Ägyptologie-Blatt

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Vom Tod besessen
Mumien-Grusel, Mordtheorien und Goldschätze
Von Gitta am 08.02.2004 um 22:36:13 

Mumien-Grusel, Mordtheorien und Goldschätze – die Welt des Teenager-Pharaos Tutanchamun fasziniert. Neue Forschungen zeigen: Die Ideen der alten Ägypter über Leben und Tod klingen bis heute nach.
 
Von Odette Frey

Hätte es die alten Ägypter nicht gegeben, Hollywood hätte sie erfunden. Allen voran den jungen Pharao Tutanchamun: Mit 19 Jahren eines rätselhaften Todes gestorben, begraben mit goldenen Schätzen, 3300 Jahre lang einbalsamiert in einer Wüstengruft verborgen.

Mythos Tutanchamun, geheimnisvolles Ägypten – kaum eine Epoche schlägt die Menschen so in Bann wie die der jenseitsfixierten Nil-Könige. Millionen Touristen pilgern Jahr für Jahr nach Giseh und Luxor an ihre Gräber. Eine TV-Direktschaltung aus der Cheopspyramide vereinigte vorletztes Jahr sieben Millionen Menschen weltweit vor dem Bildschirm, alle in der Hoffnung, einen Blick in eine verborgene Schatzkammer erhaschen zu können. Zu sehen gab es schliesslich nur einen staubigen Schacht und ein altes Skelett.

Das Ägyptenfieber ist leicht entflammbar. Dieses Jahr wird es die Schweiz heimsuchen. Ab April stellt das Antikenmuseum Basel – zum ersten Mal seit über 20 Jahren in Europa – Teile des berühmten Grabschatzes von Tutanchamun aus. Die Verantwortlichen können ihr Glück kaum fassen: 500'000 Besucher aus dem In- und Ausland werden erwartet. Als die Schätze Anfang der Achtzigerjahre zuletzt ausserhalb Ägyptens zu sehen waren, wollten sie über zehn Millionen Menschen in den USA, Japan und Europa sehen. «King Tut» ist unwiderstehlich, seine Totenmaske eine Ikone der Menschheit.

Warum hat es uns der jugendliche König derart angetan? «Es geht um Gold, Mann», liess einst das US-Magazin «New Yorker» Tutanchamun in einem fiktiven Interview erklären. «Gold ist die Hauptsache. Dazu kommt, dass das Zeug alt ist, Mann. Zeitlos. Und dann ist da noch die Mumiengeschichte und die Sache mit dem Fluch. Wir haben viel, das für uns spricht, in der Tat!»

Einverstanden, Mann. Doch das ist längst nicht alles.

Die Schätze und Mumien stehen für eine faszinierende Geisteswelt, einen Kosmos von Ideen, der nur auf den ersten Blick exotisch scheint. In Wirklichkeit ist er ein Stück unseres Kulturerbes. Lange verdrängt, weist er verblüffende Parallelen zum Christentum auf. Auf Grund neuer Erkenntnisse der Ägyptologie vermuten Psychologen ausserdem, dass die 2000 bis 5000 Jahre alten Vorstellungen noch immer gültige Wahrheiten enthalten: «Was die alten Ägypter teils mythisch oder magisch, teils mit fast wissenschaftlicher Präzision beschrieben haben, sagen wir heute in psychologischer Sprache», glaubt Andreas Schweizer, Psychotherapeut in Zürich. Vorstellungen und Gefühle, die tief in unserem Unbewussten schlummern, wie die Angst vor dem Dunkeln, hätten die Ägypter in ihrer Symbolsprache an die Wände ihrer Gräber gemalt.

Die Hochkultur im Nil-Schwemmland brachte den ersten politisch und religiös geeinten Zentralstaat der Weltgeschichte hervor; sie erfand die Hieroglyphenschrift und den ersten brauchbaren Kalender. Während hier zu Lande die Bronzezeit-Menschen ihre einfachen Pfahlhäuser in den Sumpf trieben, wurde am Nil ein Palast nach dem anderen hochgezogen. Abgesehen von kurzen Intermezzi verlief die 3000-jährige Geschichte des Grossreiches gleichmässig – von den Pyramiden des Alten Reiches bis zu seinem Ende unter Kleopatra wenige Jahrzehnte vor Christi Geburt.

