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  Gebel Barkal (Götterschrein)
Bei den Ausgrabungen im Großen Amuntempel (B500) von Napata am Gebel Barkal fand Georg A. Reisner (1867-1942) 1916 eine 61 cm hohe „bienenkorbähnlich“ geformte Rundplastik aus Sandstein, die wegen ihrer Ähnlichkeit mit dem aus der Antike bekannten Omphalos von Delphi (Nabelstein) von F.L. Griffith (1916) in der ersten Kurzmitteilung darüber als „Omphalos von Napata“ bezeichnet wurde. Die antiken Schriftsteller Curtius Rufus und Diodor hatten das vermutlich ganz ähnlich aussehende Kultbild im Amonsorakel der Oase Siwa (das Alexander der Große im Jahre 331 BC besucht hatte) als „umbilico maxime similis“ und „smaragdo et gemmis coagmentatus“ beschrieben, d.h.: „ganz ähnlich wie ein Nabelstein aussehend und mit Smaragden und Edelsteinen/Perlen geschmückt“. Die Ähnlichkeit mit dem delphischen Omphalos war damit für die mit der griechischen Antike vertrauten Finder und Bearbeiter (Reisner, Griffith, Steindorff) offenkundig und führte zur Benennung des für Ägypten und Nubien einzigartigen Fundstückes als „Omphalos von Napata“, was vielleicht auch durch die in dieser Zeit erschienenen umfangreichen Publikationen von W.H. Roscher (1918) über Omphaloi beeinflusst worden sein mag. Die Bezeichnung und die sich daran anknüpfenden Vorstellungen zu Bedeutung und Funktion des Fundstückes finden sich in der Literatur bis in die 1970er Jahre.
Die weitere Entwicklung der Kenntnisse von diesem einzigartigen Fundstück rechtfertigen eine neue Bearbeitung, zumal seit 1970 (I. Hofmann) keine neuere Übersicht hierzu vorliegt. Das Fundstück selbst gehört seit 1921 dem Boston Museum of Fine Arts (MF 21.3234). Es ist auch auf mehreren Ausstellungen in Europa zu sehen gewesen und in mehreren Katalogbüchern beschrieben worden, s. Wenig 1978, Kendall 1996. Abb. 1 zeigt den „Omphalos von Napata“, Abb. 2 den rekonstruierten Omphalos von Delphi zum Vergleich.


Abb. 1: Der sogenannte Omphalos von Napata oder Götterschrein vom Gebel Barkal. Man blickt in das leere Innere. Details s. Abb. 4 und 5.
Vorlage: M.F.A. Boston Inv.-Nr. 21.3234




Abb. 2: Der Omphalos von Delphi nach Teilrekonstruktion. Der Schmuck mit „Perlen und Edelsteinen“ lässt sich recht gut erkennen. Alte Wiedergaben auf antiken Münzen lassen vermuten, dass er früher mit einer Adlerfigur gekrönt war. Ähnliche Nabelsteine gab es in mehreren griechischen Tempeln.
Vorlage: CeCILL Wikipedia-User Rama


1. Der Fundort
Der Gebel Barkal ist ein Sandsteinmassiv auf dem rechten Nilufer nahe dem 4. Katarakt, wo der Nil in die „verkehrte Richtung“ fließt, von Nord nach Süd. Er stellt eine weithin sichtbare Landmarke dar, zu deren Füßen in der 18. Dyn. die Stadt Napata als Verwaltungszentrum für die neu eroberten nubischen Gebiete gegründet und ein Tempelzentrum errichtet wurde.



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Abb. 3: Ansicht des Gebel Barkal von Süden; links der Felsenturm des „pinnacle“, davor und noch weiter nach links (nicht sichtbar) befinden sich die Reste des Großen Amuntempels B500 und viele weitere Tempel- und Palastruinen. Vgl. auch Abb. 14.
Bild: CC Wikipedia-User LassieHU.



