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  Ägyptologie Forum
   Jenseitsglaube & Totenkult (208)
   Tekenu (10)
  Autor/in  Thema: Tekenu
Hetepheres  
Gast

  
Tekenu 
« Datum: 21.07.2003 um 10:46:48 »     

Weiss jemand, was es mit der sitzenden oder liegenden Gestalt auf sich hat. Handelt es sich um ein Menschenopfer oder hat diese Figur nur symbolische Bedeutung?
In der Nekropole von Abydos wurden beim Grab von Hor-Aha die Überreste von 7 Löwen und 33 Menschen gefunden. In einer weiteren Katakombe wurden 200 menschliche Skelette gefunden. Das läßt den Schluß zu, das es sich hier um Menschenopfer handelt.  
Da man später davon abging, ist der Tekenu vielleicht noch ein Relikt aus dieser Zeit. Weiß da jemand mehr??
Danke!
Vera  
Gast

  
Re: Tekenu 
« Antwort #1, Datum: 21.07.2003 um 11:26:35 »     

Hallo
Da ich gerade anwesend bin, antworte ich mal, oder vielmehr das Lexikon aus dem Forum hier *g*
Eine beim "Butischen Begräbnis" auf einem Schlitten mitgeführte, in ein Fell eingewickelte Gestalt. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um ein Abbild der Leiche, die in urtümlicher Bestattungsweise (Hocker, Fellumwicklung) als Zeremonialgegenstand mitgeführt wurde.
Später hat man darin anscheinend eine Erscheinungsform des Toten gesehen, die es diesem ermöglichte, bestimmte Orte in der jenseitigen Welt aufzusuchen.

> Quelle: nach. Helck/Otto, Kleines Lexikon der Ägyptologie

Sonnige Grüsse
Vera
> Antwort auf Beitrag vom: 21.07.2003 um 10:46:48  Gehe zu Beitrag
Hetepheres  
Gast - Themenstarter

  
Re: Tekenu 
« Antwort #2, Datum: 21.07.2003 um 11:55:35 »     

Danke!
Spitzenerfindung das Lexikon!!
Das Problem ist nur, das sich die Ägyptologen selbst nicht einig sind.
Beispiele:
.... mit einem Schlitten, auf dem sich ein sogenannter Tekenu befindet, ein Priester, eingenäht in ein Tierfell, aus dem er später "ausbrechen" wird, möglicherweise eine Wiedergeburtssymbolik.

Das bei Bestattungszeremonien auf einem Schlitten mitgezogene in eine Tierhaut eingewickelte Wesen, das tekenu genannt wird, scheint ein symbolisches Überbleibsel der prähistorischen Menschenopfer zu sein.

Verner schreibt auch, das früher die Version mit dem Menschenopfer kursierte. Heute eben nicht mehr. Aber etwas genaues weiß man demnach nicht.
> Antwort auf Beitrag vom: 21.07.2003 um 11:26:35  Gehe zu Beitrag
semataui  maennlich
Member

  

Re: Tekenu 
« Antwort #3, Datum: 21.07.2003 um 12:55:42 »   

Hi,

Zitat:
In der Nekropole von Abydos wurden beim Grab von Hor-Aha die Überreste von 7 Löwen und 33 Menschen gefunden. In einer weiteren Katakombe wurden 200 menschliche Skelette gefunden. Das läßt den Schluß zu, das es sich hier um Menschenopfer handelt.


Ich glaube nicht, dass man hier von "Menschenopfern" sprechen kann. Richtig ist, dass in der 1. Dynastie die Abydos-Gräber der Könige von zahlreichen Nebengräbern umgeben sind. Mitbestattet wurden königliche Bedienstete, und man vermutet, dass diese freiwillig ihrem Gottkönig in den Tod gefolgt sind um ihm weiter zu dienen (wenn auch vielleicht nicht alle).
Nach Hor Ka-a (nur noch 26 Nebenbräber) hat diese Sitte aufgehört.
Nachdem das butische Begräbnis dem Namen nach seinen Ursprung in Unterägypten hat, glaube ich nicht, dass die oberägyptischen Thinitenkönige dies in Abydos eingeführt haben.
Aber vielleicht gibt´s neuere Quellen?
Gruss
semataui  
> Antwort auf Beitrag vom: 21.07.2003 um 11:55:35  Gehe zu Beitrag
Gitta  
Gast

  
Re: Tekenu 
« Antwort #4, Datum: 21.07.2003 um 13:19:01 »     

Ich kenne solche Begräbnisse aus Mittel-Kerma = etwa zeitgleich mit dem MR Ägypten (ich kenne sie natürlich nicht, sondern habe davon gehört ):

Kerma

Eine Verbindung zu Ägypten dürfte es aber in dieser Hinsicht nicht geben, meine ich.

Die Bedeutung des Tekenu ist glaub ich noch reichlich unerforscht, mangels Quellen. Davies sieht darin eine Erinnerungsfunktion an frühe Hockerbestattungen. Häufig gibt ein Selket-Priester das Geleit.

