Ägyptologie-Blatt

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Schuften für die Geschichte
Deutsche Grabung in Luxor - ZDF-Interview mit Dr. Daniel Polz, DAIK
Von Gitta am 28.12.2003 um 13:50:30 

Anlässlich des Zweiteilers "Abenteuer Ägypten" am 26. und 29.12.2003 führte das ZDF ein ausführliches Interview mit Dr. Daniel Polz vom Deutschen Archäologischen Institut Kairo:

Das Deutsche Archäologische Institut gräbt wieder in Theben, auf der westlichen Nilseite von Luxor. Dr. Daniel Polz ist hier der archäologische Feldherr. Auf dem antiken Erdhügel wacht er über die Grabungsarbeiten und seine mehr als 40 Mitarbeiter. Im ZDF-Interview erzählt er von den Schwierigkeiten und der Fazination des Projekts.
Die Westseite des Nils in Luxor war schon immer das Totenfeld der Könige. Im Osten, wo die Sonne aufgeht, begann in der ägyptischen Mythologie das Leben und im Westen wurde der Leichnam auf die letzte Reise geschickt.  

Dra' Abu el-Naga, ein kleiner Ort auf der Westseite des Nils, ist einer der meist genutzten Friedhöfe des alten Ägypten. Hier befanden sich die Grabstätten vom Beginn des Mittleren Reiches über die griechisch-römische bis in die frühchristliche Zeit. Der Ort war zentraler Bestattungsplatz für Könige, Königinnen und Privatleute der 17. und frühen 18. Dynastie. Deshalb war er auch in späterer Zeit bevorzugter Friedhof für hochgestellte Privatpersonen des Neuen Reiches, etwa für die Hohepriester des Gottes Amun von Karnak. Ausgrabungsleiter Dr. Daniel Polz ist von der ägyptischen Archäologie nach wie vor fasziniert.


Grabungsstätte in Dra Abu el-Naga

ZDF: Wie viel Phantasie braucht ein Ägyptologe und Archäologe, um in diesem riesigen Stein- und Geröllhaufen zu graben und fündig zu werden?

Polz: Es ist weniger Phantasie, sondern eher eine besondere Gabe der Vorstellung, um sich hier in dem Gelände, was wirklich amorph aussieht, ägyptische Architektur vorstellen zu können.

Es ist auch vielmehr ein solides und ausführliches Quellenstudium und eben das Verfolgen aller möglichen Hinweise, und zwar alter antiker Hinweise wie auch neuzeitlicher Informationen.
 
All diese Informationen und Erzählungen formen und bilden wir dann zu einer "Karte der gewissen Wahrscheinlichkeit". Natürlich gehört auch eine große Portion Glück dazu, um hier fündig zu werden.

Was wir nicht wissen, und das ist auch das Spannende an unseren Grabungsarbeiten, ist ja der Zustand unserer Entdeckungen. Die Funde können zerstört sein oder aber auch beraubt. Dies sind alles Dinge, die die Archäologie so spannend machen. In dem Augenblick, in dem man den Spaten ansetzt, fängt das große Rätselraten an. Wie aussagefähig wird der Fund sein, im Sinne der wissenschaftlichen Fragestellung.
 
ZDF: Muss der Archäologe ein geduldiger Mensch mit unerschütterlicher Hoffnung sein?

Polz: Man braucht einen langen Atem, doch der Rahmen und ein gut - auch durch Sponsoren - fundiertes Projekt des Deutschen Archäologischen Instituts erlaubt uns eine lange Grabungszeit. Natürlich ist die Planung das Wichtigste und wir wissen schon am Anfang einer Kampagne, was wir vorhaben, aber nie, was am Ende das Ergebnis sein wird. Das genau ist das Spannende an unserer Arbeit.  

ZDF: Wo hat das Deutsche Archäologische Institut in Ägypten seinen Ursprung?
 
Polz: Der Ägyptologe und Archäologe Ludwig Borchardt gründete das Institut 1907, der Herr übrigens, der auch die Nofretete gefunden hat. Borchardt war zu dem Zeitpunkt kaiserlich-wissenschaftlicher Attaché an der deutschen Botschaft in Kairo. Er wurde dann aus dem Botschaftsdienst ausgegliedert und gründete das Kaiserliche Deutsche Archäologische Institut. In den zwanziger Jahren wurde das Kaiserliche Institut dann in das Deutsche Archäologische Institut (DAI) mit Sitz in Berlin integriert. Das ist eine wissenschaftliche Institution, die dem Auswärtigen Amt angegliedert ist.
 
