Ägyptologie-Blatt

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Auch in Nubien tut sich was - zum Beispiel die Entdeckung eines Palastes in Meroe
Auf der Suche nach dem Lebensmittelpunkt der "schwarzen Pharaonen"
Von Gitta am 28.04.2002 um 00:32:26 

Wäre sein Partner nicht in ein antikes Grab gefallen, wobei er sich beide Beine brach, hätte Professor Krysztof Grzymski den nubischen Königspalast viel früher entdeckt. Jetzt in diesen Tagen ist Grzymski, Professor an der Universität Toronto und Kurator des Royal Ontario Museums, ein glücklicher Archäologe. Er und sein Kollege, der inzwischen wieder laufen kann, glauben einen Palast und eine Kolonnade gefunden zu haben, die vor 2000 Jahren von der größten schwarzen Zivilisation errichtet wurden. "Es ist bemerkenswert, wir können es unter dem Sand klar erkennen", sagt Grzymski.

Die Entdeckung befindet sich in dem zumeist noch verschütteten Meroe, der königlichen Hauptstadt des antiken Nubien, ca. 200 km nordöstlich von Khartum im Sudan. Meroe, das als das größte und wichtigste archäologische Betätigungsfeld in Afrika gilt, war das Herz einer machtvollen schwarzen Zivilisation, die ihre Blüte in der Zeit von 750 v.Chr. bis 350 n.Chr. am oberen Nil hatte. Grzymski und seine Kollegen planen den Start der Ausgrabungen an Palast und Kolonnade im nächsten Winter. Aber fürs Erste ist Grzymski zufrieden mit den grobkörnigen Bildern, geliefert von einer Vorrichtung, die es den Archäologen erlaubt, Ruinen unter dem Sand zu erkennen.

Entdecker - und Grabräuber - waren sich Meroe und seiner Reichtümer längst bewußt. Aber Archäologen waren so gefangen von ägyptischen Pyramiden und Königreichen im Norden - und abgeschreckt von den politischen Konflikten im Sudan -, dass sie die alte nubische Kultur lange ignorierten. Viele glaubten, es handele sich nur um einen Ableger der höher entwickelten ägyptischen Kultur. "Hier haben Sie diese wunderbare Zivilisation, gebildet, mit einer Ausdehnung von 1.000 Meiler oder mehr, die Pyramiden baute und Paläste und Tempel und gleichzeitig ein bedeutendes Zentrum der Eisenproduktion war. Und sie ist weitgehend unbekannt bei Wissenschaftlern und Öffentlichkeit", sagt Grzymski. Er selbst interessiert sich schon seit der 70er Jahren für die Ruinen, als er unter Professor Peter Shinnie an der Universität von Calgary studierte. Shinnie beschäftigte sich jahrelang gemeinsam mit sudanesischen Wissenschaftlern mit den Eisenschmelzern von Meroe. Grzymski half während seiner Arbeit im Royal Ontario Museum, die kanadisch-sudanesische Zusammenarbeit aufrechzuerhalten. Und im Jahre 1999 erhielten er und ein Archäologe der Universität Khartum von den sudanesischen Behörden die Lizenz zur Erforschung des 50 ha großen Gebietes von Meroe, von dem etwa 10 ha um 1900 von britischen Archäologen freigelegt wurden. Aber das meiste befindet sich noch unter Sand und Buschwerk.

Die Archäologen hatten eine Ahnung, wo die besterhaltenen Ruinen liegen könnten. Aber sie wollten sichergehen. "Sie können Wochen und Wochen mit Graben verbringen, ohne etwas zu finden", sagen sie. Um die vielversprechendsten Areale zu finden, warb Grzymski Tomasz Herbrich an, einen polnischen Archäologen und Geophysiker, der spezialisiert war auf das Aufspüren versunkener Ruinen mittels Magnetometer. Magnetometer sind eine Weiterentwicklung der Handgeräte, mit denen Leute an Stränden und in Parks nach Münzen suchen. Sie können unterscheiden zwischen den magnetischen Eigenschaften von Materialien wie Sand, Kermik, Ziegeln, und füttern mit ihren Aufzeichnungen einen Computer. Aus diesen Aufzeichnungen lassen sich wiederum Karten generieren. Kurz bevor die Archäologen mit dem Scannen in Meroe starten wollten, fiel Herbich, der an Ruinen in Nordafrika arbeitete, in besagtes antikes Grab, brach sich beide Beine und verletzte sich die Wirbelsäule. "Es war ein schrecklicher Unfall", sagt Grzymski. Der Meroe-Scan wurde um ein Jahr verschoben.