Die Pharaonen, Vertreter der Götter auf Erden, regierten mit strenger Hand. Und auch wenn sie keine Despoten waren, wie sie die Bibel darstellt: Von sozialer Gleichmacherei hielten sie wenig; während sich der Hofstaat mit Löwenjagd und Gelagen vergnügte, schuftete sich das einfache Volk blutig. Das Erste, was ein Pharao seinen Untertanen nach der Thronbesteigung befahl, war, mit dem Bau seines Grabes zu beginnen. Die alten Ägypter waren vom Tod besessen. Sie verwandelten das Niltal in einen kolossalen Friedhof. Alles Menschenwerk aus dieser Zeit weist aufs Jenseits hin: Pyramiden, Felsengräber, Tempel, Götter- und Herrscherstatuen – allenthalben Inschriften, die den Tod beschwören.

Lange konnten selbst die Gelehrten nicht erkennen, wie aktuell einige Ideen der alten Ägypter über Leben und Tod heute noch sind. Die Geisteswelt im Pharaonenreich war kaum Forschungsobjekt – das Vermessen der Kolossalbauten und Katalogisieren der Schätze waren für sich allein faszinierend genug. «Die kulturgeschichtlichen Leistungen der Ägypter blieben hinter der glänzenden Oberfläche des Goldes verborgen», sagt der deutsche Ägyptologe Wolfgang Wettengel, dessen Ausstellung über die Ägyptenbegeisterung des 20. Jahrhunderts zurzeit durch Deutschland tourt.

Heute steht für eine kleine, aber angesehene Gruppe von Altertumsforschern der gedankliche Überbau der altägyptischen Gesellschaft im Vordergrund. Welche Vorstellungen übers Jenseits hegten die Menschen genau? Wie lassen sie sich aus den Texten und Bildern der Grabwände und Särge rekonstruieren? Und: Welche ihrer Ideen haben die Zeiten überdauert, tauchen in der griechischen Antike wieder auf und leben bis heute fort? Besonders die Epoche, in der auch Teenager-Pharao Tutanchamun lebte, fasziniert die Gelehrten. Der emeritierte Basler Uniprofessor Erik Hornung nennt sie «die vielleicht interessanteste Zeit der ägyptischen Geistesgeschichte».

Als Tutanchamun um 1330 vor Christus den Thron bestieg, war er neun Jahre alt und das Reich in desolatem Zustand. Eine Kulturrevolution war einige Jahre zuvor wie ein Sandsturm durch das Nilreich gefegt. Pharao Echnaton, vermutlich der Vater von Tutanchamun, hatte zusammen mit seiner Gattin, der legendären Nofretete, eine neue Religion eingeführt. Statt viele Götter durften die Ägypter plötzlich nur noch eine einzige Gottheit anbeten: Aton, verkörpert von der Sonnenscheibe. Der erste Monotheismus der Weltgeschichte bekam dem Land schlecht; Reformator Echnaton vernachlässigte Wirtschaft und Aussenpolitik. Nach 18 Jahren auf dem Thron starb er. Es folgte eine kurze Regierungszeit eines schattenhaften Pharaos – möglicherweise Nofretete. Dann, zwei Jahre später, wurde Tutanchamun König.

Ein Neunjähriger auf dem Thron. Der heute berühmteste Nil-König war mit grosser Sicherheit ein Marionetten-Herrscher. Hinter ihm standen einflussreiche Beamte wie Eje, oberster Berater des Königs, und General Haremhab. Beide schwangen sich später ebenfalls zu Pharaonen auf. Die Regierungszeit des Kindkönigs war eine Phase der Restauration. Die Tempel und Götterstatuen, die Vorgänger Echnaton zerstört hatte, liess er wieder aufbauen. Die alten Götter und Göttinnen wurden wieder verehrt. «Als seine Majestät König wurde», heisst es auf einer Tutanchamun gewidmeten Steinplatte, gefunden in Karnak bei Luxor, «waren die Schreine verwüstet und von Unkraut überwachsen, als ob die Heiligtümer nie existiert hätten, die Tempel waren zu Fusswegen geworden. Der König beriet sich, um zu schauen, wie Amun und die anderen Götter zufrieden gestellt werden können.» Eine Aufzählung der Bauleistungen folgt und schliesslich die Feststellung: «Heiterkeit durchzieht das Land, da ein vollkommener Zustand eingetreten ist.»