Der Haupttempel B500, dem Amun von Napata geweiht, stammt mit seinen ältesten Teilen aus dem NR, wurde später vor allem von den Herrschern der 25. Dyn. (Piye, Taharqa) erneuert und erweitert, aber auch noch von meroitischen Königen (Natakamani, Generation 53, ca. 0 – 20 AD, nach St. Wenig, 1978, S. 16/17) erneut renoviert (vgl. LÄ II 434-439 sowie Kendall, 1996). In diesem großen Tempelkomplex fand man im hinteren Teil (B 503, Halle hinter dem 3. Pylon) im Schutt das zunächst als Omphalos angesprochene Steinobjekt. Weitere bedeutsame Funde aus diesem Tempel sind u.a. große Steinstelen von Thutmosis III., Sethos I., Piye und Nastasen, Harsiotef und Aspelta sowie Altäre, Statuen und Widdersphingen (Liste der Fundstücke bei Reisner ZÄS 66 (1931)S. 80-83).


2. Beschreibung
Georg Steindorff (1861- 1951) ist 1933 in einer Arbeit „Der Orakeltempel in der Amonsoase“ auch kurz auf den Fund Reisners aus Napata eingegangen und hat sich der Deutung von Griffith angeschlossen, dass damit ein Analogon zum von Curtius und Diodor beschriebenen Kultbild des „Ammoniums“, dem Orakeltempel der Oase Siwa, vorliegen dürfte. Griffith hatte seiner Publikation „eine nach einem Foto angefertigte Zeichnung“ zur Vorstellung des Fundes beigegeben, die sowohl von Steindorff (1933) als auch von Roscher übernommen wurde. Im Jahre 1937 dann konnte Steindorff das Stück in Boston erstmals in natura sehen. Er hat es von allen Seiten fotografiert und vermessen und darüber im JEA 1938 berichtet. Unter dem Eindruck des eigenen Augenscheins kommt Steindorff nun zu einem ganz anderen Ergebnis. Er verwirft nicht nur die Omphaloshypothese und jede Beziehung zum Orakelkult von Siwa oder gar Delphi, sondern er bezweifelt sogar (S. 147), dass Griffith (er war 1934 gestorben) das Stück je im Original gesehen habe: denn es ist kaum vorstellbar, dass Griffith dann nicht auch einen Naos darin vermutet hätte. (Seine Zeichnung zeigt den Stein von hinten mit Blick auf die beiden Kartuschen, die in Abb. 5 zu sehen sind.) Steindorff kommt nun vielmehr zu dem Schluss, dass es ein kleiner Schrein war, in dessen Innerem mit hoher Wahrscheinlichkeit ein kleines Götterbild gestanden haben dürfte. Aus Ägypten kennt man solche Götterschreine als Naos, aber sie sind dort immer viereckig, wie Kapellen oder Kioske.


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Abb. 4: Auf- und Grundriss des Götterschreins. (aus D. Dunham: The Barkal Temples. Boston 1970. Pl. XXXVI, nach Steindorff 1938)



Die Abb. 4 zeigt den Auf- und Grundriss; die Maße sind H.: 61 cm; B. Basis: 58 cm; größter Durchmesser: 52 cm. Die „Türöffnung“ ist 20x24 cm, die wohl für die Aufnahme einer kleinen Statue in den Boden eingelassene Vertiefung misst 8,5x13 cm. Kleine Stein- oder Bronzefigürchen entsprechender Abmessungen auch aus der Entstehungszeit des Schreins (s.u. Pkt. 3) wurden in Napata und anderen nubischen Orten gefunden.
Die Hauptausschmückung der Außenseite (mittleres Register) stellt ein Band mit 8 Figuren dar, die von den hinten paarweise angeordneten Kartuschen her zu je 4 auf die vorn befindliche Öffnung zulaufen, s. Abb. 5.


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Abb. 5: Nachzeichnung des mittleren Registers, Vorlage wie Abb. 4.



