Ägyptologie-Blatt

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Nofretetes Kopf auf fremdem Körper
Ägyptologenstreit wird zum Politikum
Von Gitta am 10.06.2003 um 13:32:20 

Kopf und Körper

Ägypten will die Nofretete aus Berlin zurückholen


Sebastian Preuss

Zwischen Deutschland und Ägypten ist ein Museumsstreit entbrannt. Die Altertümerverwaltung in Kairo fährt schwere Geschütze auf und fordert die Rückgabe der Nofretete aus dem Ägyptischen Museum in Berlin. Ausgelöst hat den Streit eine Aktion des ungarischen Künstlerduos Little Warsaw. Andras Galik und Balint Havas schufen einen modernen Frauenkörper für die weltberühmte Büste von Echnatons Gattin.
Hinter verschlossenen Türen nahm Museumsdirektor Dietrich Wildung am 26. Mai dieses Jahres Nofretetes Haupt eigenhändig aus ihrer Vitrine und setzte es der Bronzeskulptur auf. Eine Video-Dokumentation dieser Aktion wird ab kommendem Wochenende im ungarischen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu sehen sein.

Zahi Hawwas, der Chef der ägyptischen Altertümerverwaltung, zeigte sich fassungslos über die Berliner Kunst-Performance: "Jemand muss dem Treiben Wildungs Einhalt gebieten." Er habe bereits zu Außenminister Ahmed Maher Kontakt aufgenommen, um von den Deutschen die Nofretete zurückzufordern. "Sie ist in Berlin nicht in sicheren Händern."

Besonderen Anstoß erregte in Kairo, dass die ungarische Bronzestatue eine Nackte darstellt. "Königin Nofretete nackt im Museum von Berlin!" titelte die Tageszeitung Akhbar al Yom. Wildung indes wies die Vorwürfe empört zurück: "Dies ist ein anspruchsvolles Projekt. Sinn ist der Dialog zwischen altägyptischer und zeitgenössischer Kunst."

Deutsche Archäologen fanden im Jahr 1912 die Nofretete. Danach gelangte sie auf legalem Weg und durch offizielle Fundteilung mit Ägypten nach Berlin. Ein ganz anderer Fall also als die Parthenon-Skulpturen, die Lord Elgin 1811 auf dubiosem Weg nach London brachte und deren Rückgabe Griechenland seit vielen Jahren nicht ganz grundlos fordert.

Nun scheint sich Ägypten einen solchen Fall zu konstruieren. Das Auswärtige Amt wird sich über das Sperrfeuer in diesen heiklen Zeiten in Nahost bedanken. Die islamischen Ägypter wiederum wollen eine tote Ungläubige moralisch schützen. Und in Berlin lässt sich ein Ägyptologe vor den Karren einer Aktion spannen, die das uralte, so langweilig gewordene Spiel der Gegenwartskunst mit dem Museum und den Alten Meistern spielt. "Institutionskritik" lautet dafür der verstaubte Begriff. Seid Ihr noch bei Sinnen? Das möchte man beiden Seiten zurufen.

Quelle
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/250622.html

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Kommentare zu diesem Artikel
Hassan Kheite E-Mail11.06.2003 um 07:58:49

Zitat:
Die islamischen Ägypter wiederum wollen eine tote Ungläubige moralisch schützen.

Ich verstehe nicht ganz, was will der Autor damit sagen. Ich kann kein Sinn dahinter feststellen, dass er den Islam ins Spiel bringt. Und wie ist seiner Meinung nach, die Reaktion der Kopten (immerhin 20% der "Ägypter").



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