Ägyptologie-Blatt

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Das Ägyptische und die nichtsemitischen Sprachen und Kulturen
Basler Kolloquium vom 9. bis 11. Juli 2003
Von Gitta am 19.08.2003 um 22:52:42 

Ein Bericht von Eva Lange, M.A.

Die Bemühungen, der Sprache des Alten Ägypten einen Platz unter den Sprachen der Welt zuzuweisen, ist beinahe so alt wie die Ägyptologie selbst. Diese Forschungen führten zur Einordnung des Ägyptischen in die Gruppe der hamitosemitischen (afroasiatischen) Sprachen, unter denen es einen eigenen Zweig bildet. Allerdings hat sich im Laufe der Wissenschaftsgeschichte ein Ungleichgewicht herausgebildet: So stehen einer großen Anzahl von Untersuchungen zum Verhältnis des Ägyptischen zum Semitischen nur recht wenige gleichartige Arbeiten über die Beziehungen des Ägyptischen zu den nichtsemitischen Sprachen gegenüber. Um so begrüßenswerter sind Aktivitäten, die solchen Desideraten entgegenarbeiten, indem sie Gelegenheit bieten, neueste Forschungsarbeiten zu referieren und in Diskussionen den fachlichen Austausch zu pflegen. So ist es jüngst auf dem Basler Kolloquium zum Thema „Das Ägyptische und die nichtsemitischen Sprachen und Kulturen“ vom 9. - 11. Juli 2003 geschehen.

Gegliedert nach den geographischen Räumen der jeweils betrachteten Einflußsprache wurden insgesamt 15 Vorträge präsentiert. Somit war der erste Veranstaltungstag Mesopotamien/Iran, der zweite Tag Anatolien und Afrika und der dritte und letzte Tag der Ägäis gewidmet. Solche räumlichen und kulturellen Differenzen aber führten nun keineswegs zu einer unübersichtlichen Aneinanderreihung des Materials, sondern die Beherrschung und gekonnte Anwendung der Methoden der allgemeinen und komparativen Linguistik erwies sich als überaus funktionale Verklammerung der verschiedenen Vortragsthemen.

Da vor allem Lehnwörter wichtige Hinweise auf den Kontakt von Sprechergruppen, und dessen Art, Umfang und zeitliche Tiefe geben, spielten Forschungen zu nichtsemitischen Lehnwörtern im Ägyptischen eine entsprechend große Rolle. Untersucht wurde Sprachmaterial aus dem Iranischen (G. Vittmann, Würzburg), Anatolischen (F. Breyer, Basel), Libyschen (T. Schneider, Basel), Griechischen (J. Horn, Göttingen) und aus verschiedenen nordostafrikanischen Sprachen (R. el-Sayed, Köln). Neben der Bereicherung des bisher bekannten Materials durch die Identifizierung weiterer Lehnwörter, wie sie vor allem für Material aus dem Luwisch-Hethitischen gelang, wurden auch Methoden und Probleme der Lehnwortforschung diskutiert. Mangelnde Erforschung oder auch Erforschbarkeit der Gebersprachen wie dies zum Beispiel für den afrikanischen Sprachraum der Fall ist, fordern hierbei genauso zur Entwicklung neuer Methoden und Definitionen heraus wie es die Überfülle an Material tut. Man beachte dazu etwa die Menge der griechischen Lehnwörter im Koptischen, die sich vielleicht eher mit einer schärferen definitorischen Trennung zwischen Gebersprachen und Zweitsprachen bewältigen lassen wird.