Die Figuren sind symmetrisch angeordnet, je eine Königsfigur direkt vor der Öffnung und an jeweils dritter Position, dann je zwei Göttergestalten mit beflügelten Armen, in einer Hand noch eine Feder haltend und mit Sonnenscheiben auf dem Menschen- bzw. Löwenkopf; sie stehen schützend jeweils hinter den Königen. Die Könige haben die Unterarme anbetend erhoben, tragen den (in Nubien eher selten zu findenden) plissierten Kurzrock, eine Nubierkappe mit je zwei Uräen und Schleife sowie den Tierschwanz. Der im unteren Register befindliche Fries zeigt abwechselnd Knospen und Blüten von Lotuspflanzen, vgl. Abb.1. Als oberstes Register sieht man 6 Reihen von Kugel- oder Perlen-, Rhombus- und Tropfen-förmigen Kettenverzierungen. Das obere Ende der Kuppel zeigt Bruchspuren und könnte eine Figur getragen haben, die Ränder der Türöffnung sind ebenfalls schartig, als sei die Tür, um an die wohl wertvolle Götterfigur zu kommen, gewaltsam herausgebrochen worden.

Die Bedeutung der Kartuscheninschriften konnte nur zum Teil ermittelt werden. Die linke lautet Neb-maat-Re, wie der Thronname von Amenophis III. Man kennt zwei kuschitische Könige aus dem 1. nachchristlichen Jahrhundert, die sich diesen Namen zugelegt hatten, Amanitenmemize (Generation 57, Wenig 1978) und Amanikhanewel (Gen. 58). Der Name in der rechten Kartusche wurde von Griffith als Mnhnewel = Amanikhanewel gedeutet, Steindorff vermutete mit Dunham (S. 150) eher mit großer Vorsicht Mani-Hanaqerme oder Hataqerme. St. Wenig (1978, p. 209) sieht, übereinstimmend mit F. Hintze, die Möglichkeit, dass die einigermaßen sicher erkennbaren Zeichen „(--)reqerem“ bedeuten könnten und damit auf (Amanikhe)reqerem (Gen. 67) zutreffen würden. Dieser Name findet sich, allerdings in meroitischen Hieroglyphen, auch auf einem in Soba gefundenen Widder – sollten beide Namen dieselbe Person meinen, so ergäbe sich damit eine Datierungsmöglichkeit in die zweite Hälfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, vgl. Wenig 1978, p. 16/17, Gen. 67: 190-200 AD. Letztlich bleibt die personelle Zuordnung und damit auch die Datierung mit Zweifeln behaftet, da für Amanikhereqerem der Thronname Nebmaatre nicht nachgewiesen zu sein scheint.

Die Form des Götterschreins erinnert an sudanesische oder Tuareg-Hütten, wie sie ganz ähnlich auf einer sogen. Königinnenschale aus Karanog (bei Steindorff 1938, fig. 4; die ganze Schale auch in Wenig 1978, Nr. 196 abgebildet) eingraviert sind. I. Hofmann (1970) vermutete so gar einen Einfluss aus Indien, von wo man mit ganz ähnlicher Form sogen. Stupas als Reliquiare oder Votivgaben seit den letzten vorchristlichen Jahrhunderten kennt. Diese weit hergeholte Einflussnahme konnte aber nicht erhärtet werden und ist später von der Autorin selbst verworfen worden.


