Ägyptologie-Blatt

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Das Archäologische Institut in Hamburg soll geschlossen werden
Weiteres Opfer diverser Strukturreformen!
Von Gitta am 28.01.2004 um 12:06:44 

Datum: 21.01.04

Provinzposse in der Metropole – oder: Kann sich die Weltstadt Hamburg keine differenzierte Kulturwissenschaft leisten?

Mit Bestürzung und Empörung hören wir von dem Vorhaben, kulturwissenschaftliche Forschungs- und Studiengänge, die dem Universitätsstandort Hamburg ein klares und international renommiertes Profil geben, ersatzlos gestrichen werden sollen. Liquidiert werden sollen nach derzeitiger Planung des Präsidiums Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, Ägyptologie und Mesoamerikanistik, nachdem bereits zwei Jahre zuvor Altorientalistik ersatzlos gestrichen wurde (letzteres trotz Angebot einer vieljährigen privat gesponsorten Professur, die jedoch vom Präsidium der Universität bislang nicht angenommen wurde!). Damit würden von 5 Fächern des – seinerzeit als moderne Verbundeinheit gefeierten (und mittlerweile anderwärts, wie z.B. in Frankfurt und Wien, neu geschaffenen) - Instituts 4 entfallen. Das ist nicht maßvolle Reduktion, sondern Kahlschlag! Derzeit in der Hansestadt ausgegebene Parolen wie >Stadt der Wissenschaft< wirken da nur wie blanker Hohn.

Während derzeit Kultur gerade auch in ihrer historischen Dimension im öffentlichen Diskurs als hoch relevant für unsere Gesellschaft und für zukünftige Politik erkannt und diskutiert wird, ebenso wie die Notwendigkeit von Interdisziplinarität in der Wissenschaft, werden gleichzeitig die Grundlagen für beides voreilig und mutwillig zerstört. Wie soll in Zukunft transdisziplinär geforscht und studiert werden, wenn die dafür erforderliche Fächervielfalt verloren gegangen ist? Schließlich kann nur vernetzt werden, was existiert! Mit Exzellenz und Konzentration haben solche Maßnahmen nichts zu tun.

Mittelamerika als Lehr- und Forschungsfeld würde aus dem gesamten norddeutschen Raum verschwinden, auch Ägyptologie entfiele weiträumig. Die Überlegung, dass Vor- und Frühgeschichte ja in Kiel weiter existierte, nützt dem Universitätsstandort Hamburg nichts. Abgesehen davon, dass die jeweiligen Forschungsprofile gänzlich verschieden sind, entfiele vor allem für die Studierenden die sachlich notwendige, seit Jahrzehnten frequentierte und für die Berufe wichtige Haupt/Neben-fachkombination von Vor- und Frühgeschichtlicher und Klassischer Archäologie; ein gemeinsames Studium an beiden Universitäten ist aus finanziellen und organisatorischen Gründen ausgeschlossen. Ebenso würde die Kombinationsmöglichkeit der genannten Fächer mit Ägyptologie verloren gehen. Was die Mesoamerikanistik betrifft, so entfiele deren wichtige Einbindung in die hamburgspezifischen Lateinamerika-Studien.

Die Forschungsleistungen der in Frage stehenden Fächer finden international Anerkennung und – auch materielle – Förderung. Das gesellschaftliche Interesse an den Fragestellungen und Ergebnissen der archäologischen Fächer ist beträchtlich; die entsprechenden Beiträge in den Medien belegen dies ebenso eindrucksvoll wie das starke Interesse unserer zahlreichen Hamburger Gasthörer. Ständig werden von unseren Institutsabteilungen Informationen nachgefragt, und die betreffenden Fächer haben sich diese wichtige Serviceleistung auch längst zur Aufgabe gemacht. Freundeskreise und Foren unterstützen und begleiten unsere Arbeit. Wir bilden nicht nur für Forschung und universitäre Lehre aus, vielmehr ist der vielfach geforderte Praxisbezug bei uns längst Praxis. Unsere Studierenden gehen nicht in die Arbeitslosigkeit, sondern finden interessante und relevante Tätigkeiten in wissenschaftsnahen Bereichen wie Ausstellungswesen, Museen, Medien, Tourismus und internationalen Projekten.

Wichtige wissenschaftliche Arbeit leisten die Fächer für die Hamburger staatlichen Museen und Museumsstiftungen. Ein großes privat gesponsortes Internationales Archäologiezentrum als Plattform für Ausstellungen auf dem Domplatz ist derzeit in der Ausschreibungsphase. Um so gravierender, ja absurd wäre die Streichung des benötigten wissenschaftlichen Inputs.

