Ägyptologie-Blatt

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Die Politik des Zahi Hawass
Egypttoday-online mit einer gelungenen Zusammenfassung
Von am 14.09.2003 um 17:01:52 

In einem langen Artikel äussert sich Egypttoday-online zur Politik des SCA seit dem Amtsantritt von Zahi Hawass und zu den seither die Presse umtreibenden Ereignissen.

Seit Monaten betreibt Hawass eine geräuschvolle Kampagne zur Rückholung von Artefaken nach Ägypten, sowohl gestohlener als auch solcher Stücke, die zu "Pionierzeiten" ausser Landes geschafft wurden. Dabei bedient er sich einer Sprache, die zwar die Presse und vielleicht manch ein Nationalist dankbar aufnehmen, die jedoch in der internationalen Ägyptologengemeinde und Museumslandschaft nicht gerade Freude auslöst. Sensible Museen nehmen Verteidigungshaltung ein, ägyptische, deutsche und englische Medien liefern sich einen Schlagabtausch und der Direktor eines führenden deutschen Museums äusserte sich mehr als unhöflich, indem er bemerkte, Hawass habe sich auf die Stufe der (ägyptischen) Götter erhoben, mit denen er sich von Berufs wegen befasst.

Seit seiner Amtsübernahme im April 2002 avancierte Hawass zum nationalen und internationalen Medienstar. Er erscheint regelmäßig in amerikanischen und europäischen Magazinen und machte Geschichte mit der medienwirksamen Schachtbohrung in der Großen Pyramide im letzten September. Im Februar diesen Jahren ging durch die Schlagzeilen, dass der Leiter der Abteilung für die Rückholung gestohlener Stücke, Abdul El-Karim Abu Shanab, der Bestechung durch Schmuggler beschuldigt wurde. Er sitzt seit dem hinter Gittern und wartet auf seinen Prozess.

"Es ist unser Ziel, alle nach 1970 (nach Verabschiedung des Unesco-Abkommens) illegal ausser Landes geschafften Antiquitäten zurück zu holen", sagt Hawass und spielt dabei ein wenig die Probleme in der eigenen Behörde herunter. Ausserdem wolle man den Handel mit Schmuggelgut rigoros unterbinden. Die Regeln, denen alle zu folgen haben, machen die Ägypter, sonst niemand. Viele Leute seien inzwischen sehr beunruhigt angesichts der SCA-Aktivitäten.

Während dessen tobt aber auch eine Schlacht in eigenen Land. "Museen stiften Ägypter zu Raubgrabungen und Schmuggel an", meint Hawass, und des Schmuggels verdächtigen Wissenschaftlern blühe Lizenzentzug. Das klingt bedrohlich. Allein aus England befinden sich zur Zeit fünf unabhängig voneinander arbeitende Missionen im Lande. Und während die Tage der Fundteilung zwar vorbei sind, bringen spektakuläre Funde den Wissenschaftlern auch heute noch Ruhm und Ehre ein und fördern deren Reputation.

Eine sehr strittige Angelegenheit ist die Forderung Hawass', alle in den letzten zwei Jahrhunderten aus Gräbern herausgebrochenen Reliefs zurück zu erhalten. "Es hat mir sehr leid getan, im Grab Amenophis' III. einen "kopflosen" König zu sehen. Der Kopf befindet sich heute im Louvre. Er war irgendwann im 19. Jahrhundert herausgebrochen worden. "Wir werden versuchen, ihn wieder zu bekommen". Das Herausbrechen von Reliefs sei ein zerstörerische Akt und sollte nach Meinung von Hawass nicht unter das Unesco-Abkommen fallen, wohl wissend, dass es keine Handhabe gibt und er auf den guten Willen der Museen und Sammler angewiesen sein wird. Immerhin wurden bereits Erfolge erzielt: vier Kalksteinfragmente aus dem Grab Sethos' I. wurden vom Niagara Falls Museum an Ägypten zurück gegeben. "Ich nahm die Reliefs und brachte sie zurück ins Grab, nicht in ein Museum", sagt ein zufriedener Hawass.

