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   Zeile aus dem Amduat (5)
  Autor/in  Thema: Zeile aus dem Amduat
thomas  maennlich
Member



Zeile aus dem Amduat Zeile.jpg - 18,67 KB
« Datum: 05.03.2008 um 15:57:46 »   

Hallo,
ich hänge an der im Anhang befindlichen Zeile fest. Meine Gedanken dazu sind:
wD ?=j Tn r Tn n XA.t=j jrj.n=j Tn n bA=j
Aufgrund des Satzzusammenhanges möchte ich das "?" mit einem Wachtelküken füllen, also:
wD wj Tn r Tn n XA.t=j jrj.n=j Tn n bA=j

Ich befehle euch, hinzu euch, wegen meiner Leichen, dem, den ich euch machte (und) für meine bA-Seele


- Vollbild -
Michael Tilgner  maennlich
Member



Re: Zeile aus dem Amduat Piankoff_Ramesses_VI_pl_74_Ausschnitt.jpg - 59,02 KB
« Antwort #1, Datum: 06.03.2008 um 21:27:41 »   

Hallo, thosch40,

Lücken sind in altägyptischen Texten nichts Ungewöhnliches, da Tempelwände oder andere Schreibunterlagen vielfach erodiert oder gar zerstört sind. Im Falle des Amduat in den Gräbern Thutmosis III., Amenophis II. und Sethos I. fällt allerdings auf, daß diese Lücken oft an den gleichen Stellen sind, und zwar am Ende der Ersten, Zweiten und Dritten Stunde. Eine Synopsis findet sich in: Paul Bucher, Les textes à la fin des première, deuxième et troisième heures du livre "De ce qu'il y a dans la Douat" : textes comparés des tombes de Thoutmosis III, Aménophis II et Séti Ier, in: BIFAO, Bd. 30, S. 229-247 (1931). (Achtung: 1,6 MB!)

Nun gibt es aber eine Fassung, die diese Lücke nicht enthält, nämlich die im Grab von Ramses VI. Siehe den beigefügten Ausschnitt aus Alexandre Piankoff, The Tomb of Ramesses VI, New York, 1954, Bd. II: Plates, Tafel 74. Vielleicht wurde in diesen Gräbern die gleiche, an diesen Stellen zerstörte Vorlage benutzt?

Danach ist zu lesen:

wD[.n]=j Tn r=Tn n XA.t=j jrj.n=j Tn n bA=j
"Ich habe euch zugewiesen meinem Leichnam, ich habe euch gemacht für meinen Ba."

wD "(1) befehlen, anbefehlen ... (3) übergeben, anvertrauen, zuweisen" (Hannig, Ägyptisch-Deutsch, S. 229-230) - In diesem Wortfeld die geeignete Übertragung zu finden, ist nicht einfach. Die Verbform ist ein sog. sDm.n=f, die meist als Vergangenheit übersetzt wird. Das n paßt auch deswegen gut in die Lücke, weil es auch bei den folgenden Verben verwendet wird; das Ganze also eine Reihung von Aussagen ist.

Das r=Tn habe ich nicht übersetzt; es ist sicher als eine Verstärkung des "euch" zu sehen.

Das von Dir vorgeschlagene wD wj Tn ... geht deswegen nicht gut auf, weil hinter dem wD zwei abhängige Personalpronomen als Objekte folgen, etwa "befiehl mir euch ...". Das stärkste Argument für die vorgeschlagene Ergänzung ist sicher die Fassung im Grab Ramses' VI.

Ansonsten geht es doch schon gut voran!

Viele Grüße,
Michael Tilgner

> Antwort auf Beitrag vom: 05.03.2008 um 15:57:46  Gehe zu Beitrag
thomas  maennlich
Member - Themenstarter



Re: Zeile aus dem Amduat 
« Antwort #2, Datum: 07.03.2008 um 13:36:54 »   

Hallo Michael,
danke für Deine Hilfe. Da ein "nachgestelltes Betonungspartikel" nicht mit übersetzt wird, erschließt sich mir der Satzbau wesentlich klarer.
Deswegen dazu noch ein paar Gedanken von mir.

sdm=f | er hört.
Aus der Grammatik von Graefe entnehme ich eine Syntax wie: Indem er hört oder Möge er hören. Folge ich der Übersetzung (Ich habe euch zugewiesen...), ergibt sich die Umschrift: wD=j Tn (Perfekt Indikativ)

sdm.n=f | Einfache Vergangenheit: er hörte.
Im Perfekt: er hat gehört bzw. man hat gehört. Nun wird "n=f" als Form des Dativs angesehen, also "er" = "ihm" = von ihm wurde gehört.

