Ägyptologie-Blatt

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Der Preis des Monotheismus
Neues Werk von Jan Assmann
Von Gitta am 21.07.2003 um 12:37:56 

Jan Assmann hat sich wieder einem seiner Lieblingsthemen gewidmet- dem Monotheismus. Dazu nachstehender Artikel in der Süddeutsche Zeitung:


Gott ist Wahrheit, die Götter der anderen sind Lüge: Neue Studien über das Judentum   
 
Seinem polemischen Vortrag gegen die Deutung des Judentums durch Gershom Sholem hat Jacob Taubes 1981 in Jerusalem den Titel „The Price of Messianism“ gegeben. Aleida und Jan Assmann haben diesen Aufsatz 1996 auf Deutsch publiziert. Wenn Assmann nun für sein neuestes Buch den Untertitel „Der Preis des Monotheismus“ wählt, ist das eine – zwar nicht genannte, doch deutliche – Anspielung auf Taubes. Doch wo es diesem um die durch den Messias erhoffte Vollendung des Judentums ging, thematisiert Assmann nun den durch Moses eingeleiteten Anfang des Judentums.


In Assmanns Buch „Moses der Ägypter“ (1998) stand die Person des Moses im Mittelpunkt, jetzt geht es um die jüdische „Theologie“, das Judentum als solches. Doch welches Judentum ist das? Kann aus den Schriften der verschiedenen Autoren der hebräischen Bibel „das“ Judentum herauskristallisiert werden, das „Wesen des Judentums“, wie es erstmals die Denker einer „Wissenschaft des Judentums“ 1822/1823 versucht haben?


Assmann bezieht sich bei der Suche nach „dem“ Judentum auf Sigmund Freuds Studie „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (1939). Freud hatte hervorgehoben, dass „das Verbot, sich ein Bild von Gott zu machen“, eine „Zurücksetzung der sinnlichen Wahrnehmung gegen eine abstrakt zu nennende Vorstellung, einen Triumph der Geistigkeit über die Sinnlichkeit“ bedeutet habe. Die Entwicklung der jüdischen Lehre interpretierte Freud als „Fortschritt in der Geistigkeit“. Die „Geistigkeit“ des jüdischen Monotheismus als Folge des Bilderverbots begeistern Freud ebenso wie Assmann und Richard J. Bernstein. Letzterer formuliert sogar, der „Fortschritt in der Geistigkeit“ sei „das bleibende Vermächtnis des mosaischen Monotheismus“, also gewissermaßen eine „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“, wie das Alterswerk (1919) Hermann Cohens heißt.


Gegen solch ein Bild vom Judentum hat der Judaist Peter Schäfer allerdings einiges einzuwenden: er verspottet es als „Pseudo-Idylle“ und „eine Karikatur, die es so nie gegeben hat, nicht in der Bibel und schon gar nicht im nachbiblischen Judentum“; es sei ein Judentum „aus dem Geist des Christentums“. Da nach Freud die reine Geistigkeit des Judentums mit einem Triebverzicht erkauft worden ist, einer „Enthaltung von allen Triebbefriedigungen, die auch noch in unserer heutigen Moral als lasterhaft verurteilt werden“, hat der jüdische Monotheismus einen „zwangsneurotischen Charakter“ (Freud). Das Judentum ist somit von einer Art Krankheit befallen und Freuds Psychoanalyse will diese Krankheit heilen. Schäfer sieht in Freud den „neuen Moses“ und in der Psychoanalyse die „neue Torah“. Zum Verbot des Dekalogs, sich ein Bild von Gott zu machen, meint Schäfer lapidar: „Aber dieses Verbot hat das Judentum wahrhaftig nicht davon abgehalten, genau dies zu tun.“ Er kommt zu dem Ergebnis, nicht nur das Bilderverbot bleibe „auf der Strecke, sondern gleich auch noch der Monotheismus“, wie ihn Freud, Assmann und Bernstein sehen.