Die geplanten Streichungen bedeuten Verschleuderung von langfristig akkumulierten Mitteln aus Aufkommen der Hamburger Steuerzahler: Gewachsene Kompetenz verschwände, Wissenschaftsexport müsste eingestellt werden, internationale Vernetzungen würden abgebrochen, weltweit vertriebene und gelesene Zeitschriften würden mit einem Mal eingestellt werden müssen. Hinzu kommt die drohende Vernichtung auch materieller Werte in Form von Sammlungen, Archiven und Bibliotheken. Dabei ist zu bedenken, wie gering die finanzielle Ersparnis ist gegen&shy;über der Größe des kulturellen Verlustes der Stadt Hamburg, einer Stadt, die sich als weltoffen und leistungsorientiert präsentieren möchte. Die negativen Signale, die Hamburg mit einer Schließung der genannten Fächer aussenden würde, sind beträchtlich. Das Archäologische Institut hat eine gute Reputation in der Stadt, bei den deutschen Medien sowie im Ausland von der Ukraine über China, Mexiko, Ägypten und den Vorderen Orient bis zu den europäischen Nachbarn. All dies dient Hamburg als >Tor zur Wissenschaft und zur Welt<, und zwar nachweislich in beträchtlichem Umfang.

Bedenken gegen den Erhalt der kleinen Fächer unter Hinweis auf deren angebliche Unfähigkeit, die beschlossenen Reformen der Universitätsstruktur durchzuführen (BA-Studiengang), lassen sich leicht zerstreuen, zumal Potentiale der Fächer des Archäologischen Instituts zu bündeln sind.

Schließlich muss gefragt werden: Warum die Hast solcher isolierten Ad-hoc-Entscheidungen, denen ganz offenbar kein schlüssiges Gesamtkonzept zu Grunde liegt und die langfristige und vitale Entwicklungen mit einem Mal zunichte machen? Ein solches Vorgehen ist unverantwortlich und wird schon bald als solches erkannt und international gebrandmarkt werden. Nur sind dann auf vielen Ebenen Lücken entstanden, die aufzufüllen weit größere Anstrengungen und Mittel erfordert als die adäquate Aufrechterhaltung der in Frage stehenden kulturwissenschaftlichen Fächer. Weitaus kleinere Städte in aller Welt, auch in sehr viel ärmeren Ländern als Deutschland, leisten sich eine solche Fächervielfalt! Als Metropole stünde Hamburg in dieser kulturwissenschaftlichen Armut einzigartig da.

Wir fordern deshalb die Erhaltung und Förderung der Disziplinen in ihrer Vielfalt und Vernetzung.


Stellungnahmen erbitten wir an:

Universitätspräsident Dr. Dr.h.c. Jürgen Lüthje: Edmund-Siemers-Allee 1, 20146 Hamburg
, Tel.: 42838-4475, Fax: 42838-6799

Dekan des FB 09 Prof. Dr. Bruno Reudenbach: Rothenbaumchaussee 67/69, 20148 Hamburg , Tel.: 42838-7188, Fax: 42838-6530

Wissenschaftssenator Jörg Dräger, Ph.D.: Behörde für Wissenschaft und Forschung, Hamburger Str. 37, 22083 Hamburg, , Tel.: 42863-2322, Fax: 42863-3722


Prof. Dr. Burkard Fehr (Klassische Archäologie)
Prof. Dr. Dieter Kurth (Ägyptologie)
Prof. Dr. Inge Nielsen (Klassische Archäologie, GD)
Dr. Jörg Orschiedt (Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie)
Prof. Dr. Renate Rolle (Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie)
Prof. Dr. Lambert Schneider (Klassische Archäologie)
Dr. Martina Seifert (Klassische Archäologie)
Prof. Dr. Ortwin Smailus (Mesoamerikanistik)

Quelle
http://www.archaeologie-online.de/cgi-bin/gforum/gforum.cgi?post=16539

Was bleibt von Hamburgs Uni?
Strukturreform: Renommierte Studiengänge sollen gestrichen, Institute geschlossen werden. Die Professoren befürchten einen Kahlschlag mit schlimmen Folgen.

Von Angelika Hillmer und Christoph Rind  

Hamburgs Universität im Wandel - welche Fächer werden gestrichen, welche Institute geschlossen? Auf der Abschussliste stehen das Institut für Pharmazie und das Archäologische Institut, die Studiengänge Sprachlehrforschung und Skandinavistik und der Arbeitsbereich Verhaltenslehre (Ethologie) im Zoologischen Institut. Dozenten und Professoren sprechen von einer "Provinzposse", von "Kahlschlag" und einer gewachsenen Kompetenz, die "zunichte gemacht wird".

Dozenten und Studenten wehren sich mit Streik und Unterschriftenlisten. Doch sie werden die Strukturreform nicht aufhalten können, die Wissenschaftssenator Jörg Dräger mit den Hochschul-Chefs vereinbart hat. Die Eckpunkte: weniger Studienanfänger, aber mehr Kandidaten, die bis zum Examen durchhalten, eine straffere Organisation und weniger Fächer. Eine Strategie: Fächer, die auch in Schleswig-Hostein angeboten werden, sollen möglichst an einem Standort konzentriert werden.

"Es hat Gespräche zwischen den Universitäten Hamburg und Kiel gegeben mit dem Ziel, unterschiedliche Schwerpunkte an den beiden Hochschulen zu setzen", sagt Universitätssprecher Peter Wiegand. Er betont, dass die anvisierten Schließungen weit geringer ausfallen als in den Vorschlägen der Dohnanyi-Kommission vorgesehen. "Dort war die Streichung von mehr als 20 Fächern angedacht." Uni-Präsident Jürgen Lüthje habe sich immer wieder zur Fächervielfalt bekannt.

