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Lauf, ritueller (Ritualläufe)
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  Ruderlauf
Zusammen mit dem Vasenlauf kommt der Ruderlauf des Königs ungleich häufiger vor als z.B. der --> Vogellauf. Dabei sind Ruderlauf und Vasenlauf so häufig als gegenüberliegende Darstellungen in den Tempeln anzutreffen, dass man vermutet hat, dass beide sich ergänzende Kulthandlungen darstellen.

Aus dem Mittleren Reich (MR) sind 3 Darstellungen des Ruderlaufes bekannt: ein heute verlorenes Kalksteinrelief aus dem Tempel des Mentuhotep Nebhepet-Re II. in Deir el-Bahari, 11. Dynastie, eines Relieffragment, heute in London, zeigt Senwosret I. beim Ruderlauf vor dem Min von Koptos, 12. Dyn., und eine Zierfigur unbekannter Herkunft, vermutlich 12. Dyn., zeigt einen König beim Ruderlauf (heute in München).

Die erste Darstellung aus dem Neuen Reich (NR) findet sich auf der – heute südlichen - Außenwand der Alabaster-Kapelle des Amenhotep I., die heute im Open-Air-Museum (= OAM) von Karnak steht, und zeigt Thutmosis I. beim Ruderlauf vor Amun. Die folgende Darstellung eines Ruderlaufes der Hatschepsut vor dem ithyphallischen Amun-Re, dargestellt auf der Außenseite des Osttores (Block Nr: 301, Ausgang) der Roten Kapelle, die heute im OAM steht, veranschaulicht den Darstellungstypus.



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Wie beim Vogellauf liegt eine einfache Komposition mit zwei Figuren vor: der König eilt in schnellen Schritten, wobei der hintere Fuß nur noch mit den Zehen den Boden berührt, auf eine stehende Gottheit zu. Die Darstellung des Königs unterscheidet sich vor allem durch die Kronen (hier die oberägyptische Krone, auf einer identischen Darstellung am Westtor trägt Hatschepsut die Krone Unterägyptens), während Kleidung und Zeremonialbart identisch sind. Die relevanten Unterschiede sind jedoch die Attribute, die der König trägt. In der Rechten trägt er ein Ruder mit dem Blatt nach unten, in der Linken ein seltsam abgewinkeltes Instrument, das eindeutig als Darstellung der Hieroglyphe Hp =
zu identifizieren ist. Nach Hannig (loc. cit., S. 1101) stellt das Gardiner-Zeichen Aa5 möglicherweise ein Gerät zur Steuerung des Schiffes dar. Vergleicht man die Darstellungen aus dem NR mit denen aus dem MR, so zeigt sich klar, was man beim Vogel- und beim Vasenlauf nur vermuten kann: für all die Laufdarstellungen aus dem NR wurden ältere Vorlagen bis ins Detail benutzt.

Allerdings lassen die ersten Beispiele aus dem NR vermuten, das eine häufig symmetrische Zusammenstellung von Ruder- und Vasenlauf, wie man sie später findet, - noch - nicht die Regel war. Das erste Beispiel für eine Gegenüberstellung von Ruder- und Vasenlauf stammt aus der Zeit von Thutmosis - Hatschepsut und zeigt auf 2 zusammengehörenden Blöcken eines Türsturzes beide Laufszenen. Das Tor, zu dem die Blöcke gehören, ist ebenso verloren, wie die Attribute des Vasenlaufes - die Beischrift identifiziert die Szene allerdings eindeutig als Vasenlauf. Im Hypostyl vor der Hathor-Kapelle in Deir el-Bahari findet man beiderseits des Eingangs zur Kapelle ebenfalls eine Gegenüberstellung von 2 Laufszenen, aber hier ist Hatschepsut beim Vogel- und beim Ruderlauf dargestellt. Auf einem Block eines zerstörten Barkenheiligtums von Thutmosis III. (Karnak) ist der König in einer Laufszenen mit beiden Attributen dargestellt – in der vorgestreckten Linken hält er die Vase und in der Rechten das Ruder. Die Beischrift nimmt dabei eindeutig auf beide Laufformen Bezug.


Bei allen Darstellungen aus dem MR trägt der König die Rote Krone Unterägyptens. Möglicherweise ist dies jedoch eher eine zufällige Beobachtung, da aus dem MR keine gemeinsamen Darstellungen von Ruder- und Vasenlauf gefunden wurde (siehe folgenden Absatz).
Bei den Darstellungen der Ruderläufe der Hatschepsut auf der Roten Kapelle trägt die Königin einmal die Weiße Krone Oberägyptens (hier am Osttor auf Block 301) und einmal die Rote Krone Unterägyptens (Westtor, Block 65) - je nachdem ob die Darstellung auf der Süd- oder Nordseite bezogen auf die Ost-West-Achse der Kapelle angebracht wurde (das gilt ebenso für die Darstellungen des Vasenlaufes). Die gleiche Zuordnung zu den Landeshälften beobachtet man schon in der oben erwähnten Alabaster-Kapelle des Amenhotep I., auf der Südseite trägt Thutmosis I. beim Ruderlauf die Weiße Krone, auf der Nordseite Amenhotep I. beim Vasenlauf die Rote Krone. Eine Ausnahme bilden in dieser Zeit wohl die symmetrischen Darstellungen der Hatschepsut beim Vogel- und beim Ruderlauf im Hypostyl der Hathor-Kapelle, wo die Königin in beiden Fällen eine Atef-Krone trägt.
Ab Amenhotep III. beobachtet man zunehmend Veränderungen in den Darstellungen des Ruderlaufes, die vermuten lassen, dass man die Bedeutung nicht mehr kannte. So nimmt die Klarheit bei der Darstellung des Hp-Zeichens ab, wird teilweise an die Geißel angeglichen, die der König beim Heb-sed-Lauf trägt, und vereinzelt sogar durch die Hst Vase ersetzt. Auch bei den Beischriften geht es im Laufe der Zeit "durcheinander", so finden sich Darstellungen des Ruderlaufes mit Beischriften des Vasen- oder des Heb-sed-Laufes.
Zusammenfassend lässt sich sagen: was bei Amenhotep III. begann, setzte sich bis in die Ptolemäerzeit fort - der Ruderlauf geht, wohl mangels Verständnis, im Heb-sed-Lauf "unter".


