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   Fabricius (12)
  Autor/in  Thema: Fabricius
Michael Tilgner  maennlich
Member

  

Fabricius 
« Datum: 25.07.2020 um 21:58:57 »   

Liebe Leute,

Google hat eine neue App vorgestellt: Fabricius, "A tool using the power of AI to help decode ancient languages." Gemeint sind zunächst Hieroglyphen.

Ich habe mich ein wenig mit dem Tool beschäftigt, und zwar zunächst mit dem Abschnitt "Play": "Send coded messages using hieroglyphs" in Anlehnung an den weitverbreiteten Gebrauch der Emojis.

Es ist zwar nicht ganz ernst gemeint - "just for fun" -, aber es werden für einige Phrasen mittelägyptische Entsprechungen vorgeschlagen, die ich doch recht aufschlussreich finde.

Fangen wir mit dem ersten Beispiel an: "Hello" (siehe Anhang), das ägyptisch mit "greetings to you" übersetzt wird, gemäß der Ankündigung, dass Fabricius "autosuggest words and phrases that are in our dictionary."

Wir haben hier


nD-Hr "jemanden begrüßen" (Wb II, 372)

Zunächst fällt in der Fabricius-Version das verunglückte Layout der Hieroglyphen auf: So ist das nw-Zeichen N24 stark aufgebläht und füllt das ganze Quadrat aus. Ebenso ist der Ideogrammstrich-Z1 riesengroß geraten und nicht ein Strich, sondern ein Rechteck geworden.

Die Anrede "gegrüßt seist Du ..." bzw. "gegrüßt seid ihr ..." wird jedoch folgendermaßen geschrieben:


jnD-Hr=k
"gegrüßt seist Du ..." - gerichtet an ein männliches Du; andere Suffixe sind vorgesehen für ein weibliches Du bzw. pluralisch ihr (siehe Ausschnitt aus Wb II, 372).

Das Besondere an dieser Formulierung ist das sog. "Vorschlags-j" oder das "prothetische j", ein Überbleibsel der vorangehenden Sprachstufe, des Altägyptischen (Alan H. Gardiner, Egyptian Grammar, § 272).

Fabricius will die Hieroglyphen als "greetings to you" verstanden wissen, aber es fehlt nicht nur das "prothetische j", sondern für das "to you" auch ein Suffixpronomen. Es keimt der Verdacht, dass zumindest hier keine Fachleute am Werke waren.

Viele Grüße,
Michael Tilgner
Michael Tilgner  maennlich
Member - Themenstarter

  

Re: Fabricius 
« Antwort #1, Datum: 26.07.2020 um 00:10:43 »   

Hallo,

wenden wir uns dem zweiten Beispiel zu, einem schlichten "Thank you", das die Fabricius-Macher umständlich mit "burnt offering in honor of you" umschreiben wollen. Versuchen wir zunächst, diese Phrase nachzuempfinden:


sbj-n-x.t "Brandopfer" (Wb III, 430)

Auch hier beobachtet man ein aufgeblähtes Aa1 mit Lesung x. Dieses Wort ist nur in der Spätzeit belegt. Ein anderes Wort, das schon im Mittleren Reich vorkommt, ist:


sbj-n-sD.t "Brandopfer" (Wb III, 430)

Dann folgt


Sf "Ansehen (?)" (Wb IV, 455.4), ein selten belegtes und in der Übersetzung fragwürdiges Wort.

Davor die Präposition m "in".

Der Schluss gibt einem zu denken: Es soll ja heißen "of you". Das spricht für die Lesung m=k, also wiederum die Präposition "in" oder "mit", aber es soll ja eigentlich "für dich" heißen, das müsste mit der Präposition n formuliert werden. Darüber hinaus - wenn man unbedingt bei m bleiben will -, müsste man schreiben:


so die Schreibung der Präposition m vor Suffixen (Alan H. Gardiner, Egyptian Grammar, § 162).

Fabricius meint also: "Danke" = "ein Brandopfer in / als Ehre für dich".

Ich weiß nicht, wie diese Leute darauf gekommen sind. Vielleicht hatten sie eine Passage des "Schiffbrüchigen" vor Augen, wo der Seemann, der sich als einziger Überlebender auf eine Insel gerettet hat, den Göttern ein Brandopfer gibt.


jrj.n=j sbj-n-sD.t n nTr.w
"ich machte ein Brandopfer für die Götter"

Das ist sicherlich als ein Dank an die Götter zu verstehen.

