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   Grab der Nefertari Text (4)
  Autor/in  Thema: Grab der Nefertari Text
Caligula  maennlich
Member

  

Grab der Nefertari Text 
« Datum: 01.06.2019 um 10:40:17 »   

Hallo,

habe erneut Probleme mit einem Text im Grab der Nefertari. Es handelt sich um den Text zum zweiten Tor. Im Buch der Nefertari von Thausing und Goedicke  sind es die Abbildungen 74 und 75. Die Titel bereiten keine Probleme, aber der Text selbst, da auch einige Hieroglyphen beschädigt sind. Ab der 4. Kolumne nach irrt geht es los.

Gruß

Caligula
Michael Tilgner  maennlich
Member

  

Re: Grab der Nefertari Text Nefertari_Sargkammer_2_Tor.jpg - 232,88 KB
« Antwort #1, Datum: 02.06.2019 um 15:35:15 »   

Hallo, Caligula,

so ganz genau weiß ich nicht, wo Deine Probleme liegen. Ich habe daher die betreffende Abbildung angehängt, und zwar aus Zahi Hawass, Bilder der Unsterblichkeit, Mainz, 2006, S. 241-243 (ein Teil aus einer riesigen Falttafel), damit auch die anderen Ägyptologie-Interessierten wissen, worum es geht.

Nach Hans Goedicke, Nofretari, Graz, 1971, S. 48 soll es sich um einen Teil aus dem Totenbuchspruch 144 handeln. So ganz stimmt das nicht, denn tatsächlich gehört er zum Spruch 147. Nach Erik Hornung, Das Totenbuch der Ägypter, Zürich, 1979, S. 504-505 ist dieser Spruch eine "ausführliche Fassung von Spruch 144" und bringt "noch Reden des Verstorbenen an jedem Tor, die überwiegend um Heilung und Schutz des Osiris kreisen". Also: Spruch 144 ist nicht ganz falsch ...

Der Text ist retrograd geschrieben, d.h. die Spalten sind entgegen der Schreibrichtung angeordnet. Sie sind also von links nach rechts zu lesen. Innerhalb der Spalten aber liest man wie gewohnt - entsprechend der Blickrichtung der Menschen bzw. Tiere - von rechts nach links. Vielleicht hat Dich das irritiert.

Nach einer vorläufigen Betrachtung ist der Text nicht ganz einfach. Aber vielleicht findet man ja hier eine gewisse Unterstützung von anderen Forumsmitgliedern? Du solltest aber zunächst mal loslegen mit irgendeinem Teil!

Viele Grüße,
Michael Tilgner

PS Ich musste die pdf-Datei durch eine stark komprimierten jpg-Datei ersetzen, da erstere fehlerhaft hochgeladen wurde.
« Letzte Änderung: 02.06.2019 um 21:33:50 von Michael Tilgner »
> Antwort auf Beitrag vom: 01.06.2019 um 10:40:17  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member

  

Re: Grab der Nefertari Text dwn-HAt_in_LGG_VII_526-527.jpg - 62,39 KB
« Antwort #2, Datum: 08.06.2019 um 21:59:39 »   

Hallo,

da sich keiner so richtig traut, mache ich mal selbst den Anfang.

Spalte 1

Das ist die Spalte ganz links in der Abbildung.

ary.t sn.nw.t
"Zweites Tor."

ary.t In Wb I, 209 ist vermerkt: "jüngere Schreibung für arw.t 'Tor', siehe dort". Dieses Wort findet man im Wb I, 210.16 "Tor ... im Totenreich". Dort ist auch die hier verwendete Schreibung erwähnt, die ab dem Mittleren Reich belegt ist (hochgestelltes m am Anfang des Wortes). Eine andere Schreibung ist arrw.t (Wb I, 211.12).

sn.nw "der Zweite" (Wb IV, 149), feminin sn.nw.t "die Zweite". Wenn es mit dem gezählten Wort verwendet wird, wird es zumeist nachgestellt (Wb IV, 149.16).