3. Die „Gebel-Barkal-Hieroglyphe“
Ein wesentlicher Fortschritt im Verständnis dieses einzigartigen meroitischen Götterschreins ergab sich durch K.-H. Prieses Bearbeitung der im Berliner Ägyptischen Museum aufbewahrten Skizzenbücher der Zeichner der Lepsius-Expedition nach Ägypten und Nubien 1842-1845, G. Erbkam und M. Weidenbach. Max Weidenbach aus Naumburg war schon 1840 von Lepsius nach Berlin geholt und im Schreiben von Hieroglyphen ausgebildet worden. Es wird berichtet, dass er nicht nur die vielen Hieroglyphentexte während der Expedition kopierte, sondern auch in den Zeichnungen der anderen Teilnehmer die Hieroglyphen jeweils einzutragen hatte (Freier u. Grunert 1984, S. 176). In seinem Skizzenbuch findet sich unter „Nuri 31. Mai 44“ die Zeichnung eines Steinbruchstückes mit Inschrift, das Lepsius auf dem Pyramidenfeld von Nuri gefunden hatte. Die Abmessungen von 3,82x 0,31x0,20 m lassen vermuten, dass es wohl zur Verkleidung einer Ziegelwand gedient hatte und von dort neuzeitlich zur Wiederverwendung als Baumaterial entfernt und zersägt worden war. Dieses Stück mit seiner Inschrift ist merkwürdigerweise nicht in das große Tafelwerk von Lepsius aufgenommen worden, und es ist als Objekt auch leider verschollen. Erst Priese hat es in seiner Aufarbeitung der Skizzenbücher 1977 unter dem Titel: „Eine verschollene Bauinschrift des frühmeroitischen Königs Aktisanes (?) vom Gebel Barkal“ bekannt gemacht und die Seite aus Weidenkams Skizzenbuch abgebildet. Aktisanes war ein König in der Zeit zwischen der napatanischen und meroitischen Dynastie (Zeitraum zw. 310 und 275 BC), der wohl spätestens zur Zeit von Ptolemäus I (308-282 BC) gelebt hat (Priese, S. 355) und in der Pyramide Bar 11 am Gebel Barkal begraben wurde. K.-H. Priese verdankt man mit dieser Publikation nicht nur den Nachweis, dass das verschollene Fundstück, obwohl in Nuri gefunden, aus dem Amuntempel B500 von Napata stammen dürfte, sondern bezüglich des Götterschreins von Napata machte er auch eine für das Verständnis der Bedeutung dieses Fundstückes sehr wesentliche Beobachtung: er erkannte, dass in Weidenbachs Skizze in der Schreibung des Ortsnamens von Napata eine als Determinativ fungierende Hieroglyphe vorkommt, die sonst nur noch auf der seit 1857 bekannten Stele des Königs Nastasen (Gen. 27 nach Wenig, 335-315 BC)(Berlin Ägypt. Museum Nr. 2268, Abb. s. Wildung: Sudan, Nr. 265) mehrmals als Determinativ für Napata zu sehen ist.


Abb. 6: Die „Gebel-Barkal-Hieroglyphe“ zusammengestellt aus der Arbeit von Priese 1977, untere Reihe der vollständige Name der Stadt Napata



Abb. 7: Der Name von Napata auf der Nastasenstele, Zeile 6 (aus Kendall 2008, Fig. 10). Schon die ältere Bearbeitung der Nastasen-Stele durch Schäfer (Leipzig 1901) zeigt die sehr sauber geschnittenen Hieroglyphen auf den Tafeln 2-4.



Abb. 8: Die „Gebel-Barkal-Hieroglyphe“ in der Lunette der Nastasen-Stele am linken Rand unter dem k3-Zeichen. (Dank an T. Kendall für die Überlassung der Vorlage, 6.3. 2009)



Somit war Ende der 1970er Jahre der Götterschrein aus Tempel B500 in Napata als charakteristische meroitische Arbeit, vermutlich aus dem Ende des 2. Jhdts unserer Zeitrechnung stammend, erkannt, der in seiner äußeren Form durchaus nubischen Rundhütten ähnlich gestaltet erscheint, wie sie z.B. von Borchardt (1937) abgebildet wurden (auffallend in dieser Arbeit die von Petrie übernommene Abbildung einer Rundhütte auf einem Elfenbeinplättchen aus Abydos, die ganz unserem Götterschrein gleicht).


4. Deutungsversuche auf Grund neuerer Forschungsergebnisse
Alle früheren Forscher, die am Gebel Barkal gearbeitet haben (Lepsius, Budge, Breasted, Reisner) haben übereinstimmend die Vorstellung herausgearbeitet, dass Napata mit dem Heiligen (oder Reinen) Berg Dw wab das wichtigste kuschitische Kultzentrum und die Krönungsstätte der kuschitischen Könige war, an der Amun durch ein Orakel jeden neuen König bestimmte. Seit der Gründung von Napata unter Thutmosis III. galt der Gebel Barkal als die Heimat der südlichen und ursprünglichen Form des thebanischen Gottes Amun, wie er als „Amun von Napata, der im Heiligen Berge wohnt“ in vielen Texten des NR und danach zu finden ist.

