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  Wortfamilie: bjA
Wortfamilie bjA
Dieser Beitrag versteht sich als Fortsetzung des Lexikonartikels --> Meteoreisen. Er stellt einen kurzen Auszug aus der Dissertation von E. Graefe (1971) „Untersuchungen zur Wortfamilie bjA“ dar.

Wenn man den Gedanken von G. Wainwright folgt, wie es wohl zur Verwendung von bjA als Material von Geräten im Mundöffnungsritual gekommen sein mag und wenn einem die ganze weit verzweigte Symbolik in der gedanklichen und mythologischen Entwicklungsreihe Meteoreisen-Blitz-Sprengkraft-Wiedergeburt etwas merkwürdig oder auch überzogen vorkommt, so bringen die vielen altägyptischen Textstellen, vornehmlich aus Pyramiden- und Sargtexten, die Graefe in seiner Untersuchung auswertet, nach meinem Eindruck doch viele Hinweise darauf, dass durchaus die Berechtigung zu einer solchen Argumentationslinie gesehen werden kann und unterstützen damit auch viele der von Wainwright erhobenen Behauptungen bzw. ausgesprochenen Vermutungen.

Bei Graefes Untersuchung handelt es sich nur zum kleineren Teil um eine Etymologie des Begriffes bjA, das war offenbar über geringe Ansätze hinaus (vgl. S. 215) nicht zu leisten. Auf der semantischen Ebene wird jedoch sehr viel erreicht. Die vielen unterschiedlichen Bedeutungen vorgeführt zu bekommen, die bjA und davon abgeleitete oder ableitbare Worte bzw. Begriffe haben können, verdeutlichen auch dem philologischen Laien, wie tief die religiösen und mythologischen Vorstellungen von Tod und Wiedergeburt mit der Verwendung von aus bjA bestehenden Geräten für das Ritual der Mundöffnung in der altägyptischen Gedankenwelt verankert sind. Oder anders gesagt: dass die ägyptischen Priester sehr wohl gesehen haben, dass für die Überwindung des Todes ganz außerordentliche Mittel anzuwenden sind – etwas das direkte Beziehungen zum Himmel hat, selbst vom Himmel, von den Göttern, stammt, so wie Meteorite oder Blitze.

Viele der Wortbedeutungen, die bjA und abgeleitete Formen haben, hat auch Wainwright (1932) schon gesehen, hatten sie doch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Eingang in das Wörterbuch der ägyptischen Sprache gefunden. Aber er bringt keine Textbelege, wie es Graefe in großem Umfang tut. Hier sollen im Weiteren nur einige wichtige der von Graefe untersuchten Wortbedeutungen aufgeführt werden.

Neben der Bedeutung Sternenmaterie, Metall, Erz, Eisen vom Himmel steht bjA auch für den Himmel selbst und das „Himmelsgewässer“, aus dem der Regen kommt. Schwere und Härte des Meteoreisens reflektiert die adjektivische Bedeutung fest, massiv, beständig, die das Wort annehmen kann. Von da ist es durch sorgfältigen Vergleich und Übersetzung vieler Dokumente (Graefes Dok. Nr. 89-102) möglich, den Bogen zu schlagen zur Himmelsschale – Schale des Ureis – Spaltung der Ei/Himmelsschale und dann der Sprengung des Sarges und der Auferstehung des Toten. Dabei wird die Analogie zum „ersten Mal“ angezogen, denn „der Himmel ist die Schale des Ureis, das bei der Urschöpfung auf dem Urwasser auftauchte“ (S. 66) und der Verstorbene vollzieht durch das --> MÖR erneut einen Akt der Schöpfung. Graefe weist dabei darauf hin, dass sowohl Eischale als auch Himmel bjA genannt werden und dass bei deren Öffnen, Aufbrechen: Licht, Leben neu entsteht (S. 65).

Die Knochen des Toten sind aus bjA - und damit unvergänglich und werden den Sternen gleichgesetzt.An den Tauen des Himmels aus bjA steigt der Auferstandene vom Himmel zur Erde herab oder hinauf (Harris S. 58 nach Pyr 138a). Das in der dw3t gedachte Binsengefilde hat eine Mauer aus bjA (S. 38; CT II 369a; Tb Kap. 109) und der König wird als Mauer aus bjA um Ägypten (Sethos I) bzw. um sein Heer (Ramses II) (Graefe, S. 24) apostrophiert. Der Thron des Himmelsgottes wird ebenfalls als aus bjA bestehend erwähnt.