Die feminine Variante ist erforderlich, da ary.t feminin ist.

Wie man anhand des folgenden sieht, ist diese Formulierung kein ganzer Satz, sondern eine Art Überschrift. Insgesamt werden in den Totenbuchsprüchen 144 und 147 sieben Tore erwähnt. Dies ist also das zweite Tor.

rn n jrj-aA=s
"Der Name seines Türhüters (ist) ..."

jrj-aA "Pförtner" (Wb I, 104.3); das Wb verweist auf aA. Dort ist dieses Wort auch aufgeführt als "Türhüter,Pförtner" (Wb I, 164.17). Das Wort setzt sich zusammen aus jrj, eine Nisbe-Bildung zur Präposition r und bedeutet "zugehörig zu, befindlich an"; im substantivischen Gebrauch "Hüter" o.ä. (Wb. I, 103). Das Determinativ ist A48. aA "Tür, Türflügel" (Wb I, 164). Bei dem Zeichen handelt es sich um O31.

Das feminine Suffixpronomen =s bezieht sich auf das feminine ary.t "Tor".

Wir kommen nun zum Namen, der etwas problematisch ist:

Wn-HA.t=sn

Hans Goedicke übersetzt diesen Namen mit: "Opener of their front" (Gertrud Thausing, Hans Goedicke, Nofretari. Eine Dokumentation der Wandgemälde ihres Grabes, Graz, 1971, S.49). Das lässt sich so erklären:

wn "öffnen" (Wb I, 311) (Determinativ wie bei Tür O31).

HA.t "Vorderteil" (Wb III, 19-22).

=sn ist Suffixpronomen 3. Person Plural.

Das Problem ist nun, dass ein solches Wesen anderweitig nicht belegt ist. Man findet dazu weder im Wb, noch im LGG einen Eintrag.

Stattdessen wird in Paralleltexten ein _wn-HA.t genannt. Diesen Namen kann man so herleiten:

dwn "(Körperteile) ausstrecken", u.a. "das Gesicht vorstrecken gegen jemanden = aufpassen auf ihn o.ä."  (Wb V, 431.12).

HA.t hat als Körperteil auch die spezifische Bedeutung "Antlitz, Stirn" (Wb III, 19).

So ist dwn-HA.t als "Name eines Wächters am Tor der Unterwelt" im Wb V, 432.17 aufgeführt, etwa "der die Stirn / das Gesicht vorstreckt"

Wie ist das nun mit dieser Stelle in Übereinstimmung zu bringen? Dazu müsste man das anfängliche wn zu (d)wn ergänzen und das Suffixpronomen =sn ignorieren. Zuviel des Guten? Zumindest das LGG hat genau das auch so gesehen (LGG VII, 526): Unsere Schreibung wurde _wn-HA.t zugeschlagen, mit der Bemerkung "sic" (so). Der Beleg [7] ist unsere Stelle. Das scheint mir auch die einfachste Erklärung zu sein.

Das Ganze ist der sog. nominale Nominalsatz. Dieses Wortungetüm bedeutet, dass es in diesem Satz kein Verb gibt und dass das Prädikat ebenfalls ein Nomen ist: "Name (ist) NAME". Das Subjekt ist "Name" erweitert mit einem indirekten Genitiv, insgesamt also rn n jrj-aA=s; das Prädikat ist der Name _wn-HA.t. Die im Deutschen erforderliche Kopula "ist" ist in Klammern beigefügt, da sie im ägyptischen Text nicht auftaucht.

Wb steht für das Wörterbuch "Ägyptisch-Deutsch", das im Thesaurus LInguae Aegyptiae einsehbar ist. Anmeldung erforderlich, z.B. auch mit User = Gast, Passwort = Gast; Häkchen nicht vergessen!