Die Arbeitsgruppe von T. Kendall aus Boston hat seit 1986 fast alljährlich am Gebel Barkal gearbeitet und im Laufe der Jahre zunehmend bestimmtere Äußerungen zur Bedeutung dieser alten Kult- und Königsstadt und ihrer Tempel publiziert, die hier in ihren Bezügen auf den Götterschrein zusammengefasst werden sollen:

Kendall führt mit vielen Belegen aus, dass der Berg mit dem auffälligen Felsenpfeiler (pinnacle) an seiner Südecke (s. Abb. 3 und 14) von den Kuschiten als ein Abbild des Uräus an der Stirn des Königs gesehen wurde, womit die weitgespannte Mythologie der Augensagen (Auge des Re, Auge des Horus) und die Heimholung der Tefnut aus Nubien, wo sie im Gebel Barkal gewohnt hatte, mit diesem Felsenmassiv verbunden wurde (ausführlich in Kendall 2008). Auch eine phallische Funktion als Amun-Kamutef zur Deutung des Gebel Barkal als Urhügel lässt sich hineinlesen – alles Anspielungen und Vorstellungen, die diesen Ort als Ursprung des Königtums im Niltal überhaupt verstehen lassen wollten. Die Herrscher der 25. Dyn. (Piye und Nachfolger, 716-656 BC) leiteten ganz bewusst von da her ihren Herrschaftsanspruch auf das ganze Ägypten ab, so wie es umgekehrt 700 Jahre vorher Thutmosis III. ebenso für gottgegeben hielt, das kuschitische Nubien zu beherrschen, da der Reichsgott Amun von dort gekommen sei. Die von Priese erkannte Gebel-Barkal-Hieroglyphe wird nun von Kendall als Symbol für den Gebel Barkal verstanden, da sie in dem von Priese bearbeiteten Text und auf der Nastasen-Stele ausschließlich als Determinativ für Napata erscheint, im Wechsel mit anderen Natur- bzw. Erdaspekte bezeichnenden Determinativen wie Rechteck für Steinblock oder blockförmiger Berg (= Gebel Barkal!), oder das Bergzeichen. Der Name Napata erscheint auf der Stele oft, aber nur dreimal mit der Gebel-Barkal-Hieroglyphe (Kendall 2008, 13134; Priese sieht sie viermal: auf Zeile 6, 15, 50, 54), ohne dass ein spezieller Grund für den Wechsel der Determinative erkennbar wäre. Auch in der Lunette, Abb. 8, linke Seite hinter der Königinmutter, sieht man diese Hieroglyphe noch einmal, mit einer Bedeutung dieser Stelle, die nach Kendall (persönl. Mitteil. 6.3.2009) direkt auf den Berg hinweist: als „k3 der Krone von Re-Harachte, die der Berg Gebel Barkal selbst ist“. (R.H. Pierce in Eide et al., 1994, übersetzt deutlich anders, indem dort k3(r) = Schrein gelesen wird und so auch Schäfer, 1901.)

Die folgenden Abbildungen zeigen einige der Belege für die von Kendall (2008) entwickelten Vorstellungen zum „Amun von Napata, der im Heiligen Berge“ wohnt, die sogar bis in die 19. Dyn. zurückgehen:


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Abb. 9: Nachzeichnung eines Wandreliefs aus dem Mut-Tempel am Gebel Barkal (B300) von Budge 1907. Die schräg nach unten verlaufende Bergsilhouette wurde im unteren Teil ergänzt. Der Schrein, in dem der Amun von Napata vor Mut sitzt, wird durch diese Linie deutlich als der Gebel Barkal gekennzeichnet, und Abb. 10 soll verdeutlichen, dass der Uräus am oberen Rande des Berges dem pinnacle entspricht bzw. von dieser Naturform abgeleitet worden sein dürfte. Vor den Göttern opfern der wie Shu-Onuris gekrönte Taharqa und seine Hauptkönigin (Kendall 2008, 127). Bedeutsames ikonographisches Detail: Shu-Onuris war es, der das Gottesauge zurück nach Ägypten geholt hatte. (Bildvorlage: Robisek 1989, Fig. 1).