Auch das Eisenerz Hämatit, das in manchen Mineralformen einen dunklen metallischen Glanz haben kann (Harris 1961 S. 166; Lucas 1962, S. 235 ff, 395) und zur Herstellung für MÖR-Geräte, aber auch für Amulette u.a. Verwendung fand, wird mit bjA bezeichnet, und von dort führt eine Abzweigung im „Wortstammbaum“ zu Erzgebiet, Erzvorkommen (bjAw(pn)) und vielleicht auch zu Mine (bjA(t)).

Der andere Hauptzweig der Wortfamilie führt mit bjAjtbjAw zu Bedeutungen wie Schätze, Kostbarkeiten, Raritäten. Auch Bodenschätze, Quarzit lassen sich hier angliedern. In noch weiter übertragenem Sinne liegt die Bedeutung von bjAjt als Zeichen, Omen („Wunder“, ohne die christliche Inhaltskomponente dieses Wortes); Orakel und auch: ein Omen vollbringen, bjAj.

Schließlich wirkt es geradezu logisch, wenn die Sternenmaterie als „entfernt“ verstanden wird, das Ferne ist weit weg und als solches leicht auch kostbar, wunderbar (Janosch in „Das Auto Ferdinand“: Afrika ist wunderbar, weil ich dort noch niemals war); seltsam, und es gibt Verbformen dazu „sich entfernen, getrennt/entfernt sein“, aber auch „trennen“ (vielleicht auch „spalten“, was dann bei der Mundöffnung bedeutsam wäre?). bjAt kann auch Weg bedeuten, was sich ebenfalls an das Vorhergehende anschließt.

Einen Stammbaum im Sinne einer zeitlichen Entwicklungsfolge der verschiedenen Bedeutungen aufzuzeichnen hat Graefe nicht gewagt, dazu ist die Datierung der Texte, vielleicht auch ihre Zahl, wohl nicht ausreichend gewesen. Man kann aber vielleicht eine Vermutung aussprechen: Wenn es zutrifft, dass in der noch weniger kulturell entwickelten prädynastischen ägyptischen Gesellschaft zunächst eher materielle (Steine) als ideelle (Himmelsthron) Dinge sprachlichen Ausdruck verlangten und fanden, so kann vermutet werden, dass die Bedeutung des Wortes bjA zuerst den ersteren Objekten galt und erst später auch die „ferner liegenden Himmelsdinge“ mit einbezog, vermutlich kam die Bedeutung Himmel dabei aufgrund seiner alltäglichen Sichtbarkeit als erste dazu. Wie dem auch sei – nicht nur der von Graefe aufgezeigte weite Bedeutungsumfang innerhalb der Wortfamilie bjA in Pyramiden- und Sargtexten, sondern auch ihre Schreibweise, vor allem die verwendeten Determinative, erlauben einen Einblick in die Geisteswelt, in der sich die Wortfamilie entwickelte und aus der sich das --> MÖR ausbildete und vollzogen wurde. Diesem letzteren Gedankengang wird im folgenden Abschnitt nachgegangen.

Zur Schreibung von bjA
Aus den umfangreichen Erörterungen Graefes über die Zeichen, mit denen bjA und Verwandte geschrieben werden, möchte ich hier nur zu drei von ihnen etwas erwähnen, weil sie so überraschend mit ihrer Gestaltung ihre Bedeutung erkennen lassen bzw. auch in unseren Vorstellungshorizont passen. Abb. 1 gibt einige Schreibungen wieder, in denen das Zeichen Gardinerliste N41/42 erscheint. Gardiner erklärt es als „Wasserloch“, da es als Determinativ zu Brunnen vorkommt (Graefe S. 8430). Das Aussehen des Zeichens lässt sich gut so verstehen. Die Abb. 1 zeigt auch, wie viele Varianten davon aus den verschiedenen Zeitepochen gefunden wurden. Es erscheint mir auch plausibel, wenn Graefe es in den semantischen Zusammenhang mit „(Boden-)Schatz“ und „kostbare, ferne Objekte“ bringt: ein Wasserloch könnte von Menschen, die in einem wüstenreichen Land leben, sehr wohl als etwas „Fernes“, als „(Boden-)Schatz“ empfunden und bezeichnet worden sein (S. 7), und ich empfinde es nicht alsZufall, dass die Querlinien eine gute Füllung dieses Wasserloches zu symbolisieren scheinen.


