Ägyptologie-Blatt

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Antike Planken und Takelagen am Roten Meer
Überreste von Hochseeschiffen gefunden
Von Gitta am 20.03.2005 um 19:18:58 

Kathryn Bard hatte "das beste Weihnachtsfest überhaupt" im vergangenen Dezember, als sie gut erhaltene Planken und Takelagen von pharaonischen Hochseeschiffen in zwei künstlich angelegten Höhlen an der Küste des Roten Meeres freilegte. Es handelt sich um den ersten Fund dieser Art überhaupt und zusammen mit den nahe einer der Höhlen vorgefundenen Inschriften verspricht er, den antiken Seehandel auf dem Roten Meer in einem ganz anderen Licht erscheinen zu lassen.Bard, Professorin für Archäologie, und einer ihrer früheren Studenten, Chen Sian Lim, hatten eine Stunde lang Sand geschaufelt an einer öden Klippe, die sich am Wadi Gawasis (25 km südlich von Safaga, 50 km nördlich von Quseir) an der Küste erhebt, als sie auf ein faustgroßes Loch stießen. "Ich steckte meine Hand hinein - und das war der Eingang zur ersten Höhle," sagt Bard. "So etwas passiert einem nicht oft in der Archäologie."Das Team unter der Leitung von Bard und dem italienischen Archäologen Rodolfo Fattovich legte kurz darauf dann auch den rechteckigen Eingang zur zweiten Höhle frei, gebaut mit Balken aus Zedernholz und Kalksteinblöcken, die früher als Schiffsanker gedient hatten. Innen stießen sie auf ein Netzwerk größerer Räume und auf eine Reihe von nautischen Objekten, darunter Taue, eine Holzschale und eine Tasche aus Flechtwerk. Bei zwei gebogenen Holzplanken aus Zedernholz dürfte es sich wahrscheinlich um Steuerruder von einem der rund 20 m langen Schiffe von der Punt-Expedition der Hatschepsut handeln. Ausserhalb der zweiten Höhle im Sand begraben fand Bard ein Stück Seil mit einer Art Seemannsknoten. "Es muss von einem Schiff kommen," sagt sie. "Für einen anderen Zweck kommt es nicht in Frage." Keramikfragmente, die sich verstreut herumliegend fanden, werden auf die 18. Dynastie etwa zur Zeit der Hatschepsut datiert. Bard legte ausserdem verschiedene Stelen frei, Kalksteinplatten etwa von der Größe kleiner moderner Grabsteine, die sich in Nischen ausserhalb der zweiten Höhle befanden. Die meisten waren unbeschriftet, auf einer befindet sich jedoch die Kartusche von Amenemhet III. Der Text berichtet von zwei Expeditionen, die Beamte nach Punt und Bia-Punt geführt hatten. Die Lage von Bia-Punt ist nicht genau bekannt. "Es ist ungewöhnlich, dass diese Stele über so lange Zeit relativ unbeschädigt erhalten geblieben ist," sagt sie, "und der Erhaltungszustand des organischen Materials innerhalb der Höhlen ist wirklich bemerkenswert. Ich arbeite seit 1976 in Ägypten und habe so etwas noch nie gesehen."Bards Kollegen teilen ihre Begeisterung. "Ich glaube, das ist eine sehr aufregende Entdeckung," sagt John Baynes, Ägyptologe an der Fakultät für Orientstudien der Oxford University. "Man war bisher davon ausgegangen, dass so weitreichende Reisen der Ägypter nicht sehr zahlreich waren, da man bisher in diesem Zusammenhang nur wenig gefunden hat." Aus Texten, die vor mehr als einem Jahrhundert gefunden worden waren, weiß die Forschung, dass die Ägypter Seeexpeditionen nach Punt bereits im Alten Reich durchgeführt hatten. Sie beschafften sich dort Gold, Ebenholz, Elfenbein, Leopardenfelle und exotische Tiere ebenso wie Weihrauch für ihre religiösen Rituale. Diese neue Entdeckung beleuchtet jedoch noch andere Aspekte des Seehandels. "Bevor wir die Stele fanden war nicht bekannt, dass König Amenemhet III. jemals eine Expedition nach Punt gesandt hatte," sagt Bard. "Das macht sie zu einem wichtigen historischen Text." Die italienischen Teammitglieder halten