998 das Basler Ägyptologische Seminar leitete, begeht am heutigen 28. Januar seinen 70. Geburtstag.

Jan Assmann

Quelle
http://www.nzz.ch/2003/01/28/fe/page-article8MKWW.html

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