Ägyptologie-Blatt

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Ägyptologenstreit endet vor Gericht
Hildesheim als Schauplatz für Disput zwischen Wissenschaftlern
Von Gitta am 02.11.2003 um 21:20:27 

Justitia schafft Ehrenerklärung

Mit einem Vergleich vor dem Landgericht wurde gestern der Hildesheimer Archäologen-Streit begraben: Geklagt hatte der ehemalige Direktor des Roemer-Pelizaeus-Museums Arne Eggebrecht gegen seine Nachfolgerin und die Stadt. Wiederhergestellt ist nun sein guter Ruf - nicht jedoch der Friede

aus Hildesheim Ralf Neite

Man könnte meinen, in die Dreharbeiten einer absurden Reality-Soap geraten zu sein. Aber nein: Dass Hildesheims Museumswelt aus den Fugen gerät, ist bitterer Ernst.

Eine scheinbar endlose Folge von Streitfällen beschäftigt Politiker, Medienleute, Besucher - und die Justiz. Neue Runde gestern am Hildesheimer Landgericht: Ex-Museumschef Eggebrecht klagte gegen seine Nachfolgerin Vassilika und die Stadt Hildesheim.

Der Ärger im für seine altägyptische Sammlung renommierten Hildesheimer Roemer-und Pelizaeus-Museum hat vor knapp vier Jahren begonnen. Damals stand die Pensionierung des langjährigen Leitenden Direktors Arne Eggebrecht bevor. Eleni Vassilika hatte sich auf die weltweit ausgeschriebene Stelle beworben.

Doch noch bevor das Bewerbungsverfahren in die entscheidende Phase getreten sei, habe sie schon "hate mails" nach Cambridge bekommen, wo sie die Antike-Abteilung des Fitzwilliam-Museums leitete. Per Fax wurde ihr aus dem Pelizaeus-Museum anonym gedroht. Sie solle die Bewerbung zurückziehen.

Zugleich gab es in der südniedersächsischen Stadt politischen Ärger: Der damalige Oberbürgermeister Kurt Machens (CDU) wollte Geschäftsführer des Museums werden. Doch sein Widersacher, Oberstadtdirektor Konrad Deufel (ebenfalls CDU), setzte eine andere Lösung durch. Vassilika bekam per Ratsbeschluss den Zuschlag, im Juni 2000 trat sie die Stelle an.

Die Erwartungen an sie waren umso höher, als das Museum gerade für 25 Millionen Mark ein neues Hauptgebäude bekommen hatte. Doch die prallen 70er Jahre mit Sonderausstellungen, die mehrere hunderttausend Menschen anlockten, kehrten nicht zurück. Die Besucherströme blieben aus.

Dafür gingen die Konflikte weiter. Zunächst gab es Ärger mit Journalisten, die über einen Wasserschaden im Museum berichten wollten und von Vassilika vor die Tür gesetzt wurden. Bald wurden Anwälte eingeschaltet: Vassilika prozessierte gegen die Presse, gegen Mitarbeiter, Kooperationspartner, Besucher.

Ein Strafantrag gegen den Oberbürgermeister wegen Verletzung der Geheimnispflicht wurde gestellt und zurückgezogen. Für Aufsehen sorgte auch die Entscheidung der gebürtigen Griechin, dem langjährigen Direktor der naturkundlichen Roemer-Sammlung, Manfred Boetzkes, die Planung großer Ausstellungen zu untersagen. Mittlerweile ist Boetzkes ins Stadtmuseum versetzt worden.

Im vorigen Jahr schließlich floppte Vassilikas erste große Sonderausstellung "Napoleon und Zar Alexander I". Nicht einmal die Hälfte der erwarteten Besucher kam. Das Defizit wurde noch verschärft durch eine Promi-Gala zur Ausstellungseröffnung mit sechsstelligen Kosten - das Rechnungsprüfungsamt untersucht den Fall. "Ich bin die meistgehasste Frau Hildesheims", stellte Eleni Vassilika schon vor Jahresfrist frustriert fest.

Ganz unschuldig dürfte sie daran nicht sein: Ein Dauerbrenner unter den Museums-Querelen war der Streit mit ihrem Vorgänger Arne Eggebrecht, der auch zum gestrigen Zivilverfahren vor dem Landgericht geführt hatte.

Vassilika hatte kurz nach ihrem Amtsantritt erklärt, der ehemalige Direktor - immerhin 25 Jahre im Amt - habe altägyptische Objekte zu überhöhten Preisen gekauft; zudem seien zwei davon deutlich als Fälschungen erkennbar. Während der Aufsichtsratssitzung der Museums GmbH soll sie gar behauptet haben, das hätte "sogar Studenten im ersten Semester" auffallen müssen. Gestern bestritt die Wissenschaftlerin jedoch gestern, derartige Aussagen getätigt zu haben.

Es folgte eine Klage gegen den Hamburger Kunsthändler, von dem die Objekte stammten, und die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Betrugsverdachts gegen Eggebrecht, der als ausgewiesener Altägypten-Experte gilt. Mehrere Gutachten bestätigten jedoch die Echtheit der ägyptischen Stücke, das Verfahren gegen den ehemaligen Direktor wurde wegen mangelnden Tatverdachts eingestellt. Der konterte nun vor dem Landgericht und klagte wegen Rufschädigung.

Schmerzensgeld und Schadensersatz in Höhe von 44.000 Euro verlangte der Rentner, der wegen einer schweren Krankheit bei der von Medien und Schaulustigen gut besuchten Verhandlung nicht anwesend war. Sein Anwalt verzichtete schließlich auf das Geld und stimmte einem Vergleich zu: Stadt und Museumschefin gaben eine "Ehrenerklärung" ab, in der sie Eggebrecht als "glänzenden Fachmann" würdigten und "Respekt, Anerkennung und Dank für sein berufliches Lebenswerk" zollten. Der Richter begrüßte den Kompromiss, der im Interesse der Stadt und ihrer Bürger sei. Dass damit "dieser Komplex endlich zur Ruhe kommt", wie er meinte, glauben in Hildesheim allerdings die wenigsten.

Quelle
http://www.taz.de/pt/2003/09/20/a0065.nf/text
via
http://www.geocities.com/TimesSquare/Alley/4482/EEFNEWS.html

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