Ägyptologie-Blatt

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Schwarze Macht am Nil
Nubische Pharaonen regierten einst das mächtigste Reich auf Erden
Von Gitta am 06.03.2003 um 22:49:15 

Nubische Pharaonen regierten einst das mächtigste Reich auf Erden. Doch sie wurden aus der Geschichte Ägyptens verbannt. Jetzt finden Forscher ihre Spuren im Sudan

Von Tobias Hürter

Es war einer der ersten Präventivschläge der Kriegsgeschichte, zu dem der ägyptische Pharao Psammetich II. vor 2600 Jahren ausholte. Gerade waren ihm aus Nubien Anzeichen von Aufmüpfigkeit zugetragen worden. Also verstärkte er seine Truppen mit griechischen Söldnern und scheuchte sie den Nil hinauf. Die Übermacht aus dem Norden fegte das Heer des Kuschitenkönigs Aspelta hinaus aus der Ebene von Dongola – und es war Ruhe im Reich.

Aber der militärische Triumph genügte dem tobenden Psammetich nicht: Am liebsten hätte der ägyptische Herrscher den Widersacher Aspelta und seine Ahnen, die verfemten schwarzen Pharaonen, aus der Geschichte getilgt. Keine Erinnerung sollte Bestand haben: Aspeltas Palast wurde niedergebrannt, die Insignien seiner Dynastie wurden demoliert. Psammetich II. nutzte die Gelegenheit, um eine 170 Jahre alte Rechnung mit den Kuschiten zu begleichen: Die frechen Nubier, diese „Sandfresser“, hatten sich einst erdreistet, auf dem Pharaonenthron Platz zu nehmen. Ägyptens empfindlicher Nationalstolz war verletzt.

Ägyptischer Bildersturm

Knapp ein Jahrhundert lang, von 750 bis 660 vor Christus, hatten Schwarzafrikaner das mächtigste Reich der Erde beherrscht – bis die Assyrer sie vom Thron verjagten. Doch erst Psammetichs Vernichtungsfeldzug stoppte den Expansionsdrang der Kuschiten endgültig. Sie trollten sich in die südliche Savanne, zurück zu ihren afrikanischen Wurzeln. Mit ägyptischer Gründlichkeit verbannte Psammetich die schwarzen Pharaonen aus dem Gedächtnis seines Volkes: Er ließ ihre Namen aus königlichen Inschriften brechen und durch seinen ersetzen.

Ironischerweise ist es der ägyptische Bildersturm, der Archäologen nach langem Rätselraten auf die Spur der schwarzen Pharaonen brachte. Anfang Januar dieses Jahres ist das Grabungsteam des Schweizers Charles Bonnet in Kerma oberhalb des dritten Nil-Kataraktes auf das bisher eindrucksvollste Zeugnis der ägyptischen Invasion gestoßen: eine Grube mit sieben tonnenschweren Granitstatuen. Sie zeigen Taharka, den mächtigsten der schwarzen Pharaonen, und seine vier Nachfolger bis hin zu Aspelta. In einem martialischen Ritus hatten Psammetichs Schergen die Steinkolosse geköpft, ihre Gliedmaßen verstümmelt, Nasen und königliche Abzeichen abgeschlagen. „So demonstrierten die Ägypter, dass Taharka und die Seinen für alle Zeiten besiegt waren“, sagt Bonnet. Jahre später sammelten Aspeltas Untergebene die Stücke ein, deponierten sie auf dem Lehmboden einer Grube und verscharrten sie. Aspelta selbst entwischte den ägyptischen Häschern, aber aus Sicht Psammetichs war er erledigt. „Die Ägypter glaubten, mit der Zerstörung seiner Bilder auch den Menschen zu zerstören“, sagt Dietrich Wildung, Direktor des Berliner Ägyptischen Museums.

