Ägyptologie-Blatt

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Fletchers Nofretete-Theorie weiterhin umstritten - im wahrsten Sinne
Hawass, britische Medien und andere Meinungen
Von Gitta am 31.08.2003 um 21:32:12 

Nach der Ausstrahlung der Dokumentation "Nefertiti resurrected" im Discovery Channel am 17./18.08.2003 geht der Schlagabtausch weiter, teilweise jenseits der Gürtellinie.

In einem Artikel in Al-Ahram weekly, Ausgabe 651, setzt sich Zahi Hawass unter der Überschrift "The battle for the Rosetta Stone" vehement gegen einen Artikel im britischen Independent zur Wehr. Dieser beschuldigte ihn im Zusammenhang mit der Mumien-Affäre, aus machtpolitischen Gründen wahl- und grundlos Ägyptologen die Arbeitserlaubnis zu entziehen. Ausserdem sprach der Independant wiederum von Absichten der Ägypter, den Rosetta Stone zurückzufordern. Dies bestreitet Hawass nach wie vor; es ginge lediglich um eine Leihgabe.

Quelle
http://weekly.ahram.org.eg/2003/651/he2.htm

Einige Schritte weiter in Sachen Verbalattacke geht scheinbar die Times. In einem dort erschienenen Artikel ist davon die Rede, dass Fletcher Opfer einer Verschwörung sei zwischen internationaler Politik und der Welt der Archäologie, wie sie in Hollywood-Filmen wie Indiana Jones verherrlicht wird. Der Disput hätte einen Aufruhr zwischen britischer Ägyptologie und britischen Archäologen verursacht, die die ägyptische Regierung beschuldigen, sie würde den Expertenstreit benutzen, um sich für die ehemalige britische Besetzung Ägyptens durch England, für den Feldzug gegen den Irak und für die Verweigerung der Rückgabe des Rosetta Stones zu revanchieren. Ausserdem sei die Erstarkung des Islam und des Nationalismus in Ägypten die treibende Kraft für Ressentiments gegen Engländer. Zahi Hawass selbst wird beschuldigt, die britische Ägyptologie zu ruinieren und als mächtigster Archäologe Ägyptens seine Position auszunutzen, um die Karriere anderer Ägyptologen zerstören.

Nachzulesen (im Zusammenhang mit bereits bekannten Fakten zur Sache selbst) in einem Artikel von Al-Ahram weekly, Ausgabe 653
http://weekly.ahram.org.eg/2003/653/eg8.htm

Neben all diesen persönlichen Anfeindungen melden sich jedoch auch renommierte Wissenschaftler, die sich mit Joann Fletchers Theorie auseinander gesetzt haben, mit Fakten zu Wort. So Aidan Dodson, Professor für Archäologie an der Bristol University, in der Cairo Times. Nachstehend seine Meinung:

An Fletchers Beweisführung müsse noch gearbeitet werden, meint Dodson, was er darauf zurückführt, dass sie nicht sehr vertraut mit der Materie sei. "Ich würde sie nicht gerade als Mumienexpertin bezeichnen". Viele ihrer Beweise bedürfen intensiver Untersuchungen, z.B. auch das doppelte Piercing der Ohren. Belegt ist dies bisher nur bei Nofretete und einer ihrer Töchter. Das bedeute jedoch nicht, dass nicht auch andere diese Besonderheit trugen. Dafür wisse man einfach zu wenig. An anderen weiblichen Statuen dieser Zeit seien die Ohren bedeckt. Ähnlich sei es mit der "nubischen Perücke" (deren Existenz im Grab von Hawass bestritten wird). Dass diese Haartracht in der Amarnazeit Mode war müsse nicht bedeuten, dass sie nicht auch bereits in den Jahrhunderten davor getragen wurde.

Dodson meint, Fletcher hätte zunächst einmal feststellen müssen, wer die Mumien nicht sind. Da die drei Mumien im Grab Amenophis' II. gefunden wurden, könnten sie ohne weiteres der königlichen Familie angehören. Es wurden jedoch noch weitere königliche Mumien dort nachbestattet, allerdings in Särgen. Nachbestattungen als Schutz vor Grabräubern waren nichts besonderes. Fletcher geht davon aus, dass es sich bei den drei zur Debatte stehenden Mumien ebenfalls um derartige Nachbestattungen handelte. Diese lagen allerdings nicht in Särgen, die laut Dodson unbedingt erforderlich gewesen seien, um eine hochzerbrechliche Mumie zu transportieren. Er könne sich deshalb vorstellen, dass die drei Verstorbenen von vornherein in diesem Grab bestattet waren und von den Priestern, die die neun Särge unterzubringen hatten, in einer Nebenkammer abgelegt wurden, wo man  sie in aller Eile wieder zusammengefügt hat. "Alle Anzeichen sprechen dafür, dass sie sich niemals woanders befanden als in diesem Grab"

Der erbärmliche Zustand von "Nofretetes Mumie" einschl. des Schnittes quer über dem Gesicht ist für Fletcher Zeichen für eine Schändung, möglicherweise aus Neid durch rachelüsterne Priester. "Irgendjemand beschädigte die Mumie absichtlich und systematisch durch tiefe Schnitte bis auf den Knochen, um sie für immer zu verdammen", hatte Fletcher während der TV-Dokumentation ausgeführt. Dodson meint, viele königliche Mumien hätten sich in einem weit schlimmeren Zustand befunden, verursacht durch Grabräuber. Rachsüchtige Priester könne man in diesem Zusammenhang vergessen. "Das erste, was ein Räuber tat: er nahm eine Axt und schlug damit die dicken Mumienbinden durch", sagt Dodson "Dann wurde das Gesicht abgekratzt und der Brustkorb aufgehackt. Die Mumie von Ramses IV. z.B. war in einem viel schlechteren Zustand. Hätte jemand Nofretete im Jenseits wirklich schaden wollen, dann hätte er ihre Mumie verbrannt. Das wäre dann das wirkliche Ende gewesen."

Aber trotz dieser und anderer Einwände aus der Mitte der Ägyptologengemeinde: die Öffentlichkeit bekommt ein Unterhaltungsprogramm, garniert mit Spielszenen und zeitgenössischen Kostümen, und hält es für durchaus glaubhaft, dass die Königin nun gefunden sei - zumindest solange, bis jemand sie wirklich "findet". Derweil wird allerdings Joann Fletcher keinerlei Feldarbeit mehr machen dürfen.

"Die ganze akademische Zukunft zu opfern um ein wenig Geld zu machen ist eine merkwürdige Art mit den Dingen umzugehen", bemerkt Dodson.

Quelle
http://www.cairotimes.com/news/Nefertiti0724.html

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