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   Pharao & Hofstaat (290)
   Der Pharao und das Volk (18)
  Autor/in  Thema: Der Pharao und das Volk
Gitta  
Gast

  
Re: Der Pharao und das Volk 
« Antwort #15, Datum: 19.01.2003 um 14:34:53 »     


Zitat:
Wir dürfen allerdings nicht vergessen, der Pharao war nunmal "kein gewöhnlichwer Mensch". Aber wenn Du beim Bundeskanzler zum Sprechtag möchtest, dürfte das auch nicht so einfach werden


Richtig. Und da ich es in letzter Zeit ja mit mit Rezitationen habe, hier ein - wahrscheinlich wieder viel zu langer - Text, der einen guten Einblick zur Nähe oder Ferne von Pharao zu seinem Volk gibt (aus "Pharao - Sohn der Sonne" von M.-A. Bonheme und A. Forgeau):

So wie zwischen dem König und den Göttern immer ein Wesensunterschied bestehen bleibt, so gibt es aber auch eine Distanz zwischen dem Pharao und allen andern Menschen. Wenn sich der König in der Öffentlichkeit zeigt, sei es im Palast oder während einer Reise, so stellt er die ihm innewohnende göttliche Würde dar. In einer Gegenwart «beschnuppern» die Höflinge den Boden und der Jubel nimmt kein Ende. «Ich habe sehr große Anbetungen gemacht und Lobpreisungen bis zum Ersticken: ich habe gejubelt, weil man mich den Boden berühren ließ, mein Kopf hat den Himmel durchstoßen: ich habe den Bauch der Sterne aufgekratzt (... ). Meine Stadt war im Fest, meine Truppen jubelten (... ), die Greise und die Kinder waren im Jubel»: so heftig war nach einem Bericht des Prinzen von Assuan, Sarenput, seine eigene und die Reaktion seiner Umgebung, als Sesostris I. (ca. 1960-1926) nach Assuan kam. Die Quellen fließen allerdings spärlich, wenn es um die Frage der Etikette am königlichen Hof geht. Einige wenige Privilegierte, etwa Amenophis, Sohn des Hapu, der Baumeister von Amenophis III., erhielten das Vorrecht, bei ihren Begegnungen mit dem König zu sitzen, was darauf hinweist, daß die Mehrzahl der Würdenträger mit dem Herrscher nur in der Stellung der Niederwerfung verkehrte. Schon das Schreiten des Königs verbreitet Wellen heiliger Energie, so daß der Hymnus, der sein Erscheinen begrüßt, vor dieser magischen Ausstrahlung warnt: «Paß auf Erde, der König kommt.» Ganz ähnlich dient das Beweihräuchern der Uräusschlange dazu, ihre schreckliche Kraft zu verringern. Daß der König bis in die Mitte der 18. Dynastie auf allen offiziellen Abbildungen immer nur mit nackten Füßen dargestellt ist, zeigt, welche Bedeutung dem direkten Kontakt zwischen dm Körper des Königs und der Erde beigemessen wurde. Das Amt des Sandalenträgers ist übrigens eines der am frühesten (um 3000) belegten: auf der Reichseinigungspalette erscheint hinter dem Bild König Narmers ene kleine Figur, die seine Sandalen trägt. Von den Insignien der Macht, den Kronen, Szeptern und Keulen, geht eine übernatürliche Kraft aus, weil sich in ihnen der heilige Charakter des Königtums zeigt. Für die Kronen gab es sogar einen speziellen Kult. Rawer, ein Privatmann aus der 5. Dynastie, berichtet in seinem Grab, wie er mit seinem Bein versehentlich an das Szepter des Königs stieß und wie dieser alle negativen Folgen dieser Berührung reit den Worten «sei heil» vertrieb. Für Rawer war diese Begebenheit wichtig genug, daß er sie in seiner Autobiographie im Grab erwähnt.