Während sich die oben genannten Referenten der Betrachtung von Lehnwörtern einer Sprache in verschiedenen ägyptischen Texten widmeten, ging J. F. Quack (Berlin) den umgekehrten Weg: Er untersuchte die Namen von Dämonen in einer einzigen Textgattung, den demotischen magischen Texten. Dabei konnte er feststellen, daß die Dämonennamen aus verschiedenen Sprachen, dem Ägyptischen selbst, dem Griechischen und dem Hebräischen stammen, wobei alle vor der Verwendung in der Lautung gräzisiert wurden. Dies ist vor allem für die ägyptischen Namen als recht verblüffendes Ergebnis anzusehen. Interessant war auch seine Feststellung, daß in der Vorstellung der antiken Nutzer die Wirksamkeit des Spruches durch das nicht mehr vorhandene Verständnis der Namen keineswegs herabgesetzt wurde, sondern dieser durch die exotische Lautung der Dämonennamen als besonders kraftvoll galt. Hier wurde hervorragend deutlich, daß linguistische Untersuchungen bedeutende kulturgeschichtliche Einblicke geben können. Wenn darüberhinaus in ägyptischen Texten Zitate einer Sprache, deren indigenes Schriftsystem für uns bisher nicht lesbar ist, festgehalten sind, gewinnt dies noch eine zusätzliche Dimension. P. Haider (Innsbruck) unternahm diesbezüglich den glücklichen Versuch, zwei in einem medizinischen Papyrus niedergeschriebene Beschwörungen „in der Sprache von Kaftu“, also der Sprache von Kreta, phonetisch korrekt zu lesen, was vor allem aufgrund der nicht erfolgten Worttrennung in der hieratischen ägyptischen Niederschrift schwierig ist. Darüber hinaus konnte er für immerhin 12 separierte Wörter wahrscheinliche Entsprechungen in den minoischen Linear A-Texten ausfindig machen.

Neben der Entlehnung von Wörtern war auch die Frage der Verwandtschaft des Ägyptischen mit einigen der Gebersprachen ein wichtiges Thema. Mithilfe grammatischer Untersuchungen wurde versucht, den Grad der Zugehörigkeit des Ägyptischen zu den hamitischen Sprachen (C. Peust, Konstanz) besser zu erfassen. Dies führte in seinen Weiterungen zur Hinterfragung linguistischer Basisdefinitionen, wie der Unterscheidung von arealer und genetischer Sprachverwandtschaft, zu denen offenbar gerade die Untersuchung des Ägyptischen wichtige Beiträge liefern kann. Um zu gültigen Aussagen gelangen zu können, ist die komparative Linguistik aber nicht nur auf die Untersuchungen zu grammatischen Entsprechungen, sondern vor allem auf die korrekte Anwendung der „phonologischen Algebra“ angewiesen, wie J. Zeidler (Trier) anhand der Frage der Verwandtschaft des Ägyptischen mit dem Hethitischen glänzend vorführen konnte. Seine Untersuchungen zeigten, daß die von J. D. Ray vertretene Theorie von der Verwandtschaft beider Sprachen, die letztlich in den Kontext einer neuen linguistischen Strömung gehört, welche die Rückführung aller Sprachen auf eine gemeinsame Ursprache für möglich hält, unter anderem aufgrund des Fehlens exakter Lautkorrespondenzen fragwürdig ist.

Wenn das Kolloquium aufgrund seiner hervorragenden Beiträge schon als ausgesprochener Leckerbissen zu bezeichnen ist, so waren die lebhaften Diskussionen das Sahnehäubchen. Die handverlesene Schar der Spezialisten verteilte Lob und Kritik in erfrischend konstruktiver Weise und stellte auch Informationen aus selbst erarbeitetem Material großzügig zur Verfügung. Das Basler Kolloquium ist im Gesamtblick ein äußerst geglücktes Beispiel dafür, wie produktiv, interessant und gewinnbringend eine gut geplante Zusammenkunft von Fachvertretern einer speziellen Forschungsrichtung sein kann, gerade dann, wenn das Thema sich eines bisher vernachlässigten Forschungsfeldes annimmt. Es steht sehr zu hoffen, daß Basel hierin Vorbild für weitere Veranstaltungen ähnlicher Art werden kann.

Übersicht der Vorträge des Kolloquiums

Quelle
http://www.aegypten-forum-berlin.de/npr_lange_basel.html

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