Dabei haben wir ein ägyptisches Wort für "danken", nämlich:


dwA nTr n "jemandem danken" (Wb V, 428.1), wörtlich: "Gott preisen um jemandes willen".

Dazu schreibt Hermann Grapow, Wie die Alten Ägypter sich anredeten, wie sich begrüßten und wie sie miteinander sprachen, Teil III: Zur Verwendung von Anrufen, Ausrufen, Wünschen und Grüßen, in: Abhandlungen der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Jahrgang 1941, Phil.-hist. Klasse Nr. 11, Berlin, 1941, S. 95:

Zitat:
Der Ägypter konnte nur mittelbar danken, indem er Gott pries zum Besten dessen, dem er danken wollte. Sein Dank entspricht also nicht so sehr einem deutschen "ich danke dir" als vielmehr einem "Vergeltsgott" ...


Ich weiß nicht, ob ein solcher Satz belegt ist, aber "ich danke dir" müsste in etwa so lauten:


dwA=j n=k ntr "ich preise Gott für dich"

Die von den Fabricius-Machern vorgeschlagene Phrase ist aus einem Spätzeit-Beleg für "Brandopfer", einem zweifelhaften Beleg für "Ehre, Ansehen" sowie einer fehlerhaften Schreibung der anschließenden Präposition zusammengesetzt - und in Summe auch ziemlich abwegig.

Nachtrag:

Zumeist wird in dem Wort dwA nTr "Gott preisen" das Gotteszeichen aus Ehrengründen vorangestellt (Alan H. Gardiner, Egyptian Grammar, § 57):



Ich habe die Zeichenreihenfolge im obigen Beispiel so gewählt, wie sie im Wb angegeben ist.


Viele Grüße,
Michael Tilgner
« Letzte Änderung: 26.07.2020 um 13:08:18 von Michael Tilgner »
> Antwort auf Beitrag vom: 25.07.2020 um 21:58:57  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member - Themenstarter

  

Re: Fabricius 
« Antwort #2, Datum: 26.07.2020 um 14:01:21 »   

Hallo, Leute,

das nächste Beispiel aus der Serie "Play" lautet "Happy Birthday" (siehe Anhang).

Das Wort "Geburtstag" ist im Ägyptischen gut belegt: hrw (n) msw.t "Tag der Geburt" (Wb II, 500.6). Im Wb ist die Schreibung nicht angegeben; man findet sie aber in den dazugehörigen Zetteln im Zettelarchiv, beginnend ab DZA 26.392.040, ausgeschrieben z.B. DZA 26.392.230.


hrw msw.t Wsjr "Geburtstag des Osiris"; t und w sind umgestellt, eine übliche Erscheinung, speziell bei Vogelzeichen (Gardiner, Egyptian Grammar, § 56).

Was aber hat Fabricius gemacht? In der Mitte erkennt man msw.t "Geburt", gefolgt von


Das steht für sw "Monatstag" (Wb IV, 58.4) und wird so nur im Datum verwendet.

Fabricius hat also Geburtstag so zusammengesetzt wie es im Englischen geschrieben wird: "birth" + "day" - und dabei noch das falsche ägyptische Wort herausgesucht.

Stehen im Ägyptischen zwei Substantive A B nebeneinander, so können wir sie entweder als "A (und) B" oder als "A (des) B" übersetzen; eine solche Konstruktion wie sie Fabricius "fabriziert" hat, geht auf keinen Fall!

Der Anfang? Er soll "happy" darstellen. Das verwendete Wort ist


pxA-jb "heiter, fröhlich" (Wb I, 542.17)

Dass Adjektive dem Substantiv nachgestellt werden, hat sich offensichtlich bei Fabricius noch nicht herumgesprochen. - Auch hier sind die Zeichen p und x unverhältnismäßig groß geschrieben worden.

Dabei gibt es eine fast ähnliche Formulierung, nämlich


hrw nfr "froher Tag, Festtag" (Wb II, 499.12)

In Verbindung mit jrj heißt es im Wb a.a.O.: "sich einen frohen Tag machen" und "feiere einen frohen Tag (mit Bezug auf Gelage u.ä.)".

