Ägyptologie-Blatt

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Weitere Häuser in Qurna abgerissen
Massiver Einsatz der Sicherheitskräfte
Von Iufaa am 17.12.2007 um 13:39:48 

Der Herald Tribune, Africa and Middle East meldet, dass am Sonntag weitere 60 Häuser in Qurna unter massivem Einsatz von Sicherheitskräften abgerissen worden sind. Nach Berichten Einheimischer wurde dabei auch Tränengas eingesetzt.
Die Häuser liegen wohl in der Nähe des Tals der Könige, das Land auf dem sie standen, wurde - wie vermutlich an vielen Orten Luxors - widerrechtlich besiedelt.

Darüber hinaus berichtet Jane Akshar auf ihrer Blogseite, dass auch in Ghezira Häuser abgerissen worden sind. Hier brummt die Gerüchteküche gewaltig, und jeder kocht eine andere "Suppe" zusammen. Wie die Planungen für Ghezira allerdings wirklich aussehen, scheint dort niemand zu wissen.

Wenn die Umbauten allerdings zur Beseitigung der Müllkippen am Nilufer führen - der Geruch ist auf mehreren 100 Metern entsprechend - wären sie sehr zu begrüssen, und sicherlich eine deutliche Verbesserung für die immer wieder zitierte dörfliche Atmosphäre von Ghezira.

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Kommentare zu diesem Artikel
naunakhte17.12.2007 um 13:46:06
"in der Nähe des Tals der Könige" - naja, der Autor bezeichnet wahrscheinlich die komplette Westbank als "nahe dem KV". In der Nähe der Königsgräber befinden sich keine Häuser, das nächste wäre das Carter-Haus.

Hemet17.12.2007 um 15:38:44
Wenn es auch heißt, dass die Häuser widerrechtlich besiedelt wurden, so finde ich es trotzdem traurig für die Bevölkerung, dass sie  ausgesiedelt werden, m. E. ähnlich wie die Nubier. Ich war kürzlich auch in Luxor und habe mich mit Ä. darüber unterhalten. Die Meinungen sind darüber geteilt. Die Einen sagen, es sei richtig, die Bewohner von Qurna haben sich genug bereichert.Andere denken wie ich. Immerhin haben die Familien ihre Heimat verloren und die Arbeiter z.B. in den Alabasterwerkstätten einen langen Weg zur Arbeit.

Iufaa17.12.2007 um 16:18:08
Ein Deutscher, der lange dort als Teilhaber eines Alabasterwerkstatt lebte (leider inzwischen verstorben) erläuterte des Verhalten der Einwohner von Qurna mal mit folgenden Worten:
"Sie treiben es konsequent auf die Spitze, haben sie genügend Kompensation in Form neuer Wohnung und deren Einrichtung in Neu-Qurna erhalten, dann ziehen sie aus.
Und während sie auf der einen Seite das Haus verlassen, ziehen Verwandte auf der anderen Seite ein - die einzige Möglichkeit, die Häuser zu räumen, wäre der umgehende Abriss!"

Und genau das passiert jetzt, mit Ausnahme einiger Exemplare, die aus historischen Gründen stehen bleiben.

Lutz18.12.2007 um 01:39:27

Zitat:
Hemet : ... Immerhin haben die Familien ihre Heimat verloren und die Arbeiter z.B. in den Alabasterwerkstätten einen langen Weg zur Arbeit.

Also wirklich, nun bleib aber mal auf dem Teppich !
Neu-Qurna (Wohnungen mit allem Komfort, bisher hatten sie kein fließend Wasser !!!) liegt zwei, drei Kilometer weg.

Eine Fahrt mit dem Sammeltaxi ist für 25,- Piaster zu haben. Zu Fuß dürfte die Strecke in einer halben bis dreiviertel Stunde zu schaffen sein !

Was allein bisher schon an wiederentdeckten Gräbern zum Vorschein kam ist einfach atemberaubend !

Der Zustand in dem diese Gräber sich, dank der Nutzung als Wohn -, Stall - oder Müllraum und Kloake durch die ach so bemitleidenswerten, armen  vertriebenen Qurnavis, befinden allerdings auch !

Wovon lebt denn Theben-West ? Wer kauft denn den Alabaster-Kram ? Touris, die kommen um die Gräber zu sehen, oder ?