Bei Bonnet findet sich eine ziemliche lange Eintragung zum Tekenu. Falls Interesse besteht, stelle ich sie hier gern mal ein.

Gitta
> Antwort auf Beitrag vom: 21.07.2003 um 12:55:42  Gehe zu Beitrag
heka-waset  maennlich
Member

  

Re: Tekenu 
« Antwort #5, Datum: 24.10.2003 um 19:28:58 »   

MMH! Das Thema ist schon ganz schön alt aber ich habe nun bei Hornung gelesen, dass es sich beim tekenu auch um die restlichen Organe, eingenäht in einen Ledersack, handeln könnte.
> Antwort auf Beitrag vom: 21.07.2003 um 13:19:01  Gehe zu Beitrag
Kerstin  
Gast

  
Re: Tekenu 
« Antwort #6, Datum: 10.11.2003 um 13:16:57 »     

Hallo Gitta,

dieser Tread ist zwar schon ein paar Monate alt, ich habe ihn aber erst vor kurzem entdeckt. Da mich das Thema interessiert, würde ich mich freuen, wenn Du die Erklärung von Bonnet reinstellen könntest (d. h., wenn es nicht zu aufwändig ist).

Vielen Dank vorab.

Kerstin
> Antwort auf Beitrag vom: 21.07.2003 um 13:19:01  Gehe zu Beitrag
Gitta  
Gast

  
Re: Tekenu tekenu.txt - 5,70 KB
« Antwort #7, Datum: 16.11.2003 um 12:47:50 »     

Hier nun anliegend der Text als einfaches txt.-Dokument

Gitta
> Antwort auf Beitrag vom: 11.11.2003 um 12:49:39  Gehe zu Beitrag
Iufaa  maennlich
Moderator

  

Re: Tekenu 
« Antwort #8, Datum: 16.11.2003 um 12:52:06 »   

Hans Bonnet, Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschicht, Verlag Walter de Gruyter, 3. Auflage (unveränderter Nachdruck von 1952), ISBN 3-11-016884-7, Seiten 774ff

Tekenu

Bei den Beisetzungsriten, wie wir sie auf Grabwänden und Särgen dargestellt finden, spielt seit dem M. R. ein eigenartiges Gebilde, das T. heißt, eine Rolle. In seiner Wiedergabe gehen die Darstellungen auseinander. Die älteren geben es als einen hockenden Mann, der bis auf den frei aufragenden Kopf in ein gestreiftes Gewand, also wohl ein Fell, gehüllt ist (Davies, Antefoker, pl. 22; JEA 11 pl. 5) oder unter Weglassung des Kopfes als eine Art Sack (Quibell, Ramesseum pl. 9); die jüngeren zeichnen es zumeist als ein etwa birnförmiges Bündel (Abb. 30), seltener als einen nackten Mann mit angezogenen Beinen und Armen und einem zur Erde gewendeten Gesicht (Davies, Five Theban tombs pl. 2,8). Gelegentlich wachsen ein Armpaar und ein Haupt in der gleichen Haltung aus dem Bündel heraus (Virey, Rekhmara pl. 26). Die Bilder ergänzen sich gegenseitig; denn ihnen allen geht es um den gleichen Gegenstand; nur die Art, in der sie sich seiner bemächtigen, ist verschieden. Die einen verweilen bei der äußeren Form, die anderen machen den Inhalt sichtbar oder deuten wenigstens auf ihn hin. Der T. ist demnach ein in sich zusarr mengekrümmter, in ein Fell gewickelter Körper; er erinnert damit ohne weiteres an die alte Sitte der Hockerbestattung. Davies (Five Theban tombs p. 10) warf denn auch die Frage auf, ob er nicht ein "ceremonial survival" der letzteren sei. Sie ist gewiß zu bejahen; denn der T.Ritus ist alt und geht ohne Frage weit über das M. R. zurück. Wahrscheinlich wird er in den Bereich des uralten butischen Bestattungsrituales (s. Beisetzung) gehören, unter dessen Zeremonien er ja auch oft genug dargestellt ist. Auf Unteräg. als seine Heimat deutet jedenfalls eine leider stark verstümmelte Beischrift (Gardiner, Amenemhet p. 51), in der von den "nördlichen Gauen" sowie von einem Priester der in Unteräg. beheimateten Selket die Rede ist, wie denn auch sonst ein solcher in dem Geleit des T. eine Rolle spielt. Bewahrte man die alten Riten im Gedächtnis, so mußte man es schließlich auch mit der Bestattungsart tun.