Abb. 10: Von einer solchen Projektion der Bergansicht aus Westen könnte die Darstellung auf der Abb. 9 inspiriert worden sein. Darauf beruht auch der Schluss von Kendall, dass die Tempel B200 und B300, der Hathor-Tefnut bzw. Mut-Sachmet geweiht, sich westlich des Felsenturmes befinden, von wo aus die Uräus-Form so wie es die Abb. zeigt, zu sehen ist. (Vorlage: T. Kendall 1990, Fig. S. 122)



Abb. 11: links: Detail der südl. Wand der großen Halle im Südtempel (Ramses-T.) von Abu Simbel. Ramses II opfert dem Amun von Karnak, der im Berg sitzend dargestellt ist, davor der „pinnacle“ als Uraeus mit weißer Krone. Die Uräenreihe oben auf dem Berg symbolisiert die verschiedenen auch im Berge wohnenden Göttinnen. Rechts: das natürliche Vorbild, der Felsenturm vor dem Bergmassiv, von Osten. (Quelle: links: Kendall 2008, Fig. 8; rechts: Bonnet/Valbelle: Pharaonen aus dem Schwarzen Afrika, Mainz 2006, S. 182)



Abb. 12: Gottheit mit Kopf in der Form der Gebel-Barkal-Hieroglyphe (zweite Figur v. links, vor dem ibisköpfigen Thot) aus dem Grabtempel zu Beg. N 11 der Shanakhdakete. Das Blatt 30 LD V zeigt die sich links anschließende Szene, in der die Königin mit ihrem Sohn im Gebel Barkal sitzend dargestellt ist, rechts, direkt davor, dann die oben gezeigte Szene. (Quelle: Kendall 2008, Fig. 13, nach Lepsius LD V, Bl. 31).



Unter Berücksichtigung dieser alten Quellen zieht Kendall dann den Schluss (s. l.c. 2008, 13134), dass der Götterschrein von Napata wohl selbst als ein Modell des Gebel Barkal aufzufassen ist; denn er stammt aus dem großen Amuntempel von Napata, er ähnelt einer ganz ähnlich geformten kleinen Plakette aus Napata, auf der die Götter Schu und Tefnut im Berg abgebildet sind (Wildung 1996, Nr. 287) und die Götterfiguren im mittleren Register sind solche menschen- bzw. löwenköpfigen Götter/Göttinnen, wie sie in den oben aufgeführten ikonographischen Beispielen als eng mit dem Gebel Barkal verbunden herausgestellt wurden.

Natürlich ist diese Beweisführung indirekt, aber sie hat inzwischen auch von Priese (1992) und wohl auch von Wenig (1978, vgl. dort den Kommentar zu Kat.-Nr. 131) Zustimmung gefunden. Außerdem wird sie nachdrücklich durch Kendalls Bericht über die Inschrift auf der Spitze des Felsturms unterstützt. Diese Inschrift wurde schon 1941 von Barter und Kenrick gesehen (ausführlich zit. bei Kendall 2004), Chittick (1957) hat darin die Kartuschen von Taharqa und Nastasen lesen können. 1987 und 1989 dann konnten Kendall und Paul Duval den Felsenturm besteigen (vgl. Kendall 1990; 2004) und den Lokalbefund aufnehmen (s. Abb. 13), auch über die umfangreichen und komplizierten Bauvorgänge wurden Details erarbeitet. Auf den vorhandenen Resten der Inschrift, die 2,70x1,20 m misst, erkennt man neben den Kartuschen von Taharqa und von Nastasen bruchstückhafte Erwähnungen von Mntjw %Tt und §mHw (Asiaten/Assyrer bzw. westliche Wüstenvölker), offenbar Reste der Berichte von Kriegszügen oder Kämpfen gegen diese „üblichen Feinde“. Die Namensnennung zeigt, dass die Anbringung der Inschrift offenbar unter Taharqa erfolgte und dass sie dann 300 Jahre später von Nastasen erneuert wurde.


