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  Mammisi
(koptisch: "Geburtsort", "Geburtshaus")
An das Ägyptisch-Koptische angelehnter und auf Champollion zurückgehender Fachbegriff mit der Bedeutung "Ort der Geburt".
Er bezeichnet nach Shaw/Nicholson seit der Spätzeit bis in die Römerzeit ( also 747 v.u.Z. bis 395 n.Chr.) archäologisch nachgewiesene kleine Tempel, die zu einem Tempelkomplex gehören und dort meist innerhalb der Umwallung eines größeren Haupttempels stehen, so beispielsweise in Edfu, Dendera und Philae.
Sie sind zwar wie die Haupttempel im allgemeinen der Göttertriade eines Ortes geweiht, speziell richten sie sich aber an den weiblichen Partner der Götterfamilie und deren Kind.

Das Geburtshaus besteht gewöhnlich aus einem mehrräumigen Sanktuar (meist dreiräumig), das an allen Seiten von einem Säulenumgang umgeben ist (auch bezeichnet als Peripteraltempel oder Umgangstempel) und dessen Interkolumnien durch Schrankenwände (auf mattenbehang zwischen Holzstützen zurückgehende steinerne, i.d.R. dekorierte Sichtblenden, die Zwischenräume zwischen den einzelnen Säulen werden vorrangig im unteren Teil verschlossen) geschützt sind. Das Dach der Mammisi wird oft durch "Pflanzensäulen" getragen.

Mammisi stehen meist im rechten Winkel zu dem zum Haupttempel führenden Prozessionsweg, sie sind oft mit einem Ambulatorium versehen.
Als Herkunft dieser Bauform werden aus Holz und Matten gefertigte Schutzdächer über "Wochenlauben" der Vorzeit vermutet. Nach Arnold ist ihre Existenz nicht auf die oben erwähnte Spät und Römerzeit beschränkt, sie ist dort nur besonders ausgeprägt. Es gibt wohl einige typische Vorgängerbauten speziell in der Rammessidenzeit sowie thematische Vorstufen im Bildprogramm älterer Tempel (heilige Hochzeit, Geburt, Säugen des jungen Gottes, Inthronisierung usw.). Reliefs aus der 18. Dynastie in Deir el-Bahari und im Luxor-Tempel stellen die göttliche Geburt von Hatschepsut (1473 - 1458 v.u.Z.) und Amenhotep III. (1390 - 1352 v.u.Z.) dar.
Zunächst waren die Mammisi Barken- und Prozessionsstationen, in denen zu bestimmten Festdaten im Jahr die Götterprozession einzog, um die Geburt des Götterkindes der am Ort verehrten Göttertriade (Vater-, Mutter-, Kindgottheit) zu feiern, mit dem der jugendliche König identifiziert wurde. So stand das Kultgeschehen in den Mammisis in der Tradition der königlichen Geburtslegende, gleichzeitig ist sie dem jugendlichen König geweiht, mit dessen Geburt gleichsam die Wiedergeburt des Königtums gefeiert wird.

Zum Tempelbezirk von Dendera gehören zwei Mammisi vor dem Haupttempel. Eine stammt aus der Römerzeit, die andere wurde bereits unter Nektebanos I. (380 - 362 v.u.Z.) errichtet. In diesem älteren Geburtshaus sollen "Mysterienspiele" über die Geburt des Gottes Ihi und des Pharao aufgeführt worden sein, die aus 13 Akten mit zwei Pausen bestanden. Aller Wahrscheinlichkeit nach gab es solche Aufführungen und Rituale ebenfalls in den Mammisi anderer Tempel. Sie sollten dazu beitragen, eine blühende Wirtschaft und das Fortdauern des Herrschaftshauses zu sicher.

Diese "Mysterien" wurden unter Teilnahme von Musikern und Sängern in Form eines heiligen Dramas aufgeführt. Nächtliche Tänze, Trunkenheit und die Verkündigung der Geburt bei aufgehender Sonnescheinen Teil des Spektakels gewesen zu sein. Hieraus dürfte sich nämlich die From des Baues erklären lassen. Dadurch, dass der mit den bereits erwähnten Schrankenwänden geschlossene Säulenumgang den eigentlichen Kultbau umschloß, konnte das Geheimnis des Mysteriums besser "geschützt" werden. Möglicherweise entwickelte sich dann aus einem solchen Besuchstempel ein eigenständiges Heiligtum mit eigenem Sanktuar und eigenen Kultbildern, an denen schließlich - wie im Haupttempel - das tägliche Ritual vollzogen wurde und sich mit den Ritualen des Geburtsfestes vermischte.


Als weiterführende Literatur:
A. Badaway, The Architectural Symbolism of the Mammisi-Chapels in Egypt, in CdE 38 (1933)
L. Borchardt, Ägyptische Tempel mit Umgang, Kairo 1938


Quelle:
Arnold, Lexikon der ägyptischen Baukunst
Arnold, Die Tempel Ägyptens
Shaw/Nicholson, Reclams Lexikon des Alten Ägypten
Posner, Lexikon der ägyptischen Kultur
Vandersleyen, Das Alte Ägypten

Eingestellt durch: Taharqa (07.11.2002)
Bearbeitet durch:  manetho (26.11.2003)




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