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   Jenseitsglaube & Totenkult (208)
   Totenkult zur Amarna-Zeit (10)
  Autor/in  Thema: Totenkult zur Amarna-Zeit
Gitta  
Gast

  
Totenkult zur Amarna-Zeit 
« Datum: 13.02.2002 um 22:33:51 »     

Ich bin gerade auf eine nicht ganz uninteressante Frage gestoßen, die ich hier mal zum Besten geben möchte:

Was wissen wir eigentlich wirklich über den Totenkult in Amarna? Sind wir sicher, dass Mumifizierungen auch zu dieser Zeit vorgenommen wurden, obwohl verordnet war, dass es keine Jenseitswelt gibt? Weil "alles Leben stirbt und vergeht, wenn Aton nicht erstrahlt" (so ähnlich ausgedrückt von Echnaton). Kein Osiris, kein Anubis (zumindest nicht in seiner Ausprägung als Mumifizierungsgehilfe), kein Totengericht.

Warum kann Reeves eigentlich so sicher sein, jemals auf die "Mumie" von Nofretete oder Echnaton oder wen auch immer zu stoßen? Vielleicht gab es sie nie (als Mumien, meine ich). Im Prinzip gibt es nicht eine brauchbare Spur zu den Verstorbenen des Amarna-Königshauses. Alle Belege entstammen doch der Post-Amarnazeit.



Gitta
Aset  
Gast

  
Re: Totenkult zur Amarna-Zeit 
« Antwort #1, Datum: 14.02.2002 um 10:44:05 »     

Hallo Gitta

Was ich hier schreibe, sind meine eigenen Gedanken zur Religionsausübung während der Amarna-Zeit, also wissenschaftlich absolut nicht fundiert.

Ich denke, dass die Regierungszeit von Echnaton zu kurz war, um beim Volk tiefgreifende Aenderungen auszulösen. Das wäre bestenfalls in der 2.+3. Generation möglich gewesen. Die einfachen Leute, und mit ihnen alle, die nicht direkt am Aton-Kult teilnahmen, konnten ihre Glauben kaum so schnell ablegen. Sie sind darin erzogen worden und er basierte wohl zu einem grossen Teil auch auf ihrer eigenen Ueberzeugung. Selbst bei den Leuten, die wirklich aktiv involviert waren, ist der Aton-Glaube wohl nur eine relativ dünne Patina über den Jahrhunderte alten Glauben gewesen. Die vielen kleine Götterfiguren, die in Amarna gefunden wurden, sprechen da ihre eigene Sprache.

Ebenso stell ich mir den Totenkult vor. Mag sein, dass Echnaton selber sich gegen den Totenkult gestellt hat, aber aus Angst, im Jenseits verloren zu gehen, wird sich mancher über das Verbot hinweggesetzt haben. Zumindest werden die Menschen, die nach Echnaton gestorben sind, mumifiziert worden sein, denn da konnte er ja nicht mehr einschreiten. Ausserdem stellte er sich m.W. nur gegen den Kult um die Totengötter, nicht aber gegen die Mumifizierung. Die könnte als gebräuchliche Bestattungsmethode beibehalten worden sein.

Aset
Gitta  
Gast - Themenstarter

  
Re: Totenkult zur Amarna-Zeit 
« Antwort #2, Datum: 14.02.2002 um 10:50:50 »     

Bin ganz Deiner Meinung. Meine Frage zielte auf die Königsfamilie selbst. Wieso sind eigentlich die Wissenschaftler so sicher, dass wirklich mumifizierte Leichname der Familienmitglieder (es waren ja nicht wenige und keiner wurde bisher gefunden) existiert haben?

Gitta
« Letzte Änderung: 14.02.2002 um 10:51:56 von Gitta »
Aset  
Gast

  
Re: Totenkult zur Amarna-Zeit 
« Antwort #3, Datum: 14.02.2002 um 11:05:30 »     

Ich hab bisher nichts gelesen, was auf eine Aenderung beim Bestattungskult selbst unter Echnaton hinweisen würde, also z.B. Verbrennung statt Mumifizierung. Gräber sind ja gefunden worden, was auf eine beabsichtige Bestattung hinweist.

Eine möglich Erklärung wäre, dass ihre Mumien von den Nachfolgern ausgegraben und in die Wüste geschmissen wurden, damit sie auf keinen Fall im Jenseits weiterleben können. Das ist aber auch nur Spekulation.

Vielleicht treibt Reeves der Ehrgeiz, der ja oft der Vater des Gedankens ist. Stell dir vor, welche Sensation die Entdeckung der Echnaton-Mumie wäre. Damit käme er sehr schnell zu Ruhm.

Ausserdem kommt da noch die Frage auf: Woher stammten all den Mumien, die in England eine Weile Mode waren. Kann man sicher sein, dass das alles "kleine" Leute waren, die da ausgegraben und verschifft wurden?