Damit kann ich der Übersetzung (Ich habe euch zugewiesen...) nicht mehr folgen, da n=j "mir" heißt. Ich würde wD.n=j mit "Von mir wurde euch zugewiesen..." übersetzen.

Erweiternd dazu fällt mir auf, dass "Leichnam" in der Einzahl übersetzt wurde, ich aber aus den Hieros Plural zu erkennen glaube und dass der Rest des Satzes ähnlich der einer Aufzählung ist.

Mein Epilog: Der Stamm des Satzes stellt sich mir als "Von mir wurde euch zugewiesen..." dar, dann folgt ...meine Leichen, einer, den ich euch machte (Seite 132ff, Erhart Graefe „Mittelägyptisch, Grammatik für Anfänger“ Die Relativformen jr(j).n=f) für meine bA-Seele
« Letzte Änderung: 07.03.2008 um 13:46:31 von thomas »
> Antwort auf Beitrag vom: 06.03.2008 um 21:27:41  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member



Re: Zeile aus dem Amduat DZA_28181360_Ausschnitt.jpg - 10,65 KB
« Antwort #3, Datum: 09.03.2008 um 21:39:17 »   

Hallo, thosch40,

leider komme ich erst jetzt dazu, auf Deine Bemerkungen einzugehen.

Üblicherweise wird die Verbform sDm.n=f zurückgeführt auf eine Kombination eines passiven Partizips mit einem Dativ, der den Besitzer oder Handelnden anzeigt (Gardiner, Egyptian Grammar, § 67). Ähnlich erläutert das wohl auch Graefe; seine Grammatik habe ich aber nicht. Dein "von mir wurde euch zugewiesen ..." ist nur die umständliche deutsche Entsprechung dieser Betrachtung. Welche Vergangenheitsform im Deutschen heranzuziehen ist, ergibt sich aus dem Kontext. Gelegentlich muß man das sDm.n=f auch im Präsens übersetzen. Es bezeichnet eine abgeschlossene Handlung. Daher die übliche aktivische Übersetzung wD.n=j "ich habe zugewiesen ...".

Zu den Pluralstrichen bei XA.t "Leichnam". "Mein Leichnam": Ich gehe davon aus, daß man nur einen Leichnam hat, daher Singular. Ich habe aber noch einmal die Schreibung im Digitalen Zettelarchiv nachgeschlagen; die Wörterbuchbearbeiter sahen das ähnlich (siehe Abbildung und Wb. III, 359; Determinative rechts am Ende der Seite).

Für jr.n=j hast Du die sDm(w).n=f-Relativform gewählt. Dadurch verändert sich der Sinn aber in: "... Leichnam, den ich euch gemacht habe ...". Die Sätze sind m.E. wie so oft parallel gebaut:

wD.n=j Tn ... "ich habe euch zugewiesen ..."
jrj.n=j Tn ... "ich habe euch gemacht ..."
qmA.n=j Tn ... "ich habe euch geschaffen ..." [folgt direkt Deiner zitierten Passage]

Das spricht für die vorgeschlagene Übersetzung.

Zur Transkription der sDm.n=f-Form von jrj: Laut Gardiner, § 413 fällt bei Verben tertiae infirmae (dreikonsonantige Verben mit schwachem Endkonsonant, d.h. j oder w) der schwache Endkonsonant zumeist weg; also: jr.n=j

Zusammenfassend ist zu sagen, daß es bei Texten dieser Art immer wieder zu Unwägbarkeiten kommt, wenn die grammatische Form nicht eindeutig ist. Die ägyptologischen Zeitschriften sind voll von Artikeln, in denen bestimmte Passagen immer wieder mal diskutiert werden.

Viele Grüße,
Michael Tilgner

> Antwort auf Beitrag vom: 07.03.2008 um 13:36:54  Gehe zu Beitrag
thomas  maennlich
Member - Themenstarter



Re: Zeile aus dem Amduat 
« Antwort #4, Datum: 10.03.2008 um 13:59:08 »   

Hallo Michael,
ich glaube, ich darf nicht den Fehler machen, mich zu sehr an die üblichen Grammatikvorstellungen zu hängen. Das Ganze scheint mehr ein "objektorientiertes" Übersetzungsparadigma zu sein, deren Flexibilität vom Betrachter zu nutzen ist – oder eben nicht.

Nun denn - immerhin bin ich wieder einen Schritt weiter auf meinem langen Weg  

Gruss
thosch40
> Antwort auf Beitrag vom: 09.03.2008 um 21:39:17  Gehe zu Beitrag
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