Ägyptologie-Blatt

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Zahi Hawass und seine hoch gesteckten Ziele
Das Land der Pharaonen wird durchgeschüttelt
Von Gitta am 28.07.2002 um 20:30:19 

Um der Archäologie im eigenen Land den Stellenwert zu geben, den sie verdient, hat Hawass in seiner Eigenschaft als neuer Chef des SCA einen ehrgeizigen 10-Jahres-Plan entwickelt.

Das sogenannte Site-Management, aus Giza bereits hinlänglich bekannt, wird auf das ganze Land ausgedehnt, u.a. auch um ausländische Grabungsteams dorthin zu verweisen, wo die meiste Arbeit wartet. Es ist ein agressives Museumsbauprogramm vorgesehen, ebenso wie die Ausbildung von Personal und Archäologen. Und nicht zuletzt sollen durch umfangreiche Bildungsmaßnahmen die Ägypter selbst sensibilisiert und sich ihres reichen Erbes bewusst werden.

Das heisst Auseinandersetzung mit verkrusteten Standpunkten und Institutionen, im eigenen Land und im Ausland. Und das in einer Zeit, wo das Land noch unter den Folgen des 11. September 2001 und unter dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern leidet. Ob Hawass das gelingen wird? Niemand zweifelt an seiner Energie und Tatkraft, jedoch ist das, was er sich da vorgenommen hat, eine große Herausforderung.

"Wir arbeiten zur Zeit an der computergestützten Dokumentation aller Gräber im Lande. Es gibt bereits viele Gräber, die publiziert worden sind, aber wir brauchen alle. Nur so sind wir in der Lage, gestohlene Artefakte schnell zu identifizieren und zurück zu holen. Ausserdem sollten die Gräber periodisch inspiziert werden. Es ist nicht ratsam, sie über lange Zeit geschlossen zu halten. Sie benötigen laufende Pflege, um sie zu erhalten." Schon allein dieses Vorhaben scheint kaum zu bewältigen zu sein. Und doch ist es nötig, um das Erbe des antiken Ägypten zukunftsfähig zu machen.

Hawass beschreibt, was zu tun ist, um die Archäologie Ägyptens ins 21. Jahrhundert zu bringen:

"Site-Management:
Eines der Dinge, auf die ich sehr stolz bin, ist meine Karriere im Site-Management-Projekt in Giza. Ich beabsichtige, diese Form des Managements auf alle historischen Stätten Ägyptens auszuweiten. An den bekanntesten Touristenorten wird bereits daran gearbeitet: Luxor-Tempel, Karnak, der unvollendete Obelisk in Aswan u.a. EineAspekt des Site-Managements ist das Rotationssystem, das den Touristenstrom in geregelte Bahnen lenken soll, damit die Monumente nicht überfordert werden und regelmäßig gewartet werden können. In Giza ist beispielsweise immer eine Pyramide für Reinigungs- und Restaurationsarbeiten geschlossen, während die beiden anderen geöffnet sind. Bei den Gräbern ist es ähnlich.

Wenn die Menschen nach Giza kommen, besuchen sie häufig nur die Große Pyramide, den Taltempel des Chephren und den Sphinx. Sie versäumen soviel dabei. Es gibt wunderschöne historische Gräber, die erst kürzlich für die Öffentlichkeit geöffnet worden sind. Je mehr Gräber zugänglich sind, desto mehr Druck wird von den Hauptattraktionen genommen. Das Giza-Plateau sieht besser aus als vor 12 Jahren, als wir mit dem Site-Management starteten. Müll lag herum und überall tummelten sich Verkäufer. Jetzt ist das Gelände wieder sauber und es ist uns gelungen, die Verkäufer fernzuhalten. Die Zahl der Besucher der Großen Pyramide wurde auf 150 pro Tag begrenzt. Das hilft, um Feuchtigkeit und andere Erosionsverursacher unter Kontrolle zu halten. Ähnliches gilt im übrigen auch für das wunderbar colorierte Grab der Nefertari in Luxor. In Giza ist der neue Eingang zum Gelände fertiggestellt und der Autoverkehr im Bereich der Pyramiden ist verboten worden. Es wird dort ein Informationszentrum geben und Elektroautos, die die Besucher transportieren. Es wurde ein Rastplatz für Touristen gebaut. Viele Touristen kommen - speziell an Feiertagen, um im Schatten der Pyramiden zu picknicken. Der Rastplatz verhindert das Gedränge in der Nähe der Monumente.

Überall in Ägypten wurden neue historische Plätze der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie z.B. Gerf Hussein oder Beit el-Wali. Und wir haben viel mehr Gräber geöffnet. In Giza und Sakkara sind soviele Gräber offen wie nie zuvor. Der SCA hat allerdings auch einige Stätten aus Erhaltungsgründen komplett geschlossen, wie z.B. die Pyramide des Unas. Die Öffnungszeiten des Ägyptischen Museums in Kairo wurden ausgeweitet bis 19.00 Uhr. Dadurch sollen sich die Massen besser verteilen.

