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   Jenseitsglaube & Totenkult (208)
   Totenbuch des Hunefer (40)
  Autor/in  Thema: Totenbuch des Hunefer
Michael Tilgner  maennlich
Member

  

Re: Totenbuch des Hunefer 
« Antwort #30, Datum: 05.09.2003 um 12:45:21 »   

Hu-6-7
m xsf r=j m DADA.t
"Tritt mir nicht entgegen im Totengericht!"

xsf "(6) [Theologie] entgegentreten (bei Gericht)" (Hannig, S. 620) - Das Zeichen ist U35, eine Kombination der Zeichen U34 "Spindel" und I9 "Hornviper"
DADA.t "(1) Kollegium (der Räte, Richter) ... (2) Totengericht" - Das nicht leicht erkennbare Zeichen zwischen den U28 ist offensichtlich W24, das "nw-Gefäß".


Hu-7-8
m jr.t rqy=k r=j
"Zeige keine Feindseligkeit gegen mich ..."

rqw "(1) Feindseligkeit, Feindschaft jrj rqw Feindseligkeit zeigen (r gegen ... (2) Schieflage (der Waage)" (Hannig, S. 479) - rqy ist eine Schreibvariante von rqw (Digitalisiertes Zettelarchiv)
Das Negativkomplement wird ab der 18. Dynastie durch den Infinitiv ersetzt (Alan Gardiner, Egyptian Grammar, § 341). Vielleicht gilt das auch schon für den oben erwähnten Fall (Hu-4).
Das seltsame Zeichen ist die kursivhieroglyphische Version des V31 k.
r=j Z1 "Strich" wird gelegentlich für die 1. Pers. Singular verwendet (Hannig, S. 1099).


Hu-9-10
m-bAH jrj-mxA.t
"... vor dem Waagemeister!"

m-bAH "vor" (Hannig, S. 241) - Nach den Schreibvarianten des Digitalisierten Zettelarchivs zu urteilen, handelt es sich bei dem schwarzen Fleck unter dem "Phallus" D52 um Z1 "Strich".
jrj-mxA.t "Waagemeister" (Hannig, S. 84, 357) - Nicht leicht herauszufinden: r als Kurzform von jrj mit Determinativ A1, würde ich meinen. Jedenfalls muß man das nach den Parallelstellen so annehmen (Papyrus Ani).

Viele Grüße,
Michael Tilgner

« Letzte Änderung: 05.09.2003 um 13:06:03 von Michael Tilgner »
> Antwort auf Beitrag vom: 04.09.2003 um 12:47:19  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member

  

Re: Totenbuch des Hunefer 
« Antwort #31, Datum: 06.09.2003 um 12:55:01 »   

Hu-10-11
ntk kA=j jmj X.t=j
"Du bist mein Ka, der in meinem Leib ist."

ntk "[selbständiges Personalpronomen mask. 2. Pers. Sing.] (1) [als Subjekt zu nominalem Nominalsatz] du" (Hannig, S. 442)
kA "Ka, Persönlichkeit, Lebenskraft, Lebensgeist (bei König, Gott, Mensch; wird mit ihm geboren, hat menschliche Gestalt, eine Art Schutzgeist, übertragbar auf den Sohn; bes. als Oberbegriff für andere Kräfte der Persönlichkeit)" (Hannig, S. 872) - Hier allerdings mit dem Determinativ X4 "Brotlaib" geschrieben wie bei kA "Nahrung, Speise". Der innere Zusammenhang dieser verschiedenen Bedeutungen ist oft diskutiert worden. - Zum Ka allgemein, u.a.:

III, 275-282, Stichwort "Ka"
Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten, München, 2001, Abschnitt "Der Tote und sein Ka", S. 131-139

X.t "Leib, Bauch" (Hannig, S. 629) - Vielleicht ist ein Strich Z1 "Strich", der andere F51 "Fleischstück", Determinativ von X.t; zur Schreibung dieses Zeichens sh. auch die folgende Spalte.


Hu-11-12
Xnmw s.w[DA] a.w.t=j
"(und du bist) Chnum, der meine Glieder wohlbehalten sein läßt."

Xnmw "Chnum" (Hannig, S. 1234) - Das Zeichen ist W9 "Steingefäß mit Henkel" mit Lesung Hnm - Chnum ist der Schöpfergott.
s.wDA "wohl sein lassen, wohl ergehen lassen, wohlbehalten sein lassen ..." (Hannig, S. 682) - Hier hat der Schreiber zwei Zeichen wegfallen lassen: DA, wie man an Parallelstellen (Papyrus Ani) erkennen kann.
a.t "Glied, Körperglied, [Plural] Gliedmaße" (Hannig, S. 124) - Das, was wie ein Komma aussieht, ist das Determinativ F51.