Dennoch stößt die Auswahl auf Kritik. "Unser Dekan hat einen Brief von der Universitätsverwaltung bekommen, nach dem die Schließung unseres Instituts wahrscheinlich ist", sagt Dr. Jörg Orschiedt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Archäologischen Institut. "Wir sind ein Verbund aus vier Studiengängen. Diese innovative Struktur soll zerschlagen werden." Nur die klassische Archäologie soll in Hamburg bleiben, der Kunstgeschichte zugeordnet. Die Vor- und Frühgeschichte - in Kiel stark vertreten - würde in Hamburg wegfallen.

Auch das bei den Archäologen angesiedelte Lehr- und Forschungsfeld Mesoamerikanistik (Mittelamerikakunde) - einmalig in Norddeutschland - soll verschwinden, ebenso die Ägyptologie. Nachdem vor zwei Jahren die Altorientalistik gestrichen wurde (trotz Angebot einer privat gesponserten Professur), hätte Hamburg vier von fünf archäologischen Studiengängen verloren - "das ist keine maßvolle Reduktion, sondern Kahlschlag", heißt es.

Skandinavistik-Professor Dr. Kurt Braunmüller befürchtet sogar Nachteile für den Wirtschaftsstandort Hamburg. Er fragt, ob es sich die Stadt leisten könne, "die Tür nach Skandinavien zuzuschlagen". Braunmüller: "450 skandinavische Firmen sind in Hamburg vertreten. Unsere Absolventen sind bei ihnen gefragt."

Zwar werde auch in Kiel Skandinavistik angeboten, allerdings anders ausgerichtet. "Wir haben unser Studium vor 20 Jahren auf Sprachbeherrschung und praktische Nutzung umgestellt", so Braunmüller. Eben dieses Konzept liege den Dohnanyi-Vorschlägen zu Grunde, nach denen gegenwärtig umstrukturiert werde.

Warum sind es durchweg kleine Fächer, die wegfallen sollen? Ein Professor vermutet: "In kleinen Fächern ist nicht mit großem Widerstand zu rechnen. Aber mit Sachkunde hat diese Entscheidung nichts zu tun."

Auch Fächer, die nicht unmittelbar bedroht sind, müssen mit Problemen rechnen. Denn das Geld wird bald anders verteilt. Alle Etats werden um zwei Prozent gekürzt. Diese Mittel fließen in ein "Innovationsbudget", über das je zur Hälfte Hochschulleitung und Behörde verfügen. Sie sollen befristete Projekte finanzieren. Die Kehrseite: Für den laufenden Betrieb gibts weniger Geld. Da fragt sich Zoologie-Professor Dr. Lothar Renwrantz: "Wer unterrichtet dann die Studenten?" Seit 1999 seien allein bei der Zoologie zehn Lehrende ausgeschieden, in diesem Jahr gehen drei weitere in Ruhestand. "Nur eine Professur wurde wieder besetzt."

Auch die wissenschaftlichen Sammlungen des Zoologischen Museums sieht er gefährdet. "Die knappe Personaldecke erträgt keine weiteren Einbußen", heißt es in einem Memorandum der Zoologie-Lehrenden. 30 000 Hamburger und Touristen im Jahr besuchen die Schausammlung.

Wie geht es weiter? Der Akademische Senat und der neu gegründete Hochschulrat der Uni werden die Weichen stellen. Doch Fachbereiche, die den Vorschlägen der Unileitung nicht folgen, sollen eigene Alternativkonzepte vorlegen. Dagegen protestiert ein Professor: "Es ist doch nicht meine Aufgabe, Kollegen zum Schlachten freizugeben."

Bis Oktober dieses Jahres muss entschieden sein. Uni-Sprecher Wiegand: "Die Zusammenlegung der 18 Fachbereiche der Universität in sechs Fakultäten muss im Herbst abgeschlossen sein. Bis dahin muss klar sein, welche Studiengänge aufgegeben werden." Und den Studenten verspricht er: "Niemand muss deswegen an eine andere Uni wechseln."

Wer die Streichliste der Unileitung nicht akzeptiert, soll Alternativvorschläge machen. Ein Professor protestiert: "Es ist doch nicht meine Aufgabe, Kollegen zum Schlachten freizugeben."

erschienen am 23. Jan 2004 in Wissenschaft

Quelle
http://www.abendblatt.de/daten/2004/01/23/254140.html

beide via
http://www.geocities.com/TimesSquare/Alley/4482/EEFNEWS.html

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Kommentare zu diesem Artikel
JMK E-Mail28.01.2004 um 17:09:34
Paßt ja ins Bild: Vor gut 6 Monaten gab es auf Spiegel-Online ein Interview bezüglich der Forschungs-Zukunft Hamburgs. Ergebnis: 50% (!) der Geisteswissenschaften in Hamburg sollen nach Willen Einzelner geschlossen werden. Grund: Braucht eh' niemand!

Crossinger




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