Ägyptologie-Blatt

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Ständige Ägyptologen-Konferenz (SÄK) in Mainz (6)
Ein Veranstaltungsbericht - Teil 6
Von Gitta am 16.08.2004 um 23:16:53 

11.07.2004

Dr. Daniel Polz, DAI Kairo, war mit einem ganze Bündel an Informationen angetreten, als er über "Die aktuellen Unternehmungen des DAI, Abt. Kairo" berichtete.

In Elephantine wurde die Stadtmauer rekonstruiert. Ein Verarbeitungsbereich (auch für Elfenbeinschnitzereien) in der Stadt dürfte auf das Alte Reich und die Erste Zwischenzeit zurückgehen, wobei darunterliegende Schichten bis in die 3. Dynastie datieren könnten. Auch über eine Bäckerei mit massiven Strukturen und eine "Bäckereistraße" verfügte die alte Stadt, wie die Wissenschaftler herausfanden. Die kommende 34. Kampagne des DAIK auf Elephantine wird die letzte archäologische sein. Danach findet nur noch eine Aufarbeitung statt und mit 34 Bänden wird Elephantine vermutlich die kompletteste monografische Publikation einer Stadt in Ägypten wenn nicht im ganzen vorderen Orient erhalten. Es soll noch die Rekonstruktion des Hafens erfolgen und das ganze Gelände schließlich für Touristen zugänglich gemacht werden. Rückführungen von Objekten aus dem Museum Kairo an den Fundort sind ebenfalls vorgesehen.

Die Arbeiten am Totentempel Sethos' I. in Qurna, Theben-West, sind abgeschlossen und der Tempel wurde inzwischen den ägyptischen Behörden übergeben. Zwei Publikationen sind in Arbeit: einmal über die Reliefs, einmal über Architektur und Archäologie.

In Dra Abu el-Naga waren Reste einer Lehmziegelpyramide gefunden worden, die jedoch nicht massiv, sondern mit Schutt verfüllt war. Auch das Pyramidion konnte freigelegt und aufgrund der Namensschreibung zweifelsfrei Nub-Cheper-Re Intef zugeordnet werden. Die Pyramide wurde zwischenzeitlich gesichert. Das mittlere Schachtgrab allerdings ist nicht das des Intef. Die dortigen Bestattungen wurden Generationen vor Intef vorgenommen. Man hat sich jedenfalls vorgenommen, weiter nach seinem Grab zu suchen und es auch zu finden. Auch ausserhalb der Pyramiden-Umfassungsmauer findet sich noch eine Reihe von Gräbern, die auf die 13. bis 17. Dynastie datiert werden. Im Schutt wurde noch ein Fragment passend zum Pyramidion freigelegt sowie ein weiteres, das jedoch hier nicht passt. Es handelt sich vielmehr um ein Bruchstück, dessen unterer Teil sich im British Museum befindet und das deshalb Sechem-Re Wep-Maat Intef zugeordnet werden konnte. Daraufhin wird man sich in der nächsten Kampagne auch auf die Suche nach der Pyramide dieses Königs begeben. Bei einem bereits untersuchten Doppelgrab besteht die begründete Vermutung, dass es Amenophis I. und Ahmes-Nefertari gehören könnte. Überhaupt deutet Einiges darauf hin, dass sich die Königsnekropole generell in Dra Abu el-Naga befand, bevor sie dann später ins Tal der Könige verlegt wurde.

In Abydos/Umm el-Qab wurde während der letzten Kampagne das Grab des Semer-chet (1. Dynastie) bearbeitet. Ein Plan von Petrie zeigte Fehlstellen, die sich als Doppelgrabanlagen aus gleicher Zeit mit der Bestattung zweier Frauen im Holzsarg herausstellten. Aus dem "Schatzfund" von Abydos wurde das Gold (1/2 kg) teilweise auseinandergefaltet; es scheint von einer Fußabdeckung aus sehr dickem Goldblech zu stammen. Die 6 kg Lapislazuli sind sehr zerstört, dürften aber einst einen Halskragen geziert haben (die Keramik wurde auf das 4. Jh.v.Chr. datiert). Alles in allem handelt es sich wohl um die Wiederbestattung einer zusammengeklaubten Plünderung.