Wir könnten "Happy Birthday" einigermaßen ägyptisch also so ausdrücken:


jr hrw nfr n msw.t
"Feiere einen schönen Geburtstag!"

Im übrigen sind uns Geburtstage aus dem Alten Ägypten kaum bekannt, auch nicht von Königen (wohl aber von Göttern, siehe oben). "Ob man Geburtstage feierte, ist unsicher." (Lexikon der Ägyptologie, Bd. II, Sp. 476-477, Stichwort: "Geburtstag"). Daher wird der von mir konstruierte Satz wahrscheinlich nicht überliefert sein.

Viele Grüße,
Michael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 26.07.2020 um 00:10:43  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member - Themenstarter

  

Re: Fabricius 
« Antwort #3, Datum: 26.07.2020 um 16:23:48 »   

Hallo,

nun entwickelt die Fabricius-Webseite ihre eigene Dynamik. Offensichtlich hat wohl noch jemand den Vorschlag für "Happy Birthday" kritisiert, und flugs wurde eine neue Variante kreiert (siehe Anhang).

Nur wenige Anmerkungen:

Srm.t "Bezeichnung des Proviants für Soldaten" - so Wb IV, 528. Rainer Hannig, Großes Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch, Mainz, 1995, S. 833 hat "Friedensabgabe (Steuer, Beitrag, Geschenke)", also ein vages bzw. umstrittenes Wort, das offensichtlich nicht ägyptischen Ursprungs ist; darauf deutet die sog. syllabische Schreibung hin.

Davor steht:

Ax Hb

mit Ax "herrlich, trefflich" (Wb I, 13 ff) und Hb "Fest" (Wb III, 57 ff), also im Ganzen: "das Fest ist trefflich".

Katastrophal ist das, was folgt: m k soll nämlich heißen "of your". m also als Genitivpartikel and alleinstehendes k als Possessivpronomen.

Kurz: Dieser neue Vorschlag ist genauso Murks wie der alte!

Viele Grüße,
Michael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 26.07.2020 um 14:01:21  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member - Themenstarter

  

Re: Fabricius 
« Antwort #4, Datum: 26.07.2020 um 17:20:29 »   

Liebe Leute,

inzwischen hat sich auch "Thank you" geändert (siehe Anlage), und zwar in: "gifts of better quality for you".

Hnky.t "Schenkung (fremder Länder an den König)" (Wb III, 120.3)

nfr nfr "von besserer Qualität, z.B. Wein" (Wb II, 253.15-17)

Dann folgt r=k für "for you"; es müsste n=k heißen.

Damit schließe ich die Betrachtungen zu der "Play"-Sektion der Fabricius-Webseite ab.

Die bearbeiteten Phrasen lassen die folgenden Schlüsse zu:

1. Die verwendeten Zeichen entstammen der Gardiner-Liste. Allerdings werden sie nicht nach den ägyptischen Konventionen angeordnet. Zumeist stehen sie hintereinander, manche davon viel sind zu sehr vergrößert. Das Layout fällt weit hinter dem zurück, was andere Systeme wie WinGlyph oder JSesh bieten.

2. Die ägyptischen Entsprechungen sind aus den Wörterbüchern wild zusammen gesucht und berücksichtigen nicht bekannte Formulierungen.

3. Die Fabricius-Vorschläge zeigen auch völlige Unkenntnis der ägyptischen Grammatik.

Das Traurige an der ganzen Sache ist, dass wahrscheinlich Tausende von Leuten begeistert diese neue App annehmen und Zeichenfolgen versenden, von denen sie annehmen, dass sie ägyptisch sind, die aber in Wirklichkeit kaum etwas mit der ägyptischen Sprache zu tun haben. Eine solche App sollte doch Interessierte auf eine Beschäftigung mit dieser Sprache hinlenken; sie wird aber nur "just for fun" als Emoji-Ersatz ausgeschlachtet.

Viele Grüße,
Michael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 26.07.2020 um 16:23:48  Gehe zu Beitrag
Apedemak  maennlich
Administrator

  

Re: Fabricius 
« Antwort #5, Datum: 26.07.2020 um 19:05:40 »   

Hallo Michael,

Ich habe mir mal hier die Infos auf Github durchgelesen.
Es werden 3 Programm-Schnittstellen benutzt (API).

