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  Tabak
Der Gebrauch von Tabak war in der Ägyptologie lange Zeit kein Thema (siehe auch --> Drogen), denn - so war der Kenntnistand bis vor wenigen Jahrzehnten - Tabak war in Afrika nicht heimisch und tauchte dort erst in der Neuzeit als importierte Kulturpflanze bzw. als ausgewilderte Form derselben auf.
Dies änderte sich schlagartig, als in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zunehmend sowohl botanische Befunde als auch chemische Analysen Tabakrückstände in Mumien aus dem Alten Ägypten nachwiesen.

1976 entnahmen L. Balout und C. Roubet bei der Untersuchung der Mumie von Ramses II. in Paris Proben aus der Körperhöhle und der Halsregion. Bei elektronenmikroskopischen, chromatographischen und elektrophoretischen Untersuchungen der Proben entdeckte M. Lescot [4] Spuren von Tabak (Fam. Solanaceae = Nachtschattengewächse, Gattung Nicotiana) - offensichtlich allerdings ohne die Pflanzenart genauer bestimmen zu können. Eine moderne Verunreinigung schließen die franz. Forscher aus, da die Tabakreste tief im Abdomen gefunden wurden und teilweise in Harz eingeschlossen waren, in das sie nur vor oder während der Einbalsamierung gelangt sein konnten.

1992 untersuchten S. Balabanova, S. Parsche and W. Pirsig (vom Institut für Anthropologie und Humangenetik der Universität München; [1]) Proben von insgesamt 9 Mumien aus dem Münchener Museum (von je einer fast vollständig erhaltenen männliche und weiblichen Mumie, sowie von Mumienköpfen von 2 Frauen und 5 Männern). Die Mumien, darunter die altägyptische Tempeltänzerin Henut-Tauy aus der 21. Dynastie, decken einen Zeitraum von 1070 v. Chr. bis 395 n. Chr. ab. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden 1992 in einer 1-seitigen, kurzen Originalmitteilung in der Zeitschrift "Naturwissenschaften" vorgestellt.
Proben von Haaren, von Knochen und von weichem Gewebe (Haut und Muskulatur) wurden gaschromatographisch/ massenspektrometrisch (GS/MS) und mit dem Radioimmunoassay untersucht - in 8 Proben fanden sich Spuren von Nicotin (siehe folgende Tabelle).

Tabelle - Nicotin-Konzentration (ng/g Gewebe) in ägyptischen Mumien

Gewebe n min max
Haare 3 300,0 -  900,0
weiches Gewebe 7 125,4 - 1045,0
Knochen 1  45,4  

Daten aus Balabanova et al. 1992

Die Arbeitsgruppe der LMU München um Nerlich [7, 8] konnte in den folgenden Jahren Nicotin auch in verschiedenen inneren Organen der Mumien eines Mannes (vermutlich aus der 21. Dynastie, nach der 14C-Datierung datiert die Mumie auf 950 v. Chr.) aus dem Münchener Museum nachweisen (ebenfalls mittels Radioimmunoassay und GS/MS). Aus restauratorischen Gründen war die Mumie ausgewickelt worden, so dass die in der Leibeshöhle liegenden Päckchen mit inneren Organen zugänglich wurden. Anhand der entnommenen Proben und histomorphologischer Untersuchungen wurden Lunge, Leber, Magen, und Darm identifiziert. Zusätzlich wurden Proben aus Knochen, Haut, Muskulatur und Sehnen entnommen. Die höchsten Konzentrationen Nicotin wurden im Magen verzeichnet. Darüber hinaus konnte der Hauptmetabolit des Nicotinstoffwechsels, das Cotinin, nachgewiesen werden, so dass man von einer intravitalen Aufnahme des Nicotins ausgehen muss. Aufgrund der unterschiedlichen Konzentration in den Geweben gehen Nerlich et al. von einer oralen Aufnahme von Nicotin aus.  


Strukturformel von Nikotin


Strukturformel von Cotinin, Hauptmetabolit des Nikotin-Stoffwechsels

Laut Rosalie David vom Museum in Manchester konnte Nicotin ebenfalls in den Mumien des dortigen Museums nachgewiesen werden. Die Ergebnisse wurden aber anscheinend nie publiziert, sondern nur in einer Discovery TV-Information veröffentlicht (zitiert nach einem Artikel im Internet --> Wells - American Drugs in Egyptian Mummies) - allerdings sollen die Ergebnisse von einem unabhängigen Labor bestätigt worden sein.


