Ägyptologie-Blatt

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Genealogie-Workshop in Berlin
Veranstaltung von IBAES am 04. und 05.06.2004
Von Gitta am 10.06.2004 um 00:12:33 

Auf private Initiative von Dr. Martin Fitzenreiter finden sich in unregelmäßigen Abständen Wissenschaftler zu einem zweitägigen Workshop zusammen. Das Thema ist jeweils festgelegt und es sind namhafte Referenten geladen, deren Beiträge anschließend zur Diskussion stehen. Die Ergebnisse finden schließlich online ihre Veröffentlichung - der Name ist Programm: IBAES - Internet-Beiträge zur Ägyptologie und Sudan-Archäologie. Der letzte Freitag und Samstag stand diesmal unter dem Motto "Genealogie - Fiktion und Realität sozialer Identität".

Insgesamt 19 Beiträge in überaus abwechslungsreicher Mischung sorgten für eine wirklich hochklassige Veranstaltung. Dr. Ludwig Morenz von der Universität Leipzig beispielsweise ließ die Zuhörer teilhaben an seinen Überlegungen zur Legitimierung Mentuhotep's II., der sich auf einen möglicherweise gar nicht existenten, also konstruierten, Mentuhotep I. beruft. Wolfram Grajetzki behandelte in seinem Beitrag das Mittlere Reich und die gerade für diese Zeit teilweise recht undurchsichtige Belegsituation. Existierende Familiendarstellungen lassen sich vielleicht auf den ersten Blick als Genealogien deuten, bei näherem Hinsehen jedoch erweisen sie sich häufig als Sackgasse. Ähnliches ließ auch Dr. Martin Fitzenreiter in seinem Vortrag über "Familienstelen" anklingen. Dr. Karl Jansen-Winkeln machte anhand einer ganzen Sammlung von längeren Genealogien der Spätzeit deutlich, dass auch diesen nur eingeschränkt zu trauen ist, dienen sie doch in den meisten Fällen der Aufwertung desjenigen, der sie in Auftrag gegeben hat. Wenn man bedenkt, dass David Rohl in seinem Buch "Pharaonen und Propheten" gerade einige dieser Belege für bare Münze nimmt, dann weiß man was von seinem Werk zu halten ist. Zu dieser Kategorie von Stammbaum kann man dann wohl auch die sogenannte Ras-Tafari-Liste zählen, eine Ahnenreihe, die das äthiopische Kaiserhaus unter Haile Selassie anfertigen ließ, und die den Anschein erweckt, als führe sie zurück bis in die Zeiten der Kuschitenherrscher in Ägypten. Über dieses Phänomen referierten Michael Zach und Manfred Kropp. Sehr informativ war auch der Vortrag von Marleen De Meyer, die über zahlreiche Restaurierungsinschriften in Gräbern von Deir al-Bersha und Sheikh Said berichtete, deren Urheber Djehutinacht, Sohn des Teti, ist*. Es bestehen begründete Zweifel, das Djehutinacht tatsächlich all diese Gräber restaurieren ließ. Marleen De Meyer ist Mitglied der Grabungsmission der Universität Leuven in Deir el-Bersha. Aber auch die Nubier hatten wohl ihre Probleme mit Legitimationsnachweisen. So analysierte Dr. Angelika Lohwasser auf Basis der Inthronisationsstele des Aspelta, dass die darin enthaltene Genealogie möglicherweise ein Werk schöpferischer Fantasie ist, das diesen König schlicht legitimieren sollte. Dr. Joachim Friedrich Quack, der sich seit langem mit dem "Buch vom Tempel" - einem Puzzle von Schriftfragmenten - beschäftigt, konnte aufgrund einiger bereits hinlänglich wiederhergestellter Textpassagen etwas über die Ämtervererbung bei Priestern sowie über Abstammungsvorschriften herausfinden. Die Ergebnisse stellte er in seinem Workshopbeitrag vor (Lit.: J.F. Quack, Das Buch vom Tempel und verwandte Texte - ein Vorbericht, Archiv für Religionsgeschichte 2 - 2000).

Man mag sich noch so sehr bemühen, es ist nicht möglich, alle Eindrücke dieser geballtem Ladung Wissen (und Wissenschaft) hier in Worte zu fassen. Um so erfreulicher, dass auch diesmal wieder die Resultate im Internet, aber auch - und das ist neu - in gedruckter Form demnächst zum Nachlesen bereit stehen.

*An dieser Stelle hatte ich auf eine Darstellung aus Deir el-Bersha hingewiesen, die den Transport einer Sitzstatue zeigt, und diese dem Djehutinacht zugewiesen. Das war nicht korrekt, denn die Darstellung stammt aus dem Grab des Djehutihotep, ebenfalls aus Deir el-Bersha und auch bearbeitet von der Leuvener Grabungsmission. Djehutihotep ist jedoch nicht der Urheber der Restaurierungsinschriften.

Weitere Informationen unter IBEAS.

Dieser Artikel wurde ebenfalls veröffentlicht in Heft 3/2004 der Kemet

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