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Ein Veranstaltungsbericht - Teil 4
Von Gitta am 31.07.2004 um 22:04:12 

10.07.2004

Dr. Nadja Tomoun, München, nahm sich der sogenannten Bildhauermodelle an. "Die sogenannten Bildhauermodelle der Spät- und Ptolemäerzeit - Studien zu Typus und Funktion einer altägyptischen Denkmälergruppe" hatte sie ihren Beitrag überschrieben. Den besprochenen Erkenntnissen lag ihre diesbezügliche Dissertation zugrunde. Die Typenanzahl der sogenannten Modelle ist begrenzt, das lässt sich auch bei den Stücken aus der Bildhauerwerkstatt des Thutmoses in Amarna feststellen. Insgesamt wurden bisher ca. 2.000 Stücke der Objektgruppe aus ptolemäischer und Spätzeit gezählt, die ausgeklügelte und detaillierte Raster von Hilfslinien aufweisen. Das Foto links zeigt einen restaurierten Berliner Papyrus aus dem 3. Jh. v.Chr., den man vielleicht nicht als "Modell" betrachten, an dem man jedoch die Hilfslinien zur Herstellung eines Sphinx sehr gut erkennen kann. Von den ptolemäischen und spätzeitlichen Bildhauermodellen waren einige nicht symmetrisch, d.h. schief. Als Vorbild dienten wohl nur die perfekten Stücke.

Ein sehr interessanter Hinweis bezog sich auf die sekundäre Nutzung der Ostraka. So wurde beispielsweise von einer demotischen Tinteninschrift berichtet, die sich als Abrechnung herausstellte. Auch das nachträgliche Anbringen von Quadratnetzen wurde festgestellt sowie die Verwendung dieser Ostraka als Stiftung. Einige Modelle von Gliedmaßen und Körperteilen, die sich in Sakkara fanden, erachtete Emery noch als Kultgegenstände, was jedoch wegen des spärlichen Befundes nicht sicher ist. Er dachte dabei möglicherweise an die typisch griechische Massenherstellung von Gipskörperteilen für Kultzwecke. Die ägyptischen Stück sind jedoch individuell gestaltet und könnten somit auch Modelle sein.

In der Spätzeit (30. Dynastie) vermehrt auftauchende Modelle sprechen für eine Verbesserung der handwerklichen Fähigkeiten und eine Professionalisierung des Ausbildungssystems.

Holger Kockelmann M.A., Bonn, stellte unter dem Titel "Drei Götter unterm Totenbett. Zu einem ungewöhnlichen Bildmotiv in einer späten Totenbuch-Handschrift" die Bearbeitung der seltsam anmutenden Darstellung der Vignette Tb 17 aus der Totenbuch-Mumienbinde des Hepumenech aus der Ptolemäerzeit vor. Bekannt sind Darstellungen des Verstorbenen auf einer Bahre liegend, unter der sich Kanopen, die vier Horussöhne entweder im Ganzen oder in Kanopenform, oder auch zugeschnürte Leinenbeutel, die vielleicht die Balsamierungsreste beinhalten, befinden. Bei der vorgestellten Vignette erscheinen unter der Totenbahre jedoch drei aufrecht stehende Figuren als "Strichmännchen", jeweils ein Arm angewinkelt erhoben. In der Publikation der Mumienbinde werden sie als "Beutel für Eingeweide, dargestellt als Strichmännchen" bezeichnet. Diese Deutung zweifelte der Referent an und verwies auf einige Parallelstellen, wo unter einer Totenbahre Figuren mit erhobenen Armen bzw. mit nur einem angewinkelt erhobenen Arm sichtbar sind. Am nächsten kommen der Darstellung wohl Reliefs aus Dendera mit dem Unterschied, dass dort alle vier Horussöhne abgebildet werden. Auch in Saft el-Henne gibt es Figuren mit einem angewinkelten Arm, die allerdings als "Stützende" gedeutet wurden, während diese Geste nach Erman für Trauer steht. Dies sind nur einige Beispiele, die als Parallelen herangezogen wurden. Der Referent zeigte sich in seinen Ausführungen letztendlich überzeugt, dass es sich bei den "Strichmännchen" keinesfalls um Leinenbeutel, sondern eher um eine aussergewöhnliche Darstellung der Horussöhne handelt. Dass nicht alle vier Söhne sondern nur drei erscheinen, sei auch keineswegs einmalig.

Mit der Vorstellung des DFG-Projektes "Soknopaiu Nesos nach den demotischen Quellen römischer Zeit", an dem die Universität Würzburg seit Sommer 2000 unter der Leitung von Karl-Theodor Zauzich arbeitet, beschlossen Dr. Sandra Lippert und Maren Schentuleit M.A., beide Würzburg, die Fachvortragsreihe des Samstag.

Die meisten zu bearbeitenden Papyri befinden sich in Wien, Berlin und weiteren Städten Europas und wahrscheinlich auch den USA. Neben Papyri gehören auch Ostraka zum Projektmaterial, das in der Hauptsache aus Quittungen, Urkunden, Abmachungen und Abrechnungen besteht. So wurden neben Phylenzählungen auch Quittungen über Steuereinnahmen identifiziert, die die Einbindung in das römische Steuerrecht zeigen. Zwei Priester waren als Steuereintreiber eingesetzt. Entlastungsquittungen belegen die ordentliche Weiterleitung der Beträge an den Tempel und tragen die Unterschrift beider Priester. Urkunden behandeln vornehmlich Häuser, Hausteile bzw. Sicherungsübereignungen oder sind als Eheurkunden und Teilungsschriften ausgefertigt worden. Die Abmachungen zwischen Priestern und dem Tempel sind eine besondere Herausforderung, da sie viele idiomatische Ausdrücke enthalten und deshalb teilweise nicht verständlich sind. Von Abrechnungen von zum Teil 10 m Länge hat man bisher eine Kollektion von über 1.000 Fragmenten zusammengetragen, die einer langwierigen Bearbeitung bedürfen.

Die Ergebnisse der Projektarbeit sollen in einer 5-bändigen Publikation veröffentlicht werden.

Foto: Gitta

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