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Abb. 13: Die Inschrift auf dem Felsenpfeiler am Gebel Barkal von Taharqa (rechte Kartuschen) und Nastasen (linke Kart.). (Vorlage: Kendall 2004, Fig. 24)



Drei weitere Beobachtungen unterstreichen die symbolische Bedeutung des kleinen Heiligtums auf der Felsenspitze:
  • Kendall fand über die Inschrift unregelmäßig verteilt ca. 20 kleine Löcher (s. die Punkte in Abb. 13), die offenbar von Bolzen stammten, wie man sie von anderen Stellen zur Befestigung von Goldplatten auf Stein kennt; in zwei der Löcher fanden sich noch in Mörtel steckende Bronzestifte.
  • Auffällig ist auch die noch gut erkennbare Hieroglyphe der weißen Krone ganz rechts, die mit der Deutung des Felsens als Götterfigur mit weißer Krone zu tun haben dürfte.
  • Direkt unterhalb der Inschrift fand sich eine teils mit Mörtel gefüllte Vertiefung, in der man die Standfläche für eine kleine Statue vermuten darf.


Man weiß, dass Taharqa ein sehr frommer und traditionsbewusster König war, wie u.a. aus seinen Bauten im Karnaktempel hervorgeht. Er wollte vermutlich hier auf diesem herausragenden Platz durch seine Statue und die Inschrift den Wunsch zum Ausdruck bringen, seinem Göttervater Amun nahe zu sein, die Symbolkraft der Felsenfigur, die Vorstellungen vom Urhügel, der göttlichen Schöpferkraft und des in den Uräen symbolisierten Königtums auf seine Person, aber auch auf das ewige Königtum von Ägypten projizieren. Ein Ort wie diese Felsenspitze am Gebel Barkal, in dem seit alters her eine Götterwohnung gesehen wurde, ist dafür prädestiniert. Die Goldverkleidung dürfte allem zusätzlich eine weithin sichtbare Strahlkraft verliehen haben. Das Luftbild der Abb. 14 lässt ein wenig erahnen, wie gewaltig das Bergmassiv aus der flachen Wüstenebene aufragt und macht damit die besondere mythologische Bedeutung, die der Berg für Ägypter und Nubier seit alters hatte verständlich.


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Abb. 14: Luftbild des Gebel Barkal aus südwestlicher Richtung. Im Vordergrund das Fruchtland und der gerade nicht mehr sichtbare Nil. Jenseits und rechts des Berges die Stadt Karima, Endpunkt der Eisenbahnlinie von Khartum und Anfang der Wüstenpisten nach Norden. Ganz hinten am Horizont sind die Pyramiden von Nuri zu ahnen, dort befindet sich auch die Grabstätte von Taharqa in der größten nubischen Pyramide. Details dazu bei Kendall 2008. Bildvorlage: Bonnet/Valbelle: Pharaonen aus dem Schwarzen Afrika, Mainz 2006, S. 182.


Auf der Stele des Nastasen findet sich die Gebel-Barkal-Hieroglyphe erstmals, und dieser König ließ auch die Inschrift auf dem Felsen erneuern, nicht einfach mit seinem Namen usurpieren. (Vielleicht stammt auch die „Vergoldung“ von ihm oder wurde durch ihn ebenfalls erneuert?) Auch wenn nur ganz wenige Beispiele des Gebrauchs dieser Hieroglyphe bisher gefunden worden sind, so blieb doch offenbar die Kenntnis davon lange erhalten: über Aktisanes (zwischen 315 und 270 BC, s. Priese 1977), Shanakhdakete (170-150 BC, s. Abb. 12) und den Ring der Amanishaketo (10 BC-0, Abb. 15) – bis noch einmal etwa 200 Jahre später, schon in der Spätzeit des meroitischen Königtums, vielleicht der König (Amanikha)reqerem mit dem Götterschrein ein „greifbares“ Abbild zur Aufstellung im Amuntempel anfertigen ließ. Noch längst nicht sind alle nubischen Tempel und Gräber vollständig ausgegraben und erforscht. Vielleicht finden sich ja noch irgendwo weitere Zeugnisse, die die hier zusammengefassten Vorstellungen von Kendall mit zusätzlichen Daten bereichern.