Alle Dienstleistungen, die den König persönlich betreffen, werden von Familienmitgliedern übernommen, denn die Blutsverwandtschaft sollte vor jeder Entweihung schützen. ln den Anfangszeiten des Königtums wurden auch alle wichtigen Posten in der Verwaltung mit Mitgliedern des Königshauses besetzt. Obwohl mit der Zeit die Beamtenschaft enorm anwuchs und dann auch mehrheitlich Personen aus dem Volk umfaßte, erhielt sich doch die Vorstellung, daß der Pharao einen Teil seines göttlichen Wesens an seine Stellvertreter delegiere; deshalb rühmten sich die eifrigsten unter ihnen, «die Augen und die Ohren» des Herrschers zu sein. Besonders deutlich drückt dies der Anführer einer Expedition ins Wadi Hammamat aus: «Mein Herr, er lebe, sei heil und gesund. der König Nebtauire (Mentuhotep Ill.), begabt mit Leben für immer, hat mich geschickt, wie ein Gott seine Glieder ausschickt».

Es ist leider nicht möglich, aus den ägvptischen Quellen einen Tagesablauf des Königs zu rekonstruieren. Der Bericht Diodors (170) über den Tagesablauf des Pharao kann nicht ohne Einschränkungen für wahr genommen werden, weil er reale Verpflichtungen, wie etwa das tägliche Abhalten von Audienzen, mit Elementen aus dem täglichen Götterkult, den normalerweise die Priester ausführen, vermischt. Auch seine Bemerkungen über die spezielle Diät, die der Herrscher zu beachten habe, nämlich «Kalbfleisch, Ente und ein wenig Wein», haben vermutlich mehr mit der Beachtung bestimmter Speise-Tabus zu tun: daß es solche Tabus gab, läßt sich aus der Weigerung Pianchis (um 730) ablesen, seine Feinde zu empfangen, und zwar mit der Begründung, daß «sie beschnitten sind und Fisch essen». Sehr wahrscheinlich darf man aber den Beobachtungen Diodors Glauben schenken, daß der Tagesablauf des Königs streng geregelt war: «Nicht nur die Zeit für das Abhalten von Audienzen und für die Rechtsprechtmg war festgelegt, sondern auch, wenn er spazieren ging, sich badete oder mit seiner Frau schlief, kurz für alle Tätigkeiten seines Lebens».

Eine Untersuchung der höfischen Titel zeigt die Bedeutung, die den Zeremonien beim Erwachen und Aufstehen des Königs beigemessen wurde. Die Körperpflege des Herrschers und seine rituelle Reinigung im Tempel, bevor er der Gottheit gegenübertritt, erneuern seine heiligen Kräfte, die während der Nacht abgenommen haben. Danach werden ihm feierlich seine Kleider, seine Perücken und die Insignien der Macht vom «Vorsteher des königlichen Leinens», vom «Vorsteher der Friseure des Königs» und vom «Beamten des Diadems» überreicht. Im großen Ganzen ahmen alle diese Zeremonien gegenüber dem König die Kulthandlungen des Königs vor der Götterstatue im Allerheiligsten nach.


Ende Teil 1
> Antwort auf Beitrag vom: 19.01.2003 um 13:30:51  Gehe zu Beitrag
Gitta  
Gast

  
Re: Der Pharao und das Volk 
« Antwort #16, Datum: 19.01.2003 um 14:37:08 »     

Teil 2

Der königliche Palast soll ja auch tatsächlich ein Abbild des Himmels sein, so daß der König wie die Sonne in ihm erscheinen kann. Der Palast von König Djedkare (um 2400) heißt «der Lotus von Djedkare», womit er auf das Bild des jungen Sonnenkindes anspielt, das auf einer Lotusblüte aus dem Ursumpf auftaucht. Diese Art der Namengebung entspricht der Sprache des Rituals im Tempel, wenn von der Götterstatue gesagt wird, sie ruhe in ihrem Horizont, dessen Türen jeden Morgen geöffnet werden: «Der Palast der Stadt gleicht den beiden Horizonten des Himmels, und Ramses, geliebt von Amun, ist in ihm wie ein Gott; Month in den beiden Ländern ist sein Herold, die Sonne der Prinzen ist sein Wesir; Freude für Ägypten, geliebt von Amun, ist sein König». Diese Beschreibung des Palastes von Ramses II. (ca. 1290-1224) in seiner neuen Hauptstadt «Ramses-Stadt» suggeriert, daß der König in seinen vier Kolossalstatuen, von denen jede einen Kultnamen trägt, anwesend ist.