Bonnets Fund krönt drei Jahrzehnte zäher Geduldsarbeit. Seit 1973 gräbt er in Kerma, 500 Kilometer nördlich von Khartum, die versunkene Hauptstadt des ersten Königreiches Kusch aus – er förderte Mauern, Tonscherben und bröselige Sandsteinreliefs zutage. Nun jedoch sei Bonnet „die wichtigste archäologische Entdeckung der letzten Jahrzehnte im Sudan“ geglückt, gratuliert Wildung.

Zwar hatte George Reisner von der Harvard University, ein Pionier der Sudan-Archäologie, 1916 am Gebel Barkal (am vierten Katarakt) eine ähnliche Trümmergrube ausgehoben. „Aber die Funde aus Kerma sind von viel höherer künstlerischer Güte und besser konserviert“, sagt Bonnet. Im lehmigen Schoß des Schwemmlandes hat sich sogar der Anstrich auf dem Gestein gehalten. Mit schwarzer Farbe hatten die antiken Bildhauer die weißen Adern des Granits retuschiert. Goldüberzogener Stuck an den Köpfen stammt von Kronen oder Helmen, vermutet Bonnet, vom Ornat sind rote und weiße Farbreste übrig. Sämtliche Granitstücke wurden geborgen, sodass Bonnet und seine Mitarbeiter die Bildnisse komplett rekonstruieren können.

3000-jährige Hassliebe

Besondere Bedeutung haben die sieben Statuen für die Kunstgeschichte, denn sie schlagen eine Brücke zwischen ägyptischen und innerafrikanischen Stilen. „Man erkennt deutlich, wie sich die nubischen Bildhauer über hundert Jahre hinweg Schritt für Schritt vom ägyptischen Vorbild lösten“, sagt Bonnet.

Die Psammetichsche Strafexpedition war die Eskalation einer 3000-jährigen Hassliebe zwischen Ägypten im Norden und seinem schwarzafrikanischen Nachbarn im Süden. Erst durch ihren Kontakt zu den Ägyptern tauchten die Nubier im späten 4. vorchristlichen Jahrtausend aus dem Dunst der Vorgeschichte auf. Bei den ersten Schritten zur Zivilisation waren die Schwarzafrikaner den Weißen allerdings vorangegangen, wie Funde feiner Keramik aus dem 6. Jahrtausend vor Christus belegen. „Damals wussten die Ägypter noch nicht einmal, wie ein Topf geht“, sagt Wildung.

Die Nubier selbst scherten sich wenig darum, ihr Image für kommende Generationen zu pflegen: Sie haben nur wenige Aufzeichnungen hinterlassen. Drei Jahrtausende lang entwickelten sie keine Schrift – „einzigartig für Hochkulturen“, sagt der Duisburger Schriftexperte Florian Coulmas. Wildung sieht in solcher Schreibfaulheit einen typisch afrikanischen Zug: „Die mündliche Überlieferung hatte Vorrang vor der schriftlichen.“

Wenn man sich im frühantiken Nubien doch einmal herbeiließ, etwas dauerhaft festzuhalten, dann tat man es in den Hieroglyphen und der Sprache der Ägypter. Erst in der Mitte des 3. vorchristlichen Jahrhunderts, nachdem sie ihre Hauptstadt nach Meroë verlegt hatten, entwickelten die Nubier ihre eigene Schrift: Sie ersetzten die 800 ägyptischen Hieroglyphen durch 23 Kursivbuchstaben – und wurden damit vollends unverständlich für heutige Historiker: Die meroïtische Schrift ist erst in Ansätzen entziffert, die Sprache dahinter rätselhaft. Deshalb stammt das meiste Wissen über die damaligen Verhältnisse von den Assyrern, Griechen und Ägyptern. „Wir sahen das antike Nubien lange durch fremde Augen“, sagt Wildung.