Abb. 15: Amun vom Gebel-Barkal, überwölbt von der Bergsilhouette mit Uraeus. Platte eines Ringes der Amanishakheto aus der Pyramide Beg. N6, woraus er von Ferlini 1830 entnommen wurde. H. der Ringplatte: 1,45 cm. Der Ring befindet sich heute in Berlin, Ägypt. Museum, Nr. 1721. (Vorlage: Priese, 1992, Abb. 31a)



Dank für Literaturhinweise an Thomas Becker und Timothy Kendall, sowie an Jens Lippoldt für das Scannen von Abbildungen.



Quelle:
Borchardt, L.: Altägyptische Mattenhütten und Mattenhütten bei den Tuaregs. ZÄS 73(1937)118-119
Chittick, H.N.: An inscription on Gebel Barkal. JEA 43(1957)42-44
Eide,T., T. Hägg, R.H. Pierce, L. Török (eds.): Fontes Historiae Nubiorum II, Bergen 1994, p. 471/2
Freier, E. und St. Grunert: Eine Reise durch Ägypten. Nach den Zeichnungen der Lepsius-Expedition in den Jahren 1842-1845, S. 176
Griffith, F.Ll.: An omphalos from Napata. JEA 3(1916) 255
Hofmann, I.: Der sogenannte Omphalos von Napata (Boston M.F.A. 21.3234). JEA 56(1970)187-192
Kendall, T: Discoveries at Sudan's sacred mountain Jebel Barkal reveal secrets of the Kingdom of Kush. Natl. Geographic 178(1990)96-124
Kendall, T.: Die Könige vom Heiligen Berge. Napata und die Kuschitendynastie. In: D. Wildung (Hrsg.): Sudan. Antike Königreiche am Nil. München/Paris 1996. S. 161-171 und Kat.-Nr. 288
Kendall, T.: The monument of Taharqa on Gebel Barkal. Meroitica 21(2004)1-45
Kendall, T.: Why did Taharqa build his tomb at Nuri? In: Between the Cataracts. Proc. 11th Conf. for Nubian Studies Warsaw 2006. Publ. Warsaw 2008. P. 117-147
Priese, K.-H.: Eine verschollene Bauinschrift des frühmeroitischen Königs Aktisanes (?) vom Gebel Barkal. In: Endesfelder, E., K.-H. Priese, W.-F. Reineke, St. Wenig: Ägypten und Kusch. Schriften zur Geschichte und Kultur des Alten Orients 13, Berlin 1977, S. 343-367
Priese, K.-H.: Das Gold von Meroe. 1992, Berlin und Mainz. Katalog der Sonderausstellung im Ägyptischen Museum Berlin-Charlottenburg 1992
Robisek, Ch.: Das Bildprogramm des Mut-Tempels am Gebel Barkal. Beitr. Ägyptol. 8, Wien 1989
Roscher, W.H.: Der Omphalosgedanke bei verschiedenen Völkern, insbesondere bei den semitischen: ein Beitrag zur vergleichenden Religionswissenschaft. Leipzig 1918
Steindorff, G., H. Ricke, H. Aubin: Der Orakeltempel in der Amonsoase. ZÄS 69(1933)1-24, besonders S. 23/24
Steindorff, G.: The socalled Omphalos of Napata. JEA 24(1938)147-152
Wenig, St.: Africa in Antiquity II. The arts of ancient Nubia and the Sudan. Brooklyn Museum 1978
Wildung, D. (Hrsg.) : Sudan, s. Kendall 1996

Eingestellt durch: menna (25.04.2009)
Bearbeitet durch:  menna (29.04.2009)


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