Hu-12
pr n[=k] Hr bw-nfr
"Mögest Du hervorkommen zum Guten, ..."

prj "[allg] hinausgehen, herausgehen r zu Ort ..." (Hannig, S. 283)
n=k "(4) [dativus ethicus; reflexiver Dativ, zur Bezeichnung der inneren Teilnahme]" dient der Verstärkung des Imperativs (Gardiner, Egyptian Grammar, § 337, 2). - Der Schreiber hat das in den Parallelstellen verwendete =k weggelassen und statt der sonst verwendeten Präposition r "zu" die Präposition Hr "auf, über" verwendet.
bw-nfr "das Gute, Beste" (Hannig, S. 250) - bw "Ort, Stelle, Platz" (ibid.) dient "(2) [zur Bildung von abstrakten Substantiven, oft im superlativen Sinne ...]" - Die Schreibung b ist eine Abkürzung für bw (Hannig, S. 237)


Hu-13
Hn n=k jm
"... das für dich dort bereitet ist."

Hn "(2) ausstatten" (Hannig, S. 535)
n=k das V31 k ist etwas unleserlich geschrieben; sh. Papyrus Ani.
jm "[Adverb, lokal] da, dort, dorthin" (Hannig, S. 47) - Mit "dort" ist natürlich das Jenseits gemeint!

Mit dem folgenden m=j kann ich nichts anfangen! Vielleicht ist das ganze aber auch jmj "(1) darin (befindlich) sein" (Hannig, S. 47) zu lesen, so daß der Satz dann heißen würde: "... das für dich bereitet und darin befindlich ist"

Viele Grüße,
Michael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 05.09.2003 um 12:45:21  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member

  

Re: Totenbuch des Hunefer Hunefer-Fresserin.jpg - 37,46 KB
« Antwort #32, Datum: 07.09.2003 um 12:12:42 »   

Hu-14-15
m jr s.xnS rn=j
"Mache meinen Namen nicht stinkend ..."

m jr + Infinitiv ist eine Variante des negierten Imperativs, die ab der 18. Dynastie aufkommt und dann im Neuägyptischen üblich wird; Allen erwähnt eine ähnliche Entwicklung im Englischen, wo aus dem "go not!" im Laufe der Zeit ein "do not go!" wird. (Gardiner, Egyptian Grammar, § 340, 2; James P. Allen, Middle Egyptian, § 16.4; Adolf Erman, Neuägyptische Grammatik, § 789) - Sh. auch Hannig, S. 312, Stichwort m zum negierten Imperativ "(2) m jrj ... b. (mit Infinitiv, wie einfaches m)"
s.xnS "stinkend machen" (Hannig, S. 748) - Das Wort stammt von xnS "stinken, übel riechen" (Hannig, S. 606) ab; xnS rn "im üblen Ruf stehen". Das vorangestellte s macht das Verb zum sog. Kausativ, der also die verursachende Tätigkeit bezeichnet (zum Kausativ allgemein: Alan H. Gardiner, Egyptian Grammar, § 275).


Hu-16
n Sny[.t] m-bAH
"für die Hofleute vor ..."

Snw.t (Sny.t) "(2) Hofleute (eines Gottes)" (Hannig, S. 825) - Gemeint ist sicher das Jenseitsgericht. Das t fehlt hier.


Hu-17
nTr aA nb jmnt.t
"... dem Großen Gott, dem Herrn des Westens!"

nTr aA "der Große Gott (Gott, insbesondere Re und Osiris)" (Hannig, S. 444)
jmnt.t "(1) Westen, (2) Totenreich; Nekropole" (Hannig, S. 72) - Das Determinativ ist R14 "Westzeichen".

Hier endet der Spruch 30B bei Hunefer.


Hu-18-19
dj.tw n=j t m
"Man gebe mir Brot als ..."

tw "[unbestimmtes Pronomen] ... (3) [zur Bildung des Passivs] ... sDm.tw man hört" (Hannig, S. 919) - Der Satz ist sicherlich als Wunsch / Aufforderung zu verstehen.
t "Brot" (Hannig, S. 911)


Hu-19
pr.t-xrw (?) qbHw m pr.t-xrw(?)
"als Opferspende (?), eine Wasserspende als Trankopfer (?)"