Aset
Gitta  
Gast - Themenstarter

  
Re: Totenkult zur Amarna-Zeit 
« Antwort #4, Datum: 14.02.2002 um 12:43:14 »     


Zitat - Aset:
Ausserdem kommt da noch die Frage auf: Woher stammten all den Mumien, die in England eine Weile Mode waren. Kann man sicher sein, dass das alles "kleine" Leute waren, die da ausgegraben und verschifft wurden?


Da kann man wohl nicht sicher sein. Allerdings müssen auch noch Millionen anderer Mumien fehlen, die sich im Laufe von 3000 Jahren angesammelt haben. Man könnte es eingrenzen, wenn man wüsste, wann Amarna entdeckt wurde und wann der Mumienkult in Europa eingesetzt hat (habe ich jetzt nicht im Kopf - bin im Büro, auweia   ). Bedenken muss man dabei auch, dass die Ägypter selbst die Mumien als Brennmaterial benutzt haben, wie die Reste der Lehmziegelbauten als Dünger.

Gitta
Benedikt  
Gast

  
Re: Totenkult zur Amarna-Zeit 
« Antwort #5, Datum: 14.02.2002 um 14:20:16 »     

Moin. Pietro della Valle aus Rom, schiffte sich 1619 in Venedig zu einer Wallfahrt in den Orient ein. Dort blieb er einige Zeit. Bei seiner Rückreise brachte er nicht nur Ziegel aus Babylon und Ur mit, die mit Keilschriftzeichen versehen waren, sonder auch 2 Mumien aus Ägypten. Die landeten im Dresdener Museum wo sie bis zum 2. Weltkrieg untergebracht waren. Was danach mit ihnen geschehen ist weis ich nicht. Es wäre ein großer Zufall wenn es sich bei den beiden gerade um Echi und Nofretete handeln würde. *lol* Falls sie mumifiziert wurden, wovon ich eigentlich immer ausgegangen bin. Bis heute. Ich will Beweise! Der Mumienboom setzte soweit ich das überblicke mit der modernen Ägyptologie ein. Um 18. Jhr. tippe denk ich.

Benne
semataui  maennlich
Member

  

Re: Totenkult zur Amarna-Zeit 
« Antwort #6, Datum: 14.02.2002 um 14:33:13 »   

Hi ihr zwei,

wenn man die Grabbeigaben berücksichtigt, die in TA62, dem Königsgrab in Amarna, gefunden hat, dann hat sich wohl in der Amarnazeit in dieser Richtung nicht viel geändert.
Eindeutig von Echnaton stammt wohl der rote Granitsarkophag, die Kanopentruhe, Einbalsamierungsblöcke!!,Uschebtis, Schiffsmodell!! (nach Martin).
Auch die Trauerszene um Maketaton spricht für ein "klassisches" Begräbnis.
Aus KV55 stammen die Zauberziegel mit Echnatons Kartusche (wer hat die eigentlich übersetzt?) und auch der Sarg
(Wenn ja, ist die Frage nach der Mumie sowieso geklärt).

Zitat:
Vielleicht gab es sie nie (als Mumien, meine ich).

Hier könntest Du recht haben. Das Skelett aus KV55 kann man wirklich nicht als Mumie bezeichnen...

Gruss
semataui
Gitta  
Gast - Themenstarter

  
Re: Totenkult zur Amarna-Zeit 
« Antwort #7, Datum: 14.02.2002 um 22:51:21 »     


Zitat - semataui:
Auch die Trauerszene um Maketaton spricht für ein "klassisches" Begräbnis.


Würd ich nicht so sehen: keine mumienförmige Gestalt auf der Bahre, nur ein Leichnam. Auch die Darstellung im Raum Gamma des Königsgrabes "Maket-Aton in der Laube", die dem Totenzeremoniell zugeschrieben wird, ist ganz und gar ungewöhnlich.


Zitat:
Aus KV55 stammen die Zauberziegel mit Echnatons Kartusche (wer hat die eigentlich übersetzt?) und auch der Sarg
(Wenn ja, ist die Frage nach der Mumie sowieso geklärt).


Nach Alfred Grimms Theorie (die mit der Nummer 31) ist es ja nun Semenchkare.

Ich habe nochmal ein bisschen bei Hornung (Echnaton - die Religion des Lichts) nachgelesen. Er schreibt u.a.:

Auch wenn die Auffassung vom Fortleben nach dem Tode einen radikalen Wandel erfährt, bleiben bestehende Gebräuche und Formen des Totenglaubens, so Begräbnisriten und traditionelle Beigaben, noch eher erhalten. Die Totenklage und das Begräbnios als Mumie sind allerdings nur in einem der Beamtengräber von Amarna dargestellt, dazu noch auf der Ostwand (bei Huja)! Da nur das Dasein am Tage zählt, im Lichte des Aton, ist die Mumie jetzt eigentlich entbehrlich, und die Regeneration des Körpers im Jenseits spielt keine Rolle mehr. Daher verschwindet auch ihr wichtigstes Symbol, der Skarabäus-Käfer, aus der Produktion der königlichen Werkstätten; an seine Stelle tritt die neutrale Form des Fingerrings. So sind Skarabäen mit Echnatons Namen überaus selten.

