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Tutanchamun: CT-Bericht
Einzelergebnisse veröffentlicht
Von Gitta am 10.03.2005 um 00:38:28 

Die Wissenschaftler, die an dem CT-Scan beteiligt waren, kamen am 3. und 4. März 2005 zusammen, um die Ergebnisse zu besprechen. Sie waren sich in fast allen Punkten einig.

Zusammenfassung

Zustand der Mumie
Die Mumie des Pharaoh ist in einer sehr schlechten Verfassung, hauptsächlich wegen der Zerstörungen, die durch Carters Mannschaft erfolgten. Der Körper ist in Einzelteile zerlegt; obere und untere Glieder sind abgetrennt. Viele Teile, die ursprünglich noch vorhanden waren, werden vermißt, obwohl im Sand einzelne lose Fragmente auszumachen sind. Knochen und Haut sind an vielen Stellen gebrochen. Die Arme des Königs, ursprünglich über der Brust gekreuzt, liegen nun an den Seiten.

Sterbealter
Tutanchamun war ungefähr 19 Jahre alt, als er starb. Die Aussage basiert auf folgenden Beobachtungen und auf modernen Entwicklungstabellen:

Die Verbindung der Epiphysen (Teile der Knochen, die für das Wachstum bis zu einem bestimmtem Alter verantwortlich sind), zeigen die  Entwicklung eines jungen Mannes von 18 bis 20 Jahren.

Alle Schädelnähte sind noch mindestens teilweise geöffnet.

Die Weisheitszähne sind nicht vollständig durchgebrochen.  Einer von ihnen (oben links) ist eingewachsen und dort zeigt sich eine geringfügige Dünnwandigkeit zur oberen Nebenhöhle. Dieses war nicht lebensbedrohend und es gibt keine Anzeichen von Infektion.

Allgemeiner Gesundheitszustand
Nach seinen Knochen zu urteilen, war der König im allgemeinen von guter Gesundheit (seine inneren Organe befinden sich - wie bei ägyptischen Mumien üblich - nicht mehr im Körper und wurden folglich nicht analysiert). Es gibt keine Zeichen von Unterernährung oder von ansteckender Krankheit während der Kindheit. Seine Zähne sind in ausgezeichnetem Zustand, und er scheint gut ernährt und behandelt worden zu sein.

Größe im Leben
Tutanchamun war ungefähr 170 Zentimeter groß, wie von den Abmessungen des Schienbeins extrapoliert wurde.  Er war von zartem Körperbau.

Schädelform
Tutanchamun hatte einen länglichen (dolichozephalen) Schädel. Die Schädelnähte sind nicht frühzeitig zusammengefügt. Demnach liegt wahrscheinlich eine normale anthropologische Veränderung vor, keine pathologische.

Gaumenspalte und Überbiß
Der König hatte eine kleine Spalte im Gaumen, jedoch keine Hasenscharte oder andere Gesichtsdeformationen. Seine untereren Zähne sind ein wenig falsch ausgerichtet. Er hat große vordere Schneidezähne und den Überbiß, der auch für andere Könige seiner Familie charakteristisch ist (die Linie der Tuthmosiden)

Skoliose
Es gibt einen geringfügigen Knick im Rückgrat, jedoch stimmen die Wissenschaftler darin überein, daß dieses nicht eine pathologische Skoliose ist, da es keine Verdrehung und keine dazugehörige Deformation der Wirbel gibt.  Es ist am wahrscheinlichsten, dass der Knick durch die Positionierung beim Balsamieren verursacht wurde.

Gehirnextraktion
Die nasalen Scheidewände wurden durch die Balsamierer zerstört und das Gehirn wurde durch die Nase extrahiert.