?? pr.t-r-xrw (pr.t-xrw) "Totenopfer" (Hannig, S. 286) ?? - Die angebenen Wörter konnte ich bisher noch nicht identifizieren; ich bin mir aber ziemlich sicher, daß sie Opfergaben bezeichnen.
qbHw "(1) kühles Wasser ... (3) Libation, Wasserspende ... rDj qbHw eine Wasserspende geben" (Hannig, S. 854)


Beigefügt ist die Inschrift bei der Fresserin.

Viele Grüße,
Michael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 06.09.2003 um 12:55:01  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member

  

Re: Totenbuch des Hunefer Hunefer-Thoth.jpg - 32,00 KB
« Antwort #33, Datum: 08.09.2003 um 10:17:43 »   

Beischrift Fresserin = F-1 bis F-3


F-1
am-mwt.w HA.t=s
"Die Totenfresserin: ihr Vorderteil ..."

am-mwt (ammy.t) "Totenfresserin (beim Jenseitsgericht)" (Hannig, S. 139) - dort ist auch die vollständige Übersetzung dieser Beischrift angegeben. - Der Name setzt sich zusammen aus: am "schlucken, verschlingen" (Hannig, S. 139) und mwt "der Tote, der Verstorbene" (Hannig, S. 332) - Zu den Zeichen: G20: Kombination von G17 "Eule" und D36 "Vorderarm"; danach folgt F10 "Kopf und Nacken eines Tieres" als Determinativ für Hals, Kehle, schlucken; zum Schluß A14 "liegender Mann, aus dem Blut herausströmt" als Determinativ für sterben. Zudem sind drei Pluralstriche vermerkt. Der Name ist dann zu lesen: "der die Toten verschlingt" - am ist als Partizip zu sehen. Da aber im folgenden und auch sonst dieses Fabelwesen als weiblich beschrieben wird, müßte man eigentlich erwarten am.t-mwt.w "die die Toten verschlingt".
HA.t "Vorderseite (des Körpers)" (Hannig, S. 504) - das Suffix =s ist 3. Pers. fem. Sing.


F-2
[m] msH
"(ist) ein Krokodil"

msH "Krokodil" (Hannig, S. 364) - Determinativ ist I3 "Nilkrokodil". - Offensichtlich sind die Zeichen s und H vertauscht. Das w paßt gar nicht; ein Plural macht keinen Sinn. Daß diese vermurkste Schreibung dennoch als Krokodil zu lesen ist, wird auch vom Digitalisierten Zettelarchiv unterstützt.

Hier fehlt das "m of predication" (Alan H. Gardiner, Egyptian Grammar, § 38; sh. auch Hannig, S. 311, Bedeutung (11) von m). - Die Erscheinung, daß bei zwei aufeinanderfolgenden gleichen Zeichen eines wegfällt, wird seit den Inschriften des Alten Reiches beobachtet. Sie wird mit dem Fachbegriff "Haplographie" bezeichnet. Obwohl, wie gesagt, recht häufig, wird sie nur selten in den Grammatiken erwähnt.


F-2-3
pH.w[j]=s m db.t
"ihr Hinterteil (ist) eine Nilpferdkuh"

pH.wj "Hintern, Hinterteil" (Hannig, S. 288) - j ist zu ergänzen.
db.t "Nilpferdkuh" (Hannig, S. 973) - Das Determinativ ist wohl F27 "Rinderhaut" zur Kennzeichnung von Säugetieren.

In dieser Aussage ist das m ausgeschrieben worden. Nur hier wird die weibliche Form des Tiernamens angegeben.


F-3
Hrj-jb=st
"ihr mittlerer Teil (ist) ..."

Hrj-jb "mittlerer, in der MItte befindlich" (Hannig, S. 549)
st "Schreibung für Suffix =s" (Hannig, S. 648) - Diese Nebenform ist vor allem im Neuägyptischen gebräuchlich (Adolf Erman, Neuägyptische Grammatik, §§ 70-71).


Danach folgt als Spalte:
[m] mAj
"ein Löwe"

"m of predication" fehlt hier wieder (sh. oben)
mAj  "Löwe" (Hannig, S. 315) - Das erste Zeichen ist G17 "Eule" (Lesung m) kombiniert mit U1 "Sichel" mit Lesung mA; es ist, soweit ich sehen kann, nicht in den Zeichenlisten aufgeführt. Das letzte Zeichen ist wieder das Tierdeterminativ F27.