Die Rolle von ausländischen Grabungsmissionen soll eine andere werden:
Ich habe entschieden, dass kein Team neue Grabungslizenzen von Giza bis Abu Simbel erhalten wird. Es werden lediglich Vermessungen, Restaurationen, GIS und Site-Management-Arbeiten erlaubt sein. Neue Konzessionen wird es trotzdem geben, jedoch nur für das Delta, wo Grundwasser und Landwirtschaft den Monumenten zu Leibe rücken, und für die wenig bekannten Stätten in der Wüste.

Museumsbau:
Zusätzlich zur Renovierung älterer Museen planen wir sieben Neubauten über das ganze Land verteilt, einschließlich des weltgrößten - und vielleicht des besten für Bildung und Ausstellung - in Giza. Die Orte wurden aus unterschiedlichen Gründen ausgesucht, entweder weil wichtige Monumente in der Nähe sind, oder - wie in Sharm el-Sheik, weil viele Touristen sich in der Gegend aufhalten. Schließlich haben wir am 9. Dezember diesen Jahres die Hundertjahrfeier des Museums in Kairo. Dort wird eine Ausstellung "Versteckte Schätze" stattfinden, in der eine große Anzahl an nie gezeigten Exponaten aus den Archiven ebenso zu bewundern sein wird wie Stücke aus neueren Grabungen.

Ausbildung von Wächtern und Ägyptologen:
Für unsere Wächter ist es eine Herausforderung, die Monumente zu schützen. Aber können Sie sich vorstellen, dass ein Wachmann gerade mal 100 LE im Monat verdient? Ich bin der Meinung, wird sollten nicht länger Wachpersonal mit langen Stöcken beschäftigen, um unsere Monumente zu schützen, die ihren Job nur ihrer starken Persönlichkeit und familiären Verbindungen verdanken. Wir müssen diese Leute austauschen und eine Schule gründen, in der das Wachpersonal gut ausgebildet wird. Diese Schule sollte nur Bewerber mit Hochschuldiplom akzeptieren und sowohl Archäologie als auch Disziplin lehren. Das Gehalt für Wächter muss erhöht werden. Diesen unterbezahlten Männern der Welt größte Monumente anzuvertrauen, ist lächerlich. Wie können wir von einem durchschnittlichen Wachmann Sorgfalt hinsichtlich der Altertümer erwarten, wenn er nicht einmal den historischen Hintergrund kennt? Archäologen oder - wie wir sie nennen - Inspektoren für Altertümer sind die künftigen Bewahrer unserer Monumente. Daher ist es wichtig, dass wir das beste Trainingsprogramm der Welt installieren, damit unsere Schätze in kompetente Hände kommen.

Bildung in Ägypten:
Vor 30 Jahren, als ich meine Karriere beim SCA begann, waren die meisten Ägypter nicht an ihrer historischen Vergangenheit interessiert. Über die Jahre konnte ich jedoch beobachten, wie das Interesse an unserer Geschichte stetig stieg. Inzwischen sind die Ägypter interessiert: sie besuchen meine öffentlichen Vorträge, fragen mich nach meinen Abenteuern und sind gefesselt von neuen Entdeckungen. Ich plane, dieses Interesse bei den Kindern weiter zu fördern. Zur Zeit kopieren wir 20 Artefakte aus dem Ägyptischen Museum zur permanenten Ausstellung an Grundschulen. Wir entwickeln ein Programm, um Kinder in Archäologie zu unterweisen. Im Ägyptischen Museum werden Geburtstagsfeiern für Kinder stattfinden können und ich schreibe gerade an einer Serie von Kinderbüchern.

Aufspüren gestohlener Antiquitäten:
Ich glaube, das Handeln der USA im Fall Schultz zeigt eine wichtige und ehrliche Zusammenarbeit zur Bewahrung des ägyptischen Erbes. Das ägyptische Erbe gehört nicht nur den Ägyptern, es gehört jedem. Die aufrichtige Betroffenheit der District Attorney of New York und ihr Studium der ägyptischen Gesetze sollte Beispiel sein für andere Länder. Als ich in New York war, besuchte ich das FBI, um die vier Stücke, die dort in Verwahrung waren, zu prüfen und zu beschreiben. Zwei davon waren Wandreliefs aus dem Alten Reich, die aus Grabwänden herausgetrennt worden waren. Sie können sich den Anblick der brutal entweihten Gräber vorstellen. Die Grabräuber zerstörten nicht nur das Grab, sondern auch seinen geistigen Wert. Eine neue Abteilung des SCA, The Department of Returning Stolen Artifacts, wird Kataloge, Museen und private Sammlungen auf gestohlene Stücke untersuchen. Ziel ist die sichere Rückkehr von gestohlenen Artefakten. Das bedeutet, dass wir alle Beziehungen zu  Museen, die gestohlene Stücke erwerben, abbrechen werden. Gleichzeitig hoffen wir jedoch auf uneingeschränkte Zusammenarbeit und Unterstützung, um das ägyptische Erbe zu bewahren."

Quelle:
http://www.archaeology.org/magazine.php?page=online/features/hawass/index

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