Aus den bekannten Darstellungen lassen sich auch keine Beziehungen zu speziellen Götterkulten erkennen, denn zahlreiche Götter sind als "Ziel" des Ruderlaufes dargestellt:
im MR Min von Koptos, im NR Amun (als Amun-Re, ithyphallischer Amun, Amun-Re-Kamutef) allein oder gemeinsam mit Mut und Khons (auch Khons pa-khered), gelegentlich gemeinsam mit Hathor und Amaunet, weiterhin Atum, Re-Harakhte, Horus, Sobek, Thot, Osiris, Sokar, Ptah, Ptah-Tatenen, Harsiese; an Göttinnen treten auf Hathor, Isis, Nekhbet, Mut, Amaunet, Bastet, Pakhet, Neith, Wadjit von Hibis, und Meret. Als Besonderheit darf die Darstellung eines Ruderlaufes von Ramses II. vor sich selbst gelten (Tempel des Re-Harakhte in Derr; Decker, Herb).


Die Bedeutung der Szene herauszuarbeiten fällt schwer angesichts des fehlenden Verständnisse, dass im NR offensichtlich zunimmt. Die Beischrift vor dem laufenden König jTj Hpt wird heute von Hannig (loc. cit, S. 524) mit "das Schiffsgerät ergreifen [und bringen zu Gott]" übersetzt.
Amun begrüsst die Königin mit den Worten (vertikale Inschrift von Amun):
"Dd mdw jj.wj n=jj jj.wj n=j [m] Htpw zAt mrjt MAat-kA-Ra wpjt njt [xt=j] = Worte zu sprechen: Sei mir willkommen! Sei mir willkommen! In Frieden, geliebt Tochter, Maat-ka-Ra, die [meinen Leib] öffnete."


Da die Beischriften das Verständnis der Szene nicht weiter erhellen, geht Kees bei seiner Analyse bis ins Alte Reich (AR), d.h. zu den Pyramidentexten, zurück. Allerdings findet er dort auch nur, dass es das Gerät Hpt gegeben hat, dass jTj Hpt offensichtlich eine feste Redewendung war, und dass es sich um ein Gerät aus der Schifffahrt handeln muss, da es gelegentlich mit dem Attribut "Ruder" zusammen auftaucht. In Grabformeln aus dem MR und in Totenbuchtexten findet Kees die Formel Dsr Hpt, mit der dem Toten gewünscht wird, er möge doch in der Sonnenbarke "mitfahren (mitrudern)". Für die weiteren Betrachtungen geht Kees daher von der verallgemeinerten Bedeutung "sich [eilig] zu Schiff begeben, zu ..." aus und vermutet die Bedeutung "sich [eilig zu Schiff] zu begeben zum Gott X".
Nach abschweifenden Betrachtungen zu der Möglichkeit, dass hier das "Mitfahren in der Götterbarke" (i.e. Sonnenbarke des Re)" gemeint sein könnte, kommt Kees unter Verwendung von Darstellungen aus der 18. Dynastie jedoch zu der Ansicht, dass der Ruderlauf wohl eher einen vorbereitenden Kultakt darstellt, nämlich die "Ankunft (Landung) bei Gott X". U. a. zieht er dabei die Dekoration aus dem Tempel der Hatschepsut heran, wo die Königin (umgeändert auf Thutmosis III.) in normaler Schrittstellung am Ende der Hathor-Prozession nach Deir el-Bahari mit dem Ruder in der vorgestreckten Hand vor Hathor steht (in der anderen ein anX-Zeichen und ein Menit) - als würde sie die Ankunft der Festboote der Göttin melden.



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Eine Darstellung Ramses II. vor Sobek (in El Kab) könnte nach Ansicht von Kees in die gleiche Richtung weisen – hier trägt R. II. in der vorgestreckten Hand noch das Hpt (schon verändert zur einfachen Geißel). Statt in der anderen Hand jedoch ein Ruder zu tragen, zieht er am Strick ein ganzes Schiff hinter sich her. Allerdings sind die Beischriften zu zerstört, um eine sichere Interpretation zuzulassen. In einer ähnlichen Laufdarstellung im Tempel des Sethos I. in Abydos schleppt Ramses II die Barke des Sokar an 2 Seilen hinter sich her.






Aus allen ihm bekannten Szenen destilliert Kees überall den gleichen Gedanken heraus: Der König setzt als Begleiter des Gottes per Schiff zum Tempel über (wie er es in den Gefilden der seligen Toten und den Wohnsitzen der Götter tut), oder er ergreift selber das Hpt, lenkt die Götterbarke ans Ziel und führt den Gott am Ende der Fahrt zu seinem Tempel.






Quelle:
Decker, W., Herb, M., Bildatlas zum Sport im Alten Ägypten. Leiden, New York, Köln 1994
Hannig, R., Grosses Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch. Mainz 1995
Kees, H., Der Opfertanz des ägyptischen Königs. Leipzig 1912
Kees, H., Nachlese zum Opfertanz des ägyptischen Königs, Zeitschrift f. Ägypten, Bd. 52, 1914


Eingestellt durch: Iufaa (10.08.2005)
Bearbeitet durch: -




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