Im Februar kamen nun Hebrich und sein Magnetometer in den Sudan und innerhalb von Tagen hatte er Palast und Säulengang geortet. Der Palast, ca. 400 qm groß, befindet sich einen halben Meter unter dem Sand. "Es gibt Spuren von Treppen, so dass man von mehrstöckigen Gebäuden ausgehen kann", sagt Grzymski. Auch die Straße vor dem Gebäude ist erkennbar. Zu ihrer Überraschung fanden sie heraus, dass sich der Säulengang in der Nähe eines der antiken Stadttore befindet. "Wir waren hocherfreut", sagt Grzymski. "Es ist wirklich faszinierend, wenn man die Bebauung ohne jegliche Ausgrabung betrachten kann."

Im Oktober wird Grzymski zurückgehen nach Meroe und gemeinsam mit seinen sudanesischen Partnern mit der Grabung beginnen. Es bleibt abzuwarten, welche Schätze unter dem Sand warten. Aber das, was über Jahre bereits gefunden wurde, macht klar, dass die nubische Zivilisation eine machtvolle, schöpferische Gesellschaft war.

Der unglaublichste Fund wurde vor fast 200 Jahren in einer Pyramide nahe Meroe gemacht. Ein italienischer Physiker und Grabräuber namens Ferlini begleitete 1821 eine ottomanische Invasion in den Sudan und fand exquisite Goldamulette, Siegelringe und Ketten in der Pyramide der Königin Amanishakheto, eine von Nubiens machtvollen Regentinnen. Den Eingang hatte er kurzerhand gesprengt. Ferlini versuchte seinen Schatz in Europa zu verkaufen, aber die Sammler wollten nicht glauben, dass derartiger Schmuck tatsächlich aus Schwarzafrika kam. Sie hielten ihn für eine Fälschung. "Es waren Juwelen von höchster Qualität und Schönheit, teilweise beeinflußt von griechischer Kunst, was eine wirkliche Überraschung war", sagt Grzymski "Die Leute erwarteten einfach nicht, dass Stücke von ägyptischer und griechischer Kunst tief im Herzen Afrikas auftauchen würden". Die antiken Nubier tauschten eine Menge an Ideen und Güter mit den umliegenen Kulturen aus. Nubische Pyramiden, Monumente und Juwelen  waren eindeutig beeinflußt von ägyptischer, mediterraner und arabischer Kultur. "Sie beteten zu vielen der ägyptischen Götter und ihre Könige begruben sie in Pyramiden", sagt Grzymski. Einige nubische Keramik und Bestattungsamulette datieren noch vor ähnlichen Ausgrabungen in Ägypten. Das könnte ein Indiz sein, dass eher Nubien die Ägypter beeinflußt hat als umgekehrt. Auf der Höhe ihrer Kultur beherrschten nubische Könige Ägypten (von 750 bis 650 v.Chr.). Von den Syrern wurden sie dann wieder nach Süden gedrängt.

Antike Abfallhaufen haben viele Details des täglichen nubischen Lebens zu Tage gefördert. Olivenkerne zeigen, dass die Nubier diese Früchte entweder aus dem Mittelmeerraum importierten oder sogar selbst anbauten an den Ufern des Nil. Und die hinterlassenen Tierknochen sagen viel aus über das Klima und die Umwelt, in der sie lebten. Außer Schafen und Ziegen dienten Gazellen, Antilopen, Warzenschweine und andere Wildtiere, die heute nur noch selten im Sudan zu finden sind, ihnen als Nahrung. Die Knochen und antike Wasserreservoirs zeugen davon, dass sich das Niederschlagsmuster in den letzten 2000 Jahren um 300 bis 400 km nach Süden bewegt hat. "Das war eine erhebliche Veränderung der Umwelt", sagt Grzymski.

Aber es ist die nubische Schrift, die Grzymski hochinteressant findet. Die Nubier übernahmen 24 Zeichen von den ägyptischen Hieroglyphen und nutzten sie als Alphabet. Sie entwickelten daraus ihr eigenes Schriftsystem. Es ist das zweitälteste Schriftsystem in Afrika, aber es ist noch nicht entziffert. Bisher sind 1.500 Inschriften in nubischer Sprache gefunden worden, aber keiner weiß, was sie uns sagen. Grzymski ist sicher, während seiner Grabungen noch mehr zu finden. Noch mehr Paläste zu finden, würde Grzymski schon glücklich machen. Was er sich aber am meisten wünscht, wäre eine mehrsprachige Inschrift, die der Wissenschaft die Entzifferung der Texte möglich macht. Eben einen nubischen Rosetta-Stein.

Quelle (englisch)
http://www.nationalpost.com/tech/story.html?f=/stories/20020422/713804.html  

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