Die Knickpyramide in Dhaschur ist mit zwei Eingängen und zwei Kammersystemen ausgestattet (eines mit zwei, eines mit einem Kraggewölbe). Zwischen beiden Systemen schlängelt sich ein erst später angelegter Gang von West nach Nord, dessen Funktion zur Zeit noch unbekannt ist. Am Taltempel der Knickpyramide konnte man anhand der umherliegenden Kalksteinblöcke aus der 18. Dynastie ableiten, dass der Tempel scheinbar bis zu dieser Zeit noch stand. Spuren an Blöcken, Vorratsgefäße im Boden und Reste von Arbeiterhütten deuten ebenfalls darauf hin. Von der Südwand des Tempels wurden Stelen freigelegt, die bedauerlicherweise keinerlei Dekoration aufwiesen.

In Sakkara wurde am Grab des Ninetjer (2. Dynastie) südlich des Unas-Aufweges weitergearbeitet. Das Team um Peter Munro untersuchte die innere Anlage, die unterirdisch etwa 50 x 80 m groß ist. Ein 33 m langer Korridor führt bis in die Königskammer. Es zweigen unzählige Kammern ab. Bisher wurden etwa 100 gefunden, es werden vermutlich noch weit mehr sein. An den Wänden sind Reste von Verputz auszumachen und kleine Erhebungen ("Knubben") auf halber Höhe, deren Funktion noch rätselhaft ist (Zeichen der Grabbauer sind gemeinhin Mulden). Jeweils gegenüber dieser Erhebungen befindet sich ein Eingang in eine Kammer oder einen Korridor. Die Königskammer selbst könnte einen Holzsarkophag oder -schrein beherbergt haben. Aus einer Mastaba der Spätzeit wurde ein Steingefäß geborgen und eine Siegelabrollung mit dem etwas verwirrenden Hinweis von Steinlieferungen aus Buto. Verwirrend deshalb, weil Buto keine nennenswerten Steinbrüche hat.

In Tell el-Fara/Buto fanden geophysikalische Untersuchungen statt, bei denen man auf eine riesige Mauer von teilweise 10 m Stärke stieß. Es wurden auch sehr massive Strukturen von Besiedelung (möglicherweise Kasematten) aus der 26. Dynastie festgestellt, deren Bedeutung noch unklar ist. Bohrungen mit einem Handbohrer brachten gute Ergebnisse. Der Bohrkern zeigt eine 12 m hohe Besiedlungsschicht, so dass eine Kartierung möglich ist.

In Siwa erfolgte die Bearbeitung des Tempelberges Aghurmi. An den Tempel schließt sich der Palastbereich an, ein heiliger Brunnen liegt an einer Senke. Man weiß von Prozessionen zwischen Brunnen und Tempel, konnte jedoch keine Rampe oder Treppe ausmachen. Die Reliefs sind hier sehr krud. Es wurde ein Fragment mit der Kartusche von Amasis (26. Dynastie) gefunden. Das Dorf, das bis ins 19. Jahrhundert bewohnt gewesen ist, wird restauriert. Die Moschee soll ebenfalls ergraben und restauriert werden.

Abschließend lud Polz Institute und Universitäten ein, sich an Projekten des DAIK zu beteiligen. Das DAIK verfügt über diverse Grabungslizenzen, die in Kooperation genutzt werden könnten - vor allem vor dem Hintergrund, dass neue Konzessionen derzeit nicht erhältlich sind. Und auch ein Jubiläum steht an: das Deutsche Haus in Theben-West, eine Borchardt-Gründung, wird am 24.12.2004 100 Jahre alt. Dieser Tag soll vor Ort mit einer kleinen Feier begangen werden.

Sehr spannend schilderte Christian Eckmann, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz, seine Arbeit:  "Die Kupferstatuen des Pepi I. und ein Falkenbildnis - die Restaurierung, Konservierung und technologische Erforschung der Metallfunde aus dem Tempel von Hierakonpolis".

