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  Schwein
Das Schwein (alt-ägyptisch SAj, ab dem Mittleren Reich (MR) auch rr(t) (was aber auch "Nilpferd" bedeuten kann) war ein wirtschaftlich bedeutendes Schlachttier und wurde in großen Herden gehalten (Belege dazu hat Newberry, JEA 14, 1928, gesammelt). In Ägypten wurde es möglicherweise schon früh in der Jungsteinzeit im Nildelta aus dem Wildschwein (Sus scrofa) domestiziert, das in Europa, Asien, Nord-Afrika, und auf dem malaysischen Archipel heimisch war. Vorzeitliche Knochenfunde, die auf einen Verzehr von Schweinen hindeuten, wurden u.a. im Fayyum gefunden. In den Überlieferungen finden sich  jedoch insgesamt eher weniger Hinweise auf das Schwein, man "redet" offensichtlich wenig vom Schwein und stellt es eher selten dar.


Im Alten Reich (AR) finden sich schon früh Belege für eine wirtschaftliche Nutzung, z.B. eine Verwaltungseinheit des Palastes, zuständig für die Konservierung von Schweinefleisch. Schweineherden sind seit der 3. Dynastie inschriftlich belegt (Sethe Urk. IV, S. 75). Im Grab des Kagemni (Vezier unter Teti, 6. Dyn.) zeigt eine Szene einen Hirten, der ein Ferkel hält (siehe folgende Abbildung). Die Szene wird als "Fütterung des Ferkels durch den Mund des Hirten" interpretiert.



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Foto: Gitta


Im MR findet sich ein Domänenverwalter mit dem Titel "Vorsteher der Rinder, Ziegen, Schafe und Schweine", Schweineherden selber sind in Beni Hasan in Reliefs dargestellt.


Auch im Neuen Reich (NR) finden sich Belege für die Schweinehaltung, so stiftet der --> Obervorsteher der Domäne im Memphis, Amenhotep, laut seiner Statue dem Totentempel seines Königs Amenhotep III. in Memphis, 1000 Schweine und 1000 Ferkel (Helck, Urk IV, 1797). Darstellungen von Schweinen finden sich vereinzelt in einigen Privatgräbern der 18. Dyn. (in El Kab, Theben). Darüber hinaus belegen die Funde von Schweineknochen, dass auch bei den Handwerkern von Deir el-Medineh Schweine auf den Speiseplan standen, die übrigens nach den ebenfalls belegten Preisen ziemlich billig waren.


Mehrere medizinische Papyri erwähnen die Verwendung von Teilen des Schweins bei der Medikation diverser Erkrankungen (z.B. pEbers 54,3 und 74,20 - zerriebener Zahn gegen Husten oder Schwellungen ; pBerlin 3038 - Gekröse gegen Würmer), Westendorf (op. cit., S. 392) führt darüber hinaus noch die Verwendung von Schweineblut "Blut des Schweins, werde in Wein gegeben, werde sofort getrunken" als Heilmittel gegen den  Beischlaf des HAj.t(j)-Dämonen auf.


Im religiösen Bereich scheint eine negative Bewertung des - männlichen - Schweins vorzuliegen, denn in zahlreichen Texten findet sich eine deutliche Abwertung des Tieres. Schon im MR findet sich eine Assoziation mit Seth, der sich "in einen schwarzen Eber verwandelt" dessen Anblick das linke Auge (i.e. das "Mondauge") des Horus schädigt und diesen krank danieder wirft (Tb 112, 10-15). So fordert Re in weiteren Verlauf des Kapitels "Verabscheut das Schwein um des Horus willen, damit er gesund wird." (Tb 112, 20ff). Noch in dem spätzeitlichen Tempel in Edfu wird sich Seth bei den Kämpfen des Horus als Schwein dargestellt. Allerdings findet sich im gleichen Tb-Spruch auch der Hinweis, dass in der Kindheit des Horus seine Schlachtopfer "noch aus seinen Stieren und Schweinen" bestanden - allerdings ohne Angabe der Tierfarbe. Weitere, ähnliche Textstellen ließen sich zitieren.