Tutanchamun selbst sollte den «vollkommenen Zustand» nicht lange geniessen können: Er starb mit etwa 19 Jahren. Sein früher Tod beflügelt die Fantasie von Forschern, Hobby-Ägyptologen und Buchautoren: War es die Pest, ein Hirntumor, ein Jagdunfall, oder etwa Mord? Unlängst versuchte ein ehemaliger FBI-Profiler im Auftrag von Discovery Channel, die Geschehnisse von damals zu rekonstruieren. Sein Verdacht: Königsberater Eje war ein machtgieriger Meuchelmörder, der seinen Schützling mit einem Schlag auf den Hinterkopf ins Jenseits beförderte. Das Beweismaterial für all die Thesen ist dürftig: Röntgenbilder der halb verfallenen Mumie und ein spekulatives Psychogramm des Hofstaates. «Das Einzige, was wir mit Sicherheit sagen können, ist: Der König ist gestorben und wurde begraben», sagt Marianne Eaton-Krauss, Berliner Expertin für Tutanchamun und seine Zeit.

Als der Brite Howard Carter das Grab Tutanchamuns 1922 im Tal der Könige entdeckte, war die Aufregung gross. Zum ersten Mal kam ein von Plünderern kaum berührtes Nilherrschergrab ans Licht; neben der Mumie enthielt es enorme Schätze. Sofort avancierte der junge Pharao zum Gesprächsthema Nummer eins in Kneipen wie in Bürgersalons. Die internationale Highsociety machte sich auf, «King Tut» und seinen Reichtümern die Reverenz zu erweisen. Lunchpartys beim Grab waren das Event der Saison. Als der Sponsor der Ausgrabung, Lord Carnarvon, ein halbes Jahr nach der Graböffnung an einer Blutvergiftung starb, wurde der Pharao verdächtigt. Ein Fluch liege auf seinem Grab. Der Faszination tat dies keinen Abbruch – im Gegenteil. Und auch wenn die Rache des Königs inzwischen als Aberglaube entlarvt ist, schwebt die schaudernde Neugierde bis heute über seiner Grabstätte.

So prächtig Grab und Mumie sind, über das Leben und die Persönlichkeit des Tutanchamun geben sie wenig preis. Anfangs hofften Carter und Carnarvon, aufschlussreiche Papyrusrollen zu finden, doch die Reise ins Jenseits hatte der junge König ohne Beipackzettel angetreten. Sonst fehlte es ihm an nichts: Gold, Schmuck, Schminke, Götterstatuen, Kleider, Waffen, Wein, getrocknetes Fleisch, Möbel, Streitwagen türmten sich in den vier kleinen Kammern. Die wissenschaftliche Auswertung der Beigaben ist noch nicht abgeschlossen.

Fest steht: Im Vergleich mit seinen Vorgängern und Nachfolgern war Pharao Tutanchamun kein grosser König. Seine Epoche, das Neue Reich, brachte Herrscher hervor wie Ramses den Grossen, der 66 Jahre lang das Zepter schwang, Sethos I., erfolgreicher Bau- wie Kriegsherr, und den Umstürzler Echnaton – alle drei waren prägendere Figuren als der jugendliche Tut. Doch: Die Restaurationszeit, deren Anfang der Kindkönig verkörperte, ist geistesgeschichtlich eine der reichsten des ganzen alten Ägypten. Erlöst von der monotheistischen Strenge der Echnaton-Herrschaft, blüht das religiöse Leben auf. Die Menschen werden von einer nie gesehenen Frömmigkeit erfasst, als müssten sie den Schock verdauen, nur einen Gott angebetet zu haben. Die religiösen Grabmalereien werden immer aufwändiger, und das Jenseits, von Echnaton kurzfristig abgeschafft, rückt wieder ins Zentrum der Vorstellungen. Das zeigen die Wandbilder in Tutanchamuns Grab: Osiris, der Gott der Unterwelt, von Echnaton besonders verpönt, nimmt wieder eine zentrale Rolle ein.