die in der kleineren der beiden Höhlen gefundenen Keramikfragmente für Ware aus dem Jemen, was dafür spricht, dass die Ägypter weiter gesegelt sind als bisher gedacht oder dass sie Teil eines komplexeren Handelsnetzes waren.Eine Reise nach Punt erforderte gewaltigen Einsatz an menschlicher Arbeitskraft. Die ägyptischen Schiffbauer holten die Zedern aus den Bergen des Libanon, transportierten sie nilaufwärts zu den Werften, wo die Schiffe zunächst gebaut und dann wieder demontiert und in transportable Teile zerlegt wurden, die in einem 10-Tages-Marsch etwa 160 km durch die Wüste an die Küste verbracht wurden. "Die damit verbundene Logistik war phänomenal," sagt Bard. "Sie mussten Wasser, Nahrungsmittel usw. für die komplette Reise mitnehmen."Während der 1990er hatten Bard und Fattovich eine über 10 Jahre andauernde Ausgrabung in der Nähe von Aksum, Äthiopien, geleitet, wo sie Hinweise auf eine bis dahin unbekannte Periode afrikanischer Zivilisation entdeckten. Als 1998 an der eriträischen Grenze der Krieg ausbracht, gingen sie zurück an die ägyptischen Rotmeerküste. 2001 kamen sie zum ersten Mal an das Wadi Gawasis, um "das andere Ende der Handelsroute über das Rote Meer zu erkunden", sagt Bard. Fattovich hatte das Wadi Gawasis ausgesucht, weil ein ägyptischer Archäologe in den 1970ern dort möglicherweise den antiken Hafen Saaw identifiziert hatte, der aus Texten als Ausgangspunkt für die Punt-Expeditionen bekannt ist. Das Team beschränkte die Grabungen auf jeweils sechs Winterwochen zwischen den Semestern, um der extremen Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit des Sommers zu entgehen.Noch elektrisiert von den jüngsten Entdeckungen bemerkt Bard, dass man gerade erst begonnen habe, die Geheimnisse des Wadi Gawasis zu lüften. "Ich bin sicher, dass dort mindestens noch eine weitere Höhle auf die Freilegung wartet," sagt sie. "Es mögen sogar noch viel mehr dort sein. Bisher haben wir lediglich den Eingang der großen Höhle ausgeräumt und das war schon sehr viel Arbeit. Wir werden dort noch Jahre zu tun haben."Bei der nächsten Kampagne im Dezember 2005 werden geophysikalische Radarmessungen zur Kampagne gehören. Es soll herausgefunden werden, ob noch weitere Höhlen existieren und wie groß die Ausdehnung der bekannten Höhlen ist. Ein Ingenieur wird das Team bei der Sicherung der teilweise eingestürzten Decken unterstützen. "Es ist der Fund des Lebens," sagt Bard, "und es gibt dort noch viel mehr zu entdecken."Nach einem Online-Artikel von Boston University community's weekly newspaper.Weitere Informationen zu den Grabungen unter archaeogate.it

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Kommentare zu diesem Artikel
Irjnefer_d.J. E-Mail25.03.2005 um 17:45:13
Beim Wort "antik" muß ich leider immer an die griechische oder römische <<Antike>> denken !..

Ist von einer Expedition "zum Erz von Punt" die Rede ?!

Irjnefer d.J.

Gitta E-Mail27.03.2005 um 14:31:33
Es ist auf jeden Fall von einer Expedition nach Punt die Rede im Artikel.

John Baines meint, die in den Höhlen untergebrachten Objekte seien vielleicht "Opfer für die Götter":

It is not clear exactly why the artefacts were sealed up inside the caves. But it is possible that they were offerings to the Egyptian gods. "That sounds very plausible to me, not least because previous excavations found a structure made of stone anchors that could again be some sort of thanks-offering," says Baines.
Quelle: http://www.newscientist.com/article.ns?id=dn7190

Warum bloß immer gleich diese religiösen Erklärungen? Vielleicht sind die Dinge einfach nur eingelagert worden - für die nächste Fahrt.





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