In einer Szene des Pfortenbuches, 5. Stunde, die in der Halle des Osiris spielt, wird ein Schwein in einer Barke von einem Affen mit einem Stock vertrieben. Diese Szene findet sich auch im Grabe von Ramses VII., KV 1 (siehe folgende Abbildung).

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Foto: Gitta
Mythisch interpretiert erkennt man hier zwanglos in dem Affen Thot, den Helfer des Osiris, und in dem Schwein Seth, den Feind des Osiris.


Unter kultischen Gesichtspunkten ist das Böse das Unreine, auf das immer wieder verwiesen wird. Konsequenterweise durften die Mitglieder der Kaste der Schweinehirten nach Herodot (II 47, zitiert nach LÄ) als einzige nicht in die Tempel. Eine Inschrift im Tempel von Kalabscha aus dem 3. Jhd. n. Chr., zitiert Bergmann) weist die Schweinehirten an, ihre Herden vom Tempelareal fernzuhalten. Es wird auch berichtet, dass Priester Schweinefleisch wegen der Unreinheit gemieden haben. Ein unreines Tier kommt natürlich auch als Opfertier nicht in Frage. Allerdings werden lt. Bergmann Schweineopfer in 2 Festkalendern (in Medinet Habu und in Edfu) erwähnt. Möglicherweise handelt es sich bei den in Medinet Habu beim Fest des Ptah-Sokar-Osiris erwähnten Opferungen eines jpH (mit einem Schwein determiniert) auch um - wg. der generellen Unreinheit - "besonders" behandelte Tiere. Da das Schwein der Sonne und dem Mond (siehe oben Schädigung des "Mondauges" des Horus) besonders Feind war, könnte die Opferung eines Schweins bei einem Mondfest entsprechend die "Vernichtung des Feindes des Mondes" darstellen (auch Osiris war ja ein Mondgott).


Bereits aus der 1. Dynastie kennt man kleine Saufiguren, häufig zusammen mit saugenden Ferkeln dargestellt. Diese und ähnliche Darstellungen aus Fayence, Knochen, Ton oder Metall lassen sich bis in die Spätzeit belegen und sind vermutlich als Amulette anzusprechen, denn manche tragen die Inschrift "Möge Isis dem Besitzer dieser Sau Glück bringen." (Bergmann, op. cit.). Auch die Himmelsgöttin Nut wird als "Mutterschwein, das sein Ferkel frisst" bezeichnet. Hinter dieser Bezeichnung steht vermutlich die Tatsache, dass hungernde Säue ihre eigenen Ferkel fressen (und auch nicht vor einem menschl. Leichnam Halt machen). Das Verschwinden der Sterne am Horizont könnte so in Analogie als "Gefressenwerden" der Kinder der Nut angesehen worden sein. Das Gefressenwerden der Sterne - und das Anfressen von Leichen - hat zwar durchaus "sethischen" Charakter, aber die Betonung liegt wohl auf Nut als "Mutterschwein", von der schon in den Pyramidentexten gesagt wird "Tausend sind ihre Ba´s" (Pyr. 785b u. 1285a, zitiert nach Bergmann). Die "Allmutter" und "Allgebärerin" Nut als Sau, die schließlich auch ihre Kinder wieder verschlingt, passt gut in die ägyptischen Vorstellungen vom Zyklus Leben-Tod - und dokumentiert hier wohl eine durchaus positive Sicht des weiblichen Schweins im Gegensatz zum Eber.




Quelle:
Bergmann, J., Isis auf der Sau, FS Säve-Söderbergh, Uppsala, 1974
Bonnet, H., Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte. Berlin, New York 2000
Hannig, R., Grosses Handwörterbuch Deutsch-Ägyptisch, Mainz 1995, S. 1155
Helck, W., Urkunden der 18. Dynastie, Heft 21, Berlin 1958
Lexikon der Ägyptologie (LÄ), Bd. V. Wiesbaden 1975-86, Sp. 762ff
Westendorf, W., Handbuch der altägyptischen Medizin. Leiden, Boston, Köln 1999

Eingestellt durch: Iufaa (20.10.2005)
Bearbeitet durch: -


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