Ägyptologie-Blatt

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Im Schatten der Pyramiden
Bericht über eine Ausstellung von Exponaten aus Leipzig in Seefeld
Von Gitta am 26.06.2003 um 19:58:13 

Als über den Verbleib archäologischer Schätze noch das Los entschied

Nachricht vom 25.06.2003

Ausgrabungen waren schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts kein leichtes Unterfangen, wie eine Ausstellung im bayerischen Seefeld zeigt: Der Ägyptologe Georg Steindorff mußte potentielle Geldgeber mit der Aussicht auf möglichst spektakuläre Funde ködern, mit den Landesherrn um die Konzessionen feilschen und sich nicht zuletzt mit der internationalen Konkurrenz einigen, bevor er 1903 seine Grabung in Giseh beginnen konnte. Allerdings sah diese vor einem Jahrhundert ein wenig anders aus als eine moderne Grabung – im Mittelpunkt stand weniger der wissenschaftliche als der Beuteaspekt. Schließlich erwarteten nicht nur die Mäzene, sondern auch die Öffentlichkeit neue Schätze, die Ruhm und Umfang heimatlicher Sammlungen und Museen erweiterten. In Steindorffs Fall waren das neben dem Pelizäus-Museum in Hildesheim das Leipziger Egyptologische Institut und die Akademie der Wissenschaften in Wien.

Aus heutiger Sicht sind nicht nur die jahrtausendealten altägyptischen Exponate, die Steindorff mitbrachte, sondern auch seine Ausgrabung selbst und ihre Vorgeschichte von historischem Interesse. So begibt sich der Besucher der diesjährigen Ägypten-Ausstellung in Seefeld, einem Zweigmuseum des Münchner Museums Ägyptischer Kunst, zunächst einmal auf die Spuren der Steindorffschen Grabung im Friedhof der Cheopspyramide. Steindorffs eigentliche Funde aus der Zeit des Alten Reiches stehen dann im Mittelpunkt des zweiten Teils der Ausstellung.

Die Lebensumstände auf dem Grabungsareal waren wenig luxuriös, wie sich gleich zu Beginn der Ausstellung zeigt: Das staubige Zelt der Ausgräber stand voll mit Fundkisten und Feldbetten. Fotos und Tagebuchnotizen lassen erahnen, wie mühsam der Grabungsalltag war. Der erhaltene Briefverkehr mit eventuellen Geldgebern beleuchtet die Finanzierungsversuche des Ägyptologen, die manchmal fehlschlugen, andererseits aber auch unerwartete Früchte trugen: So sorgte ein Produktplacement der Firma Maggi, die eine Kiste ihrer "Präparate" zur Verfügung stellte, für Abwechslung im Speiseplan der Truppe.

Die Ausstellung gewährt nicht nur Einblicke in das tägliche Leben der Ägyptologen, sondern verrät auch, wie die Altertümer in die jeweiligen Sammlungen gerieten: Die Funde wurden, gemäß der pekuniären Beteiligung der Wiener und Leipziger Institute und sowie des Hildesheimer Museums, in "gleichwertige" Gruppen gestellt und mit Nummern versehen, wie der Aufteilungsbericht akkurat vermerkt: „Die vier Lose wurden in einen Hut getan, worauf nach Durchmischung von Herrn Konsulatssekretär Dietzler das Los Nummer ‚Zwei für Wien’ gezogen wurde." Die übrigen Schätze schlugen die Ausgräber dann ebenfalls im Losverfahren Hildesheim und Leipzig zu. So wanderte der Sarg des Seneb nach Leipzig, während Goldperlen und Statuetten aus dem selben Grab an Hildesheim gingen. Dieses Prozedere liest sich unfreiwillig komisch. Aber infolge dieser Beuteverteilung sind ursprünglich komplette Grabinventare nunmehr über verschiedene Sammlungen verteilt. Eine Zusammenführung scheint nur möglich durch Gemeinschaftsausstellungen.

Um eine solche handelt es sich in Seefeld: Die Ausstellung entstand in Kooperation des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst München und dem Ägyptischen Museum Leipzig. Der Schwerpunkt der Leipziger Sammlung liegt, entsprechend der Grabung, auf der Epoche des Alten Reichs, der Pyramidenzeit, vor rund 3.500 Jahren. Höhepunkt der eigentlichen Ausstellung ist ein Raum, der eine Gruppe von neun Statuen aus einem einzigen Grab versammelt. Die Präsentation einer derart vollständigen Gruppe von Dienerfiguren des Alten Reiches ist einzigartig und nur möglich, weil eine Statue aus dem Münchner Bestand die Figuren aus Leipzig zur ursprünglichen Komposition ergänzt.
Besonders interessant ist auch die Präsentation des sogenannten "Leipziger Königskleins". Dieses besteht aus Hunderten von Bruchstücken, ein gigantisches Puzzle, aus dem Archäologen versuchen, zwei Statuen des Pharaos Chefren (2.572–2.546 v. Chr.) zu rekonstruieren. In Seefeld sind nun erste Erfolge zu sehen, Fragmente der ursprünglichen Standbilder, die als "work in progress" einen Einblick in die knifflige Arbeit der Wissenschaftler ermöglichen. Die Ergebnisse sind erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. Aus der Münchner Sammlung stammt ein ähnlicher Komplex, Bruchstücke aus dem Pyramidenbezirk eines Bruders des Chefren.

Zu Stande kam die Ausstellung durch den zeitweiligen Umzug des Leipziger Instituts. Da die neuen Räumlichkeiten kleiner sind als die ursprünglichen, waren die Leipziger auf der Suche nach einem Ausweichquartier. Fündig wurden sie in Seefeld, einem Zweigmuseum des Ägyptischen Museums München. Das Leipziger Schwerpunktthema bietet diesem einen Anknüpfungspunkt, auch Münchner Bestände aus demselben Zeitraum zu präsentieren. Diese, wie auch die oben erwähnten Fragmente, bleiben gewöhnlich im Archiv. Die Initiatoren der Ausstellung hoffen auf weitere Gemeinschaftsprojekte. Angedacht ist beispielsweise ein Gegenbesuch: Die Präsentation Münchner Bestände im Leipziger Museum.

Die Ausstellung „Im Schatten der Pyramiden – Das Ägyptische Museum Leipzig zu Gast in Seefeld" läuft noch bis zum 16. November im Schloß Seefeld, etwa 20 Kilometer südwestlich von München. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein Begleitheft unter dem Titel „Giza. Ausgrabungen im Friedhof der Cheopspyramide von Georg Steindorff"*.

Quelle: Marie Vigener

weitere Informationen im Internet:
http://www.aegyptisches-museum-muenchen.de

Quelle
http://warpsix.dva.de/sixcms/detail.php?id=145863
via
http://www.nfhdata.de/premium/index.shtml

Anmerkung
Das Begleitheft ist empfehlenswert. Es kann über das Münchener Museum online bestellt werden (87 Seiten, € 5,00)

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