Ägyptologie Forum Hallo Gast, hier einloggen oder registrieren.
18.11.2017 um 14:50:40


HomeÜbersichtHilfeSuchenLoginRegistrierenKalenderLexikonChat



  Ägyptologie Forum
   Alltagsleben der Ägypter (219)
   Amulette (33)
  Autor/in  Thema: Amulette
Gast  
Gast

  
Amulette 
« Antwort #30, Datum: 26.09.2003 um 00:32:34 »     

...
Besonders schlimm wird es, wenn selbst in einem „Handbook of Egyptian Mythology ( Geraldine Pinch, Oxford 2002, S. 118-19 ) der erste Satz gleich mit „Bes and Beset were protective dwarf deities closely associated with childbirth and rebirth“ beginnt und dann am Ende nur noch ein Nebensatz über seine Rolle im Sonnen-Mythos verloren wird. Hier hat sich diese leichtfertige Interpretations-Methodik bereits verselbständigt und dazu geführt, dass völlig abseits der Belege und archäologischen/textlichen Daten diskutiert wird. Hier ist Bes bereits zum „Kinder- und Schlafzimmergott“ geworden. Auch Koch (Geschichte der ägyptischen Religion, Köln 1993, S. 551 ) leitet das Kapitel „Bes“ mit den Worten ein: „Von Haus aus ein schützender Dämon für das Schlafzimmer und die damit zusammenhängenden Vorgänge von Geburt und Kinderpflege...“ und als wenn das nicht genug wäre: „Unter dem Beinamen Hit wird er zum göttlichen Vorbild für Musik und Tanz“. Das wars!!! Zu dem mythologischen Hintergrund kein Wort. Das ist oberflächlich und verleitet bei solcher „Standardliteratur“ zu kritiklosem Abschreiben. Dadurch verfestigt sich dieses fundamentlose Gedankengebäude weiter.

Ein weiteres und letztes Beispiel zu Bes:
Doetsch-Amberger ( in: Festschrift Derchain, 1991, S. 126 ) kommt in ihrer Untersuchung zu „Bes auf der (Lotos)Blüte“ zum Schluss:
„Durch seine Verbindung mit dem Lotos, einem Symbol der Fruchtbarkeit, läßt sich erklären, daß man von „Bes auf der Blüte“ auch Fruchtbarkeitssegen erwartete.“
Pech, dass sie selbst eingestehen muss, dass „Bes als Fruchtbarkeitsgott allerdings nicht belegt“ ist. Auch hier werden nach einer einfachen Milchmädchenrechnung alle sichtbaren Einzelsymbole nach dem Schema 1+1+1+1... zusammengezählt und dann wild drauf los interpretiert (Hallo, Hermeutik? Wo bist du geblieben?)
Dass der Lotos als Symbol für Harpokrates bzw. dessen Geburt im Binsengefilde und den „Seen der Vernichtung“ steht und somit die ursprüngliche Funktion des Gottes Bes als Beschützer des jungen Horus – also ein solarer Mythos – auch hier zutage tritt wird einfach nicht wahrgenommen, weil die obige Interpretation Frau Doetsch-Amberger so gut in das Konzept der „persönlichen Frömmigkeit“ der ausgehenden Ramessidenzeit passt, in der eh alle Götter irgendie alle Funktionen haben konnten, die sich der Betende erwünschte.


Ein letztes Beispiel aus einem anderen Bereich (wir sprechen ja hier eigentlich über alle Formen von Amuletten): Wenn J. de Chanteloup ( VA 2, 1993, S. 19 ) die Hand-Amulette folgendermassen analysiert:
(eigene Übersetzung) „Die geöffnete Hand:
Dieses Amulett sichert Handlungskraft zu. Es ist das Symbol der Freigiebigkeit und der Großzügigkeit“. Die „Hand der Fatima“ ist darin (sein)  Nachfolger“

dann ist das schlichtweg reine Fantasterei, die sich darauf begründet, dass bereits Petrie und Budge ( Budge, Sir E. A. Wallis, Amulets and Talismans, New York, 1961 ) ähnliche Amulett-Formen in verschiedenen Kulturen gegenübergestellt und verglichen haben - mit eben solchen rein auf der Form basierenden Parallelsetzungen. Diese spekulativen Deutungen der Amulette haben aber unser Verständnis der Amulette nachhaltig geprägt (so auch bei diesem Zitat von Chanteloup).

Wie hat Ian Hodder gesagt: „To look at objects by themselves is not really archaeology ( Reading the Past, Cambridge 1991, S. 4 )

Gruss A. (Hoffe Du hast mein Geschwafel bis hierhin ausgehalten  )P.S.: Sachmet (Herrin von Theben) und Thot sind übrigens die mythischen Anführer der Schutzdämonen des Sonnengottes. Die massenhaften Katzengottheit- und Ibis-/Thot-Amulette liessen sich also auch hier in einem anderen Licht betrachten (Stichwort: Sonnenkater und kämpfender Ibis bzw. „Neujahrsfeierlichkeiten“ statt „Gesundheit“ und „Weisheit“). Und auch Thoeris ist – ähnlich zu Bes – eigentlich eine kämpferische solare Schutzgottheit im Sonnenmythos und kein trächtiges Mischwesen zum Schutz von Schwangeren.