Das Institut mit mehreren Kommissionen und Abteilungen im In- und Ausland führt archäologische Ausgrabungen und Forschungen durch und pflegt Kontakte zur internationalen Wissenschaft. Wir haben beim DAI ungefähr einhundert wissenschaftliche Mitarbeiter weltweit. Das DAI hat auch eine der größten Bibliotheken hier in Kairo mit annähernd 40.000 Bänden und eine Photothek mit 200.000 Aufnahmen.

ZDF: Welche Spezialisten sind hier jetzt am Werk, um all die Funde richtig deuten und einordnen zu können?

Polz: Gerade heutzutage kann kein einziger Archäologe das ganze Feld der wissenschaftlichen Ausgrabungen abdecken, da kommen unter anderem Teilbereiche wie Botanik und Anthropologie hinzu.
 
Es gibt aber auch weitere Spezialisten, wie etwa die Zeichner. Sie müssen Objekte von winziger Größe oder aber auch eine Mauer von hundert Metern Länge maßstabsgetreu und detailgenau zeichnen können. Solche Leute sind rar und die Arbeitsbedingungen hier sind nicht gerade einfach.
 
Die Archäologie ist eine multidisziplinäre Wissenschaft, den großen Archäologen der auf seinem Hügel steht und alles erklären kann, den gab es nie und in der heutigen Zeit schon gar nicht mehr.
 
ZDF: Wie findet man eigentlich die ägyptischen Arbeiter?

Polz: Wir arbeiten an einem Ort in Luxor, an dem schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts Ausgrabungen stattfinden. Ein Teil der örtlichen Bevölkerung macht diese Arbeit schon seit Generationen und die Grabungskenntnisse werden dann in den Familien weitergegeben. Einer unserer Vorarbeiter lernt zur Zeit seine Söhne an, dies mit großem Erfolg und in 50 Jahren werden diese Männer dann ihr Wissen an ihre Söhne weitergeben.
 
Die Menschen in den Dörfern in Theben kennen das schon, dass verrückte Ausländer kommen und größere Menge Schutt und Geröll bewegen. Man muss nicht lange nach den Arbeitern suchen, am Beginn einer Kampagne bieten sich die Familien schon oftmals an.
 
Die eigentliche Arbeit ist nicht so sehr den Schutt wegzuräumen, sondern den Schutt wegzukratzen, mit einer Kelle oder eben mit einem Pinsel. Dafür sind natürlich Spezialisten nötig, die sich über die Jahre eine enorme Qualifikation erarbeitet haben

ZDF / Tom Sievers


Dr. Polz:  
Schon seit 1989 arbeitet der 46-jährige Ägyptologe und Archäologe am Deutsch-Archäologischen Institut in Kairo. Seit 1991 ist er Grabungsleiter in Dra' Abu el-Naga, bei Luxor.1993 bis 1999 unterrichtete Polz als assoziierter Professor an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Danach ging er wieder, nun als wissenschaftlicher Direktor, an das Deutsch-Archäologische Institut nach Kairo zurück.

Quelle (auch des Fotos s.o.)
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/2/0,1872,2090146,00.html

Wir haben die Grabungsstelle im Oktober 2003 besucht. Sie befindet sich direkt neben den Gräbern von Roy und Shuroy. Die Grabungstätigkeit war in vollem Gange und Daniel Polz steckte fast kopfüber in einem scheinbar äusserst interessanten "Erdloch". Trotz aller Tricks ist es uns nämlich nicht gelungen, seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Über eine Sondergenehmigung verfügten wir zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht und eine Diskussion mit dem Wächter der beiden Privatgräber konnte diesen lediglich dazu bringen, uns einen kurzen Blick über die knapp 1 m hohe Begrenzungsmauer werfen zu lassen. Mit Bakschisch wollte ich es angesichts der doch sehr nahen Ausgrabungsstätte mit vielen betriebsamen Leuten nicht versuchen. Mich hätte nämlich brennend interessiert, wonach dort gesucht wurde. Die Grabung "Nub-cheper-Re Intef" wähnte ich eigentlich auf der anderen Seite der Privatgräber. Im ersten Teil der ZDF-Dokumentation am 26.12.2003 war dann aber zu erfahren, dass es sich tatsächlich um diese handelt. Ich konnte bei unserem Besuch schließlich aus der Ferne trotz aller Armfuchtelei des Wächters noch ein (leider ein wenig überbelichtetes) Foto schießen.


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Kommentare zu diesem Artikel
chufu07.01.2004 um 16:13:18

Zitat:
Ich konnte bei unserem Besuch schließlich aus der Ferne trotz aller Armfuchtelei des Wächters noch ein Foto schießen.

Mensch Gitta, das ist ja Einsatz an vorderster Front!
Klasse!

Liebe Grüße, chufu.



Gitta E-Mail07.01.2004 um 22:23:40
Aber immer



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