Ägyptologie-Blatt

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Ständige Ägyptologen-Konferenz (SÄK) in Mainz (5)
Ein Veranstaltungsbericht - Teil 5
Von Gitta am 07.08.2004 um 22:00:36 

11.07.2004

Am Sonntag eröffnete HD Dr. Jochem Kahl, Münster, den Konferenztag mit einem Exkurs an eine hauptsächlich aus sicherheitspolitischen Gründen fast aus dem Blick verloren gegangene archäologische Stätte, das "'Dornröschen' Assiut: Erste Resultate eines Surveys und Forschungsperspektiven". Seit ungefähr 80 Jahren liegt Assiut ägyptologisch brach und die seinerzeit dort tätigen Wissenschaftler haben keine Aufnahme vorgenommen, geschweige denn Pläne hinterlassen. Nun konnte gemeinsam mit der South Valley University of Sohag ein erster Survey vorgenommen werden, der sich vielversprechend anließ. Bei der Untersuchung der Gaufürstengräber fand sich im Grab III (Itefibi) eine zweite Pfeilerreihe (erwähnt von Hayes 1830, jedoch nicht bei Porter & Moss). Es wurden minimale Reste von Dekoration gefunden, die darauf schließen lassen, dass das Grab einmal vollständig dekoriert gewesen sein muss. Ähnlich Grab IV (Cheti II.) mit Darstellungen von Bewaffneten wurde ein weiteres, nördliches, "Soldatengrab" neu entdeckt. Die Malereien und Grafitti sind mit dem Verputz herabgefallen, da das Grab eingestürzt und die dekorierte Wand der Sonne ausgesetzt war. Die Szenen lassen einen Vergleich mit Grab IV zu, so dass das "nördliche Soldatengrab" ebenfalls auf die 11. Dynastie datiert werden kann. Ringerszenen - bisher nur in Gaufürstengräbern gefunden - verweisen darauf, dass es sich hierbei auch um ein solches handeln wird. Neben den Gräbern der 2. Zwischenzeit finden sich in Assiut auch Grabstätten aus dem Neuen Reich und der Spätzeit, wie entsprechende Artefakte zeigen. Ebenso ein koptisches Kloster, Deir el-Metin, und durch Kopten belegte alte Gräber.

Es ist vorgesehen, die Gräber III, IV und V zu dokumentieren, eine Fotopublikation von noch unbekannten Gräbern zu erstellen sowie kartografische Arbeiten und eine Untersuchung der Belegungsschichten vorzunehmen.

Unter der Headline des Sonntagvormittags "Aktuelle Berichte über Arbeiten in Ägypten und dem Sudan" war das nächste Referat von Andreas Dorn, lic. phil, Basel, in der Hauptsache den "Arbeiterhütten im Tal der Könige" gewidmet. Andreas Dorn ist Teammitglied von MISR (Mission Siptah - Ramses X.) des Ägyptologischen Seminar der Universität Basel. Dorn führte zunächst aus, dass inzwischen zweifelsfrei Tia'a (Mutter Thutmoses IV.) als Inhaberin des rechtwinklig an Grab KV 47 (Siptah) angrenzenden Grabes KV 32 festgestellt werden konnte. Das Grab KV 18 (Ramses X.) erfuhr eine akribische Nachuntersuchung. Der Schutt unter dem Holzfußboden zeigte, dass das Grab vollständig dekoriert gewesen sein muss. Nichts weist jedoch darauf hin, dass der König hier bestattet worden wäre. Alle Grabausstattungsgegenstände stammen aus dem Grab KV 17 (Sethos I.), ebenso diverse gefundene Wandfragmente. Offensichtlich sind all diese Teile aus dem Grab KV 17 in das Grab KV 18 abgerutscht. Die Publikation der Arbeitsergebnisse aus dem Grab Ramses' X. ist inzwischen abgeschlossen.
Während der Ramses X.- Bearbeitung stieß man auf Strukturen von Arbeiterhütten (das Foto zeigt den Standort), mit denen man sich daraufhin eingehender befasste und auch tatsächlich reichlich fündig wurde. Neben einer Reihe von Ostraka fand man etwa Gussmodeln aus Stein (teilweise mit Gebrauchsspuren) und in situ eine Nackenstütze, die zu einem Arbeiterschlafplatz gehörte. Die Ostraka konnten den unterschiedlichsten Gattungen zugeordnet werden: Versorgungslisten mit Namen und Titeln, in situ ein "Stelen-Ostrakon" mit einer Anbetungsszene für Meretseger, Zeichen persönlicher Frömmigkeit, ein literatisches Ostrakon mit 60 nur zum Teil lesbaren Versen, verfasst von einem gewissen Amun-nacht, und vom gleichen Verfasser ein Musterbrief - gut geschrieben jedoch mit kleinen Fehlern - mit einer darüberliegenden Zeichnung. Mich persönlich hat ein Ostrakon ganz besonders fasziniert.
Es zeigt Handwerker, die mit den Arbeiten in einem Grab beschäftigt sind. Deutlich zu erkennen sind die Eingangstreppe mit Türpfosten und im weiteren Verlauf mehrere Arbeiter, die eine Grabwand mit Werkzeugen bearbeiten, während gegenläufig andere entlang der gegenüberliegenden Wand Behältnisse, vermutlich mit Abraum, hinaustransportieren. Anhand der Belege und Befunde lässt sich der Schluss ziehen, dass das Tal der Könige mindestens in der 20. Dynastie (viele der Artefakte stammen aus der Zeit Ramses IV.) keinesfalls ein Ort der Stille war, sondern ganz im Gegenteil das geschäftige Treiben einer Baustelle vorherrschte. Die Arbeiter hatten dort ihre Schlafstellen und erhielten ihre Nahrungsrationen. Sogar Opfergetreide für den Meretseger-Kult wurde angeliefert. Das heisst, man kann wohl von einer permanenten Anwesenheit der Grabarbeiter ausgehen.

