Ägyptologie-Blatt

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Es war eine dunkle Zeit
Deutsche Ägyptologie in der NS-Zeit
Von naunakhte am 04.09.2009 um 09:45:54 

"Es war eine dunkle Zeit", so lautet der - nach Hermann Junker zitierte - Schlusssatz eines Artikels über ein laufendes Projekt von Thomas Schneider (derzeit Professor für Ägyptologie an der University of British Columbia).

Schneider berichtet im Artikel recht ausführlich über Verhalten und Stellung einiger deutscher Ägyptologen während des NS-Regimes. Eine wissenschaftsgeschichtlich sicherlich interessante Auseinandersetzung mit Deutschlands "dunkler Zeit".

nach einem Hinweis von Lutz

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Kommentare zu diesem Artikel
petrie0804.09.2009 um 23:30:51
Die Aufarbeitung der deutschen und österreichischen Ägyptologie während der Nazi-Barbarei ist ein überfälliges Desiderat. Nur, Thomas Schneider ist hier merkwürdig selektiv: Ein wirklicher Ober-Nazi wie der Semitist Otto Rössler wird mit Glacéhandschuhen angefaßt. Auch und gerade von Schneider. Es kann ja nicht sein, dass Rössler, nur weil er mit seiner Arbeit "Ägyptisch als semitische Sprache" in der deutschsprachigen Ägyptologie einen Paradigemenwechsel (die "Neue Komparatistik") eingeleitet hat, plötzlich schuldfrei dasteht!
(Ein Aufsatz über Rössler von Gerd Simon/ Uni Tübingen, ist über den Rössler-Artikel in Wikipedia leicht erreichbar.)

Iufaa05.09.2009 um 15:34:28
Ist die Zurückhaltung von Th. Schneider wirklich so verwunderlich? Man beachte:

Otto Rössler, Gesammelte Schriften zur Semitohamitistik. Hg. von Thomas Schneider unter Mitarbeit von Oskar Kaelin (AOAT 287), Münster 2001.

Den Artikel von Simon findet man auch direkt hier
Gerd Simon -> Otto Rössler

petrie0805.09.2009 um 18:19:41
Thomas Schneider hat die Tatsachen über Wolf, Kees etc. schon vor Jahren in einem Artikel in der Schweizer "Weltwoche" dargelegt. Schon damals müssen ihm die Verwicklungen Rösslers bekannt gewesen sein. Ich finde es halt nur unfair den biederen Walther Wolf abzuwatschen und den Rössler nicht einmal zu erwähnen. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass Rössler - nach Angaben in der Sekundärliteratur - ein wirklicher Weltklasse-Wissenschaftler war.
Aber gerade deswegen wäre die Wahrheit zumutbar! Nur um einen Begriff von der grundstürzenden Wirkung der Arbeit Rösslers ("Ägyptisch als semitische Sprache")zu geben: der allgemein bekannte (Kreuzworträtsel-) Gott "Ra" oder "Re" müßte korrekt "Lidaw" ausgesprochen werden! Ich zitiere hier Kammerzell aus dem Gedächtnis.

naunakhte05.09.2009 um 21:08:24
sicherlich sollte die NS-Vergangenheit Rösslers nicht unter den Tisch gekehrt werden. Und wenn die Zitate von Gerd Simon aus Schneiders Vorwort zu AOAT 287 und dem weglassen NS-belasteter Artikel so stimmt ist Schneiders Position bei der Aufarbeitung genau zu betrachten.
Doch bisher reden wir über kurze Zeitungsausschnitte und Interviews zum Thema, nicht über seine letztendliche Publikation. Zudem ist Rössler in erster Linie wohl Semitist, hier ist dann auch Schneiders Gewichtung zu prüfen.
Wir sollten auf die Endpublikation warten. Dann kann man davon sprechen wo er selektiv war.
Generell begrüße ich eine solche Arbeit, auch im Hinblick auf Quellenkritik (der Sekundärliteratur) dürfte sie von unschätzbarem Wert sein.
Inwiefern Schneider oder ein anderer das Thema wirklich brauchbar und Vorurtelsfrei bearbeiten kann sei dahingestellt.

nauna - die Rössler noch erlebt hat ...

... und die gerade selber über einem Karton voller Nazi-Unterlagen sitzt und überlegt in welcher Form und ob es überhaupt schon "publikationsreif" ist

menna11.09.2009 um 20:38:24
Ich habe mal im "Who was who" nachgesehen. Dort findet sich bei keinem der im Artikel erwähnten eine Bemerkung zur NS-Nähe, während Verfolgungen während der Nazizeit oft zu finden sind (z.B. bei Steindorff). Nebenbei: zum Schicksal von Steindorff gibt es im Leipziger Ägyptischen Museum eine interessante Dokumentation seiner Vertreibung aus Deutschland.

Thomas Schneider E-Mail22.09.2009 um 16:07:35
Liebe Listenbenutzer,

vielleicht sind einige Worte zur Klarstellung hier angebracht. Der in Heritage Key erschienene Artikel zur Nazi-Ägyptologie wurde auf der Grundlage eines Vortragsmanuskripts und eines Telefoninterviews mit mir verfasst und gibt beides nur sehr selektiv wieder. Zum Zeitpunkt der Herausgabe der Gesammelten Schriften war mir die Verwicklung Otto Rösslers in NS-Aktivitäten nicht bekannt; inzwischen ist mir aber natürlich die Recherche von Gerd Simon und weitere Literatur vertraut. Meine gegenwärtig in Arbeit befindliche Monographie zum Thema beinhaltet auch einen längeren Abschnitt zu Rössler. Es kann also nicht die Rede davon sein, ich würde hier Rössler absichlich mit Glacéhandschuhen anfassen bzw. in dem (von mir nicht verantworteten Artikel) nicht erwähnen. Etwas weniger Vorverurteilung (petrie08, Iufaa) wäre hier angebracht.  

Mit freundlichen Grüssen

Thomas Schneider

Iufaa22.09.2009 um 21:40:58
Lieber Herr Schneider,
bei meinen Kommentar bin ich davon ausgegangen, dass
- zumindest zum Zeitpunkt der Gesammelten Schriften ihrerseits keine Kenntniss von Rösslers Nazi-Verbindungen vorhanden war,
und
- dass das Interview entweder diesen Stand widerspiegelt oder Sie keine Bezüge zu Rössler hergestellt haben, weil Sie einer (Ihrer) Neubewertung nicht vorgreifen wollten.

Eine V(orv)erurteilung war nicht beabsichtigt, dazu fehlt mir sicherlich auch die Expertise.

MfG, Karl H. Leser (Iufaa)



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