Einbalsamieren des Kopfes

Wahrscheinlichste Verfahrensweise
Alle Wissenschaftler stimmen zu, basierend auf den mit  unterschiedlicher Dichte erscheinenden Materialien und der Weise, in denen die Einbalsamierungsflüssigkeiten (jetzt vollständig verfestigt) erscheinen, dass verschiedene Arten dieser Flüssigkeiten mehrmals durch die Nase in den Schädelraum eingeführt wurden.  Anfangs lag der Körper auf seiner Rückseite und die Einbalsamierungsflüssigkeit lief an der Rückseite des Schädels zusammen. Später wurde der Kopf irgendwie angekippt und die Einbalsamierungsflüssigkeit lief am oberen Schädel zusammen.

Mögliche andere Verfahrensweise
Ein Teile des Teams sieht einen anderen Weg, durch den die Einbalsamierungsflüssigkeit in den unteren Schädelraum gelangte, nämlich durch die hintere Schädelhöhle. In diesem Bereich gibt es zwei Schichten verfestigten Materials mit einer anderen Dichte als im oberen Bereich.  Der oberste Wirbel und die große Öffnung an der Unterseite des Schädels sind zerbrochen. Dies könnte geschehen sein um eine Öffnung zu erhalten, durch die die Einbalsamierungsflüssigkeit ins Innere gegossen wurde, oder aber auch von der Mannschaft Carters verursacht worden sein, als sie den Kopf von der Totenmaske entfernte.  Die Meinungen des Teams ist hier geteilt. Ein Teil sieht keinen Beweis für einen Einbalsamierenweg durch die rückwärtige Schädelöffnung und bleibt bei der Einbalsamierung durch die Nase bei der Beschädigung durch Carter.

Die Mord-Theorie.
Das gesamte Team stimmt darin überein, dass es am Schädel von Tutanchamun keinen Beweis für den Mord gibt. Es gibt keinen Bereich auf der Rückseite des Schädels, der einen teilweise verheilten Schlag anzeigt. Es gibt zwei Knochenfragmente, die sich lose im Schädel befinden. Diese können nicht von einer Verletzung vor dem Tod herrühren, da sie am Einbalsamierungsmaterial haften. Die Wissenschaftler sehen diese Teile zusammen mit dem zerbrochenen oberen Wirbel und glauben, dass diese entweder während des Einbalsamierungsprozesses oder durch die Mannschaft Carters verursacht wurden.

Gebrochenes Bein?
Das Team hat einen Bruch des linken unteren Oberschenkels, auf dem Niveau der Epiphyse, bemerkt. Dieser Bruch sieht anders aus als die vielen Brüche, die von der Mannschaft Carters verursacht wurden:  er hat zackige anstatt scharfer Ränder, und es gibt im Inneren zwei Schichten von Einbalsamierungsmaterial. Ein Teil des Teams sieht darin einen Hinweis, dass dieses nur entweder noch zu Lebzeiten oder während des Einbalsamierungsprozesses geschehen sein und nicht von der Mannschaft Carters verursacht worden sein kann. Sie merken an, daß diese Art von Brüchen, anders als die meisten anderen, bei jungen Männern kurz vor dem 20. Lebensjahr möglich sind und argumentieren, dass ein Bruch zu Lebzeiten am wahrscheinlichsten sei. Es gibt keinen offensichtlichen Beweis für einen Heilungsprozess, wenn auch die Möglichkeit besteht, dass es welche gibt, die jedoch durch das Einbalsamierungsmaterial verdeckt sind. Sollte die Hautwunde noch geöffnet gewesen sein, müsste  dieser Bruch nur kurze Zeit, also Tage, vor dem Tod geschehen sein. Carters Team hatte bemerkt, dass die Kniescheibe dieses Beines lose war (sie ist jetzt vollständig abgetrennt und war eigentlich mit der linken Hand eingewickelt gewesen). Mögliche weitere Beschädigungen an diesem Teil des Körpers sind dadurch nicht auszumachen. Der Teil des Teams, der zu dieser Theorie neigt, sieht auch einen Bruch der rechten Kniescheibe und rechten untereren Beines. Darauf basierend schlagen sie vor, dass der König einen Unfall erlitten haben kann, bei dem er sich einen schweren Bruch zuzog mit offener Wunde. Obgleich der Bruch selbst nicht lebensbedrohend gewesen sein würde, könnte sich eine innere Infektion eingestellt haben. Es ist auch möglich, jedoch wenig wahrscheinlich, dass der Bruch durch die Balsamierer verursacht wurde.