Über ihre Arbeit in deutsch-ägyptischer Kooperation referierten Professor Dr. Christian Leitz und Rafed El-Sayed M.A., Tübingen/Köln: "Athribis in Oberägypten. Erste und zweite Feldkampagne". Nach Lepsius, Flinders Petrie und der ägyptischen Antikenverwaltung in den Jahren 1982 bis 1996 konnte nunmehr in 2003 und 2004 die Erforschung des spätptolemäischen Stadt- und Tempelareals Hut-Repit fortgesetzt werden. Die von Petrie angefertigten Pläne zeigten sich als bei weitem nicht vollständig. Vermessen und kartiert erweist sich das Gelände beinahe so groß wie Dendera. Mit epigraphischen Arbeiten am Repit-Tempel ist inzwischen begonnen worden, um diesen vollständig dokumentieren zu können. Da der Tempel in Gänze aus Kalkstein besteht, was bisher einzigartig ist, sind parallel auch konservatorische Arbeiten erforderlich. Kalkstein und somit auch dort aufgebrachte Farben sind nicht sonderlich haltbar und vieles ist schon zerstört. Eine architektonische Besonderheit bildet ein Säulenumgang, von dessen nördlichem Teil aus die hinteren Räume des Tempels zugänglich sind. Im Gebäudeinneren gibt es keinen Zugang dorthin. Über den großen Tempel - entstanden unter Ptolemaios IX. - wurde eine Fotodokumentation angefertigt, auf deren Basis digitale Pläne mit der Anzahl der Inschriften erstellt werden sollen. Zu den bisher ca. 950 Inschriften dürfte wegen derzeitiger Verschüttung noch eine beachtliche Anzahl hinzu kommen. Als Beispiele der Dekoration wurden genannt: eine Prozession von Kanopenträgern (ca. 60 Gottheiten mit beschrifteten Kanopen), eine Darstellung von zwölf Thoeris' übereinander, im Gang eine Abbildung von 22 + 19 Gauen, eine Opferung von zwei Udjats vor Min. Im Säulengang finden sich nördlich zwölf Text-Kolumnen. Die Göttin Repit erscheint menschengestaltig, löwenköpfig, mit Sonnenscheibe und Uräus sowie mit Lotusszepter. Säulen sind mit Schutzgottheiten dekoriert (selten: ein ibisköpfiger Sphinx). Da alle Monumente auf dem Gelände in Athribis akut gefährdet sind, befinden sich die Wissenschaftler mit ihren Arbeiten in einem Wettlauf mit der Zeit (siehe dazu auch Tübinger Universitäts Nachrichten).