Zu Zeiten des Kindkönigs werden die Herrscher nicht mehr in Pyramiden, sondern in unterirdischen Gruften im Tal der Könige begraben, 500 Kilometer nilaufwärts. Auch normale Bürger leisten sich jetzt repräsentative Gräber. Das meiste, was über den damaligen Alltag bekannt ist – Sport, Jagd, Krieg und Feste –, weiss man aus den Malereien und Gräber-Beigaben.

Der Durchschnittsägypter schuftete hart. Bauarbeiter, die im Tal der Könige den Fels behauten, quälten sich acht Tage am Stück; wer unentschuldigt fernblieb, erhielt Stockschläge. Die Aufseher vergriffen sich gern an den Frauen und Töchtern der Arbeiter. «Was soll es bedeuten, dass du mich schlecht behandelst? Ich bin für dich wie ein Esel», beschwerte sich Grabzeichner Parahotep bei seinem Vorgesetzen, der ihn ohne Unterlass an König Merenptahs Grab schuften liess. Den verzweifelten Brief schrieb der Zeichner auf einer Kalksteinscherbe.

Lichtblicke im ägyptischen Alltag waren die zahlreichen Feste für die Götter. Während des Opet-Festes herrschte beinahe vier Wochen Ausnahmezustand. Musik und Alkohol für alle. Gefeiert wurde die göttliche Herkunft des Pharaos. Zum Bastetfest hielt der griechische Geschichtsschreiber Herodot fest: «Wein wird mehr verbraucht als im ganzen übrigen Jahr. Die Zahl der Festteilnehmer, Männer und Frauen, die Kinder nicht eingerechnet, beträgt gegen 700'000 Menschen.»

Musik genoss einen hohen Stellenwert. Zwei der frühen Stars, ein Musikerinnenduo, hiessen Hekenu und Iti. Hekenu spielte die Harfe, Iti sang. Die spärliche Freizeit vertrieben sich die Niltalbewohner auch gerne mit Ball- und Brettspielen wie mit dem beliebten Senet, einer Mischung aus Mensch-ärgere-dich-nicht und Schach.

All das vermochte das harte Leben nicht zu verdrängen. Genug zu essen gab es nur, wenn die Lebensader des Reichs genug Wasser führte. Im Nil selbst wimmelte es vermutlich von Krankheitserregern wie den Bilharziose-Würmern; die durchschnittliche Lebensspanne war kurz. Krankheit, Altern und Tod waren genauso abschreckend wie heute: «Das Greisenalter ist eingetreten, die Augen sind trüb, die Ohren taub, die Nase verstopft. Was das Alter den Menschen antut: Schlimmes in jeder Weise», verkündete Ptahhotep, Minister unter Pharao Djedkare um 2400 vor Christus.

Aber anstatt den Tod zu verdrängen, hiess man ihn in der Welt der Lebenden willkommen. Der Alltag im alten Ägypten drehte sich um das drohende Ende. «Der Tod bildete die Mitte, das Sinnzentrum der ägyptischen Kultur», sagt Jan Assmann, emeritierter Professor für Ägyptologie der Uni Heidelberg. Gelehrsamkeit, Kunst, Architektur, Literatur – alles diente den Gräbern und dem Totenkult. Zweck des Aufwands: Dem Jenseits den Schrecken zu nehmen und dem Toten den Eingang in die Welt der Götter zu sichern.

Das Jenseits malten sich die Ägypter in bunten Farben aus: Ein breiter Unterweltsfluss, grüne Wiesen und fruchtbare Felder spenden den Toten Bier, Wein, «erfrischendes Wasser», Brot und «grüne Pflanzen». Die so genannten Unterweltsbücher beschreiben Stunde für Stunde das Leben im Jenseits. Unter Tutanchamun und seinen Nachfolgern explodiert dieser Mythenschatz förmlich, dessen Bilder und Texte die Gräber und Särge schmücken.