Fabricuis Workbench Translation API

Zitat:
It takes sequences of gardiner codes and maps them to possible tranlsations. An API for suggesting translations from a sequence of Gardiner codes. The translation uses data from: Berlin-Brandenburg Academy of Sciences and Humanities (Berlin, Germany) and Saxon Academy of Sciences and Humanities (Leipzig, Germany), research project "Structure and Transformation in the Vocabulary of the Egyptian Language", CC BY-SA 4.0 Int.


Fabricius Workbench Classification API

Zitat:
Uses Google Cloud Auto ML to suggest Gardiner Codes for glyphs in an image. Classifying candidate hieroglyphs using models hosted and trained on Google Cloud AutoML Vision.


Fabricius Workbench Cluster Analysis API

Zitat:
Extraction of an ordered sequence of candidate hieroglyphs from an image or facsimile.


Aus diesen API-Daten wird dann, mittels künstlicher Intelligenz, eine Übersetzung gebastelt. Dein Test dazu ist sehr interessant.

Hier gibt es noch einen interessanten Artikel zum Thema.

Gruß
Ape
« Letzte Änderung: 26.07.2020 um 20:29:42 von Apedemak »
> Antwort auf Beitrag vom: 26.07.2020 um 17:20:29  Gehe zu Beitrag
Peter  maennlich
Member

  

Re: Fabricius 
« Antwort #6, Datum: 27.07.2020 um 05:47:51 »   

Ich habe mir die App auch kurz angesehen und hab da dann jnk in einer Suffixkonjuktion gesehen.
Ich weiß nicht mehr was es war, aber so wie die das machen wollten wäre das ein Spaltsatz... ("Ich bin es, der XY (tut)...")
Da hab ich dann abgebrochen.

Schade, dass das so ein Griff ins Klo ist.

Gruß
Peter
> Antwort auf Beitrag vom: 26.07.2020 um 17:20:29  Gehe zu Beitrag
Peter  maennlich
Member

  

Re: Fabricius 
« Antwort #7, Datum: 27.07.2020 um 06:01:13 »   

Was ist, wenn
(m=k "in dir") in einer Inschrift auftauchen würde? Wäre das ein Fehler, oder wird das zu einer Zeit regelmäßig gemacht?

Bei Gardiner steht glaub ich wirklich nur deine Korrektur, aber ich meine mal gelesen zu haben, dass die vollere Form nicht immer angewendet wurde.

jrj.n=j sbj-n-sD.t n nTr.w
Kenn ich übrigens auch als performativen Sprechakt. ("Hiermit mach(te) ich ein Brandopfer für die Götter.") Also, quasi mit dem Abschluss des Satzes ist etwas getan worden. (Wörtlich wäre es ja immernoch sDm.n(=j))
Weil da die Hauptsatzpartikel fehlt, würde ich auch ein "(Und)" davor setzen, aber bei Gardiner gibt es ja auch virtuelle Hauptsätze.
Versteckten Text anzeigen...

Gruß
Peter
> Antwort auf Beitrag vom: 26.07.2020 um 00:10:43  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member - Themenstarter

  

Re: Fabricius 
« Antwort #8, Datum: 27.07.2020 um 11:55:09 »   

Hallo, Ape,

wie schon in der "Hieroglyphics Initiative" konzipiert, soll Fabricius vor allem aus Fotos oder Zeichnungen die Hieroglyphen identifizieren und Übersetzungsvorschläge für Wörter nach den benutzten Wörterbüchern machen. Dafür werden die von Dir genannten Schnittstellen genutzt. In der "Play"-Section ist man aber den umgekehrten Weg gegangen, nämlich für geläufige Phrasen eine ägyptische Entsprechung zu suchen. Wenn man die in den Wörterbüchern nicht findet, muss man die Phrase so umformulieren, dass man doch etwas findet, was näherungsweise dem ursprünglichen Gesuchten gleicht.

Sätze in Ägyptisch zu formulieren, hat eine lange Tradition, die schon bei Champollion und Lepsius beginnt; siehe den Thread Moderne hieroglyphische Texte in diesem Forum. Wenn man sich mit diesen Texten beschäftigt, kann man gut das jeweils erreichte Verständnis der ägyptischen Sprache erkennen. Das habe ich versucht, an den obigen Beispielen zu demonstrieren.