Dr. Angelika Lohwasser, HU Berlin, untersucht ein kaum beackertes Feld, nämlich nicht-königliche napatanische Fundstätten, um dort Aufschlüsse zu erhalten über Ursprünglichkeit und ägyptische Einflüsse. Über diese noch andauernde Arbeit berichtete sie in ihrem Vortrag "Materielle Kultur der napatanischen Zeit". In Sanam am Gebel Barkal finden sich Tempelreste von Piye, Taharqo, Aspelta sowie Hinweise auf ein Schatzhaus des Aramatelqo. Von Bedeutung für die Untersuchung ist jedoch die Nekropole mit 1.700 Gräbern. 1.500 der Grabstätten sind bereits untersucht worden und man fand sowohl Belege für ägyptische (mumifiziert und ausgestreckt) als auch für nubische (Hockerstellung) Bestattungen. Der Friedhof ist die wichtigste Quelle nicht-königlicher napatanischer Kultur. F.L. Griffith hatte ihn zwar bereits 1912 ausgegraben, jedoch keine ausführliche Publikation dazu angefertigt. Die Kleinfunde aus der Grabung sind über die Welt verteilt in Museen und Privatsammlungen. Detaillierte Aufzeichnungen befinden sich im Ashmolean-Museum, wo nun eine Aufnahme derselben stattfand. Die Auswertung soll hinsichtlich der geografischen Situation erfolgen (Probleme: Vielvölkerstaat, inhomogen, König ohne festen Wohnsitz, sondern landschaftlich bedingt nur Pfalzen, Interaktionszonen Nichtsesshafter) sowie hinsichtlich der historischen Situation (wie weit nach Nubien wirkte sich der ägyptische Einfluss aus, wie wirkte sich der Akkulturationsprozess aus). Eine weitere Quelle für Untersuchungen ist die Festung Gala Abu Ahmed (Wadi Howar). Die Festung ist bisher kaum ergraben und die Funde können nicht als repräsentativ angesehen werden. Doch schon auf einem 2 x 2 m großen Grabungstück konnten Kleinstfunde freigelegt werden (Fragmente, Amulette, ein Udjat aus Silber, mindestens sieben ägyptische Neujahrsflaschen aus dem Mittelmeerraum aus der 26. Dynastie). Es zeigt sich also eine relative Menge an Luxusgegenständen, die über 100 km vom Nil aus zur Festung transportiert werden mussten. Es gilt somit noch herauszufinden, zu welchem Zweck sie dort gelagert wurden.

Das Kloster von Deir el-Bachit, vorläufig in die Zeit vom 5. bis 8. Jh.n.Chr. datiert, liegt inmitten des "Königsfriedhofs der 17. Dynastie", oberhalb der Grabanlage  K 93.11/93.12 in Dra Abu el-Naga in Theben-West. In ihrem Referat "Das Kloster Deir el-Bachit in Theben West (Grabungsprojekt der LMU München)" schilderte Dr. Ina Eichner, München, die dort in diesem Jahr erstmalig als DFG-Projekt vorgenommene Grabungs- und Forschungskampagne. Obwohl Theben nicht Bischofssitz war, findet man dort 23 spätantike/koptische Orte, die bisher kaum ergraben sind. Die Nekropole des Klosters von Deir el-Bachit mit 100 Gräbern liegt oberhalb der Klostermauern. Ein "Zentralgebäude" aus Lehmziegeln innerhalb des Klosters konnte als Refektorium, Vorratsraum und Unterrichtsgebäude identifiziert werden. Innerhalb des Refektoriums wurden sechs ehemals rot bemalte Sitzecken, besser gesagt Sitzringe, also aufgemauerte Tische mit einer ebenfalls gemauerten Rundbank, aufgefunden. Dabei wurde festgestellt, dass sich darunter sogar noch ältere Sitzringe befunden hatten. Die ältesten Objekte dieser Art wurden bisher im Jeremias-Klosterin Sakkara ausgemacht, waren dort aber nicht sicher belegt. Mit dieser Parallele in Deir el-Bachit kann also auch die Belegsituation dort abgesichert werden. Auch aus Syrien sind derartige Sitzgelegenheiten bekannt. Weitere Zeugnisse der Klostergemeinschaft bilden zwei Schlafzellen (eine mit zwei, eine mit einer Schlafstelle, jeweils mit Kopfstützen) mit einer noch erhaltenen Matte sowie gemauerte Schränke, in denen noch Lehmschälchen  standen. Der Vorratsraum, durch Brand zerstört, verfügte über zwei Zugänge. Während der Grabung freigelegte Keramik muss nun noch ausgewertet werden.

(Foto: Gitta)

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