Ägyptologie-Blatt

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Mitteilung aus dem Kestner-Museum, Hannover
älteste Mumie Deutschlands
Von Iufaa am 12.10.2006 um 19:41:23 

Orell Witthuhn von der Ägyptologie Marburg, berichtet im Wissenschaftlicher LiteraturAnzeiger (Gießen):

Eigentlich ist es die bestbekannteste altägyptische Mumie Deutschlands, obwohl kaum jemand außerhalb der Wissenschaft dies wissen dürfte. Dieser 1884 in Ägypten - genauer in Achmim - ausgegrabene und ein Jahr später nach Deutschland verkaufte Leichnam, hat inklusive Sarg seit Anfang der 50er Jahre im hannoveranischen Kestner-Museum seine vorerst letzte Heimstätte gefunden. Anläßlich der 750-Jahr-Feier der niedersächsichen Landeshauptstadt wurde die Mumie etwas mehr als hundert Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland geröntgt und computertomographisch durchleuchtet. Schicht um Schicht und Schnitt um Schnitt kam man so ihrem durch Binden und Belagstücken geschützten Innenleben näher, ohne das fragile Objekt in irgendeiner Form zu verändern oder zerstören zu müssen. Den medizinischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen nach, gehörte der Leichnam einer zum Todeszeitpunkt etwa 25 Jahre alten Frau, die vor vielleicht 2300 Jahren am Nil lebte. Sowohl ihr körperlicher Zustand läßt sich auf die kleinste Genauigkeit hin analysieren, als auch die Mumifizierungsmethode und die Einsargung in allen Einzelheiten rekonstruieren. Ein in Hartschaum maßstabsgetreu nachgebildeter Schädel diente einer plastischen Gesichtsrekonstruktion, so daß dem Betrachter heute das Aussehen der noch immer eingewickleten Mumie bekannt ist. Nur eines schien für immer verloren: „Durch mehrfache Auslagerungen und Umzüge sind sowohl der Sargdeckel als auch die Belagstücke auf der Mumie stark in Mitleidenschaft gezogen. Dies hat zur Folge, daß die Inschrift auf dem Deckel nicht mehr lesbar und damit auch der ehemals genannte Personenname nicht mehr rekonstuierbar ist [...]“, wie es im Ausstellungskatalog „Mumie + Computer“1991 hierzu heißt. LMH 7849 - so die Inventarnunmmer der Toten in ihrem Holzsarg, dessen Deckel wegen einer unsachgemäßen Restaurierung in das Museusmagazin verbannt worden ist - blieb über Jahrzehnte hinweg namenlos.


Quelle: Sargdeckel Copyright Landeshauptstadt Hannover, Kestner-Museum (Helge Krückeberg)

Dem Forscherdrang der Hamburger Ägyptologin Ruth Brech ist es zu verdanken, der besonders bei den jüngeren Besuchern des Kestner-Museums ausgesprochen beliebten Mumie wieder zu einem Namen zu verhelfen. Im Rahmen ihres Promotionsvorhabens hat es sich die symphatische Wissenschaftlerin zur Aufgabe gemacht, alle aus Achmim stammenden, erhaltenen Särge in Text und Bild zusammen zu stellen; ein sehr engagiertes Projekt, denn die altägyptischen Toten sind mit den Resten ihrer Bestattungen inzwischen über die ganze Welt verstreut. Ihrer Bitte, auch unbedingt den nicht ausgestellten Deckel der Mumie im Kestner-Museum in Augenschein nehmen zu dürfen, kam der Leiter der ägyptischen Abteilung, Dr. Christian E. Loeben, gerne nach. So wurde das Sargoberteil ausgepackt und digitale Arbeitsphotos angefertigt. Die Überraschung war groß, als Ruth Brecht nach Auswertung der Bilder dem Museum gänzlich Unerwartetes mitteilen konnte, dass in einer der vier Kolumnen umfassenden hieroglyphischen Inschrift deutlich der Name der Toten und ihre Familienzugehörigkeit geschrieben steht: Ta-Osiris (was mit „Diejenige, die zu Osiris gehört“ übersetzen werden kann), Tochter des Djed-Horus (was „Horus hat gesagt[: Er soll leben!]“ bedeutet).


- Vollbild -

Quelle: Sargwanne Copyright Hannover, Kestner-Museum (Michael Lindner)

Gelegenheit, den weiterhin nicht im Mumienkabinett zu sehenden Sargdeckel der Ta-Osiris in Augenschein zu nehmen, haben alle Besucher des Museumsfests „Ägyptenfieber - auf Spurensuche ins Alte Ägypten“, das am Sonntag, den 15. Oktober zwischen 11-17 Uhr im Kestner-Museum, Hannover gefeiert wird. U.a. erläutert dabei die Restauratorin Ute Seiler-Liepe aus Berlin, mit welchen Methoden das unsachgemäß wiederhergestellte Sargoberteil gerettet werden kann. Jede noch so geringe Spende an das Museum ist willkommen, um die veranschlagten 4.000 EUR aufzubringen, die nötigen Restaurierungen durchführen zu können. So käme Ta-Osiris nicht nur wieder zu ihrem Namen, sondern auch zu ihrer Sargabdeckung in der Dauerausstellung.

Mit Dank an O. Witthuhn, für die Überlassung des Text, und an das Kestner-Museum, für die Freigabe der Bilder.

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