Weitere Informationen zur "Fresserin" in II, 328. Sh. auch: II, 74-77, Stichwort "Fabeltiere".


Als nächstes steht die Beischrift zu Thoth an.

Viele Grüße,
Michael Tilgner
« Letzte Änderung: 09.09.2003 um 09:32:52 von Michael Tilgner »
> Antwort auf Beitrag vom: 07.09.2003 um 12:12:42  Gehe zu Beitrag
Gitta  
Gast

  
Re: Totenbuch des Hunefer 
« Antwort #34, Datum: 08.09.2003 um 22:09:23 »     

Hallo Michael,

das ist ja eine Wahnsinnsarbeit - super. Ich werde Deine Übersetzungsergebnisse ausdrucken und versuchen, sie in einer stillen Stunde (ich hoffe die kommt irgendwann mal) nachzuvollziehen. Das ist bestimmt ein gutes Lehrstück.

Gitta
> Antwort auf Beitrag vom: 08.09.2003 um 10:17:43  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member

  

Re: Totenbuch des Hunefer Hunefer-Horus.jpg - 38,80 KB
« Antwort #35, Datum: 09.09.2003 um 11:45:36 »   

Beischrift Thoth = Th-1 bis Th-7


Die Leserichtung ist von links nach rechts.

Th-1
Dd-mdw jn DHwtj nb mdw-nTr
"Worte zu sprechen durch Thoth, den Herrn der Gottesworte (= Hieroglyphen)"

Dd-mdw "zu sprechen; Worte sprechen, im Wortlaut zu rezitieren (zur Einleitung von Sprüchen oder formelhaften Reden; auch als allgemeines Zeichen für den Zeilenanfang)" (Hannig, S. 1018) - setzt sich zusammen aus: Dd "sagen" (Hannig, S. 1016) und mdw "Rede, Wort" (Hannig, S. 378)
jn "[zur Einführung des logischen Subjekts beim Infinitiv oder bei Passivformen] bei, durch, seitens Dd mdw jn [Theologie] werde gesprochen von" (Hannig, S. 73) - Grammatisch gesehen, ist dies eine "absolute" Verwendung des Infinitivs (Alan H. Gardiner, Egyptian Grammar, § 306, 1).
DHwtj "Thoth" (Hannig, S. 1251)
mdw-nTr "Gotteswort(e), Hieroglyphenschrift, Hieroglyphen; Literatur, Texte in (heiligen) Glyphen geschrieben" (Hannig, S. 378) - Das Zeichen ist S43 "Spazierstock" mit Lesung md(w). Man beachte auch die aus Ehrerbietung vorgenommene Voranstellung des Gotteszeichen (sh. auch Alan H. Gardiner, Egyptian Grammar, § 57).


Th-2-3
mk wj Hr mtr
"Siehe, ich bezeuge ..."

mk "[nicht-enklitisches Partikel ... Funktion: 'Präsentativ' (kommunikative Partikel; entspricht einer vorweisenden Geste)] (1) [präsentiert bzw. stellt Ereignis / etwas vor] siehe, siehe hier" (Hannig, S. 370)
wj "(2) [nach bestimmten Partikeln] ich" - abhängiges Personalpronomen, 1. Pers. Sing.
mtr "bezeugen, Zeugnis ablegen für, Zeuge sein für" (Hannig, S. 375)

Bei der Form handelt es sich um die sog. "pseudoverbale Konstruktion": Sie wird entweder mit Nomen + Pseudopartizip oder mit Nomen + Hr + Infinitiv gebildet. Diese zweite Form liegt hier vor, aber der Schreiber konnte sich nicht recht entscheiden und hat nicht den Infinitiv, sondern das Pseudopartizip geschrieben mtr.w. Oder er meinte die erste Form und hat ein überflüssiges Hr eingefügt. Letzteres beobachtet man häufiger in neuägyptischen Texten, in denen das Hr oft weggelassen wird (sh. folgenden Satz) oder unrichtig verwendet wird:
Zitat:
"Wichtig ist nun, dass in allen Verbindungen, die Hr mit dem Infinitiv benutzen, dieses Hr sehr oft fehlt ... Das unrichtige Einsetzen eines Hr bei nicht infinitivischen Formen des Verbums ... zeigt uns, dass die Schreiber schliesslich das Hr als etwas gleichgültiges ansahen, das man vor dem Verbum schrieb, aber nicht aussprach." (Adolf Erman, Neuägyptische Grammatik, § 477)