LGG ist das "Lexikon der ägyptischer Götter und Götterbezeichnungen" in 8 Bänden. Leider sind nur kleinere Ausschnitte im Internet einsehbar, die genannte Stelle nicht (mehr).

Vielleicht versucht sich jemand an der zweiten Spalte?

Viele Grüße,
Michael Tilgner
« Letzte Änderung: 08.06.2019 um 22:13:32 von Michael Tilgner »
> Antwort auf Beitrag vom: 02.06.2019 um 15:35:15  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member

  

Re: Grab der Nefertari Text 
« Antwort #3, Datum: 10.06.2019 um 17:29:26 »   

Hallo,

Spalte 2

rn n sAw=s
"der Name seines Wächters (ist) ..."

sAw "Wächter" (Wb III, 418.1-3), geschrieben mit A47

Wie bringen wir das j-j unter? Vielleicht hängt es mit dem ähnlichen Wort sAw.tj "Wächter" (Wb III, 418.7-9) zusammen. Siehe auch DZA 28.546.170 mit den Schreibungen für das zugehörige Verb sAw "bewachen, hüten" (Wb III, 416-417). Das feminine Suffixpronomen =s bezieht sich wie zuvor auf das feminine ary.t "Tor".

(s)qd-Hr

Die Parallelen haben diesen Namen mit s, das daher zu ergänzen ist. Diese Erscheinung, dass ein Konsonant, der doppelt hintereinander auftritt, nur einmal geschrieben wird, wird Haplographie genannt.

Wie ist der Name zu übersetzen? Grammatikalisch handelt es sich um ein Adjektiv bzw. Partizip mit erläuterndem Substantiv (Gardiner, Egyptian Grammar, § 88,2): z.B. spd Hr "sharp of face, i.e. clever" = "aufmerksam, tüchtig u.ä." (Wb IV, 109) oder auch nfr Hr "schön an Gesicht" = "mit schönem Antlitz" (Wb II, 255.5-9).

Wb IV, 310.3 hat nur "ein Wächter im Totenreich".

Goedicke (a.a.O., S. 49) übersetzt: "Sleeping face". Er hat sich offensichtlich von sqdd "schlafen lassen" (Wb IV, 310.2) inspirieren lassen. Hornung (a.a.O., S. 294) hingegen hat "Dessen Gesicht losfährt", auf der Basis von sqdj "fahren, gehen" (Wb IV, 308). Im LGG VI, 660 finden wir: "Der mit wachsamen Gesicht", vielleicht eine Interpretation des Vorherigen.


Spalte 2-3

rn n smj=s jm=s
"der Name seines Melders, der in ihm ist, (ist) ..."

smj "berichten, melden" (Wb IV, 127-128): insbesondere Wb IV, 128.9: "auch in der Bezeichnung der Pförtner an den Toren des Jenseits als: 'der in ihm (d.h. dem betreffenden Tor, sbx.t) meldet'".

Goedicke hat das jm=s mit dem folgenden ws zusammengezogen zum Namen "Imsus", was meiner Meinung nach nicht richtig ist. Der Name ist jedoch nur Ws, was jedoch auch nicht einfach zu erklären ist. Hornung schlägt vor: "Brennender". Die Parallelen haben nämlich an dieser Stelle Asb nach Wb I, 20.18 "brennen". Tatsächlich scheint dieser Name etliche Varianten zu haben, wie man LGG I, 79 entnehmen kann, darunter Wsd und Wsb, was unserem Ws am nächsten kommt.

Wie man aus der Diskussion der drei Namen entnehmen kann, ist der Text in Nefertaris Grab nicht ohne Tücken. Man muss verschiedene Parallelen heranziehen, um zu einer nachvollziehbaren Erklärung zu kommen. Vielleicht hat auch jemand einen anderen Vorschlag?

Übrigens: Das Tor und sein Personal ist auf der rechten Seite abgebildet, ersteres doch recht schematisch.

Viele Grüße,
Michael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 08.06.2019 um 21:59:39  Gehe zu Beitrag
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