> Antwort auf Beitrag vom: 26.09.2003 um 00:20:37  Gehe zu Beitrag
Gitta  
Gast

  
Re: Amulette 
« Antwort #31, Datum: 28.09.2003 um 13:41:03 »     

Hallo Gast A,


Zitat:
Hoffe Du hast mein Geschwafel bis hierhin ausgehalten


Keine Sorge. Ich bin überaus leidensfähig

Diese Diskussion hat mich natürlich dazu angestachelt, mich mit der Materie intensiver zu befassen - mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen.

Christian Jacq schreibt in "Das verborgene Wissen der Magier" Wie es in der Magie die Regel ist, ist es das Wort, das den Amuletten Wirklichkeit verleiht. Das ist zwar als Einleitung auf die Kapitel 155 bis 160 des Totenbuchs gedacht, aber trotzdem, denke ich, trifft diese Bemerkung den Kern. Amulette sollten generell das Befinden - im Diesseits wie im Jenseits - in allen Ausprägungen positiv beeinflussen. Und dabei spielte es vielleicht wirklich keine Rolle, welche Form ein Amulett hatte, sondern welche magischen Kräfte ihm verliehen wurden. Das ist ja heutzutage nicht anders: Kleeblätter, Marienkäfer, Schornsteinfeger, Schweinchen - das alles sind moderne Glücksymbole, die auch als Talismane herhalten. Für eine Annäherung der Form an die Symbolik muss man wohl sehr lange in der Historie kramen, um den Ursprung zu finden (wenn es überhaupt einen gibt). Es gibt den Brauch, einen gefundenen Pfennig dreimal zu bespucken. Damit verleiht man ihm dann wohl erst die magischen Kräfte - ganz ähnlich wie es die Ägypter mit ihren Amulett-Sprüchen taten. Aber Abschweifung beiseite:

Ist es denn nicht so, dass gerade die Verbindung Bes/Thoeris/Heket -> Schwangerschaft/Geburt/Kinder recht häufig vorkommt? Ich muss der Fairneß halber zugeben, dass ich das Zaubermesser-Beispiel zu Gunsten meiner Argumentation auf Bes reduziert habe. Aber es treten ja dort auch andere Wesen, bezeichnet als "Götter", "Schutz" oder "Amulett", in Erscheinung:

Erscheinungsformen des Sonnengottes:
der Kater, das Ichneumon, die Sonnenscheibe auf Beinen, der liegende Doppellöwe.

Helfer des Sonnengottes bei seiner Geburt tagtäglich:
die liegende, in Binden gewickelte Kuh (Himmelgöttin Nut), die Löwengottheit, die besgestaltigen Dämonen (weiblich und männlich), die Nilpferdgöttin Toeris, die Froschgöttin Heket, der schakalköpfige Upuat, der Pavian, der Greif und der Schlangenhalspanther.

Feinde des Sonnengottes:
Schlange (Apophis, Rerek), die Schildkröte und der Asiat.


So gesehen könnte man ausser Bes, Toeris und Heket noch einige andere Götter/Dämonen mit Schwangerschaft/Geburt/Kindern in Verbindung bringen. Trotzdem sind es gerade diese, die quer durch die Literatur dafür stehen. Gibt es sowas wie statistische Auswertungen von Funden oder Texten, die diese Eindeutigkeit belegen? Nach Deinen Ausführungen scheint das nicht der Fall zu sein.

Gitta
> Antwort auf Beitrag vom: 26.09.2003 um 00:32:34  Gehe zu Beitrag
Gitta  
Gast

  
Re: Amulette 
« Antwort #32, Datum: 23.12.2003 um 19:23:29 »     


Zitat:
Kann mir jemand sagen, wieviel damals so ein Amulett gekostet hat?


Die Frage ist zwar ein alter Hut, aber da ich gerade ein einschlägiges Buch lese, kann ich sie immerhin für das NR (Belege aus Deir el-Medina) halbwegs beantworten:

"Amulette, wohl aus Fayence hergestellt, kosteten nur 1 Kupferdeben; belegt sind diese Preise für ein Falkenamulett und ein Amulett zur glücklichen Geburt"

Zum Vergleich: der Monatslohn eines Arbeiters lag bei 7, der eines Vorgesetzten bei 9,5 Deben.

Aus "Arbeiter und Pharaonen - Wirschafts- und Sozialgeschichte im Alten Ägypten" von Manfred Gutgesell, 1989, ISBN 3-8067-2026-6. Preis weiß ich nicht. Habs gebraucht beim ZVAB erstanden für 16 Euro.

Wer sich für die wirtschaftlichen Zusammenhänge im alten Ägypten interessiert, dem kann ich das Buch nur empfehlen.

Gitta
> Antwort auf Beitrag vom: 26.06.2003 um 21:02:24  Gehe zu Beitrag
Seiten: « 1 2 3           

Gehe zu:


Powered by YaBB