Schwieriger ist die Frage nach der Bedeutung zu klären, die man. in geschichtlicher Zeit dem T. beimaß. Neben Sarg und Kanopenkasten wird er von Männern auf einem Schlitten zum Grabe gezogen, "zum Westen, zum Land mit süßem Leben, zu dem Ort, an dem du sein sollst" (Tylor-Griffith, Tomb of Paheri pl. 5). Was dann weiter am Grabe mit ihm geschieht, wird nicht recht deutlich. Nach einer arg zugerichteten Bilderreihe scheint man ihn den Opfern von Rindern und Ausländern eingereiht zu haben, die man am Grabe darbrachte und ihn schließlich in einer Grube versenkt zu haben (Davies, Five Theban tombs pl. 7-10, insbes. 8). Man sieht darum in dem T. vielfach ein symbolisches Menschenopfer (Wb. V. 335; Tylor-Griffith a.0. p. 21). Freilich wird man dabei der doch offensichtlich vorhandenen Beziehung des Toten zum T. noch nicht gerecht. Kees (Totenglauben 332) rechnet darum mit der "Möglichkeit, daß der T. eine Darstellung des Toten in seiner üblen Bedeutung sein soll, gleichsam ein Ersatzbild, an das sich die bösen Mächte, die im Tode über den Menschen Macht gewonnen haben, anheften sollen, damit der wirkliche Körper davon frei bleibt, also eine Art Sündenbock".

Andererseits hören wir aber von Segnungen, die dem Toten durch den T. zuteil werden. "Gehen lassen zu der Stadt der Tierhaut als T., unter ihr schlafen im See des Chepre" heißt es in einer Beischrift zu einem Bilde, das den T. auf einem Bett ruhend zeigt (Virey, Rekhmara pl. 26). Zu beseeligenden Jenseitsstätten soll also der Tote durch den T. geführt werden. Denn der See des Chepre kann nach seinem Namen kaum etwas anderes sein als ein Ort neuen Werdens. Dazu stimmt, daß nach einem anderen Bild des gleichen Grabes unmittelbar neben ihm ein "See der Heket", der Geburtsgöttin, liegt. Ebenso erinnert der Name "Stadt der Tierhaut" (äg. m§k3) an den der Mesket, einer Himmelsgegend, nach der der Tote verlangt und die nach Sethe (Komm. zu Pyr. 279) vielleicht die Milchstraße ist. Verlockt durch den Gleichklang, der auch manche Ägyptologen beide Begriffe zusammenwerfen ließ, scheint man also den alten Namen umgedeutet und auf das Fell bezogen zu haben, unter dem der T. ruht. Damit käme auch diesem eine gewisse Bedeutung zu. Welcher Art sie ist und wie man sich das Neuwerden dachte, das das Schlafen am See des Chepre offenbar wirkt, läßt sich nicht sagen. Maspero (M(-m. Miss. 5, 453) sprach die Vermutung aus, daß der Ritus auf eine "renaissance de 1'homme par le passage ä travers une peau de boeuf" hindeute. Moret (Mysteres (-g. 42; s. a. Lefebure, Sphinx 8, 1'7) nahm diese Hypothese auf und baute sie weiter aus, indem er den T. mit dem Foetus in Beziehung setzte und in ihm den Toten aus der Tierhaut zu neuem Leben geboren werden läßt. Trotz offenbarer Fehldeutungen und auch mancher Übersetzungsfehler hat diese Theorie viel Anklang gefunden. Thomas (Anc. Eg. 1923, 3 ff, 46 ff) suchte sie durch Hinweise auf magische Fellriten außerhalb Ag.s zu stützen und van der Leeuw (Studi e Materiali di Storia delle Rel. 14,164) fügte den Gedanken der Wiedergeburt mit dem des Opfers zusammen. Die Beseitigung des Bösen macht der Neugeburt Raum.

Alle diese Theorien überschätzen bei weitem die Tragfähigkeit des Materiales. Wer es nüchtern betrachtet, wird Zurückhaltung üben und vorerst lieber auf ein volles Verständnis des T.-Ritus verzichten. Unsicher ist auch die Bedeutung des Wortes T. Es könnte allenfalls von dem Stamm tkn sich nahen abgeleitet sein und würde dann etwa "der Nahende" bedeuten. Jedenfalls liegt kein Anlaß vor, in T. ein Fremdwort oder die Bezeichnung eines Fremdvolkes (Lefebure, Sphinx 3, 150) zu sehen.

Habe Gitta´s Text mal umformatiert, da ich ihn nicht lesen konnte.

Iufaa
« Letzte Änderung: 16.11.2003 um 12:54:32 von Iufaa »
> Antwort auf Beitrag vom: 16.11.2003 um 12:47:50  Gehe zu Beitrag
Iufaa  maennlich
Moderator

  

Re: Tekenu Tekenu.zip - 2,78 MB
« Antwort #9, Datum: 16.11.2003 um 13:27:59 »   

Und zur Ergänzung noch ein Artikel von Greg Reeder über das

"Tekenu",

kmt, Vol 5,3, 1994

Gruss, Iufaa


8 Bilder im ersten Anhang - ZIP
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> Antwort auf Beitrag vom: 16.11.2003 um 12:52:06  Gehe zu Beitrag
Thema wurde als gelöst markiert. Vielen Dank für eure Beiträge :-).
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