Die Ägypter blickten meist mit der gleichen Verachtung nach Süden, die sie auch für die Libyer im Westen und die Assyrer im Osten hegten: Ihre Darstellungen zeigen die Nubier gern mit übertrieben wulstigen Lippen und niedriger Stirn, am liebsten gefesselt vor stolzen Ägyptern im Staub liegend. In der Gruft Tutanchamuns lagen Sandalen, in deren Ledersohlen Bilder von Nubiern geprägt waren. Man trampelte auf seinen Nachbarn herum – nicht nur auf ihren Bildern: Schon die ersten ägyptischen Chronisten um 3000 vor Christus erzählen von brutalen Raubzügen nach Nubien. Dort deckten sich die Pharaonen mit Vieh, Sklaven, Ebenholz und Elfenbein ein – und stampften nebenbei ganze Königreiche nieder. Die größte Attraktion indes lag in der gehaltvollen nubischen Erde: „Nub“ ist die Hieroglyphe für Gold. „Ein großer Teil der ägyptischen Goldschätze stammt aus Nubien“, sagt der Münchner Geologe Dietrich Klemm.

Umgekehrt nutzten Nubiens Herrscher jede Schwäche Ägyptens, um ihren Einfluss nach Norden auszudehnen. Sobald sich Libyer, Assyrer oder andere vorderasiatische Völker mit den Ägyptern anlegten, stießen die Nubier nach Norden und nutzten das entstandene Machtvakuum. Nachdem das ägyptische Neue Reich unter der Last seiner wuchernden Bürokratie und schließlich unter dem Ansturm der Seevölker zusammengebrochen war, bezogen die schwarzen Pharaonen sogar Residenz in Theben und Memphis, den Hauptstädten Ober- und Unterägyptens. Sie gingen als Dynastie Nummer 25 in die Liste der ägyptischen Herrscher ein.

Aber Ägypten und Nubien rieben sich nicht nur aneinander auf. „Wohltuende Schübe afrikanischer Lebhaftigkeit“ (Wildung) drangen von Süden in das starre Pharaonenreich. Gerade unter den schwarzen Pharaonen erlebte es eine kulturelle Renaissance: Seine Kunst knüpfte nach Jahrhunderten des Niedergangs an den Glanz des Alten Reichs an. Der Gebel Barkal (der „reine Berg“), eines der höchsten Heiligtümer der Ägypter, lag in Nubien. Dort nahm auch Amun, der ägyptische Hauptgott, seine Widdergestalt an – vermutlich nach dem Vorbild einer vergessenen altnubischen Gottheit.

Noch augenscheinlicher war die Ägyptisierung der Nubier. Sie übernahmen Schrift, Kunsthandwerk und die Sitte, stilisierte Hügel über den Toten zu errichten: Der Sudan zählt mehr Pyramiden als Ägypten, mehr als 100 in der Nekropole von Meroë. Dennoch stießen lange Zeit nur wenige Europäer in die Gebiete südlich von Abu Simbel vor. Nicht nur Gluthitze und Gelbfieber bremsten die Entdecker: Sie übernahmen die Missachtung der Äypter für deren staubigen Hinterhof.

Sinfonie für den Pharao

So lockte eher Abenteuerlust als Forschergeist frühe Ausgräber in den Sudan. Als Erster legte 1834 der Italiener Giuseppe Ferlini Hand an die Ruinen. Im Goldfieber schliff Ferlini die Pyramide der Königin Amanishakheto in Meroë bis auf den Stumpf – um schließlich festzustellen, dass die Meroïten ihre Herrscher nicht in ihren Pyramiden bestattet hatten, sondern darunter. Den prächtigen Grabschatz Amanishakhetos schmuggelte Ferlini nach Europa und verscherbelte ihn unter anderem an Ludwig I. von Bayern. Erst die preußische Expedition von Richard Lepsius zehn Jahre später näherte sich der nubischen Antike mit wissenschaftlichem Interesse.

Heute wacht der Berliner Architekt Friedrich Hinkel über die Pyramiden von Meroë. Seit 1976 löst er die Puzzles, die ihm Ferlini und die Jahrtausende aufgaben: Er trägt die bröckelnden Monumente behutsam ab, zeichnet und nummeriert die Steinquader und setzt sie auf neuen Fundamenten exakt so zusammen, wie sie einst standen.