Seit dem Alten Reich gibt es eine kleine Gruppe von etwa zehn Herrschern, die - über den Totenkult hinaus, der jedem verstorbenen König zukam - von ihren Nachkommen, von gewissen Ortschaften oder von bestimmten Berufsgruppen wie Heilige verehrt wurden. Ein solcher Kult ist dann kein königliches Vorrecht, da in gleicher Weise auch einige Privatleute im Gedächtnis der späteren Zeit weiterlebten, etwa die Architekten lmhotep (um 2660) und Amenophis (ca. 1438-1412), Sohn des Hapu, und einige Gaufürsten des Alten Reiches. Sie wurden in verschiedener Form verehrt: man baute kleine Tempel oder Kapellen für sie, stellte Votivstatuen und Stelen für sie auf, beauftragte Priester mit ihrem Kult und vollzog Prozessionen mit ihren Abbildern. Diese Vergöttlichung setzt aber erst nach dem Tod ein und ist die letzte Konsequenz aus dem Glauben an ein Weiterleben des Verstorbenen an der Seite der Götter, wo er selbst in ein göttliches Wesen mit übernatürlichen Kräften verwandelt wird. Spezielle Lebensumstände und Leistungen bewirken, daß einige wenige Menschen sich von der Masse der Verstorbenen abheben und auch nach dem Tod ein besonderes Schicksal haben.

Im Neuen Reich organisiert der König schon zu seinen Lebzeiten die Verehrung seiner eigenen Statuen. Sein Bild steht dann neben dem der Götter im Tempel oder erhält im Tempel der Millionen Jahre einen eigenen Kult. Trotzdem aber beansprucht der Herrscher keine absolute Göttlichkeit für sich. Auf den Reliefs, die den König beim Kult zeigen, ist er in ein irdisches Wesen, das die Kulthandlungen ausführt, und in eine himmlische Erscheinung, die die Zeitlosigkeit der Monarchie verkörpert, aufgespaltet. Diese Verdoppelung entspricht der Trennung der königlichen Titulatur in zwei Kartuschennamen, von denen ebenfalls der eine den Menschen aus Fleisch und Blut und der andere das vergöttlichte Bild des Herrschers meint. Ganz deutlich zeigt sich diese wechselseitige Beziehung auf einem Relief von Hatschepsut in der Kapelle von Karnak, wo die Königin abwechselnd unter den Namen Hatschepsut vor ihrer göttlichen Erscheinung «Maatkare, geliebt von Amun» Weihrauch verbrennt oder als Maatkare die Statue von Hatschepsut beweihräuchert.

Gleichermaßen richtet sich die Anbetung der Privatleute an die Statuen des Herrschers und nicht an seine physische Person. Der Kult für die Kolossalstatuen des Königs am Eingang der Tempel unterscheidet sich immer von den Ritualen, die im Innern des Tempels stattfinden. Weil den Gläubigen der Zutritt in den Tempel verwehrt war, kann der übernatürliche Wesensanteil des Königs, der sich in seiner Statue verkörpert, zugunsten der Menschen bei den Göttern vermitteln. Häufig sieht man auf den Stelen bei den Kolossalstatuen den Besitzer dargestellt, der kniend die Aufmerksamkeit «des großen Gottes, der die Gebete erhört» erbittet und sein Anliegen mit der Zeichnung von vier großen Ohren noch unterstreicht. Hier ist es die Aufgabe des Königs, den Göttern die Bitten zu Überbringen.

