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   Pharao & Hofstaat (293)
   Der Pharao und das Volk (17)
  Autor/in  Thema: Der Pharao und das Volk
Gitta  
Gast

  
Re: Der Pharao und das Volk 
« Antwort #15, Datum: 19.01.2003 um 14:37:08 »     

Teil 2

Der königliche Palast soll ja auch tatsächlich ein Abbild des Himmels sein, so daß der König wie die Sonne in ihm erscheinen kann. Der Palast von König Djedkare (um 2400) heißt «der Lotus von Djedkare», womit er auf das Bild des jungen Sonnenkindes anspielt, das auf einer Lotusblüte aus dem Ursumpf auftaucht. Diese Art der Namengebung entspricht der Sprache des Rituals im Tempel, wenn von der Götterstatue gesagt wird, sie ruhe in ihrem Horizont, dessen Türen jeden Morgen geöffnet werden: «Der Palast der Stadt gleicht den beiden Horizonten des Himmels, und Ramses, geliebt von Amun, ist in ihm wie ein Gott; Month in den beiden Ländern ist sein Herold, die Sonne der Prinzen ist sein Wesir; Freude für Ägypten, geliebt von Amun, ist sein König». Diese Beschreibung des Palastes von Ramses II. (ca. 1290-1224) in seiner neuen Hauptstadt «Ramses-Stadt» suggeriert, daß der König in seinen vier Kolossalstatuen, von denen jede einen Kultnamen trägt, anwesend ist.

Seit dem Alten Reich gibt es eine kleine Gruppe von etwa zehn Herrschern, die - über den Totenkult hinaus, der jedem verstorbenen König zukam - von ihren Nachkommen, von gewissen Ortschaften oder von bestimmten Berufsgruppen wie Heilige verehrt wurden. Ein solcher Kult ist dann kein königliches Vorrecht, da in gleicher Weise auch einige Privatleute im Gedächtnis der späteren Zeit weiterlebten, etwa die Architekten lmhotep (um 2660) und Amenophis (ca. 1438-1412), Sohn des Hapu, und einige Gaufürsten des Alten Reiches. Sie wurden in verschiedener Form verehrt: man baute kleine Tempel oder Kapellen für sie, stellte Votivstatuen und Stelen für sie auf, beauftragte Priester mit ihrem Kult und vollzog Prozessionen mit ihren Abbildern. Diese Vergöttlichung setzt aber erst nach dem Tod ein und ist die letzte Konsequenz aus dem Glauben an ein Weiterleben des Verstorbenen an der Seite der Götter, wo er selbst in ein göttliches Wesen mit übernatürlichen Kräften verwandelt wird. Spezielle Lebensumstände und Leistungen bewirken, daß einige wenige Menschen sich von der Masse der Verstorbenen abheben und auch nach dem Tod ein besonderes Schicksal haben.

Im Neuen Reich organisiert der König schon zu seinen Lebzeiten die Verehrung seiner eigenen Statuen. Sein Bild steht dann neben dem der Götter im Tempel oder erhält im Tempel der Millionen Jahre einen eigenen Kult. Trotzdem aber beansprucht der Herrscher keine absolute Göttlichkeit für sich. Auf den Reliefs, die den König beim Kult zeigen, ist er in ein irdisches Wesen, das die Kulthandlungen ausführt, und in eine himmlische Erscheinung, die die Zeitlosigkeit der Monarchie verkörpert, aufgespaltet. Diese Verdoppelung entspricht der Trennung der königlichen Titulatur in zwei Kartuschennamen, von denen ebenfalls der eine den Menschen aus Fleisch und Blut und der andere das vergöttlichte Bild des Herrschers meint. Ganz deutlich zeigt sich diese wechselseitige Beziehung auf einem Relief von Hatschepsut in der Kapelle von Karnak, wo die Königin abwechselnd unter den Namen Hatschepsut vor ihrer göttlichen Erscheinung «Maatkare, geliebt von Amun» Weihrauch verbrennt oder als Maatkare die Statue von Hatschepsut beweihräuchert.

Gleichermaßen richtet sich die Anbetung der Privatleute an die Statuen des Herrschers und nicht an seine physische Person. Der Kult für die Kolossalstatuen des Königs am Eingang der Tempel unterscheidet sich immer von den Ritualen, die im Innern des Tempels stattfinden. Weil den Gläubigen der Zutritt in den Tempel verwehrt war, kann der übernatürliche Wesensanteil des Königs, der sich in seiner Statue verkörpert, zugunsten der Menschen bei den Göttern vermitteln. Häufig sieht man auf den Stelen bei den Kolossalstatuen den Besitzer dargestellt, der kniend die Aufmerksamkeit «des großen Gottes, der die Gebete erhört» erbittet und sein Anliegen mit der Zeichnung von vier großen Ohren noch unterstreicht. Hier ist es die Aufgabe des Königs, den Göttern die Bitten zu Überbringen.