Zu der hier behandelten Satzform: Alan H. Gardiner, Egyptian Grammar, § 324 "The pseudo-verbal construction introduced by non-enclitic particles"


Th-3
rn n wsjr
"... für den Namen des Osiris (= Verstorbenen)"


Th-4
sS nj-sw.t hw-nfr
"Schreiber des Königs Hunefer:"

Wenn man das folgende in Betracht zieht, ist der Sinn sicherlich in etwa folgender: "Ich habe unter dem Namen Hunefer folgendes protokolliert:", und zwar - wie andere Texte sagen - schriftlich; daher ist ja Thoth mit dieser Aufgabe betraut. In dieser Hinsicht waren die Alten Ägypter ein durchaus bürokratisches Völkchen!


Th-4-6
jw jb=f [Hr] pr.t Hr mHA[.t]
"Sein Herz ist auf die Waage herausgekommen."

prj Am besten ist wohl die Bedeutung "(5) sich zeigen, sichtbar werden" (Hannig, S. 283): "Sein Herz hat sich auf der Waage gezeigt."; soll heißen: Die Wägung ist vorgenommen worden.
pr.t ist der Infinitiv von prj "hinausgehen, herausgehen", so daß ein Hr eingefügt werden muß, um die pseudoverbale Konstruktion zu erhalten (Alan H. Gardiner, Egyptian Grammar, § 323: "The pseudo-verbal construction introduced by jw").


Th-6-7
bw gm n=f TAy
"Nicht wurde für es (= das Herz) ein Vorwurf gefunden."

bw "[neuägyptisch, Negation] nicht" (Hannig, S. 250)
gmj "finden" (Hannig, S. 899)
TAy "Vorwurf, Tadel" (Hannig, S. 947) - Das erste Zeichen ist G47 "Küken" mit Lesung TA. Das Zeichen darunter kann ich nicht erkennen: Vielleicht D51 "Finger, waagerecht" und der "schlagende Arm" D40 wie beim Verb TAy "tadeln" (Hannig, S. 946). Allerdings stehen diese Zeichen dort nach dem y.

Zitat:
"bw ist im Neuägyptischen die gewöhnliche, vor den Verben übliche Negation ... Es steht in Aussagesätzen, die auf die Vergangenheit gehen ... Sehr oft steht bw in einer praesentischen Aussage ..." (Adolf Erman, Neuägyptische Grammatik, §§ 769-770)

Hinter der Negation bw steht im Aktiv die Relativform, im Passiv das perfektische passive Partizip (Adolf Erman, Neuägyptische Grammatik, § 767). Ich habe in der obigen Übersetzung die passive Form für die Vergangenheit gewählt. Denkbar ist auch bw gm.n=f TAj "Nicht fand es (= das Herz) einen Vorwurf", denn auf die Waage kann sich dieser Satz nicht beziehen, sonst müßte hier ein feminines Suffix stehen.

Damit steht das "amtliche Endergebnis" der Wiegung fest.


Zum Abschluß folgt die Beischrift zu Horus.

Viele Grüße,
Michael Tilgner

> Antwort auf Beitrag vom: 08.09.2003 um 10:17:43  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member

  

Re: Totenbuch des Hunefer 
« Antwort #36, Datum: 10.09.2003 um 11:26:39 »   

Beischrift Horus = Ho-1 bis Ho-7


Die Leserichtung ist von rechts nach links.

Ho-1
Dd-mdw jn Hr nD-jt=f
"Worte zu sprechen durch Horus, 'Beistand seines Vaters', ...'"

nD "Schützer, Beistand nD-jt=f 'Beistand seines Vaters' (Horus als Rächer seines Vaters Osiris)" (Hannig, S. 448)
jt "Vater" (Hannig, S. 110) - Der Strich ist sicherlich ein Determinativstrich.


Ho-1-2
jwaw mnx n wnn-nfr
"... trefflicher Erbe des Wenen-nefer:"

jwaw "Erbe" (Hannig, S. 33) - Die Zeichen am Ende von Ho-1: E9 "junge Kuhantilope" mit Lesung jw, darunter D36 "Vorderarm", zu lesen a, Anfang von Ho-2: F44 "Beinknochen mit Fleisch" und Lesung jwa.
mnx "tüchtig, richtig, vortrefflich, qualitativ gut sein" (Hannig, S. 340)
wnn-nfr "Wenen-nefer, Onophrios" (Hannig, S. 1199), Beiname des Osiris

Die Beischrift "trefflicher Erbe" spielt auf darauf an, daß Horus die Herrschaft über die beiden Länder als Sohn des Osiris antritt.


