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   Ägyptische Götterwelt (251)
   Eine neue Gottheit? (4)
  Autor/in  Thema: Eine neue Gottheit?
Michael Tilgner  maennlich
Member

  

Eine neue Gottheit? 
« Datum: 27.02.2013 um 11:25:13 »   

Liebe Leute,

kürzlich stieß ich auf den Wikipedia-Eintrag Sa-Re, in dem es heißt:

Zitat:
Sa-Re ist die altägyptische Bezeichnung eines Sonnengottes, der seit dem Mittleren Reich belegt ist.

Ein solcher Gott war mir bis dato nicht geläufig. %A Ra ist seit dem Alten Reich die Bezeichnung für den Eigennamen des Königs. In Wikipedia wird eindeutig behauptet:

Zitat:
Die Gottheit Sa-Re darf jedoch nicht mit dem Titel Sa-Re verwechselt werden, da der Sonnengott Sa-Re eine eigenständige Erscheinungsform [Hervorhebung von mir] darstellte.

Sa-Re wird in die Kategorien "Ägyptische Gottheit", "Sonnengottheit" und "Männliche Gottheit" eingereiht. Außerdem taucht er auch in der Wikipedia-Liste ägyptischer Götter auf.

Wie kommt es dazu?

Der Eintrag bezieht sich auf Christian Leitz, Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen, Bd. 6, Leuven, 2002, S. 86 [= LGG], die bei "Google Buchsuche" einsehbar ist.

Geht man diese Seite durch, stellt man fest, dass %A Ra die Bezeichnung einer Reihe von Göttern ist, die im einzelnen aufgelistet werden; es wird genauer unterschieden:
  • A. Bezeichnung von Göttern
  • B. Bezeichnung von Göttern in Ritualszenen
  • C. Teil eines längeren Ausdrucks
  • D. In Beziehung zum Verstorbenen
  • E. Mit geographischem Bezug
  • F. Weitere Bezeichnungen
  • G. Sonstiges

Was könnte einen nun veranlassen, aus diesen Aufzählungen auf eine eigenständige Gottheit zu schließen?

Vielleicht diese Einträge aus der langen Liste:

  • D.a. Er schützt den Verstorbenen.
  • F.a. Er ist der, der aus Atum hervorkommt.
  • G.b. Er beschützt NN tagsüber (in einer Reinigungslitanei).

Gehen wir die Belege dazu durch:

D.a. verweist auf [27] C. E. Sander-Hansen, Die religiösen Texte auf dem Sarg der Anchnesneferibre, Kopenhagen, 1937 - VIa, 164 = S. 67. Die Stelle lautet:

Zitat:
Isis mit ihrer Schwester Nephthys zusammen, Neith, Selkis, Tefnut, Nut, die die Götter geboren hat, Mut, Sechmet, Bastet, Buto, Satis, Horus der Älteste, Thoth der Sohn des Re übernehmen den Schutz für sie. [Hervorhebung von mir]

Sander-Hansen sieht "Sohn des Re" als Bezeichnung des Thoth und nicht als eigene Gottheit in der Liste der aufgezählten Schutzgötter. Und tatsächlich: Auf der LGG-Seite 89 wird unter A.w. "Bezeichnung des Thoth" auch dieser Beleg [27] aufgeführt, allerdings mit Fragezeichen. Ich muss sagen, dieses Fragezeichen ist für mich unverständlich!

Der Beleg F.a. verweist auf [13] das Totenbuch, Spruch 180. Bei dem von Naville zitierten Exemplar P.a. handelt es sich um Louvre 3073. Die Stelle kann man im TLA einsehen. Der Sonnengott Re wird angesprochen:

Zitat:
Dein Sohn Horus, er ruht in dir. (...) Mögest du veranlassen, daß er den Unterweltsbewohnern erscheine, der Große Stern, der seinen Bedarf bringt, der die Unterwelt kennt, der ihr Inneres durchwandert, der Sohn des Re, der aus Atum hervorgegangen ist! [Hervorhebung von mir]

Für mich eindeutig, dass Horus als Sohn des Re bezeichnet wird und nicht Sohn des Re als eigenständige Gottheit bezeichnet wird. Der Beleg [13] wird dementsprechend auch bei A.l. "Bezeichnung des Horus" aufgeführt.


G.b. bezieht sich auf [5] Alan H. Gardiner, Hieratic Papyri in the British Museum, Third Series: Chester Beatty Gift, London, 1935. Es wird der Papyrus IX, verso B 16, 1 angegeben. Man findet diese Stelle im Textband auf S. 112 [korrigiert am 03.03.2013 von S. 116]]:

Zitat:
Khons in Weset purifies thee, Shu, son of Re, protects thee.

Wiederum ist diese Stelle [5] als Beleg für die "Bezeichnung des Schu" unter A.u. aufgeführt. Ich kann nicht erkennen, dass hier "Sohn des Re" als eigenständige Gottheit gemeint ist.