Starker Tobak


Alles Unsinn also? Assmann wie Bernstein sichern sich gegen solche Argumente jedoch ab. Assmann betont, nicht auf der Ebene „historischer Forschung“, sondern auf derjenigen „kulturtypologischer Klischees“ zu forschen, und Bernstein arbeitet mit Freuds Unterscheidung von „historischer“ und „materieller“ Wahrheit. Diese beiden Wahrheiten müssten nicht unbedingt identisch sein, denn die Faktizität der materiellen Wahrheit (wie es wirklich gewesen ist) sage nichts aus über die historische Wahrheit, die sich in der psychischen Verfasstheit eines Volkes oder eines Individuums manifestiere. Auch wenn an Freuds Darstellung nichts historisch ist, so hat er doch Recht, weil seine Erklärung „unserem gegenwärtigen psychoanalytischen Verständnis der Dynamik der menschlichen Seele entspricht“ (Bernstein). Freud und sein geistiger Monotheismus sind hiermit gerettet. Ist der jüdische Monotheismus erst einmal als reine Geistigkeit anerkannt, kann Assmann dieses Konstrukt benutzen, um ihm schärfere Konturen zu verleihen. Er findet sie in der von ihm so benannten „Mosaischen Unterscheidung“. Diese bestehe – so Assmann schon im „Jahrbuch Politische Theologie“ (Bd., 4, 2000) – „zwischen Wahrheit und Lüge, die die monotheistische Religion, und nur sie, kennzeichnet. Gott ist die Wahrheit, die Götter der anderen sind Lüge“.


Das Geschrei der christlichen Theologen daraufhin war groß, „starker Tobak“ meinte Thomas Assheuer in der Zeit. Assmann präzisiert in seinem neuen Buch die mosaische Unterscheidung dahingehend, dass er sagt, der Monotheismus beruhe „auf der Unterscheidung von wahrer und falscher Religion“. Der jüdische Monotheismus erkenne seine Religion als „wahr“, alle anderen Religionen als „falsch“. Die Unterscheidung hat Konsequenzen: Da die jüdische Religion alle anderen Religionen als falsch ansieht, muss sie notwendigerweise gegenüber den „falschen“ Religionen intolerant sein. Da die Juden sich als Gottes auserwähltes Volk interpretieren, grenzen sie sich aus dem Kreis der Völker aus. „Das Judentum ist eine Religion der Selbstausgrenzung“, konstatiert Assmann. Die Selbstausgrenzung „verhindert“ jede „Assimilation an die Vorstellungen und Bräuche der Umwelt“. Für „das Judentum“ sei Assimilation „ein Horror“.


Wieder ist zu fragen: von welchem Judentum ist hier die Rede? Will Assmann alle diejenigen Juden aus dem Judentum ausgrenzen, die tolerant sind, sich um Jahwe nicht kümmern wollen und sich mit Freude assimiliert haben? Ist nicht der „Fortschrift der Geistigkeit“ gerade bei den Juden festzustellen, die die „Selbstausgrenzung“ aufgegeben und sich der europäischen Kultur angeschlossen haben? Bedeutet „Judentum“ bei Assmann nur die „jüdische Religion“ vor mehr als 3400 Jahren? Nur die „jüdische Theologie“ des Mannes Moses? Assmann arbeitet mit einem Phantom, einem ahistorischen Konstrukt. Er muss das Judentum auf diese Art beschneiden, um zeigen zu können, dass der jüdische Monotheismus intolerant ist.


Soll die Intoleranz der monotheistischen Religion aus der Welt geschafft werden, dann kann man nach Assmann folgern, dass die Begriffe wahr und falsch aus dem religiösen Wortschatz gestrichen werden müssen, oder so formuliert: Toleranz kann nur dann sein, wenn die Bedingungen für die Intoleranz nicht mehr gegeben sind. Und das heißt: die Beseitigung des Monotheismus, die Aufhebung und Abschaffung der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Das ist ein schönes und einsichtiges Programm. Irgendwie erinnert es an Ludwig Feuerbach und an Karl Marx.


FRIEDRICH NIEWÖHNER


JAN ASSMANN: Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus. Carl Hanser Verlag, München 2003. 284 Seiten, 19,90 Euro.

Quelle
http://www.sueddeutsche.de/sz/feuilleton/red-artikel913/
via
http://www.nfhdata.de/premium/index.shtml


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