Abb. 1: Varianten des Zeichens Gardinerliste N41/42, „Wasserloch“. Das Zeichen ist schon in der 1. Dyn. im Königsnamen mr pw bjA(j) nachgewiesen. Die hier zusammengefassten Beispiele stammen überwiegend aus P. Kaplony: „Die Inschriften der ägyptischen Frühzeit“, Wiesbaden 1963 (Äg. Abh. 8), im Einzelnen s. Graefe S. 195, Anmerk. 37 und 39. Die von Graefe in diesem Zusammenhang gegebenen Erörterungen zu den Lautwerten der Schreibungen finden sich bei Graefe, l.c., S. 84, 85. Vorlage der Abb.: Graefe Fig. 2 und 3, a.a.O. S. 84/85.



Das zweite Zeichen, auf das ich eingehen möchte, ist Gardinerliste U16, der Schlitten, ist dies doch eine Hieroglyphe, die besonders geeignet erscheint, den Bedeutungsgehalt von bjA als „Schätze“,„Kostbarkeiten“, aber auch als „Weg“ und „sich entfernen“ anzudeuten. Graefe (S. 85/86) zitiert aus dem Text einer Stele aus dem MR (Zeit von Sesostris I) auf der berichtet wird, dass das Material aus einer Amethyst-Mine auf einem Schlitten transportiert wurde. Das Wort für das Material wird mit einem Schlitten determiniert, der vorn einen Tierkopf, Schakal oder Wolf (wnS), trägt. Auf dem Schlitten sieht man die kostbare Fracht, die zu holen der König den Beamten, dem die Stele offenbar eignet, zu der Mine geschickt hatte. wnS bedeutet Schakal oder Wolf, und so heißt auch der Transportschlitten. Ist das nicht eine sehr merkwürdige, frappierende Ähnlichkeit zu dem im deutschen früher gebräuchlichen Wort „Hund“ für kleine Förderwagen in Bergwerken?! (Graefe S. 86) Die Abb. 2 bringt Beispiele der Ausformung des Schlittens aus unterschiedlichen Zeiten der ägyptischen Geschichte.


Abb. 2. Varianten des Schlitten-Zeichens, Gardinerliste U16. In der oberen Reihe stammen die ersten drei aus Pyramidentexten (PT 800d; 801a; 647a). Das dritte Zeichen in der zweiten Reihe entspricht am eindeutigsten der Form, wie es als U16 in der Gardiner-Liste erscheint (Vorlage: Graefe Tab. 4, Taf. 10).



Noch bemerkenswerter erscheint mir ein Determinativ, das Graefe (S. 22) diskutiert, das bei„Sternenmaterie/Stoff aus dem die Sterne bestehen“ vorkommt und an Stellen erscheint, in denen von dem Thron im Himmel, der aus bjA besteht, gesprochen wird. Diese Zeichen sind in auffälliger Weise vielgestaltig geformt, sie sehen aus wie unregelmäßige Brocken zuvor glühenden, nun erstarrten Metalls, die sehr wohl Meteoriten symbolisieren könnten bzw. in ihrer Formgebung von gefundenen Meteoriten beeinflusst worden sein könnten. Abb. 3 enthält die von Graefe gezeigten Zeichen.



Abb. 3: Determinative zu bjA in der Bedeutung „Thron aus bjA“ aus PT 1301b, 1293a und 1364b (von li. nach re.) in der Darstellung von Graefe, l.c. S. 84. Sie sind auch von Wainwright (1932, S. 12) schon gesehen worden.



Es folgen in Abb. 4 einige Beispiele für Schreibungen von MÖR-Geräten aus bjA (4b und 4c) und für die Bedeutung Himmel(4a). Sie sollen die Variationen über die Zeit und bei wechselnder Bedeutungsichtbar werden lassen, andererseits wird der konstante Teil der bjA-Schreibung über die Jahrtausende deutlich. (Details der Herkunft bei Graefe Tab. 1-3 und entspr. Anmerk.)