Das ist überhaupt der Sinn der Institution der Monarchie in Ägypten: Mit Hilfe seiner doppelten Natur als: Mensch und als Sohn der Götter garantiert der König ein harmonisches Zusammenleben zwischen den Göttern und den Menschen. Deshalb läßt sich die Identität des Pharao nicht auf der Ebene seines Wesens erfassen: wenn wir uns der fast unendlichen Möglichkeiten seiner Eigenschaften bewußt werden. kommen wir ihm viel näher.
> Antwort auf Beitrag vom: 19.01.2003 um 14:34:53  Gehe zu Beitrag
Gitta  
Gast

  
Re: Der Pharao und das Volk 
« Antwort #17, Datum: 19.01.2003 um 14:41:58 »     

Und hier noch ein Text zur Einsetzung von Wesiren, der man ganz gut entnehmen kann, wie die Ägypter es mit Recht und Gerechtigkeit hielten (aus "Die Weisheitsbücher der Ägypter" von Hellmut Brunner)

Der Text ist- abgesehen von geringen Lücken - vollständig erhalten im Grab (Theben Nr. 100) des Wesirs Thutmosis' III. mit Namen Rechmire. Fragmente desselben Textes in zwei anderen Gräbern zeigen, daß es sich nicht um eine einmalige Rede, sondern um einen tradierten Text handelt, der in einer gewissen Periode jedesmal, wenn es galt, einen neuen Wesir in sein Amt einzuführen, vom König gesprochen wurde. Der Wesir war der höchste Beamte des Landes, zuständig für die gesamte Verwaltung, auch, da die moderne Gewaltenteilung unbekannt war, für die Rechtsprechung. Aus anderen Texten wissen wir, daß der neuernannte Wesir in einer Thronsitzung in Anwesenheit aller hohen Beamten feierlich vor den König geführt wurde. Dort wurden die unten übersetzten Worte an ihn gerichtet. Der bewegende Moment in seinem Leben dürfte nicht ohne Eindruck geblieben sein.

Der König spricht nur von Pflichten, nicht ein einziges Mal von Rechten. Gebunden wird dieses verantwortungsvollste aller Ämter zunächst an die Maat, an Gottes Ordnung der Welt. Diese aber bleibt nicht der Einfühlung oder auch nur den Überlegungen des Wesirs überlassen, sondern sie hat sich niedergeschlagen in umfangreichen «Gesetzen», besser, da Ägypten wohl nur ein «case law» kannte, in früheren Entscheidungen, die rechtsetzend waren. Immer wieder wird der Wesir vor eigenmächtigen Entscheidungen gewarnt, solange es Präzedenzfälle oder Gesetze gibt. Er wird also nicht nur an die abstrakte Maat, sondern konkret an die Gesetze und die Tradition gebunden. Ägypten ist ein Rechtsstaat mit erheblicher Rechtssicherheit für den Rechtsuchenden - wenigstens im Ideal; daß die Praxis gelegentlich sehr anders ausgesehen hat, davon zeugen viele Alltagsdokumente. Aber hat nicht auch dies Ideal seine normative Wirkung?

Es scheint, daß der Wesir in seinem Büro sich nur mit Zivilsachen befaßte, nicht mit Straftaten. Auffallend ist die Bedeutung, die der Text der Öffentlichkeit, der allgemeinen Meinung, beimißt. Nicht nur, daß keine Handlung eines hohen Beamten (bei den unteren wird es ähnlich stehen) verborgen bleibt, auch die Verhandlungen sind öffentlich und unterliegen somit der Kontrolle der Öffentlichkeit. Und deren Meinung kommt so große Bedeutung zu, daß sich König wie Wesir um einen guten Ruf bemühen müssen! Dieser tradierte, also anerkannte Text birgt eine große Zahl feiner Beobachtungen der Alltagspsychologie. (hier folgt die Übersetzung des überlieferten Textes)


Auweia, das ist jetzt aber ziemlich viel Lesestoff geworden.

Gitta
> Antwort auf Beitrag vom: 19.01.2003 um 14:37:08  Gehe zu Beitrag
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