Das Nervengift Nicotin findet sich als [Haupt-]Alkaloid (siehe Formel) in Pflanzen der Familie der Nachtschattengewächse (= Solanaceae), Unterfamilie Nicotianoideae, Gattung Nicotiana mit rund 75 Arten. Als Nutzpflanzen werden der Virginische Tabak (Nicotiana tabacum) und vereinzelt noch der Bauern-Tabak (Nicotiana rustica) angebaut.
Als ursprüngliches Verbreitungsgebiet lokalisierte man hauptsächlich das tropische Amerika mit 75% der Arten, 25% der Arten fanden sich in Australien [2].
Völlig überraschend wurde 1975 erstmals eine Spezies der Gattung in Afrika beschrieben. N. africana wurde im südlichen Afrika, in der Namib, entdeckt und von Merxmüller und Buttler als eigenständige Art beschrieben [6]. Die Pflanze ist nach den genetischen Untersuchungen von Clarkson et al. [2] mit den australischen Arten verwandt und der einzige Vertreter dieser Gruppe außerhalb Australiens. Der gemeinsame Vorfahre dieser entwicklungsgeschichtlich jüngeren Gruppe ist vermutlich im südlichen Amerika zu suchen, so dass wohl von einem Verbreitungsweg von Amerika nach Australien und weiter nach Afrika auszugehen ist.
N. africana wird als relikte Inselform (= Reliktendemit) angesehen, d.h. als geographisch isolierter Restbestand einer Spezies oder Gattung, die früher vermutlich weiter auf dem Kontinent verbreitet war.
Auch wenn altägyptische Texte bislang keinen Hinweis auf die Kenntnis dieser Nicotiana-Spezies geben, die Funde von Pflanzenresten und der chemische Nachweis von Nicotin bzw. seines Hauptmetaboliten sind aus botanischer Sicht erklärlich.


Unter den Pflanzen, die heute noch in Ägypten vertreten sind, enthalten die Wurzeln der Schlafbeere (= Withania somnifera, auch als Winterkirsche, indischer Ginseng, oder Ashwagandha bezeichnet), die ebenfalls zu den Solanaceen gehört, und die Blätter des Sauerkirschbaum (= Prunus cerasus) das Alkaloid Nicotin.  

Withania somnifera war offensichtlich auch den alten Ägyptern bekannt, denn häufig finden sich im funerären Kontext Pflanzenreste, die man W. somnifera zuordnet. Beliebt war sie anscheinend als schmückender Bestandteil von Grabgirlanden, besonders in griechisch-römischer Zeit. Der älteste Fund aber sind vermutlich die roten Beeren in den Girlanden die auf dem Sarkophag des Tutanchamun gefunden wurden, die Germer als Früchte der Schlafbeere identifiziert [3].
Nach Lise Manniche [5] wurde bei Ausgrabungen eines antiken Friedhofes heiliger Tiere bei Saqqara auch ein Abfallhaufen gefunden, der unter anderem auch Pflanzenreste von Withania somnifera enthielt - leider fehlt hier eine Datierung des Friedhofes.

In der ayurvedischen Heilkunde wird W. somnifera - wie der deutsche Name Schlafbeere schon andeutet - als Beruhigungsmittel und als Schlafmittel eingesetzt (ggf. mit anderen Mitteln zusammen). Darüber hinaus wird W. somnifera bei Altersgebrechen, Impotenz, bei Entzündungen, und als Tonikum eingesetzt und daher mit dem Ginseng der chinesischen Medizin verglichen. Ob im alten Ägypten Pflanzenteile der W. somnifera zu Heilzwecken eingesetzt wurden, ist nicht bekannt. Ein altägyptischer Name konnte der Schlafbeere bisher noch nicht zugeordnet werden.


Der Sauerkirschbaum (= Prunus cerasus) ist im alten Ägypten zwar belegt, aber erst für die griechisch-römische Zeit. Wildformen findet man nur in Makedonien, Kleinasien, oder im Kaukasus [3]. Vermutlich wurde der Baum erst von griechischen oder noch später von römischen Siedlern ins Land gebracht. Ein Papyrus aus dem Jahre 5. v. Chr. berichtet über die Anpflanzung von Kirschbäumen bei Alexandria (Darby, et al., Food: The Gift of Osiris. London, New York, San Francisco 1977; zitiert nach [3]). P. cerasus würde demnach als Nicotin-Quelle bei den älteren Mumien ausscheiden.





Quelle:
[1] Balabanova, S., F. Parsche, and W. Pirsig, First identification of drugs in Egyptian mummies.
Naturwissenschaften 1992, 79, S. 358

[2] Clarkson, J.J. et al., Phylogenetic relationships in Nicotian (Solanaceae) inferred from multiple plastid DNA regions.
Molecular Phylogenetics and Evolution 33, 2004, S. 75-90

[3] Germer, R., Flora des pharaonischen Ägypten.
Mainz 1985

[4] Lescot M. et al., La Momie de Ramsès II.,
Paris 1985, S. 158ff.

[5] Manniche, L., An Ancient Egyptian Herbal.
Cairo 2006

[6] Merxmüller, H. Buttler, K.P., Nicotiana in der afrikanischen Namib - ein pflanzengeographisches und phylogenetisches Rätsel.
Mittl. Bot. Staatssammlung München 1975, 12, S. 91-104

[7] Nerlich, A.G., Parsche, F., Wiest, I., Schramel, P., Löhrs, U.,, Extensive pulmonary haemorrhage in an Egyptian mummy.
Virchows Archiv 1995, 127, S. 423-429

[8] Parsche, F., Nerlich A.G., Presence of drugs in different tissues of an Egyptian mummy.
Fresenius' Journal of Analytical Chemistry 1995, 352, S. 380-384

Eingestellt durch: Iufaa (30.08.2007)
Bearbeitet durch: -


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