In einer mit Ziegeln ausgekleideten Grube im Tempel von Hierakonpolis wurde ein Falkenkopf (Foto) und in einer weiteren die große Kupferstatue Pepi's I. und eine weitere kleine (beide heute ausgestellt in der Ausstellung "Hidden Treasures" im Museum Kairo) sowie eine Sitzstatue des Chasechemui. Das Kupfer war stark korrodiert, jedoch war noch eine Inschrift zu erkennen, die das 1. Hebsed des Königs nennt. Die Kupferstatuen zerfielen nach und nach in der Ausstellung des Museums in Kairo. Bei der ersten Restaurierung der Figuren hatte man zudem die Beine verwechselt und Hohlräume mit Gips ausgegossen, was nicht unbedingt dem Erhalt diente. Eckmann reinigte die Kupferoberflächen mechanisch und stellte feste, dass das Kaltverformungsverfahren angewendet worden war, die Formen also durch Hämmern gebildet wurden. Die Köpfe der Figuren erscheinen verhältnismäßig zu klein, was jedoch durch die fehlenden Kronen zu erklären ist. Finger- und Fußnägel waren vergoldet. Die kleine Statue wurde mit Stiften aus einzelnen Teilen zusammengesetzt und beide hatten möglicherweise einen Holzkern. Das Blech war stellenweise 3 mm stark. Durch das Zusammensetzen der einzelnen Teile nur mit Stiften konnte keine Stabilität hergestellt werden. Da beide Statuen im Armbereich Vierkantlöcher aufweisen (die später verschlossen wurden), dürfte eine hölzerne Innenkonstruktion existiert haben.
Am Kopf der kleinen Statue befinden sich Löcher zur Aufnahme des Uräus und der Ohren. Ein hölzerner Schurz dürfte am Bein befestigt gewesen sein. Am Hals angebrachte Bohrungen könnten für einen Falken mit ausgebreiteten Flügeln vorgesehen gewesen sein (ähnlich der Sitzstatue des Chephren). Die kleine Statue wird wie die große ebenfalls in die VI. Dynastie datiert, wenn sie auch keine Inschriften trägt. Sie zeigt wahrscheinlich Merenre, den Sohn von Pepi II. Eine Basisplatte, die Eckmann aus unzähligen Teilen und mit Hilfe von Acrylglas rekonstruierte, ist mit den Neunbogenvölkern dekoriert. Auf der Platte hat einzig die große Skulptur gestanden, nicht jedoch die kleine. Borchardt hatte beide noch als zusammenhängend erachtet und daraus Anzeichen von Koregentschaft abgeleitet.

Zu dem goldenen Falkenkopf gehörige Teile fand Eckmann in Blechkisten, die noch von Quibell stammten. Damit konnte eine Körperrekonstruktion vorgenommen werden. Wahrscheinlich hockte der Falke auf einer Platte, an der eine Tragstange befestigt war. Vor dem Falkenkörper dürfte eine königliche Figur gestanden haben. Gefunden wurden Holzreste mit geglätteter Gipsauflage. Damit hätte der Falke in Standartenform eine zentrale Position innerhalb des Tempels eingenommen haben können. Bei der Bearbeitung stellte sich heraus, dass Kopf und Krone nicht von einer Hand stammen; die Krone ist nicht so sorgfältig gearbeitet und daher möglicherweise erst später hinzugefügt worden. Die Augen sind aus einem Obsidianstab gefertigt, der innerhalb des Kopfes von einer Seite zur anderen reicht. An der Krone befinden sich Hülsen, eventuell zur Aufnahme weiterer Schmuckelemente wie Federn o.ä. In jedem Falle kann inzwischen wohl davon ausgehen, dass der Holzkörper vor der VI. Dynastie hergestellt worden und später mit einem Kupfermantel und dem Goldkopf dekoriert wurde.

Vor Beendigung der Konferenz wurde dem Publikum noch die erfreuliche Mitteilung gemacht, dass die große Tut-anch-Amun-Ausstellung von Basel aus nach Bonn in die dortige Kunsthalle gehen wird. Dort wird sie dann in der Zeit von November 2004 bis April 2005 gezeigt werden.

Es folgte eine kurze Diskussion über das Erscheinen des Infoblattes der deutschsprachigen Ägyptologie online im PDF-Format und dessen Für und Wider.

Schließlich wurde der Ort der nächsten SÄK bekanntgegeben: Die Konferenz wird vom 24. bis zum 26.06.2005 in Tübingen stattfinden und es wurde empfohlen, sich frühzeitig um Unterkunft zu bemühen, da Tübingen vergleichsweise klein sei.

Abschließend hielt Professor em. Dr. Philippe Derchain eine leidenschaftliche Ansprache, in welcher er sich mit Vehemenz gegen den Ausverkauf der Geisteswissenschaften aussprach.

(Foto: Gitta)

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Kommentare zu diesem Artikel
monja17.08.2004 um 15:48:09
Danke liebe Gitta,
für die ausführlichen und wirklich interressant und lebhaft geschriebenen Berichte !!!

Habe sie mir kopiert und werde diese bestimmt mehrmals in Ruhe lesen.

Lieben Gruß Monja.

Gitta E-Mail17.08.2004 um 22:16:16
Es freut mich, dass Dir mein "Fortsetzungsroman" gefällt. Ich war ziemlich erschrocken, als ich merkte, wie lang das alles wird.

Angelika Lohwasser E-Mail27.08.2004 um 14:13:44
Vielen Dank für diese sehr ausführliche und kreativ bebilderte Zusammenfassung! Das frischt so manches Gehörte wieder auf!
Gruß, Angelika Lohwasser



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