Ho-2-3
mk wj Hr bs
"Siehe, ich führe ein ..."

wj das abhängige Personalpronomen 1. Pers. Sing. ist noch mit einem Götterdeterminativ versehen (ähnlich in Hannig, S. 179 angegeben)
bs "einführen" (Hannig, S. 259) - Das schräge Zeichen ist der Fisch K5, phonetisch bs

Bei der Verbform handelt es sich wiederum um die bereits erwähnte pseudoverbale Konstruktion.


Ho-4
n=k wsjr hw-nfr
"... zu dir den Osiris Hunefer."


Ho-5-6
jw=f sjp m-a mxA[.t]
"Er ist geprüft worden durch die Waage."

sjp "(2) kontrollieren, überprüfen, testen, nachsehen, prüfen" (Hannig, S. 665) - Bei dem seltsamen Zeichen mit den drei Strichen scheint es sich um Q3 p zu handeln.
m-a "durch" (Hannig, S. 312)

Eine pseudoverbale Konstruktion mit jw + Pseudopartizip, also genau genommen sjp[.w], aber diese Endung fällt bei Verben mit 3 Konsonanten zumeist weg.


Ho-6-7
jw pA tx hA.y r s.t=f
"Das Lot ist an seine (richtige) Stelle getreten."

pA "der" - der männliche Artikel im Neuägyptischen, der sich aus dem mittelägyptischen Demonstrativpronomen pA "dieser" entwickelt hat. Wegen der etlichen neuägyptischen Einflüsse bevorzuge ich diese Übersetzung.
tx "Lot (an Waage als Zünglein)" (Hannig, S. 938) - das Determinativ ist U41 "Lot der Waage"
hAj " (1) [allg] herabsteigen, hinabsteigen ... (6) ... hAj r s.t=f an seine (richtige) Stelle treten" (Hannig, S. 485) - Als Verb 3ae inf. kennt es ein Pseudopartizip hA.w und auch hA.y.


Viele Grüße,
Michael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 09.09.2003 um 11:45:36  Gehe zu Beitrag
Michael Tilgner  maennlich
Member

  

Re: Totenbuch des Hunefer 
« Antwort #37, Datum: 11.09.2003 um 10:07:04 »   

Beischrift Osiris


Die Leserichtung ist von links nach rechts.

1. Spalte
wsjr xntj-jmn.tj.w
"Osiris, an der Spitze der Westlichen, ..."

xntj "(4) an der Spitze (von Personen)" (Hannig, S. 607-8) - Das Zeichen ist das kursivhieroglyphische W17 "Wasserkrüge im Gestell" mit Lesung xnt
jmn.tj.w "die Toten, die Westlichen" (Hannig, S. 72) - Das erste Zeichen ist das Westzeichen R14, dann folgt der tjw-Vogel G4

Das Ganze ist ein übliches Beiwort zu Osiris.


2. Spalte
nTr aA
"... der große Gott"


Viele Grüße,
Michael Tilgner
> Antwort auf Beitrag vom: 10.09.2003 um 11:26:39  Gehe zu Beitrag
kg  
Gast

  
Re: Totenbuch des Hunefer 
« Antwort #38, Datum: 14.09.2003 um 04:35:35 »     

Hallo Michael,
das war aber eine Meisterleistung!!!!   Nur mit "Evelyn Rossiter", ohne die Umschrift und Deine Übersetzung hätte ich keine Chance gehabt, einen Durchblick zu bekommen. Sehr hilfreich waren auch die Anmerkungen zur Grammatik.
Es hat echt Spaß gemacht!
Viele Grüße, kg  
> Antwort auf Beitrag vom: 11.09.2003 um 10:07:04  Gehe zu Beitrag
Horusauge  
Gast

  
Re: Totenbuch des Hunefer 
« Antwort #39, Datum: 05.06.2005 um 14:12:35 »     

hei  ich bin Horusauge
mich hat das Thema total fasziniert, könnte mir jemand die Vollständige Übersetzung zuschicken ?
(auf Deutsch) ich wäre sehr dankbar
gruss
Horusauge
> Antwort auf Beitrag vom: 14.09.2003 um 04:35:35  Gehe zu Beitrag
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