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   Retrograde Leserichtung von Jenseitstexten (7)
  Autor/in  Thema: Retrograde Leserichtung von Jenseitstexten
Neb-Maat-Ra  
Gast

  
Retrograde Leserichtung von Jenseitstexten 
« Datum: 01.08.2010 um 09:38:33 »     

Altägyptische Jenseitstexte, wie Beispielsweise die Pyramidentexte, die Sargtexte oder das Amduat sind in der Regel retrograd angeordnet. Die Texte sind also rückläufig von links nach recht zu lesen, obwohl die Hieroglyphenzeichen in die entgegengesetzte Richtung (nach rechts) blicken. Leider habe ich bisher in der Literatur keinen Hinweis gefunden, warum die Ägypter solche Texte in dieser Form - abweichen von anderen Inschriften - anordneten. Es muss bestimmt mit der Totenvorstellung zusammenhängen, aber welche Theorien oder Hinweise gibt es hierzu?

Guss, Neb
« Letzte Änderung: 05.08.2010 um 18:39:29 von Neb-Maat-Ra »
thomas  maennlich
Member



Re: Retrograde Leserichtung von Jenseitstexten 
« Antwort #1, Datum: 04.08.2010 um 17:25:59 »   

Hallo,

die Leserichtung ist eigentlich von rechts nach links. Wenn nun jemand die Hieroglyphen lesen möchte, dann muss er das Grab betreten und den Anfang, der irgendwo rechts liegt, suchen. Durch die retrograde Schreibweise soll die Tradition gewahrt bleiben, aber der Text direkt am Anfang der Tür stehen.

Gruß
Thomas
> Antwort auf Beitrag vom: 01.08.2010 um 09:38:33  Gehe zu Beitrag
Neb-Maat-Ra  
Gast - Themenstarter

  
Re: Retrograde Leserichtung von Jenseitstexten 
« Antwort #2, Datum: 04.08.2010 um 18:24:50 »     

Hallo thomas,

natürlich ist bei retrograden Inschriften der Text von links nach rechts zu lesen. Die Frage ist warum die Zeichen in die „andere Richtung“ blicken! Mit Tradition hat dies meiner Meinung nach weniger zu tun, oder gibt es hierzu Belege in der Literatur? Hieroglyphentexte können ja sehr flexibel eingesetzt werden und ohne Probleme sowohl von rechts nach links, als auch von links nach rechts ausgerichtet werden ohne gleich retrograd angeordnet zu sein. Es muss daher eine andere Erklärung für retrograde Jenseitstexte geben.

Gruß, Neb
« Letzte Änderung: 05.08.2010 um 18:40:03 von Neb-Maat-Ra »
> Antwort auf Beitrag vom: 04.08.2010 um 17:25:59  Gehe zu Beitrag
thomas  maennlich
Member



Re: Retrograde Leserichtung von Jenseitstexten 
« Antwort #3, Datum: 04.08.2010 um 20:20:14 »   

Hallo,

NEIN, bei Retrograden Texten wird nicht von rechts nach links gelesen. Da haben wir uns mißverstanden. Wenn die Figuren nach rechts blicken, dann wird NORMALERWEISE von rechst nach links gelesen, ABER nicht, wenn retrograd geschrieben wurde…

Gruß
Thomas
> Antwort auf Beitrag vom: 04.08.2010 um 18:24:50  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member



Re: Retrograde Leserichtung von Jenseitstexten 
« Antwort #4, Datum: 04.08.2010 um 23:29:43 »   

Hallo,

unter "retrograd" versteht man die Tatsache, daß die Spalten einer Inschrift entgegen der in den Spalten geschriebenen Leserichtung zu lesen sind. Das wird schon bei Gardiner, Egyptian Grammar, § 16 "Direction of writing", Anmerkung 1 vermerkt:

Zitat:
Exceptions occur in vertical columns, but affect only the order of these, not the signs within them.

Auch im LÄ II, 1189-199, Stichwort "Hieroglyphen" wird im Abschnitt D "Orientation" darauf eingegangen:

Zitat:
More commonly the retrograde sequence is applied to columns of inscriptions written vertically, and only affects the order in which columns are read, while the arrangement of signs within each column remains normal.

In diesen Abschnitten wird auf die Gründe nicht eingegangen.

Ein Beispiel hatten wir hier im Forum vor einiger Zeit bearbeitet, nämlich im Thread Übersetzungsübung: Aus gegebenem Anlaß ..., und zwar einen Abschnitt aus Tb 175 (das Jenseitsgespräch im pAni).

Einen ausführlichen Artikel zum Thema schrieb Henry George Fischer, L'écriture rétrograde, in: Henry George Fischer, L'écriture et l'art de l'Égypte ancienne, Paris, 1986, S. 105-130. Eine Zusammenfassung kann ich leider erst am Wochenende liefern.

Viele Grüße,
Michael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 04.08.2010 um 20:20:14  Gehe zu Beitrag
Neb-Maat-Ra  
Gast - Themenstarter

  
Re: Retrograde Leserichtung von Jenseitstexten 
« Antwort #5, Datum: 05.08.2010 um 18:55:58 »     

Hallo Zusammen,

aus Versehen haben ich die falsche Leserichtung in den vorangegangene Beiträgen angegeben und dabei rechts und links vertausch. Wie schusslig von mir - Sorry! Dies habe ich soeben korrigiert. Nochmals ganz deutlich um Missverständnisse und Verwirrungen vorzubeugen:

Retrograde Inschriften sind von LINKS nach RECHTS zu lesen obwohl die Hieroglyphen nach RECHTS blicken.

Leiter habe ich kurzfristig keinen Zugriff auf den Artikel von Henry Georg Fischer. Eine Zusammenfassung wäre daher super.

Gruß, Neb
> Antwort auf Beitrag vom: 04.08.2010 um 23:29:43  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member



Re: Retrograde Leserichtung von Jenseitstexten 
« Antwort #6, Datum: 05.08.2010 um 20:25:24 »   

Liebe Leute,

eigentlich dachte ich, mit den Zitaten die retrograde Schreibung ausreichend beschrieben zu haben. Eure Darstellung ist leider irreführend; daher zur Klarstellung:

Grundsätzlich gilt, daß von dort gelesen werden muß, wohin die (asymmetrisch geformten) Zeichen blicken: Schaut ein Zeichen - wie die "Eule" G17 - nach rechts, so ist von rechts nach links zu lesen; schaut sie nach links, so von links nach rechts. Im allgemeinen gilt das auch für die Anordnung eines Textes in Spalten: Schauen die Zeichen nach rechts, so sind die Spalten von rechts nach links "abzuarbeiten"; und umgekehrt.

Anders bei der "retrograden" Schreibung: Schauen die Zeichen innerhalb einer Spalte nach rechts, so sind in der Spalte die Zeichen von rechts nach links zu lesen, also ganz wie üblich! Nur die Spalten selbst sind von links nach rechts "abzuarbeiten"! Das "retrograd" bezieht sich also nur auf die Anordnung der Spalten! Schaut Euch bitte noch einmal das Beispiel aus dem pAni an!

Unabhängig davon kann es zu Umkehrungen (reversals) von einzelnen Zeichen oder Zeichengruppen innerhalb einer Zeile oder Spalte kommen. Mit diesem Thema hat sich ebenfalls Henry George Fischer beschäftigt: Egyptian Studies II: The Orientation of Hieroglyphs. Part I. Reversals, The Metropolitan Museum of Art, New York, 1977.

Viele Grüße,
MIchael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 05.08.2010 um 18:55:58  Gehe zu Beitrag
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