Fabricius benutzt nur die Wortliste des TLA, da dort neben den deutschen und englischen Übersetzungen auch eine Standardform des Wortes in Hieroglyphen angegeben ist. Aber natürlich geht Fabricius nicht ins Wb direkt, und schon gar nicht ins DZA, da diese Texte autographiert und daher nicht computerlesbar sind. Im Wb sind viel mehr Informationen abgelegt - Schreibvarianten, Zeiten, in denen das Wort belegt ist, sowie Phrasen -, die Fabricius nicht nutzen kann. Damit kann das System den schon lange erreichten Stand in der ägyptischen Philologie nicht erreichen.

Meines Wissens bezieht sich das Maschinenlernen momentan nur auf die Identifizierung von Zeichen in einer Vorlage (Foto oder Umzeichnung). Ein anderes Tool besteht darin, aus einem Foto ein Faksimile, also eben eine solche Umzeichnung zu generieren. Ich bin kein Fachmann, aber ich meine, dafür gibt es auch so schon und auch schon lange mancherlei Programme.

In diesen beiden Schritten - Faksimiles generieren und Zeichen identifizieren - sehe ich durchaus ein Potential. So gibt es Tausende von Seiten mit handgeschriebenen hieroglyphischen Texten (Urkunden des ägyptischen Altertums, Ramesside Inscriptions u.a.), die sich einer computerbasierten Bearbeitung entziehen. Wenn es gelänge, diese mit solchen Tools in eine Form zu bringen, dass sie mit Computern bearbeitet werden könnten, wäre man schon einen großen Schritt weiter.

Die "Play"-Sektion gehört mehr zum Marketing von Google, um sich der Allgemeinheit als zukunftsorientiertes Unternehmen zu präsentieren, das Künstliche Intelligenz auch in solchen Bereichen wie alte Schriften einzusetzen in der Lage ist. Mit dem Thema an sich ist wohl kaum Geld zu verdienen. Daher sehe ich in Fabricius vor allem den Versuch, das Image aufzupolieren.

Es ist aber schade, dass das Ägyptische auf fachlich so niedrigem Niveau dargestellt wird.

Hier ein Vortrag in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vom 14. Februar 2019. Leider wird die Präsentation nicht gezeigt, auch gibt es zwischendurch Tonprobleme.

Viele Grüße,
Michael Tilgner
« Letzte Änderung: 27.07.2020 um 12:05:23 von Michael Tilgner »
> Antwort auf Beitrag vom: 27.07.2020 um 06:01:13  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member - Themenstarter

  

Re: Fabricius 
« Antwort #9, Datum: 27.07.2020 um 12:34:36 »   

Hallo, Peter,

zur Frage m=k statt jm=k.

Ich habe noch einmal meine Grammatiken konsultiert. Alan H. Gardiner, Egyptian Grammar, 1957 und auch James P. Allen, Middle Egyptian, Abschnitt 8.2.3 geben keine Einschränkungen oder Ausnahmen an. Nach Elmar Edel, Altägyptische Grammatik, Bd. II, 1964, § 758 gibt es "defektive Schreibungen" im Altägyptischen. Im Neuägyptischen stellt sich die Situation etwas anders dar: siehe Friedrich Junge, Neuägyptisch, 1996, S. 93.

Den Satz aus dem "Schiffbrüchigen" habe ich nur zitiert wegen der Verwendung eines anderen Begriffes für "Brandopfer".

Viele Grüße,
Michael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 27.07.2020 um 11:55:09  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member - Themenstarter

  

Re: Fabricius 
« Antwort #10, Datum: 28.07.2020 um 23:56:21 »   

Liebe Leute,

ich habe mir den Teil "Learn. Take your first steps into the world of Egyptian hieroglyphs" von Fabricius angesehen. Hier geht es darum, einige grundlegende Informationen über ägyptische Hieroglyphen anhand des Eigennamens von Tutanchamun zu geben. Der Anwender wird einbezogen und muss am Bildschirm einige Hieroglyphen nachzeichnen, teils aus dem Gedächtnis, sie anhand einer kleinen Liste identifizieren oder sie vervollständigen. Zum Schluss werden Teile der Übersetzung angeboten, die richtig anzuordnen sind. Das Ganze lässt mich mit ziemlich gemischten Gefühlen zurück.