In der Vorstellung der alten Ägypter rollt die Sonne jeden Abend hinter dem Horizont hinab ins Reich der Toten. Dort treibt der Sonnengott in einer Barke über den Unterweltsstrom, an Bord mit ihm die so genannten Bau der Toten. Die Bau sind in der Vorstellung der alten Ägypter ein Aspekt der menschlichen Seele – oft als Vogel dargestellt –, der zusammen mit der Sonne morgens aus der Unterwelt auf- und abends mit ihr hinabsteigt. Tief in der Erde verschmelzen die Bau mit den Mumien; die Wickelleichen werden wieder lebendig.

«Die tief gefühlte Analogie zur Sonne ist die grosse Jenseitshoffnung der Ägypter», sagt der Basler Gelehrte Erik Hornung. Der Lauf der Himmelskörper als Unsterblichkeitsgarantie, das Jenseits als Ort der Wiedergeburt: «Nur der Tod allein kann den Alterungsprozess aufhalten und umkehren», erklärt Hornung. «Er hat eine zutiefst notwendige Funktion im Weltganzen.» Die Ägypter hatten den dunklen Gevatter dank Bild- und Sprachkraft gezähmt; gar in sein Gegenteil verdreht.

Als der Franzose Jean-François Champollion 1822 das Rätsel der Hieroglyphen gelöst hatte, konnten die Forscher die alten Texte endlich entziffern. Ein Wirrwarr exotischen Schabernacks entblösste sich vor den ersten Gelehrten, die sich ungläubig darüber beugten. «Mit einem Mal trat die ganze Fremdheit der Ägypter hervor», sagt der Heidelberger Experte Assmann. Ideen aus der «Hexenküche der Magie» hätten die Ägypter in ihre Unterweltsbücher gekritzelt, meinte noch in den Fünfzigerjahren ein Lehrbuch despektierlich. Vom «trübsten Teil der ägyptischen Religion» sprach der renommierte Ägyptologe Adolf Erman.

Doch sind die Vorstellungen tatsächlich so fremd? Nein, meint Assmann, der sich auch als Kulturwissenschaftler einen Namen gemacht hat. Die zentralen Gedanken, begraben unter mythischen Texten und Bildern, sind die gleichen wie im Christentum. «Die Vorstellungen von der Unsterblichkeit der Seele und einer Belohnung und Bestrafung im Jenseits gehören zu den christlichen Grundüberzeugungen. In den ägyptischen Texten sind sie zuerst greifbar», sagt Assmann. Analog dem Jüngsten Gericht der Christen werden bei den Ägyptern nur jene Mumien vom Sonnengott wieder belebt, deren Eigner auf der Erde ein moralisch einwandfreies Leben geführt haben. Das Urteil fällt ebenfalls ein Totengericht.

«Vieles spricht dafür, dass diese Ideen von Ägypten aus in die christliche Religion eingedrungen sind», sagt Assmann. Selbst Details des ägyptischen Mythenschatzes wirken bei näherem Hinsehen bekannt. Zum ersten Mal im Grab von Tutanchamun, auf dem äussersten seiner Goldschreine, fand sich das «Buch von der Himmelskuh». Wie die biblische Geschichte von der Sintflut, beschreibt die Szene die Entfremdung zwischen Gott und den Menschen. Statt mit Wasserfluten straft der Sonnengott die Erde mit Feuer, bevor er sich auf den Rücken der Himmelskuh in den Himmel zurückzieht.

Die Arbeit der Altertumsforscher Assmann und Hornung zeigt: Die europäische Kultur wurzelt auch im alten Ägypten. Die Hinweise häufen sich, dass eine der Verbindungen Ägypten–Abendland über die alten Griechen läuft. Seit der Renaissance und besonders im 19. Jahrhundert verkörperte das Volk von Sokrates und Platon ein europäisches Ideal. Griechenland war jedoch kein isolierter Kulturraum der Antike, wie es heutige Schulbücher oft noch glauben machen. Es gab zahlreiche Kontakte mit dem Nilstaat, und dies schon bevor der hellenische Eroberer Alexander der Grosse in Ägypten einmarschiert war. Im alten Athen bewunderte man das Volk der Pharaonen; gleich wie es später auch die zweite europäische Mutterkultur der Antike tat, die Römer.

