Ägyptologie-Blatt

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Statuenpuzzle im Grabungsschutt
Amarna ist noch immer für Überraschungen gut
Von Gitta am 25.10.2003 um 23:31:25 

Als Honorary Trustee der Amarna Research Foundation, die vom fernen Colorado aus die Grabungen in Amarna unterstützt, verfolge ich die Aktivitäten der englischen Kollegen von der University of Cambridge am ehemaligen Wirkungsort von Ludwig Borchardt in Achet-Aton, der Sonnenstadt Echnatons und der Nofretete, mit besonderer Aufmerksamkeit. Die vor nahezu 90 Jahren eingestellten Grabungen in Amarna, die James Simon von der Deutschen Orientgesellschaft durchführen ließ, haben jüngst unvermutete Aktualität bekommen. Im Juli 2002 hatte uns in Berlin eine Mitarbeiterin von Barry Kemp, dem Grabungsleiter der Arnarna-Grabungen, aufgesucht. Anlass des Besuchs von Kristin Thompson aus Wisconsin war ihr spezielles Aufgabengebiet beim Amarna-Projekt, die Untersuchung zahlloser kleiner Statuenbruchstücke, die sich im Grabungsschutt der Borchardtschen Grabungen 1911-1914 und der britischen Grabungen in den zwanziger und dreißiger Jahren gefunden hatten.

In mühsamer Kleinarbeit konnte Kristin Thompson feststellen, dass sich viele Fragmente in Materialgruppen vorsortieren ließen und dass Größenklassen definiert werden konnten, so dass ein zunächst völlig amorpher Steinhaufen Struktur annahm und nach und nach auch anpassende Fragmente gefunden wurden. Kristin Thompson konnte schließlich 188 Fragmente aus dunkelgrauem Granodiorit identifizieren, die sich alle einer Doppelstatue von Echnaton und Nofretete zuweisen lassen. Kristin Thompsons Interesse galt in Berlin zunächst den Grabungstagebüchern von Ludwig Borchardt, wo sie unter dem Datum von 13. Dezember 1912 einen Hinweis auf "Fragmente aus schwarzem Granit" fand, die schon Borchardt als zu einer unfertig gebliebenen unterlebensgroßen Doppelstatue Echnatons und der Nofretete zugehörig erkannte.

Nun war es für Kristin Thompson nur noch ein kleiner gedanklicher Schritt, einen Kopf der Nofretete aus diesem Material, unfertig und unterlebensgroß, mit den in der Zwischenzeit über 200 Fragmenten zusammenzubringen - jenen Kopf aus der Werkstatt des Tuthmosis, der in Berlin unter den Nofretete-Porträts einen der vordersten Plätze einnimmt, mit seiner samtenen Oberfläche, dem verschleierten Blick, dem zarten Rot auf den Lippen. Von allen anderen steinernen Köpfen aus dieser Werkstatt unterscheidet er sich dadurch, dass er am Halsansatz nicht einen Zapfen aufweist, der zur Verankerung der Köpfe auf gesondert gearbeiteten Statuen aus anderem Material diente. Die Bruchfläche am Hals und der Rest eines Rückenpfeiler weisen - wie Dorothea Arnold im New Yorker Ausstellungskatalog The Royal Women of Amarna erstmals festgestellt hat - unmissverständlich daraufhin, dass der Kopf von einer Statue aus gleichem Material gebrochen sein muss.

Um endgültige Klarheit zu gewinnen, sollte ein Gipsabguss des Berliner Kopfes auf den Halsansatz der aus den vielen Fragmenten teilweise wieder zusammengesetzten Doppelstatue gesetzt werden. Der Leiter der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin, Axel Möller, stellte in vielfach bewährter Kollegialität nicht nur den Abguss zur Verfügung, sondern kümmerte sich auch um dessen Reise - nicht direkt nach Amarna, sondern zunächst einmal in den Wilden Westen nach Wisconsin, von wo ihn Kristin Thompson im Handgepäck mit nach Amarna nahm, um alle Umwägbarkeiten der Security Control im Griff und Blick zu haben. Es hätte ja nicht ausgeschlossen werden können, dass eine Luftfracht-Sendung des Ägyptischen Museums Berlin mit der Inhaltsangabe "Head of Nefertiti" in Ägypten Anlass zu Fehlinterpretationen gegeben hätte. In ihrem Vorbericht in The Akhetaten Sun 7/1, May 2003, dem Mitteilungsblatt der Amama Research Foundation, teilt Kristin Thompson das Ergebnis der Zusammenfügung mit: "... the cast from Berlin fit perfectly onto the top of Nefertiti's back pillar." Durch diesen großartigen Erfolg ermutigt und durch den langen Weg zu diesem Ergebnis geübt, hat Kristin Thompson Tausende von weiteren Statuenfragmenten gesammelt, nicht nur in den Gruben des Grabungsschutts, sondern, wie sie sagt, "walking into the desert, and digging up chunks of statuary as if I were harvesting potatoes ", also überall in und um Amarna als Oberflächenfunde - wie Kartoffeln im Acker.

Die Berliner Magazine bieten noch allerhand Material, das Borchardt mit der Fundteilung nach Berlin brachte und zu dem schon jetzt weitere Fragmente in Amarna identifiziert worden sind. Die nächste Statue kommt bestimmt.

Dietrich Wildung

Fragmente fügen sich zur Doppelstatue:


Nofretete-Kopf, Berlin 21358, 1912 von L. Borchardt ausgegraben (Foto J. Liepe)


zusammengefügte Bruchstücke der Doppelstatue (Foto K. Thompson)

Quelle
aMun, Oktober 2003 (nicht online verfügbar)
Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung des Autors

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