Während Hawass auch die besten Absichten haben mag: nicht alle Mitglieder der Museumsgemeinde sind beeindruckt. Dietrich Wildung, Direktor des Berliner Museums, führt aus, Hawass sei unnötig aggressiv und unkooperativ. In den letzten Monaten dachte Hawass mehrfach laut über die Umstände beim Fund der Nofretete-Büste nach. Dazu hält sich hartnäckig eine Legende. So hätten die deutschen Ausgräber vor der seinerzeit noch üblichen Fundteilung den Wert des Stückes sofort erkannt. Mit Hilfe von Schmutz und Ruß habe man die Büste unscheinbar aussehen lassen, um sie so gefahrlos als Beute mit nach Hause nehmen zu können. Das sei illegal gewesen und die Rückgabeforderung sei demzufolge rechtens, meint Hawass.

"Ich bin mir sicher, Hawass kennt die Fakten genauso gut wie ich. Es war eine übliche Fundteilung und es gibt keinen Zweifel an deren Legalität", erklärt Wildung. Der Krieg der Worte wird jedoch scheinbar in den Medien ausgetragen. Laut Wildung hat es keinerlei Kontakte gegeben, abgesehen von einer Korrespondenz per Fax im letzten September.

Wenig hilfreich in dem Konflikt war allerdings auch eine Kunstinstallation anlässlich der Biennale, bei der der Kopf der Nofretete kurzzeitig auf einen modernen Bronzekörper aufgesetzt wurde. Hawass hatte sich bitter beschwert und die unverzügliche Rückgabe gefordert, weil das Kunstwerk in Berlin nicht mehr sicher sei.

Geschmacklos und absurd nennt Wildung diese Attacke. Die Forderung sei nur ein kleiner Teil eines größeren Problems, sagt Wildung, der Hawass seit über 20 Jahren kennt. "Als Zahi noch nicht Generalsekretär des SCA war, war er sehr umgänglich. Aber jetzt gibt er sich größte Mühe zu beweisen, dass er dieses hohe Amt ausfüllen kann. Er sollte kooperativer sein und die aggressiven Untertöne lassen. Es gibt in Ägypten Hunderte von Lagerräumen voller Antiquitäten, die alle noch nicht untersucht oder irgendwo ausgestellt worden sind. Zahi wäre gut beraten, wenn er sich um Unterstützung bei der Untersuchung und Dokumentation dieser Stücke bemühen würde".

Auch der Stein von Rosette hat jüngst für Wirbel gesorgt. Während die Briten hier eine Rückforderung Ägyptens interpretierten, betont Hawass immer wieder, er habe nur um die leihweise Überlassung gebeten. Besonders ärgerlich reagierte er, als die Briten eine Garantie der Rückgabe von ihm forderten "Sind wir etwa Piraten?".

Hinter diesem Drama stecken handfeste wirtschaftliche Interessen. Wenn es auch nicht nur der Stein von Rosette ist, der jährlich 5 Mio. Besucher ins British Museum zieht, ihm kommt eine Schlüsselrolle in den Marketingaktivitäten des Museums zu. Museumsdirektoren wissen, was die Leute sehen wollen. London hat den Stein und Hawass Tut's Maske, aber auch Hunderte übers Land verstreute Läger mit Inventar, das die Welt nie zu Gesicht bekommen wird. Nun will er noch mehr. Warum? Es ist nicht nur ein Fall von Gier, wie mancher unterstellt. In einem Land mit so großen Liquiditätsproblemen, dessen Haupteinnahmequelle für harte Währung der Tourismus bildet, ist es auch Big Business.

Quelle
http://www.egypttoday.com/issues/0309/880D/0309880D.asp

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