Was sollte die Botschaft sein, die man jemandem mitgibt, der sich noch nie mit Hieroglyphen beschäftigt hat? Und das in höchstens 5 Minuten!

Meiner Meinung nach die folgende:

"Die Hieroglyphen sind KEINE Bilderschrift!

Trotz der bildhaften Zeichen handelt es sich um eine Lautschrift, komplizierter als unser Alphabet, mit der die Alten Ägypter Texte in ihrer Sprache verfasst haben. Wer Hieroglyphen lesen und verstehen will, muss die altägyptische Sprache erlernen."

Von den 9 Zeichen, die im Namen Tutanchamun vorkommen, wird nur von einem einzigen der Lautwert erwähnt, nämlich n für die Wasserlinie N35. S34 wird zwar Anchzeichen genannt, es bleibt aber unklar, dass anx auch die Lesung dieses Zeichens ist. Es wird als "Symbol" des Lebens vorgestellt. Der Hirtenstab S38 wird auch für das Hekat-Szepter verwendet: Richtig, aber es hat die Lesung HqA und bedeutet "Herrscher". Y5 wird als Spielbrett vorgestellt und mit dem ägyptischen Spiel Senet in Verbindung gebracht, die Lesung ist aber mn und wird im Gottesnamen Jmn "Amun" verwendet. Dass das Brot X1 die Lesung t hat, wird nicht erwähnt, wie auch die Lesungen der anderen Zeichen nicht. Schließlich wird das Zeichen M26 "Riedgras" (Lesung Sma) mit der Binse M23 (Lesung sw) verwechselt.

Das alles hat Methode:

So wird unter "Key Facts" erläutert, dass Ideogramme "represent an idea, concept or meaning", was auch stimmt. Aber Ideogramme haben auch einen Lautwert; so hat das beigefügte Beispiel N5 "Sonne" die Lesung ra. Phonogramme repräsentieren bestimmte Laute: Als Beispiel werden zwei Zeichen angegeben: D58 "Bein" und G43 "Wachtelküken" sowie die Übersetzung "= Place"; die ägyptische Lesung bw wird jedoch nicht erwähnt.

Das Ganze gipfelt schließlich in dem Satz:

Zitat:
The easiest way to understand hieroglyphs is to imagine that they are the ancient Egyptian equivalents of emojis.

Das ist meiner Meinung nach grundfalsch! Emojis sind Symbole und repräsentieren keine Laute! Deshalb sind sie international verständlich - naja, zumindest einige - aber man kann sie nicht aussprechen bzw. jeder benennt sie in seiner eigenen Sprache.

Deshalb bleibt dem Nutzer / der Nutzerin dieser Seite völlig verborgen, wie die Hieroglyphen zu den Lauten führen, die wir als "Tutanchamun" aussprechen; ebenso wenig kann er / sie aus den vorgegebenen Informationen die Übersetzung dieses Namens erschließen.

Ich habe von einigen Seiten Schnappschüsse gemacht und sie zu einer pdf-Datei zusammengefügt, damit Ihr nachvollziehen könnt, was ich mit diesen Ausführungen meine. Außerdem habe ich meine eigene Version der Erläuterung des Namens von Tutanchamun angehängt. So erkläre ich dazu in meinen Vorträgen z.B. ausführlich, dass X1 das Brot ist und G43 das Wachtelküken, aber dass twt weder mit dem einen noch mit dem anderen irgend etwas zu tun hat, sondern dass nur die Laute dargestellt werden, die für das Wort "Abbild" stehen.

"Die Hieroglyphen sind KEINE Bilderschrift!"

An diesen einen Satz soll sich jeder / jede noch nach einem Jahr erinnern können, auch wenn er / sie die anderen Details schon vergessen hat.

Das leistet die Fabricius-Webseite leider nicht, ganz im Gegenteil verfestigt sie die falschen Auffassungen von der Hieroglyphenschrift.

Viele Grüße,
Michael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 27.07.2020 um 12:34:36  Gehe zu Beitrag
Peter  maennlich
Member

  

Re: Fabricius 
« Antwort #11, Datum: 30.07.2020 um 18:30:47 »   

Vielen Dank für die Erläuterungen.
Hat mir sehr weiter geholfen,
auch die Literaturangaben.

Gruß
Peter
> Antwort auf Beitrag vom: 27.07.2020 um 12:34:36  Gehe zu Beitrag
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