Das ist überhaupt der Sinn der Institution der Monarchie in Ägypten: Mit Hilfe seiner doppelten Natur als: Mensch und als Sohn der Götter garantiert der König ein harmonisches Zusammenleben zwischen den Göttern und den Menschen. Deshalb läßt sich die Identität des Pharao nicht auf der Ebene seines Wesens erfassen: wenn wir uns der fast unendlichen Möglichkeiten seiner Eigenschaften bewußt werden. kommen wir ihm viel näher.
> Antwort auf Beitrag vom: 19.01.2003 um 14:34:53  Gehe zu Beitrag
Gitta  
Gast

  
Re: Der Pharao und das Volk 
« Antwort #16, Datum: 19.01.2003 um 14:41:58 »     

Und hier noch ein Text zur Einsetzung von Wesiren, der man ganz gut entnehmen kann, wie die Ägypter es mit Recht und Gerechtigkeit hielten (aus "Die Weisheitsbücher der Ägypter" von Hellmut Brunner)

Der Text ist- abgesehen von geringen Lücken - vollständig erhalten im Grab (Theben Nr. 100) des Wesirs Thutmosis' III. mit Namen Rechmire. Fragmente desselben Textes in zwei anderen Gräbern zeigen, daß es sich nicht um eine einmalige Rede, sondern um einen tradierten Text handelt, der in einer gewissen Periode jedesmal, wenn es galt, einen neuen Wesir in sein Amt einzuführen, vom König gesprochen wurde. Der Wesir war der höchste Beamte des Landes, zuständig für die gesamte Verwaltung, auch, da die moderne Gewaltenteilung unbekannt war, für die Rechtsprechung. Aus anderen Texten wissen wir, daß der neuernannte Wesir in einer Thronsitzung in Anwesenheit aller hohen Beamten feierlich vor den König geführt wurde. Dort wurden die unten übersetzten Worte an ihn gerichtet. Der bewegende Moment in seinem Leben dürfte nicht ohne Eindruck geblieben sein.

Der König spricht nur von Pflichten, nicht ein einziges Mal von Rechten. Gebunden wird dieses verantwortungsvollste aller Ämter zunächst an die Maat, an Gottes Ordnung der Welt. Diese aber bleibt nicht der Einfühlung oder auch nur den Überlegungen des Wesirs überlassen, sondern sie hat sich niedergeschlagen in umfangreichen «Gesetzen», besser, da Ägypten wohl nur ein «case law» kannte, in früheren Entscheidungen, die rechtsetzend waren. Immer wieder wird der Wesir vor eigenmächtigen Entscheidungen gewarnt, solange es Präzedenzfälle oder Gesetze gibt. Er wird also nicht nur an die abstrakte Maat, sondern konkret an die Gesetze und die Tradition gebunden. Ägypten ist ein Rechtsstaat mit erheblicher Rechtssicherheit für den Rechtsuchenden - wenigstens im Ideal; daß die Praxis gelegentlich sehr anders ausgesehen hat, davon zeugen viele Alltagsdokumente. Aber hat nicht auch dies Ideal seine normative Wirkung?

Es scheint, daß der Wesir in seinem Büro sich nur mit Zivilsachen befaßte, nicht mit Straftaten. Auffallend ist die Bedeutung, die der Text der Öffentlichkeit, der allgemeinen Meinung, beimißt. Nicht nur, daß keine Handlung eines hohen Beamten (bei den unteren wird es ähnlich stehen) verborgen bleibt, auch die Verhandlungen sind öffentlich und unterliegen somit der Kontrolle der Öffentlichkeit. Und deren Meinung kommt so große Bedeutung zu, daß sich König wie Wesir um einen guten Ruf bemühen müssen! Dieser tradierte, also anerkannte Text birgt eine große Zahl feiner Beobachtungen der Alltagspsychologie. (hier folgt die Übersetzung des überlieferten Textes)


Auweia, das ist jetzt aber ziemlich viel Lesestoff geworden.

Gitta
> Antwort auf Beitrag vom: 19.01.2003 um 14:37:08  Gehe zu Beitrag
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