Lutz



Hemet18.12.2007 um 23:12:43
Hallo Lutz, ich wollte wirklich nicht vom Teppich runter. Ich liebe  Ägypten und trotzdem hat auch dies  zwei Seiten. Ich wollte eigentlich ausdrücken, dass mir die Qurnaver trotzdem ein bisschen Leid tun, bin eben eine Hemet. Liebe Grüße Irmi

SonnyBavaria E-Mail20.12.2007 um 13:50:59
Die Situation in Qurna ist seit langem sehr verquer.
Iufaa, Du sprachst von Peter und der Imhotep Alabaster-Factory. Ich selber bin dort regelmässig seit 1988 und kenne natürlich entprechend die Situation. Lutz liegt hier durchaus richtig. Es ist traurig zu sehen wie einstmals interessante Gräber zu Hühnerstallen verkommen, als Kloake missbraucht werden. Andererseits darf nicht übersehen werden,dass diese Bevölkerungsgruppe auch mit dazu beigetragen hat, dass diesem Planeten ungeheure kulturelle Werte erhalten blieben und nicht von marodierenden Beduinenstämmen im 19. Jahrhundert zerstört wurden. Natürlich war das Eigeninteresse groß, bis heute. Widerrechtliche Besiedlung wird allerdings hier nur vorgeschoben um einen tatsächlich leblosen Gräberpark zu schaffen. Mit klaren Strukturen, die das eingenommene Geld ausschließlich nach Kairo lenkt und die legalen Einkünfte vieler Qurnauis beenden wird. Die Atmosphäre, die Qurna bis heute bietet, wird verloren gehen. Nicht für den Archäologen, und nur im begrenzten Fall für die zahlreichen Touristen, aber für all die, die sich bisher länger dort aufgehalten haben.
Den Qurnauis werden neue Häuser angeboten, 2 bis 3 km weiter entfernt in NEW Qurna. Schaut anfangs gut aus, wer es allerdings näher betrachtet erkennt warum die letzten Qurnauis dorthin nicht ziehen wollen.  Die Häuser sind viel zu klein, eigentlich nur zwei kleine Räume, für das lebensnotwendige Vieh is so gut wie kein Platz mehr. Und auch die alte Familientradition, die Großfamilie wird zerfallen, ist ja kein Platz mehr. Nach wie vor meistenteils allgemeine Wasserstellen und das in einem neu strukturiertem Gebiet. Die meisten Bewohner müssen den Strom illegal abzapfen, da die Behörden bis heute nicht in der Lage sind Stromzähler anzuschließen. Auf einen Telefonanschluss zu warten bedarf mehr als Geduld.
Wie auch immer, die Umsiedlung ist verständlich und auch notwendig, aber die Möglichkeiten die den Umsiedlungswilligen gegeben werden sind wenig durchdacht und bieten keinen Anreiz.
Eindeutig unterscheidlöich bietet sich die Situation in el Gezirah an, direkt am Nil. Hier entstanden tatsächlich illegale Bauten meistenteils an lukrativen Plätzen direkt am Nil. Undurchsichtige Eigentumsverhältnisse machten dies möglich. Wer nicht eindeutig nachweisen kann, dass schon der Ur-Ur-Urgroßvater dort die ersten Palmen gepflanzt hat, wird gegen die Bauspekulanten und Riesenkonzerne der Hotelindustrie absolut keine Chancen haben.

>> Lutz: Wovon lebt denn Theben-West ? Wer kauft denn den Alabaster-Kram ? Touris, die kommen um die Gräber zu sehen, oder ? <<

Lutz richtig, aber sicher weisst Du auch, dass das wenigste Geld in Qurna bleibt, sondern von den Tourguides abgeräumt wird. Wird heute ein Papyrus an einen Touristen verkauft, bekommt dessen Tourguide 80% des Verkaufspreises, 10% bekommt der Busfahrer einschließlich der zwei Schachteln Marlboro und den Getränken..... (jedes ausländische Reiseunternehmen benötigt in Ägypten ein einheimisches Reiseunternehmen als ausführenden Partner, also auch den ägyptischen Tourguide....) und bei Alabasterverkauf schaut es für die Factories genauso unerfreulich aus (die %-Vergabe ist da etwa anders) und große Gewinne sind nicht zu machen, wenn überhaupt...

Empfehle auch mal bei www.touregypt.net vorbeizuschauen oder sich auch direkt mit den Qurnauis im Internet auseinaderzusetzen, live in audio, video, text > paltalk.com

greetinx
Sonny


Isis_und_Osiris21.12.2007 um 18:48:13
salam

ich kann mich den worten von SonnyBavaria nur anschliesen.

ma salama

... isis ...

thay22.12.2007 um 18:56:37
Qurna empfinden wir immer als ein üppiges Feld von verschiedensten Erkrankungen. Unser ehem. Freund "bewachte" den leben langen Tag das einstige  Haus seiner Familie. Wir haben auf unseren Streifzügen durch das Gelände ab und zu mal ins Haus geschaut, der schlief den ganzen Tag. Dabei hat seine Familie in Neu-Qurna ein sehr schönes Haus, da wohnt die ganze Familie. Sein Bruder war den ganzen Tag in Luxor unterwegs, Ahmed "schob" Wache...
Der Unrat in Qurna, man sehe sich nur mal genau in den Häusern um! Wir waren in Gräbern unter den Häusern: Sagt da nicht jemand, es sei den Bewohnern zu "danken",daß die Beduinen nicht geplündert und zerstört haben...? Na hallo, da habe ich aber was anderes gesehen, sah sehr nach Vandalismus aus. Ein Grabwächter in Chocha erzählte uns, wie froh seine Familie sei, endlich in sauberen Verhältnissen zu leben.
Jeder sieht es eben aus seiner Perspektive.



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