Kein gebrochenes Bein?
Ein anderer Teil der Wissenschaftler glaubt, das das oben beschriebene Szenario absolut nicht möglich ist. Sie bleiben dabei, dass der Bruch nur von der Mannschaft Carters während der Entnahme des Körpers aus dem Sarg verursacht worden sein kann. Sie argumentieren, dass, wenn solch ein Bruch im Leben erlitten worden wäre, vieles für Blutungen oder Hämatome sprechen würde, die im CT-Scan jedoch nicht vorhanden sind.  Sie glauben, daß die Einbalsamierungsflüssigkeit von der Mannschaft Carters in den Bruch gedrückt wurde.

Fehlende Rippen und Brustbein.
Das Brustbein und ein großer Prozentsatz der vorderen Rippen fehlen, ebenso wie ein großer Teil des vorderen Brustkorbes. Die Enden der fehlenden Rippen sind sauber, offenbar durch ein scharfes Instrument, abgeschnitten.  Das Team stimmt darin überein, daß dies kein Trauma gegen den Brustkorb widerspiegeln kann, da ein solches Trauma auch anderweitig im Körper reflektiert worden wäre (besonders an den Wirbeln). Die Meinung unter den Wissenschaftlern ist geteilt, ob die Rippen und das Brustbein nun von den Balsamierern oder von der Mannschaft Carters entfernt wurden. Carter erwähnt nicht, dass die Rippen und das Brustbein fehlten. Auf ersten Fotos aus dieser Zeit sind ein Perlenkragen und eine Perlenkette zu sehen, die den Brustkorb bedecken. Folglich ist es möglicherweise wahrscheinlicher, dass dieser Bereich des Körpers, der jetzt vollständig fehlt, von der Mannschaft Carters entfernt wurde, um die vorhandenen Schmuckstücke zu entnehmen (obwohl er selbst es nicht erwähnt). Weitere Untersuchungen sollen Klarheit in diese Angelegenheit bringen.

Einbalsamierungsprozess
Das Team stellt wegen des Vorhandenseins von mindestens fünf unterschiedlichen Arten von Einbalsamierungsmaterial und des Ablaufes in mehreren Schritten fest, dass die Mumifizierung sehr sorgfältig vorgenommen wurde. Das widerspricht der Argumentation, der König sei sehr hastig und nachlässig mumifiziert worden.

Fehlender Penis
Obgleich sie nicht sicher sein können, glauben die Wissenschaftler, dass sie den Penis des Königs im losen Sand um den Körper lokalisiert haben, der zu Carters Zeiten noch präsent war, bei einer  Prüfung 1968 jedoch nicht mehr augefunden wurde. Es gibt dort auch viele weitere Fragmente, die zu anderen fehlenden Teilen (z.B. einem Daumen) gehören könnten.

Aus dem Englischen übersetzt nach  guardians.net (via EEF). Dort gibt es auch einige Fotos.

Soviel also zu einer minuziösen Sektion eines Menschen. Das möchte ich bei aller Liebe zur Wissenschaft nicht vergessen (es wurde mir beim Schreiben mehr und mehr bewusst) und ich stimme deshalb Zahi Hawass zu: "Möge er nun endlich in Frieden ruhen"

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Kommentare zu diesem Artikel
Irjnefer_d.J. E-Mail25.03.2005 um 18:03:09
Well, Gitta,
woran - wenn wir keine Beweise für Gewalteinwirkung haben - ist der junge König gestorben ?



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