Man sieht an diesem Beispiel, dass die Einträge im LGG nicht immer präzise vorgenommen worden sind. Man darf aber nicht übersehen, dass ein kleines Team in einer kurzen Zeit 200.000 Belege verarbeitet und zusammengestellt hat. Da sind einige Ungenauigkeiten unvermeidlich.

Nun kann man von einem Wikipedia-Redakteur nicht verlangen, dass er die Belege im LGG so akribisch durchgeht, wie wir es eben gemacht haben. Es müssen aber die Warnglocken angehen, wenn unter %A Ra praktisch nur Einträge der Form "Bezeichnung von ..." stehen. Schließlich handelt es sich um ein "Lexikon der Götter und Götterbezeichnungen"!

Im übrigen ist schon lange bekannt, dass viele Götter sich als "Sohn des Re" bezeichnen:

Zitat:
Besonders zahlreich sind die Götter, die als Kinder des Re ausgegeben werden. So soll Horus der älteste und erstgeborene Sohn des Re gewesen sein. Dasselbe wird von Ihi gesagt. Außerdem werden als Söhne des Re z.B. Osiris, Orion, Thot, Anubis, Month oder Qebeh genannt. (LÄ V, 173)

Man muss aber auch irgendwie den Mut der Wikipedia-Redakteure bewundern, aus so wenigen vagen Andeutungen messerscharf auf eine bis dahin unbekannte Gottheit zu schließen! Oder: Warum so zögerlich, die zahlreichen Töchter des Re nicht auch als eigene Göttin %A.t-Ra aufzunehmen?

Viele Grüße,
Michael Tilgner

03.03.2013: Seitenangabe korrigiert
« Letzte Änderung: 03.03.2013 um 09:57:32 von Michael Tilgner »
Iufaa  maennlich
Moderator

  

Re: Eine neue Gottheit? 
« Antwort #1, Datum: 27.02.2013 um 18:06:30 »   

Ich vermute, der übernächste Schritt ist dann die Einführung der Götterkinder der Sa(t)-Amune.

LG
> Antwort auf Beitrag vom: 27.02.2013 um 11:25:13  Gehe zu Beitrag
Sinuhe20  maennlich
Member

  

Re: Eine neue Gottheit? 
« Antwort #2, Datum: 02.03.2013 um 14:56:18 »   

Hallo,

was ist mit dem Aspekt, dass Sa-Re bei Leitz als Mitglied einer Göttergruppe genannt wird (im Buch des Tages)? Könnte das nicht auf eine eigene Erscheinungsform hindeuten?

Viele Grüße
Sinuhe20
> Antwort auf Beitrag vom: 27.02.2013 um 11:25:13  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member - Themenstarter

  

Re: Eine neue Gottheit? 
« Antwort #3, Datum: 03.03.2013 um 10:34:58 »   

Lieber Sinuhe20,

Du beziehst Dich auf die folgende Stelle im LGG VI, 86:

Zitat:
Mitglied in Göttergruppen: In einer Anrufung im Buch des Tages (...) in der Verbindung MnTw-%tX-%A-Ra[4]. Vorgänger: MnTw-@ry-ib-WAst[4]

Das sieht so aus, als ob in einer Aufzählung von Göttern ein Gott, nämlich MnTw-%tX Month-Seth, als %A-Ra "Sohn des Re" qualifiziert wird. Dass %A-Ra nicht als eigenständige Gottheit aufgefasst wird, kann man auch am Wort Verbindung erkennen sowie daran, dass Name und Bezeichnung mit Bindestrichen zusammengefasst sind.

Die Quelle [4] wird auch unter A.j. "Bezeichnung des Month-Seth" als Beleg angegeben.

Wenn man die Seiten des LGG durchblättert - und dankenswerterweise sind große Teile in der "Google Buchsuche" einsehbar -, stellt man fest, dass die Einträge immer gleich strukturiert sind. Bei der Bearbeitung eines Belegs wird man geprüft haben, in welche Rubrik er einzuordnen ist. Das können ggf. mehrere sein. Das Erstaunliche ist eher, dass "Sohn des Re" als Qualifizierung eines Gottes offensichtlich nur einmal in einer Götterliste belegt ist!

Gehen wir zur Quelle [4]. Es handelt sich um die bereits erwähnte Bearbeitung: Alan H. Gardiner, Hieratic Papyri in the British Museum, Third Series: Chester Beatty Gift, London, 1935. Die Stelle ist: pChester Beatty IX verso B 11, 3, die im Textband auf S. 109 steht:

Zitat:
O Sakhmet, beloved of Ptah,
O Month in the midst of Thebes,
[O Mon]th-Seth, son of Re

Damit schließt die Anrufung. Davor ist noch eine lange Anrufung von Göttern, die alle in der Form sind: "O NN <Attribut des NN>". (Hrj-jb WAs.t "inmitten von Theben")

Auch ohne den Beleg nachzuschlagen, kann man m.E. nicht aus dem LGG-Eintrag auf %A-Ra als eine eigenständige Gottheit schließen.

Viele Grüße,
Michael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 02.03.2013 um 14:56:18  Gehe zu Beitrag
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