Abb. 4a: Beispiele der Schreibung von bjA in der Bedeutung Himmel. Herkunft von links nach rechts: PT 305aT (AR); CT VI 263P G1T (MR); Urk. IV, 1851, 18 Chaemhet (NR); Moret CGC Sarcophages (SpZ).




Abb. 4b: Beispiele der Schreibung von nTrtj-Klingen aus dem AR, MR und NR. Herkunft (von links nach rechts): Posener-Krieger und de Cenival, Abu-Sir Papyri Pl. 20/22, 5. Dyn.; Piankoff: Pyramide des Unas, Pl. 60, 5. Dyn.; Newberry Beni Hassan II, Pl. XV, Khety, MR; Naville: Deir el-Bahari Pl. CX, NR.




Abb. 4c: Beispiele der Schreibung des Hnwt-Kruges. Herkunft (von links nach rechts): Hassan: Giza VI, Pl. CXXXIII, Nr. 135T, 6. Dyn.; Davies-Gardiner: Antefoker Pl. XXXII, MR; dies. Amenemhet Pl. XXI, NR.



Schlussbemerkungen
Am Ende der Erörterungen des Begriffes bjA kehren wir zur Frage zurück, wie die Ägypter wohl dazu gekommen sein mögen, Meteoreisen und seine Surrogate im --> MÖR als Material für dazu erforderliche Werkzeuge einzusetzen. Spricht etwas dafür, dass Wainwright mit seiner im Artikel Meteoreisen vorgestellten Argumentation, die ja bestenfalls eine Indizienreihe darstellt, recht hat? Vergegenwärtigt man sich, dass zur Pyramidenzeit die Königsideologie sich entwickelte und ausgearbeitet wurde und dass die Jenseitsvorstellungen sich zunächst allein auf den vergöttlichten König bezogen (Assmann 2001, S. 437), so schien dieses „himmlische Material“ wegen seiner Herkunft von den Göttern (und auch wegen seiner Seltenheit und damit Kostbarkeit) vielleicht als Einziges wirklich geeignet, als Mittel zur Überwindung des Todes und Voraussetzung für den Übergang in das himmlische Binsengefilde durch die Mundöffnung zu dienen. „Für den König nur das Allerbeste?!“


Horus hat den Mund dieses Pepi geöffnet mit dem,
womit er den Mund des Osiris geöffnet hat:
mit dem Erz (bjA), das aus Seth kam,
mit dem Schenkel (msx.tjw) aus Erz, der den Mund der Götter öffnet.
(PT 13-14, zit nach Assmann, l.c., S. 414)



Dass diesem mit solchen Texten deutlich ins Mythologische gehobenen Materialbegriffim ägyptischen Sprachgebrauch nach und nach neben der Bezeichnung für besondere Materialien (Meteoreisen, Erz, Hämatit, auch Quarzit) auch Bedeutungen zukamen, die ihn in ganz anderer Weise besonders auszeichneten, hat Graefe in seiner Untersuchung überzeugend gezeigt und ist oben in Auszügen ausgeführt worden. Die Antwort auf die sich anschließende Frage – wenn man sie denn sinnvollerweise überhaupt stellen kann – wie die Verfasser der Pyramidentexte darauf kamen, dass Horus zum Vollzug des Rituals am getöteten Osiris Erz, Meteoreisen, bjA benutzte, könnte in der Tat in der von Wainwright vorgedachten natur- und materialmythologischen Richtung zu suchen sein. Die im Artikel Meteoreisen angeführten durch alle frühen Kulturen gehenden Zeugnisse von solchen auf Blitz/Donner und Meteoriten beruhenden Vorstellungen bieten dafür ebenso eine Unterstützung wie die hier besprochene sprachwissenschaftliche Untersuchung.


Dank an Jens Lippoldt für das Scannen der Abbildungen.



Quelle:
Assmann (2001): J. Assmann: Tod und Jenseits im Alten Ägypten. München (Beck) 2001
Graefe (1971): E. Graefe: Untersuchungen zur Wortfamilie bjA. Dissertation Univ. Köln 1971
Harris (1961): J.R. Harris: Lexicographical studies in ancient egyptian minerals. Berlin 1961
Wainwright (1932): G.A. Wainwright: Iron in Egypt. JEA 18(1932)3-15

Eingestellt durch: menna (14.01.2009)
Bearbeitet durch:  menna (15.01.2009)




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