Hornung erwähnt allerdings mit keinem Wort, ob mumifiziert wurde oder nicht. Da möchte er sich wohl auch nicht festlegen. Zu den Grabbeigaben Hornung:

Man muss annehmen, dass für Echnaton am Anfang seiner Regierung ein Königsgrab in Theben vorgesehen war, das bisher nicht mit Sicherheit bestimmt werden konnte. Für seine Ausstattung waren wohl die magischen Ziegel gedacht, auf denen der König noch als ein "Osiris" bezeichnet ist.

Dann weiter (kurzgefasst)

Fragmente von Rosengranitsärgen mit Strahlenaton (nicht mit den Horussöhnen und Anubis) und an allen vier Ecken die Königin statt Isis, Nephtys, Neith und Selkis.

Der Kanopenschrein nur mit einem neutralen Falken als Schutzwesen

Diverse Uschebtis, die aber nur den Namen des Königs tragen; keine Sprüche aus dem Totenbuch oder dergleichen.

Von Balsamierungsblöcken schreibt er nichts.

Ich könnte mir ganz gut vorstellen, dass Bestattungen natürlich vorgenommen wurden, dass herkömmliche Beigaben möglicherweise traditionell ins Grab gegeben wurden, dass aber keine Mumifizierung stattgefunden hat, weil sie - wie auch Hornung schreibt - nicht mehr nötig war. Sollte es so gewesen sein, dann "Gute Nacht, Reeves".

Übrigens gibt es in Amarna-Gräbern keine Scheintüren, also keine Opferstellen. Geopfert wurde ausschließlich in den Tempeln, wo sich die Ba's der Toten versammelten.

Gitta
Udimu  maennlich
Member

  

Totenkult zur Amarna-Zeit 
« Antwort #8, Datum: 15.02.2002 um 11:39:17 »   

Hallo, wenn ich mich da jetzt mal einmischen darf.

1. Aus KV 55 stammen ja auch vier Kanopen, was sehr dafür spricht, dass die Leiche auch mumifiziert wurde. Die Leiche ist dort nur als Skelett erhalten, aber dass lag an der hohen Feuchtigkeit im Grab unter der ja auch die Sargwanne und andere organische Beigaben gelitten haben.

2. Es gibt aus Deir el-Medine einen Sarg der eindeutig in die Amarnazeit datiert (Aton wird genannt) und aus Amarna ein Modellsarg auf denen die Mumie des Verstorbenen dargestellt wird. (Hornung ist kein dummer Kopf, scheint das Material nicht gut zu kennen)

3. Es wird of in den Raum gestellt, dass die vier Göttinen auf dem Sarkophag des Echnaton ducrh das Bild der Nofretete ersetzt wurde. Beim betrachten des Materials ist deutlich zu sagen: Echnatons Sarkophag ist der erste an dessen Ecken weibliche Figuren stehen, das war bei den kgl. Sarkophagen vorher nicht der Fall; ergo ist unter Tutanchamun die grosse. kgl. Gemahlin durch die vier weibl. Gottheiten ersetzt worden (und nicht umgekehrt unter Echnaton).

4.Wenn Hornung schreibt, das Begräbnisszenen in Amarnagräber nur einmal vorkommen, so hat er sich die Thebanischen Gräber nicht genau angeschaut, entsprechende Szenen sind auch dort vor der Amarnazeit nicht so häufig.

Mein Fazit: Es ist alles wie bisher weitergemacht worden, jedoch ohne die Nennung der klassischen Totengottheiten, was schon ein leicht komischen Eindruck hinterlässt.

Tschau
Udimu
semataui  maennlich
Member

  

Re: Totenkult zur Amarna-Zeit 
« Antwort #9, Datum: 15.02.2002 um 17:08:09 »   

Hi,

Zitat:
Übrigens gibt es in Amarna-Gräbern keine Scheintüren, also keine Opferstellen. Geopfert wurde ausschließlich in den Tempeln, wo sich die Ba's der Toten versammelten.

Amarnagrab 9, Mahu, Polizeichef:
...statt der häufig zu findenden Statue des Grabherrn bildet hier eine Scheintüre den rückwärtigen Abschluss der Anlage...einziges Grab mit voll ausgeführter Sargkammer, woraus gelegentlich geschlossen wird, dass nur dieses Grab belegt wurde, während die übrigen Grabherren den Untergang von Amarna überlebten und mit Tutanchamun nach Memphis umzogen (nach Strelocke).

Und wieso gabs noch die Ba´s der Toten?

Ausnahmen gibts wohl überall
semataui


« Letzte Änderung: 15.02.2002 um 17:13:33 von semataui »
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