Wie die ursprünglichen Baumeister arbeitet er mit einem Urkran, dem Schaduf. Die Meroïten verankerten Stämme libanesischer Zedern im Boden und hängten einen Hebelarm an die Spitze des simplen Holzgestells. Mit dieser Konstruktion wuchteten sie die schwarzen Steinblöcke übereinander. Wegen der begrenzten Länge von Stamm und Arm seien die meroïtischen Pyramiden kleiner und spitzer als die ägyptischen, die mittels Rampen errichtet wurden, vermutet Hinkel. Er belässt seine Rekonstruktionen im Rohbau: Einst waren die Pyramiden verputzt und – wieder im Kontrast zu Ägypten – mit bunten Ornamenten bemalt.

Bei den Sudanesen erregte Hinkels archäologisches Geduldsspiel bis vor kurzem wenig Aufsehen: Besuch kam überwiegend von ausländischen Touristen. Doch jetzt besinnt sich auch der Sudan auf seine glorreiche Vergangenheit. „Inzwischen kommen sogar Schulklassen“, freut sich Hinkel.

Vor knapp drei Wochen durchbrach gar ein kulturelles Großereignis die Stille der Totenstadt von Meroë: das wohl erste Sinfoniekonzert auf sudanesischem Boden. Staunend verfolgten Hinkel und 300 Gäste, wie die schwarz gewandeten Musiker des Deutschen Akademischen Orchesters zwischen den Pyramiden Platz nahmen, die Partituren mit Wäscheklammern vor dem Wüstenwind schützten und Werke von Mozart, Beethoven und Friedrich dem Großen intonierten. Das Benefizkonzert zur Rettung der maroden Denkmäler, organisiert von der deutschen Botschaft in Khartum und gesponsert von der Lufthansa, war als Weckruf für das sudanesische Geschichtsbewusstsein gedacht – den die aus Khartum angereisten Kabinettsmitglieder auf ihre Art interpretierten: Unter dem Einfluss der fremden Klänge visionierte Tourismusminister Abdulbasit Abdulmajid sogleich Großhotels und Schnellstraßen inmitten der Wüste.

Multikultureller Außenposten

Der sudanesische Staat forciert die Grabungstätigkeit mittlerweile auf breiter Front: 25 internationale Archäologenteams arbeiten im Land, darunter sieben deutsche. Seit 1995 schält das Team von Dietrich Wildung 135 Kilometer nordöstlich von Khartum die Meroïten-Stadt Naga aus dem Savannensand – und hat dabei den südlichsten Außenposten der mediterranen Antike gefunden: einen kleinen Pavillon aus dem 3. Jahrhundert nach Christus, in dem hellenistische, ägyptische und meroïtische Elemente kombiniert sind.

Dennoch: Der größte Teil des Sudan ist archäologisches Niemandsland. Zwar haben Wildung und Kollegen auch im Süden antike Stätten gesichtet. Doch graben konnten sie dort bisher nicht – es herrscht Bürgerkrieg. Der dort tobende Konflikt müsste Altertumsforschern bekannt vorkommen: Zwar geht es nicht mehr um Gold, sondern um die riesigen Ölvorkommen, die vor 20 Jahren im Süden des Sudan entdeckt wurden. Aber das Muster ist das gleiche wie vor Jahrtausenden: Eine weiße Regierung im Norden kämpft mit militärischer Gewalt gegen schwarze Rebellen im Süden. Vier Millionen Flüchtlinge irren heute durch den Sudan – mehr als durch jeden anderen Staat der Erde. Es kracht immer noch, wenn der Nil die Kulturen Schwarzafrikas und des Mittelmeers gegeneinander führt.

Quelle
http://www.zeit.de/2003/10/A-Pharaonen

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Kommentare zu diesem Artikel
Nappi E-Mail08.03.2003 um 22:44:14
Seth



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