Die Kulturachse zum Nil zeigt sich in verschiedenen Parallelen: Im griechischen Illias-Epos fand Walter Burkert, emeritierter Professor für Klassische Philologie an der Universität Zürich, Gedichtzeilen, die einem für Ramses II. geschmiedeten Vers überraschend ähnlich sind. Ausserdem weist Burkert in seinem Buch «Die Griechen und der Orient» (2003, C. H. Beck) Übereinstimmungen nach zwischen dem ägyptischen Totengott Osiris und dem griechischen Weingott Dionysos. Spätestens ab Ende des sechsten Jahrhunderts vor Christus ist Dionysos nicht mehr nur für das Gelingen von Rebensaft zuständig, sondern auch für das Glück der Verstorbenen, wie Osiris bei den Ägyptern.

Wer heute in der Schule die alten Griechen büffelt, hört nichts von Multikulti im Götterolymp. Die Unterlassung geht auf das 19. Jahrhundert zurück. Damals verehrte man zwar in Europa die Griechen, wischte jedoch die Einflüsse aus dem Süden unter den Tisch. «Nachdem die napoleonischen Kriege mit einer Woge des Nationalismus zu Ende gegangen waren, schien klar, dass Kultur eine Nationalkultur zu sein hatte», erklärt Burkert einen der Gründe für die Lehre des «reinen» Griechenland. Für US-Professor Martin Bernal, Autor der Streitschrift «Schwarze Athene», spielte gar Rassismus mit. Die nordafrikanische Hochkultur sei den europäischen Bildungsbürgern zu «schwarz» gewesen, behauptete er in den Achtzigerjahren. Die Griechen seien im 19. Jahrhundert weiss gewaschen worden. Tutanchamun, ein Schwarzer? Die These sorgte in der Fachwelt für Kopfschütteln, doch der Tenor macht klar: Die alten Ägypter sind nur halb so fremd, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

Noch tiefer als die Altertumswissenschaftler sondieren wohl nur einige Psychologen die Überlappungen zwischen Pharaonen- und Jetztzeit. Fündig geworden sind sie im kollektiven Unbewussten, nach C. G. Jung das Sammelbecken für die so genannten Archetypen, also Bilder, die bei allen Menschen dieselben Ideen hervorrufen, unabhängig von Kulturraum und Epoche. So gilt der Kreis überall auf der Welt als ein Symbol für Ganzheit.

Die Tiefenpsychologen sehen in den ägyptischen Grabbildern Ausdrucksformen des Unbewussten. Das Wiederaufleben aus der Dunkelheit – das Hauptthema der Grabbilder – sei ein Archetypus, tief in uns verankert wie die Zyklen der Natur: der Wechsel von Tag und Nacht, die Ruheperiode von Pflanzen, der Schlaf von Tier und Mensch. So könnte es die Suche nach der «heilenden Kraft der dunklen Erdtiefe» sein, was die Menschen heute an ägyptischen Gräbern so fasziniert, vermutet Psychotherapeut Andreas Schweizer.

Man kann sich auch an die nüchternen Überlegungen des Ägyptologen Assmann halten: «Wir haben heute ein kulturelles Defizit, was den Umgang mit dem Tod angeht», sagt er. «Vieles, was eigentlich zur menschlichen Grundausstattung gehört, nämlich wie man mit den Toten lebt, wird heute verdrängt. Das macht eine Kultur wie die ägyptische, in der ein Überangebot an solchen Dingen herrscht, so faszinierend.»

Ironie der 3000-jährigen Geschichte: Das berühmteste Aushängeschild für das alte Ägypten und seine Ideen ist ausgerechnet Kindkönig Tutanchamun, zu seinen Lebzeiten eine blasse Gestalt. Heute will ihn die ganze Welt sehen. Der Wunsch nach Unsterblichkeit ist in gewisser Weise wahr geworden.

Quelle
http://www.facts.ch/facts/factsArtikel?artikelid=343699&rubrikid=783

via
http://www.geocities.com/TimesSquare/Alley/4482/EEFNEWS.html

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